Jahresrückblick 2020

Es mäandert erstmal ein bisschen.

Es war ein besonderes Jahr. Dabei fing es so normal an.
Beziehungsweise begann es mit einem üblen Durchhänger. Meine Schilddrüsenhormone waren nicht richtig dosiert und so etwas läuft langsam und unmerklich in die falsche Richtung, bis sich „ich bin so wunderbar gelassen“ in „lasst mich hier zurück, es strengt mich alles unsagbar an“ verwandelt.

Dann ein paar Nachrichten, daß in China…
China ist verdammt weit. Und ich hatte noch den Satz irgendeines Virologen im Kopf, den ich vor vielen Jahren (Schweinegrippezeit? SARS?) gehört hatte, er meinte, daß eine große Epidemie schon rein statistisch überfällig wäre. Ich hatte damals die Schultern gezuckt und gedacht, Klappern gehört zum Handwerk, irgendwie müssen die Forschungsmittel eingeworben werden.
Ich erinnere mich auch, wie ich auf die Nachricht einer Klientin so ca 2006, sie wolle, wenn es mit der Epidemie losgeht, nicht drehen und hätte sich schon Vorräte und Tamiflu besorgt, reagiert hatte: Ich fand das unsagbar bescheuert.
Diesmal reagierte ich anders, warum auch immer. Ich hatte ein sehr blödes Bauchgefühl, es sagte eher Tschernobyl als Schweinegrippe. Ich besorgte sehr früh Masken für die ganze Familie, noch bevor man in den Medien thematisierte, daß Masken nichts bringen würden und schickte meiner Mutter ein Paket Vorräte, kurz bevor es hieß, daß diese Infektionen nur von rechten Preppern instrumentalisiert würden, die nach Recht und Ordnung rufen (und das Klopapapier plötzlich ausverkauft war). Diesmal hielten mich andere für bescheuert, da bin ich mir sicher. Aus dem Grund redete ich auch kaum darüber.
Ansonsten hat sich für uns in diesem Jahr äußerlich nicht viel verändert. Klar, wir trugen, als alles noch nicht so recht einschätzbar war, und in Bergamo die Särge mit Militärtransporten weggefahren wurden, Masken und Gummihandschuhe beim Einkaufen und das Personal in der Metro lachte uns aus und machten sich gegenseitig auf uns aufmerksam. Ein paar Wochen später trugen sie ebenfalls Masken, dann allerdings bei einer 7-Tage-Inzidenz von 2-6 für den Landkreis.
Wir versuchten, die Mittsommerremise nur im Park zu veranstalten, während der Himmel in großen nassen Fladen herunterkam. Also machten wir eine Führung durch die unteren Räume mit Maskenpflicht. Bei über hundert Leuten war es eine mittelalte Frau, die draußenbleiben mußte, weil „kein Bock auf Maske“.
Hier kam selbst die Pest nicht hin, tröstete ich mich und doch gab es zwei Erkrankte und einen Toten im Dorf. Einen weiteren recht jung im Ausland verstorbenen Verwandten gab es in der Nachbarschaft.
Daß wir vor drei Jahren ans Ende der Welt in ein Riesenhaus mit Park und integrierter Baustelle gegangen sind, erwies sich als Segen. Daß wir im Moment vorwiegend hier arbeiten, ist ein großes Privileg. (Für das allerdings knochenhart geschafft wird, da mache man sich keine Illusionen.) Aber viele Probleme von Familien in den Städten hatten wir nicht. Wir nutzten die Zeit, um das Haus auseinanderzunehmen und unter anderem die einzig offensichtlich kaputte Stelle im Gebälk zu reparieren.
Aber: Trotz allem Pragmatismus fühlt es sich sonderbar an, so selten Freunde zu treffen. Als hätte man sich verstritten. Im Sommer war das alles kein Problem, da sah man sich draußen, im Winter halten wir mit steigenden Infektionszahlen lieber die Füße still.
Diese Krankheit kann ich nicht gebrauchen. Wir haben vor einigen Jahren mal zusammen eine Grippe durchgemacht, bei der wir so krank waren, daß wir kaum in der Lage waren, Tee zu kochen. Hier im Bett rumliegen und nicht heizen und kein Holz holen können, geschweige denn ein schlimmerer Verlauf mit Krankenhaus und langen Nachwirkungen, das ginge gar nicht, nicht in dieser Projektphase.

Noch ein anderes Thema: Das Leben der anderen. Natürlich bin ich die Einzige, die es richtig macht und alle anderen verhalten sich unkorrekt. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Immer wieder. Aber Scherz beiseite, wenn ich mich dann mal wieder über Nasenpimmel oder distanzlose Rudel in geschlossenen Räumen aufgeregt habe, kehre ich vor meiner eigenen Tür. Ab Juni bis in den November hinein hatte ich verdrängt, daß da was war. Bis es auch hier wieder losging, mit Infektionsketten in Schlachtbetrieben und Gesundheitseinrichtungen. Da wollte ich unbedingt das Enkelkind noch mal sehen und ein wenige Tage später benachrichtigte uns das Kind, daß eine Erzieherin vom Enkelkind positiv getestet wurde und sie jetzt in Quarantäne gehen. Bääm. Ein Schuß vor die Füße.
(Mein innerer Hypochonder sagt, daß ich es sowieso schon hatte. Im Frühjahr hatte ich Husten und Fieber und war ein paar Tage völlig platt inklusive Schmerzen in der Luge und Luftnot, wenn ich nur die Senke hochlief. Ich hatte das Enkelkind gesehen und wir hatten einen Fliesenboden hochgenommen, darunter waren Dielen, Granulat und der übliche widerliche Staub, der auch schon in der Grabkammer von Tut Anch Amun herumwehte. Ich kann es mir aussuchen. Vielleicht mache ich irgendwann einen Antikörpertest.)
Aber zurück zu den anderen. Ich akzeptiere mittlerweile jede Form von Reaktion als normal. Ob die große Demonstration von Angstfreiheit (Männer vor allem, so ein lächerliches Virus macht doch einen richtigen Kerl nicht platt), das extreme Beharren auf persönlicher Freiheit, die durch nichts und niemanden eingeschränkt werden darf, auch nicht durch Regierungen und/oder Geheimverschwörungen (spätestens bei invasiver Beatmung hat sich das mit persönlicher Freiheit, aber es ist das Bestreben, die Kontrolle über das Leben zu behalten), ein spezieller Narzissmus, der sagt, das gilt für die anderen, nicht für mich (umweht von Seidenschals inmitten von Gleichgesonnenen) oder aber das platte, kindliche Durchlavieren – was nicht ausdrücklich verboten und vor allem nicht sichtlich drastisch verfolgt ist, daran muß man sich ja nicht halten, auch wenn es vernünftig wäre.
Es betrifft alle. Kluge und Dumme, Sympathische und Unsympathische, Nahe und Ferne. In so einer speziellen Situation sind wir alle, wie man uns oft nicht kennt. Vielleicht reagieren wir aus einer Mischung aus Sein und tiefem, oft verborgenen Kern des Bewußtseins heraus.
Ich (und auch der Graf) sind der Gegenpol zu Menschen mit tiefen, existenziellen Nähe- und Kontaktbedürfnissen. Ich neige schon immer dazu, mich in ungeklärten Situationen zurückzuziehen, weg von anderen, die Menge fliehen, mich auf mich selbst verlassen. Deshalb fällt mir das Urteil, ob die Einschränkung meiner Freiheit ok. ist, gar nicht schwer. Ich hätte es auch selbst getan. Ich schade damit niemandem. Rückzug und nicht kontakten müssen, das ist meine große Freiheit.
(Übel genug, daß ich mich bemüßigt fühle, das zu erklären.)
Es hätte auch anders kommen können. Wäre ich jetzt noch in meinem Beruf, würde ich auch empört Verschwörungen und Staatskomplott vermuten. Mir und meinen Klienten wäre von einem Tag auf den anderen der Verdienst weggebrochen. Meine Leistung wäre dennoch verlangt worden. Mit existenziellen Problemen zu Hause sitzende Künstler wollen den Kontakt und die Betreuung ihres Agenten. Daß der erfolgsabhängig bezahlt ist und ebenso schwimmt, ist denen dann Wumpe.
Es ist anders gekommen und es ist gut. So verschwinden wir eines ums andere in Wurmlöchern. Planen und frickeln, bauen und werkeln. Es geht sehr langsam voran, aber wir schaffen viel, das man nicht auf den ersten Blick sieht. Rückbau ist sowieso erst einmal eine Art Zerstörung. Der viele Gipskarton tut dem Haus weder ästhetisch noch klimatisch gut.

Jetzt zum üblichen Fragebogen.

Zugenommen oder abgenommen?
Mal so, mal so. Je nach Arbeitsschwere, Temperatur und Bedürfnis, irgendwas mit Essen zu kompensieren.

Haare länger oder kürzer?
Kürzer. Ich habe im ersten Lockdown in Heimarbeit fast 20 cm Stroh und Fissel abgeschnitten, im zweiten noch mal 5 cm Nachwuchs. Die Haare gehen mir trotzdem noch bis an den Gürtel.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Je nach Tagesform. Ich glaube, es bleibt gleich. Ich koche allerdings mittlerweile mit Brille, damit mir keine Pannen passieren und das Kind behauptet, fast alle von mir von draußen ohne Brille geposteten Fotos wären unscharf.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Gleich viel, mein Etat ändert sich derzeit nicht. Moment, ich habe ein Guthaben eingelöst, das ich noch beim Kunstförderverein von Stephan Guber hatte und daher kommen die Holzmenschen im Park.

Der hirnrissigste Plan?
Die Mittsommerremise in strömendem Regen zu veranstalten, ohne das Haus zu öffnen. Aber der Graf hat schnell und gut umentschieden.

Die gefährlichste Unternehmung?
Wie auch in den Jahren vorher, Arbeitsschutz ist hier wichtig. Zum ersten Mal mit einer 7 1/2-Kilo-Motorsense mit Hackmesser in Brombeergestrüpp zu arbeiten und dabei viel zu große Schutzstiefel zu tragen, war allerdings übel.
Überhaupt sind allmähliche Einwirkungen gefährlicher. Zum Beispiel mit einem Industriestaubsauger das Haus putzen ohne Gehörschutz. Seit einem Jahr hat mein Gehör merklich nachgelassen und ich trage die Mickymäuse jetzt auch, wenn ich nur mal kurz was wegsaugen will. Oder etwas zurückbauen und den Staub einatmen. Das gibt fiese Kopfschmerzen und Pfeifen in der Lunge. Also wird Maske getragen.

Der beste Sex?
Jo. Die gute Landluft.

Die teuerste Anschaffung?
Der Bernina Stitch Regulator, nach fünf Jahren Überlegen. Nein, ich korrigiere, eine Zahnkrone.

Das leckerste Essen?
Die Ente am ersten Weihnachtsfeiertag.

Das beeindruckenste Buch?
Ich lese nicht mehr, das ist wirklich erschütternd. Aber ich habe selten Zeit, darüber nachzudenken.

Der ergreifendste Film?
Ich habe viele Filme wieder gesehen, weil ich nach vielen Jahren wieder fernsehe. Aber konkret fiele mir keiner ein. Ich sehe viele Filme meiner Jugend jetzt anders.

Die beste Musik?
Kopfjukebox im Zufallsmodus.

Das schönste Konzert?
Keines. Auf Grund der aktuellen Situation. Sonst wäre es sicher viel Beethoven gewesen.

Die meiste Zeit verbracht mit…?
Werkzeug in der Hand.

Die schönste Zeit verbracht mit…?
Dem Grafen und der Natur hier.

Vorherrschendes Gefühl 2020?
Das ist ein Film.

2020 zum ersten Mal getan?
Vermummt und mit Handschuhen eingekauft. Mit dem Mann und dem Kind darüber gesprochen, was wäre, wenn.

2020 nach langer Zeit wieder getan?
Abende vor dem Fernseher verbracht.

3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Das Enkelkind so selten zu sehen.
Den Wasserschaden in der gerade fertig renovierten Gästewohnung, der uns und vor allem den Grafen 3 Wochen Zeit kostete, weil die gesamte Wasserinstallation dort erneuert werden musste. Das kaputte Rohr lag 10 cm unter den Fliesen des Badezimmers.
Den Wechsel meiner Allergie gegen Baumpollen und Beifuß auf Gras. Das bescherte mir vom Frühsommer an bis in den November einen völligen Verlust des Geruchssinnes. So langsam geht es wieder.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Es war alles gleich wichtig und zugleich nicht. Ich bin mittlerweile gut im Impulse geben und laufen lassen, das ist besser als überzeugen.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Ich weiß es nicht.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Die ungestörte Zeit hier und der Verlust der destruktiven Zweifel.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
Wir bleiben lange hier. (Sinngemäß)

Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
Ich weiß es nicht.

2020 war mit 1 Wort…?
Mieses Drehbuch.

2007200820092010 20112012201320142015 – 2016 – 2017
20182019

o.T.

Die Sophie brauchtens ned verschießen. An Hieb mit aner Zeitung und der Beifall dazu war gnug.
Komm Mädi, hier gibts Sachertorte, das Brot der Lebensmüdn und ein bisserl Brahms dazu. Möglichst laut, denn ich her sie bis hier sagn, dass sie nur ihre Pflicht getan und korrekt gehandelt habn.

Veröffentlicht unter Exkurs

Alles hygge – oder was?

Der gestrige Tag brachte ein Gespräch mit einer Dänin im Alter meiner Tochter.
Sie versucht, in Berlin in der Kulturbranche einen Job zu finden. Viel Mut machen konnte ich ihr nicht. Natürlich gibt es Arbeit, nur gut oder überhaupt bezahlt ist diese Arbeit selten. Wenn man in den 30ern in der Kulturbranche nicht in einem Netzwerk steckt, das sich zunehmend etabliert, rotiert man lange und quälend in prekären Jobs herum.
Nein, ich formuliere es noch einmal optimistischer: Um die 30 rum hat man das Gefühl, man kommt nie da an, wo die anderen sind und rennt ständig Zügen hinterher, die bereits fahren. Die Besonderheit für die Kulturbranche ist, dass die Zahl derer, die versuchen, auf fahrende Züge aufzuspringen, überdurchschnittlich hoch ist.

Wir redeten über die heutige Zeit, in der junge, flexible Menschen überall in Europa oder auf der Welt arbeiten. Kein Job in Stockholm? Versuchs in London oder Berlin!
Offen sein für alle und alles, nicht abgrenzen, nicht zumachen. Tolerant sein für Fremdes. Andere Kulturen akzeptieren.
Mein Kommentar zur Jobsituation grenzte wieder ein und erdete: Es macht wenig Sinn, nur nach englischsprachigen Jobs zu suchen. Die Berliner Expats leben in einer Blase und haben noch höhere Konkurrenz.

Nun aber zu hygge. Unser Gespräch ging nämlich weiter. Sie erklärte mir hygge. Wir Deutschen kennen ja nur die konsumistische Seite: Zu Hause sitzen, nicht rumrasen, die Wohnung hell streichen, kuschelige Kissen und Decken ausbreiten und bei Kerzenschein Kakao trinken.
Es geht aber darüber hinaus um enge Bindungen. Bindungen an Orte und Menschen, ob Familie, Nachbarn oder Freunde. Man hat ähnliche Ziele, tickt ähnlich, hilft sich, schafft sich Geborgenheit und Sicherheit. Die Nebenwirkung ist, dass es sich um enge Zirkel handelt, in die Fremde nur nach eingehender Prüfung gelassen werden.
So weit ich sie verstand – wir sprachen ausschließlich Englisch und ich bin nicht so superfit in dieser Sprache – sah sie hygge kritisch. Zu hermetisch, zu ausgrenzend.
Dann wechselte plötzlich das Thema und ich kam im Verstehen kaum hinterher. Es ging um Harressment, um unangenehme Erfahrungen im Netz, um feindliche Menschen allüberall da draußen.

Und da hatte ich den luziden Moment. Manchmal ist es ganz gut, nicht jedes Detail zu mitzubekommen, um das große Ganze sehen zu können. (und ich habe sicher ne Menge durcheinander gewürfelt.)

Ich frage mich oft, warum die jungen Menschen in meinem Timelines der sozialen Medien so viel darüber klagen, dass sie Belästigung und Feindseligkeit erleben oder mit ansehen und warum diese Generation das Konzept safe space erfunden hat.
Gleichzeitig predigen sie bedingungslose Akzeptanz von noch so kleinteiliger Diversität.

Ich vermute mittlerweile, dass diese Verletzbarkeit systemimmanent ist.
Je ungebundener, flexibler, offener, entgrenzter, desto mehr kollidieren diese Leute wider ihr Erwarten mit diversen Menschen und Lebensstilen. Mehr noch, sie sind schutzlos gegenüber Kollisionen und Reaktionen, weil sie selbstgewählt nirgends Deckung und Rückhalt haben – dafür bräuchte es enge Kreise, Kontinuität und bindende Arrangements. Und – auch wenn ich mir hier nicht sicher bin – sie glauben, alle denken so wie sie, bis es die ersten ernsthaften Interaktionen mit dem Anderen gibt. Vielleicht gab es in diesen Biografien auch nie großartige Erfahrungen mit Ablehnung, Feindseligkeit oder Desinteresse, weil das Umfeld immer wertschätzend alles gelobt und Probleme aus dem Weg geräumt hat.
Um diesen Double Bind „Ich bin ok. und  akzeptiere alles, das egal wie, anders ist“ vs. „Da sind Leute, die halten sich auch für ok., die sind anders und drücken das mir gegenüber auch aus“ auszuhalten, wird das Böse auf ein paar Stereotype projiziert und der Rest verdrängt. Aggressoren, Belästiger und Machtmißbraucher sind ausschließlich alte weiße Männer. (Papa?) Je nach Situation wohlhabend und etabliert oder Angehörige der Unterschicht.
Alle anderen, die Freunde oder zu Missionierende sind oder wegen ihrer Opferstatus zu zu den Edlen zählen, dürfen keine Verhaltensweisen von Bösen zeigen. Auf keinen Fall. Wenn sie es tun, sind sie sicher traumatisiert. Also wissen eigentlich nicht, was sie tun.
Solche Moraljonglagen sind sehr energiezehrend.

So, genug der Küchenpsychologie. Es ist eine Altersfrage. Vielleicht. Das schiebt sich zurecht.

(Und ich weiß nicht, ob das nicht alles wirre Gedanken sind. Ich schlage mich seit zwei Tagen mit dem Text rum.)

Veröffentlicht unter Exkurs

Allet uff Englisch oda wat?

Meine Ecke des Twitter-Schulhofes ist vor der Wahl merkwürdig ruhig. Selbst Leute, die vor 4 Jahren noch trompeteten, sie würden alle potentiellen CDU-Wähler entfolgen und nach der Wahl für eine Nacht auswandern wollten, halten sich zurück. (Oder habe ich sie inzwischen entfolgt? Ach, egal.)
Die politischen Ansichten einer Kohorte, die sich vor 7 Jahren noch mit Flausch bewarf und gemeinsam GNTM schaute, haben sich so diversifiziert, dass man vorsichtig über brüchiges Terrain schreitet und möglichst nicht laut wird.
Einig ist man sich höchstens darüber, wer doof ist. Leute, die von woanders herkommen, deren Familie anders drauf ist und glaubt, was besseres zu sein, die im Pullunder auf dem Hof stehen und Zitronensemmel essen. Wenn die dann auch noch die Frechheit haben, was gegen die coole Gang zu sagen, die auffällig in der Ecke steht und sonderbare Frisuren und Bräuche hat, dann haben alle ein Opfer gefunden.

Ich konnte das gar nicht zuordnen, weil es sich schon verselbständigt hatte, dass sich alle über einen Abgeordneten lustig machten, der scheinbar kein Englisch konnte. Nein, Englisch konnte er doch. Dann ging es darum, dass es doch kein Akt wäre, im Alltag in Berlin Englisch zu sprechen. Kann doch jeder, der kein vernagelter Hinterwäldler ist. Macht doch auch jeder, der dazu gehören will. Ist ja schließlich Berlin. Haha.
Dass beides miteinander zu tun hatte und scheinbar auf diesem Interview einer Provinzzeitung basierte, in dem sich ein Politiker im Wahlkampf als konservativ und provinznah markierte und ein einziger Satz zum Thema englisch sprechende Bedienungen in Berliner Restaurants fiel, ist es schon interessant, woran sich die Twitterblase dann reibt. Die Berliner Zeitung fasst einen Teil davon hier zusammen. Der Politiker schob dann in der ZEIT noch mal nach, wann bekommt man denn schon freiwillig so viel bundesweite PR?

Ich bekam nur mit, wie sich alle fürchterlich weltmenschlich und kosmopolitisch gebärdeten. Vor allem diejenigen, die Berlin wie es ist nicht täglich ertragen müssen, sondern irgendwo in Hamburg, Heidelberg oder Freiburg davon träumen.
Als ich losließ: Jo, nervt mich auch und beträchtlich und an einige Erlebnisse hier im Viertel dachte, wo Kellner_innen augenverdrehend nicht mal die Bestellung eines Milchkaffees auf deutsch entgegennehmen konnten und ich im Innendeko-Laden leider nicht die für mich erforderlichen Eigenschaften eines teuren Stiftes erfragen konnte, weil der Verkäufer die Frage nicht verstand und das Problem mir zuschob, weil ich nicht in der Lage war, das auf Englisch zu formulieren (lässt sich beliebig fortsetzen) und gipfelt in den Erlebnissen in dem Kreuzköllner vegetarischen Restaurant, wo die Betreiberin, als die Runde Bier orderte, immer nur hilflos sagte: „Just Zisch!“ und das zwanzigmal hintereinander* – die große Runde amüsiert sich heute noch über das Etablissement, das vor allem im hinteren … ähm Rauchzimmer stark frequentiert war.
Diejenigen, die in ähnlichen Vierteln wohnen und dort lange verankert sind, sahen das ähnlich und stimmten mir zu.

Global gesehen geht es um die lokalen Ausläufer einer riesigen Veränderung. Die kosmopolitische Klasse fließt in diese Stadt wie heißer Asphalt. – Aber das zu bewerten und zu referieren ist hier nicht mein Thema. – Aus der Entfernung mag ich die Veränderungen, die das mit sich bringt. Ich reagiere nur auf die ausgefransten Ränder, an denen es britschelt und kocht. Denn da bin ich. Ich betrachte das deshalb lokal, weil es meine Komfortzone betrifft. Mein Stadtviertel, meinen Kiez, die Homezone, in der ich die Codes kenne. Dachte, dass ich sie kenne. Der Prozess der Entfremdung läuft schon länger.

(Einschub:Ich bin privilegiert. Ich habe keine Mietsteigerungen zu befürchten. Ich habe die Freiheit, hier wegzugehen und woanders weiterzuarbeiten. Ich muss keine Kinder umschulen oder gegen meinen Willen den Beruf wechseln. Ich muss nichts dringend lernen, das ich nicht beherrsche, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten, ich bin weitgehend up to date.)

Es geht um Teilhabe, entkleidet man den Vorgang um das Fleisch der Emotion. Es werden in den Vierteln, in denen es Usus ist, nahtlos in Schrift und Sprache ins Englische zu wechseln, jede Menge Menschen außen vor gelassen. Es ist eine Distinktionstechnik. Die anderen dürfen aus Scheu, Verunsicherung und Scham gern draußen bleiben.
Das trifft nicht nur rechte Nörgel-Ossis, ignorante Buletten-Westberliner und schulabbrechende Arab-Gangsta.
Im Grunde bleiben alle die außen vor, deren Eltern nicht in der Lage waren, sie zweisprachig aufzuziehen oder ihnen einen Auslands-Sprachaufenthalt zu zahlen, deren Biografie keine anderen längeren Auslandsaufenthalte oder enge Beziehungen mit englischen Muttersprachlern hergab oder die Sprachen an der Uni studiert haben. Denn nur so lernt man eine Sprache so fließend, dass der Wechsel aus der Muttersprache stressfrei ist.
Es betrifft viele.

Und Migranten? Die sollen schließlich auch Deutsch lernen! Und Deutsch ist die schwerere Sprache!
Mal davon abgesehen, dass auch nur oberflächliches Englisch eine leichte Sprache ist, ja, das ist die Anforderung. Darauf lässt man sich jeder Mensch ein, der ins Ausland geht.
Der Preis, der gezahlt wird, ist eine sprachliche Unsicherheit über 1-2 Generationen hinweg und der schleichende Verlust der Ursprungssprache.
Es geht noch schlimmer: Wenn du auf Mallorca aus dem deutschen Ghetto raus willst oder musst, dann solltest du Mallorquin (das ist ein Dialekt des Catalan) zumindest verstehen, besser sprechen können.

Ich habe in den Zwischenzeiten, in denen ich auch hätte rumgammeln können, lieber Skripten gelernt. In den 8 Wochen nach einer schweren OP zum Beispiel, als ich kaum arbeitete.
Zu einem längeren Auslandsaufenthalt, abgesehen von einigen Wochen British Columbia, hat die Zeit nicht gereicht. Ich habe ein Kind groß gezogen und sehr viel gearbeitet.
Der Kindsvater bekam in den 90ern vom Staat eine Umschulung samt Sprachunterrricht und halbjährigem Londonaufenthalt bezahlt. Ich habe parallel keinen Unterhalt bekommen, hatte eine 60-Stunden-Woche, war Steuerzahlerin und habe fürs Kind gesorgt, zu dem er nicht einmal Kontakt hatte. Nur mal so als Hausnummer, um Verhältnisse klarzumachen.
Mit meinem selbst beigebrachten Englisch, denn ich habe es nicht mal in der Schule gelernt, habe ich Vorträge gehalten und Vertragsverhandlungen geführt. Ich lese populäre Texte, aber keine Romane, sobald es diffizil wird, steige ich aus Originalton-Filmen aus. Denn es strengt mich wahnsinnig an. Das ist nichts für meine Freizeit.

Ich habe alles Recht der Welt, genervt zu sein, wenn ich in eine Veranstaltung gehe, an der nur Deutsche teilnehmen, die alle (größtenteils schlechtes) Englisch sprechen, um, ja was? Um sich cooler zu fühlen? Um anders zu sein?
(Ich hatte mal in einem Seminar eine Studentin, die sagte, sie könne nur öffentlich sprechen, wenn sie englisch reden würde. Wenn sie deutsch sprechen würde, klänge sie zu banal.)
Ich finde es ärgerlich, dass Kneipen in Vierteln, in den ich früher gern im Café saß, nicht mal mehr deutschsprachige Speisekarten haben und die Besitzer des Ladens nicht darauf achten, dass die Bedienung wenigstens ein paar Service-Floskeln auf Deutsch lernt.

Aber das ist nur ein Symptom einer viel größeren Entwicklung. Als es um die Zeit der Bankenkrise losging, dass Berlin sich internationalisierte, denn hier bekam man was fürs sein Geld, kamen sehr interessante Leute und was sie mitbrachten, gab der Stadt den Ruf, von dem sie heute lebt. Es gab plötzlich hervorragendes Essen, Dinge, die man nicht unbedingt braucht, die aber schön sind, Veranstaltungen und Ausstellungen jenseits des selbstreferentiellen subventionierten Kulturbiotops. Das war ungeheuer inspirierend.
Klar, es gab auch die Pubcrawler und Flatrateficker, aber die wurden nach einer Nacht schnell nach Hause gekarrt.
Ich habe den Eindruck, dass viele Leute, die nun wegen der Legende nach Berlin kommen, anders sind. Sie haben keinen Plan und wenig Kohle, wenn der Scheck von Papa alle ist. Sie suchen irgendwas, das wahrscheinlich eher in ihrem Akzelerationsprozeß zu finden ist als an einem Ort. Lauter kleine Hunde, die zum Jagen getragen werden möchten.
Die keinen Bock haben auf die McJobs, die sie hier mit ihrem Potential finden und ohne Anstrengung machen können und das auch zeigen. Die im Moment – jeder hat diese Phase im Leben, manch einer kommt da nie raus – erst mal Gleichgesinnte finden, Party machen und Drogen nehmen wollen und anderes, was ihnen zu Hause verboten war.
Dazu kommen dann noch massenhaft Homeless, Hobos & Schizos International und irgendwann hast du den Kanal voll.
Die Ordnungsinstitutionen dieser Stadt haben schon längst kapituliert. Du kannst es nur lieben oder lassen, verändern wird sich das nicht.
Um auf das Ausgangsthema zurückzukommen: Aus der Entfernung sieht es idyllischer aus als es ist.

Nebenbei: Man kann sich dem globalen Thema auch nähern, statt es wie ich zu umschiffen. Nicht ganz so wütend. Konstatierend. Wie Spalanzani in Vigilien. Unbedingte Leseempfehlung.

*Die dann nicht in der Lage waren, die Wochen vorher angemeldete Fest-Runde über die vorbereitete Suppe und den Salat mit Hauptgerichten zu versorgen und Zisch! (nach einer Viertelstunde war klar, sie meinte eine Bio-Bier-Sorte) und Red Wine waren nach anderthalb Stunden, in denen wir immer wieder nach dem Verbleib der Orders fragten, alle.

Veröffentlicht unter Exkurs