Schullektüre

Herr Rau schrieb darüber und noch viele andere folgten.
Ich mußte erst einmal nachschlagen, ich kann mich kaum an Bücher erinnern, die wir in der Schule gelesen haben.
Ich las so viel und dazu frühzeitig Erwachsenenliteratur, daß mich die meisten Bücher oder Auszüge aus Büchern im Lesebuch langweilten und wenige unter vielem anderen Lesestoff waren. Die Interpretation immer im Sinne des Klassenbewußtseins tat das ihre, Schulliteratur in Auszügen in der ersten Schulwoche zu lesen oder die Langtexte garnicht bzw nur den Klappentext.
(Ich muß allerdings nach Verfassen dieses Textes zugeben, ich habe sie fast alle gelesen oder überflogen.)

Fangen wir mal an.

Die Reise nach Sundevit und Bootsmann auf der Scholle, Benno Pludra habe ich wohl gelesen, aber null Erinnerung. Pludra wird von vielen als überaus poetisch geliebt. Mir war die norddeutsche Poesie fremd.

Der kleine Trompeter und sein Freund, Gerhard Holtz-Baumert
Kommunistische Erbauungsliteratur, aber schlicht und ehrlich. Das ist so, wie wenn Schüler heute ein Buch lesen sollen, in dem die heldische und tragische Geschichte eines DDR-Dissidenten erzählt wird.
Dann noch Alfons Zitterbacke vom gleichen Autor. Das habe ich geliebt, ein frecher Bengel mit unmöglichem Namen, dem allerhand Sachen passieren.

Robinson Crusoe, Daniel Dafoe das fand ich spannend, da gefiel mir sogar der Unterricht darüber. Die Frage, ob der Mensch als gesellschaftliches Wesen solche Einsamkeit überhaupt bewältigen kann.

Käuzchenkuhle, Horst Beseler das war ein spannender Kinderkrimi, für mich allerdings zu „Baby“. Ich las damals schon Edgar Allan Poe.

Mohr und die Raben von London, Vilmos und Ilse Korn. Kommunistische Erbauungsliteratur, ein unglaublich gehyptes Buch. Für mich erinnerlich: Der gute Karl Marx hilft armen Kinderarbeitern, obwohl er selbst auch nur ein Pfund in der Woche von Friedrich Engels geschickt bekommt. Der Film hat viele gute Fabrikszenen, ich wußte dann wie Kinderarbeit im 19. Jahrhundert in Europa aussah. (Ich lese gerade über die Autoren in Wikipedia. Gut möglich, daß mein Großvater und Vilmos Korn sich kannten, sie arbeiteten beide 1946 in Dresden im Kulturbereich und waren vor dem Krieg in der gleichen Region in Widerstandsgruppen.)

Die Suche nach dem wunderbunten Vögelchen, Franz Fühmann Naja. Das sind Geschichten, die Erwachsene schreiben, weil sie glauben, Kinder lieben es, daß eine Stadt Käsebrot heißt und eine andere Butterberg. Zumindest ich fand es nur befremdlich. Für skurrile Poesie hatte ich keine Ader.

Timur und sein Trupp, Arkadi Gaidar Ein Pionier hat eine Bande, die keine Untaten verübt, sondern Menschen hilft, die Angehörige an der Front haben. Gut erzählte kommunistische Erbauungsliteratur. Wir wurden aufgefordert, selbst Timurtrupps zu gründen und Menschen zu helfen.
Interessant: Timur ist kein russisches Vorbildkind sondern tatarischer Abstammung. Also jemand, der nicht mit „unsere Bande hilft Leuten“ kontiert ist.

Ljonka, Leonid Pantelejew Die (autobiografische) Geschichte eines kriminellen Straßenkindes, das sich nach der Oktoberrevolution ohne Eltern durchschlägt. Ein sehr gutes Buch. Brachte mich dazu, den Nachfolger Schkid, die Republik der Strolche zu lesen, in dem die Geschichte des Jungen, der inzwischen in einem kommuneartigen Besserungsprojekt lebt, weiter erzählt wird. (Könnte sein, daß beide Bücher gut gealterte Zeitdokumente sind.)
Diese beiden Bücher brachten mich wiederum dazu, Makarenko zu lesen.

Geschichten von Lenin, Uljanowa der Name sagt es schon, kommunistische Erbauungsliteratur, über den fleißigen, gerechten und klugen Staatenlenker. Es gab noch Erzählungen von Sostschenko zu diesem Thema, natürlich ähnlich erbaulich, die waren aus der heutigen Sicht literarisch recht gut. (Die Tintenfass aus Brot-Episode erinnern manche sicher noch.)

Kleider machen Leute, Gottfried Keller Daran gelernt, was eine Novelle ist und daß Kleider Leute machen. Nu ja.

Pole Poppenspäler, Theodor Storm Der Text blieb mir unglaublich fremd. Eine Frau, die Lisei heißt (kicher), ein Kasper, der bei einer Beerdigung aufs Grab geworfen wird (gacker). Ich weiß garnicht mehr, was nun die Moral von der Geschichte sein sollte. Ich habe die Erzählung später noch mal gelesen und zumindest interpretieren können. Das Spannungsverhältnis zwischen Künstlerdasein und bürgerlicher Existenz, die zerstörten, verachteten Marionetten, die mechanische Wunderwerke sind. (Ein Kasper war für mich früher eine alberne Handpuppe, keine Marionette mit ihrer ganz speziellen Magie. Marionetten habe ich erst später kennengelernt.)
Bestes Zeichen, daß die Botschaft eines Jugendbestsellers nach 100 Jahren nicht unbedingt sofort entschlüsselt werden kann.

Der Deichgraf, Theodor Storm Spooky. Im Unterricht wurde es in die Richtung besprochen, daß es Opfer kostet, wenn man etwas neues durchsetzen will und daß man nicht immer auf Gegenliebe stößt. Großes Augenmerk wurde auf die Aufstiegsbiografie der Hauptfigur gelegt.

Romeo und Julia auf dem Dorfe, Gottfried Keller Ja, traurig. Im Unterricht dahin interpretiert, daß man in unserem sozialistischen Land nun heiraten darf, wen man will und Einzelbauerntum von gestern ist.

Nathan der Weise, Lessing Wir sprechen über die Ringparabel. Und nochmal und nochmal und nochmal. Mit dem didaktischen Holzhammer. In einem Land, in dem Toleranz und Überbrückung von Gegensätzen im Denken eine Lachnummer war. Heute glaube ich, daß genau das die Botschaft war: Seid tolerant, laßt euch sein, trotz allem, was euch von Klassenstandpunkt erzählt wird. Ich war nur genervt damals, dass man über solche Binsenweisheiten ewig redete.

Die Mutter, Maxim Gorki Pathetische Geschichte über eine Vorzeigeheldin. Ich glaube, Gorkis Leben ist interessanter als seine Werke gewesen.

Die Gewehre der Frau Carrar, Bertold Brecht Gähn. Vorzeigetheater.

Gavroche, Victor Hugo Da hatte ich Die Elenden schon gelesen, aus denen das Schullektürebuch nur eine Auskopplung ist.
Ich las als Teenager viel Franzosen. Zola, Stendhal, Hugo, Dumas. Komischerweise entging mir damit die englische Damenliteratur. Stolz und Vorurteil las ich zum ersten Mal mit 50 Jahren. Das waren für mich Kitschromane.

Mario und der Zauberer, Thomas Mann Nervig plakativ. Ich hatte vorher schon Wälsungenblut gelesen, das fand ich viel interessanter.

Der Untertan, Heinrich Mann War eher mein Fall, auch wenn ich damals mit satirischer Überzeichnung wenig anfangen konnte.

Neuland unterm Pflug, Scholochow In meinem Kopf blitzt die Erinnerung auf, daß es um die Kultivierung der Nichtschwarzerdegebiete ging. Aber das ist Käse, ich habe nachgelesen. Es ging um die Kollektivierung in der sowjetischen Landwirtschaft. Ich erinnere mich an viel Pathetik und an Leute, die sich irrsinniges Handeln schönreden. Gegen den Feind, für die Idee.
Scholochow hat außer dem ersten Teil Der stille Don nur politisch korrekten Schrott geschrieben. (Deswegen heißt es ja immer wieder, genau dieses Buch wäre ein Plagiat.)
Die ganze Geschichte ließ mich kalt. Die Landwirtschaft war in den 70er Jahren kollektiviert, daß der Weg dahin keine nette Sache war, darüber redete man nicht mehr öffentlich (daher wußte ich es nicht oder wollte darüber nichts hören, weil es mein familiär geprägtes Weltbild erschüttert hätte), ebenso wenig redete man noch über Stalins Kollektivierungsmethoden und die vielen Hungertoten in den 20ern in der Sowjetunion.

Wie der Stahl gehärtet wurde, Nikolai Ostrowski Noch so ein Schinken. Der Schrecken des Deutschunterrichts.
Es ist die (autobiografische) Geschichte eines Mannes aus einfachen Verhältnissen, der im Erwachsenwerden das richtige Klassenbewußtsein erlangt, der sein Leben dem Aufbau der neuen Gesellschaft widmet und sich auch von Alleinleben, Krankheit und Invalidität nicht hindern läßt, sich weiter aufzuopfern.
In der Regel schrieb man einen Aufsatz zum Thema: Warum ist Pawel Kortschagin mein Vorbild? Das blieb mir Gott sei Dank erspart, die Lehrerin handelte den Roman sehr knapp ab.
Alle fanden das Buch und den Helden verrückt, die Interpretation der Geschichte im Unterricht manipulativ (nur solche Menschen können Vorbilder sein!) und trotzdem kritisierte niemand das.

Djamila, Dschingis Aitmatow Ein Auszug stand im Lesebuch, da ging es um eine abgebissene Brustwarze (wir waren mitten in der Pubertät). Ich hatte nicht das Bedürfnis, das Buch danach noch zu lesen.

Effi Briest, Theodor Fontane Gut zu lesen, aber zu nüchtern und wenig dramatisch und abenteuerlich für meinen Geschmack. Es hinterließ bei mir ein Schulterzucken. Das war früher, das gibt es nicht mehr. Ich kann mich erinnern, daß es eine ganze Interpretationsstunde zu dem Satz „Es ist ein weites Feld, Luise…“ gab.

Tinko, Erwin Strittmatter Es gab einen Auszug im Lesebuch und ich las danach das ganze Buch. Ein Junge erzählt über sein Leben im Brandenburgischen in der Zeit nach der Bodenreform und kurz vor der Kollektivierung.
Ich mochte es sehr, vor allem die Sprache. Kann man auch heute noch lesen.

Die Aula, Hermann Kant Ich verstand die Begeisterung (auch meiner Eltern) über das Buch nicht. Es war gut geschrieben, aber was gehen eine Schülerin in den 70er Jahren Schüler einer Arbeiter- und Bauern-Fakultät in den 50er Jahren an? Das ist das Schicksal der Bücher einer Generation, die sich literarisch an ihre Jugend erinnert.
Auerhaus von Bov Bjerg wird wahrscheinlich von der nächsten Generation nicht mehr so emotional aufgenommen wie heute, weil die Codes nicht mehr zu entschlüsseln sind.

Die Abenteuer des Werner Holt, Dieter Noll Die Erlebnisse eines jungen Mannes und seiner Schulkameraden im zweiten Weltkrieg. Hat mich sehr beeindruckt.

Nackt unter Wölfen, Bruno Apitz Im KZ Buchenwald taucht ein Kind auf. Die Häftlinge verstecken es, damit es überlebt. Ein hartes Buch, aber gut. In meinem Kopf überdeckt von der Verfilmung, die mindestens einmal im Jahr im Fernsehen lief.

Kabale und Liebe, Friedrich Schiller Jo. Aber war nicht so meins. In der Interpretation ging es vor allem um Standesdinge und Unterdrückung.

Woyzeck, Georg Büchner Beeindruckender, aber auch irrsinniger Text. Ich war in jüngeren Jahren über brachiale Stilmittel wie hier die stark ausgestellte Sprache der armen Leute einfach nur befremdet.

Deutschland, ein Wintermärchen, Die Harzreise, Heinrich Heine Wunderbar, beide.

Die Leiden des jungen Werther/Die neuen Leiden des jungen W. Goethe, Plenzdorf Goethes Werther hatte ich schon Jahre vorher gelesen und fand ihn etwas überkandidelt. Unser Deutschlehrer besprach lieber die neuen Leiden.
Plenzdorfs Werther legte ich nach ein paar Seiten weg und las ihn irgendwann zu Ende. Das Buch ließ mich merkwürdig kalt, obwohl ich Ulrich Plenzdorf in späteren Jahren als Drehbuchautor sehr schätzte.
Ich vergaß die Geschichte ganz, verdrängte sie fast. Heute kann ich nur noch die Vermutung anstellen, daß das, was die Hauptfigur machte, aussteigen, nach Berlin gehen, Kunst machen, in meinem Kopf ein Tabuthema war. Das tat man nicht, das war unmöglich. Das hätte unglaublichen Ärger mit der Familie gegeben. Ich wich aus, in Kopfwelten, ans Theater und besuchte die, die in Berlin lebten, ausgestiegen waren und Kunst machten immer mal für ein paar Tage.

Das siebte Kreuz, Anna Seghers Gelesen, aber gefühlsmäßig nicht rein gekommen. Es gab so viele von diesen grausamen Kriegsschilderungen. Es war der Krieg meiner Großeltern, nicht meiner.
Das klingt komisch, nicht wahr? Wir wurden mit Geschichten über den Krieg, die Kommunistenverfolgung (der Holocaust kam sehr kurz) und den kommunistischen Widerstandskampf in allen Facetten bis zum Rand abgefüllt, oft auch überhaupt nicht altersgerecht. Die Themen waren in unterschiedlicher Authentizität und literarischer Qualität verarbeitet.
Genauso wie heute ein Nazithema im deutschen Film immer gut ist für eine Oskarnominierung, gab es für die Themen Nie wieder Krieg und Sozialistischer Aufbau lukrative Aufträge. Die Priorität auf Geschichten von Krieg, Verfolgung und Wiederaufbau zu legen, lenkte auch so wunderbar von anderen Themen ab.
Außerdem: Diejenigen, die die Bildungspolitik machten, waren teilweise von Krieg und Verfolgung schwer traumatisiert (würde man heute sagen), es war ihr Thema, daß so etwas nie wieder passiert.
Wir wuchsen in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern in einer friedlichen und fast harmonischen Phase auf (wenn man denn straatstreu war, Ulbrichts sozialistische Menschengemeinschaft wirkte nach), bevor dieser Staat ab Mitte der Siebziger allmählich moralisch und materiell pleite ging. Es war zu viel, es ging uns nichts an und daß andere Kinder, die nicht so eine Familie hatten wie ich, zu Hause ganz andere Sachen hörten, tat das seinige dazu. Aber trotzdem denke ich mit viel Scham daran, wie wir als Schulklasse schweigend und gelangweilt vor einem alten Mann standen, der uns vom KZ Buchenwald erzählte und irgendwann zu weinen begann.

Abschied, Johannes R. Becher Becher ist allein schon einen ganzen Blogpost wert. So much wasted talent.
Das Buch nervte mich. Der böse Vater, der Henker, dieses ständige „das muß anders werden“ während sich die Hauptfigur damit herumquält, daß entweder sie selbst Scheiße baut oder die Familie und die Freunde böse sind. Die Suche nach Orientierung, diese im Kommunismus finden. Und dann, nach diesem ganzen Rumgequäle der Aufbruch in eine neue Welt. Ich mag Geschichten von Leuten nicht, die nur Jammern, Nörgeln und sich Sch… fühlen.
Dazu hatte ich in dieser Zeit schon meine Heimat im Theater gefunden. Und wenn dir dann ein Regisseur, Kind von Widerstandskämpfern und Exilanten erzählt, dass dieser autobiografische Entwicklungsroman des Staatsdichters seine Biografie frisiert und für das Moskauer Exil passend macht, glaubst du selbst als Genossenkind nichts mehr davon.
Bechers Dichtung war überall. Sein von Eisler vertontes Gedicht Lenin, reiner Expressionismus, ist gute Lyrik. Seine Worte sind Blitze. Selbst bei der die größten Speichelleckerei für Partei und Staat. (Na gut, bei der Abfassung von Danksagung zum Tode Stalins muß er schon einiges an Wodka intus gehabt haben.)
Wenn man tiefer in die Biografie reingeht, ist er eine Mischung aus hochsensibler, verkrachter Bürgerexistenz und armer obrigkeitshöriger Sau, die sich ein Rudel sucht, unter denen er künstlerisch gesehen der Einäugige unter den Blinden ist.
Wohlhabende Familie, dominanter Vater, selten oder nie ausgelebte Homosexualität, Morphiumsucht, Künstlerexistenz vom Geld der Eltern, nach Berlin gehen und Projekte machen, pleite gehen, in einer Kommune leben und dann nach Moskau ins Exil flüchten und das überleben, was nicht vielen deutschen Künstlern gelang. (Böse Vermutung: Irgendjemand hat wahrscheinlich gesagt, daß man ihn noch braucht und er leicht zu steuern ist.) Viele Jahre ein fanatisch politisch korrektes Leben führen wie der gehaßte kaisertreue Vater, Status und Ansehen gab es als Lohn. Und dann in Ungnade fallen und rumwinseln, daß man es schon immer gewußt habe, daß die letzten 30 Lebensjahre ein Fehler waren.
Das wäre ein Thema für den Literaturunterricht gewesen.

Faust I und II, Urfaust, Goethe. Der Harry Potter der deutschen Klassik. (Vom Rezeptionsaspekt her.) Da vor allem der erste Teil zum Kanon des Bildungsbürgers und in volksnahen Bearbeitungen auch des Bildungsarbeiters gehörte, war das Werk natürlich wichtig im Literaturunterricht. Da einem ständig Faust-Zitate um die Ohren geschlagen wurden und einem jeder erzählte, man müsse ihn gelesen und verstanden haben, blockierte ich natürlich völlig.
Ein alter Sack, der die Schnauze voll hat von der Wissenschaft, sich vom Teufel verjüngen läßt, um ein einfältiges Mädchen zu schwängern? Hinterher mit Hexen rummacht? Das ist das deutsche Nationalepos? Ich habe immer mal reingeschaut, ihn aber schon aus Protest nicht gelesen. Und dann meinen Abituraufsatz darüber geschrieben. Nun weiß ich mittlerweile, daß Lehrer es schon merken, ob jemand etwas gelesen hat oder nicht und sich sagen: Ok. Nicht gelesen, aber dann einen schlüssigen Text mit allen politisch korrekten Buzzwords darüber geschrieben, das kann man noch mit Gut bewerten. (Ein Sehr Gut gab es wohl nicht, wenn ich mich recht erinnere.)
Diese Faust-Ambivalenz begleitete mich lange. Meine Diplomarbeit schrieb ich über die Faust-Parodien Friedrich Theodor Vischers. Ich warte noch ein bißchen, bis ich im Alter den Faust noch einmal lesen und wahrscheinlich verstehen werde. Es deutet sich schon an und begann mit Peter Steins Inszenierung, die ich allerdings nicht in voller Länge aushielt, ich fuhr zwischendurch immer mal nach Hause.

Ich habe sicher einiges an Büchern vergessen, ich mußte diese Literaturlisten auch erst googeln, als sich anfing, diesen Text zu schreiben, war das alles im Nebel von „lange her im früheren Leben“. Aber wer schaut, mit welchen Büchern meine Generation im Osten sozialisiert wurde, weiß, warum wir sind, wie wir sind.

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Jahresrückblick 2020

Es mäandert erstmal ein bisschen.

Es war ein besonderes Jahr. Dabei fing es so normal an.
Beziehungsweise begann es mit einem üblen Durchhänger. Meine Schilddrüsenhormone waren nicht richtig dosiert und so etwas läuft langsam und unmerklich in die falsche Richtung, bis sich „ich bin so wunderbar gelassen“ in „lasst mich hier zurück, es strengt mich alles unsagbar an“ verwandelt.

Dann ein paar Nachrichten, daß in China…
China ist verdammt weit. Und ich hatte noch den Satz irgendeines Virologen im Kopf, den ich vor vielen Jahren (Schweinegrippezeit? SARS?) gehört hatte, er meinte, daß eine große Epidemie schon rein statistisch überfällig wäre. Ich hatte damals die Schultern gezuckt und gedacht, Klappern gehört zum Handwerk, irgendwie müssen die Forschungsmittel eingeworben werden.
Ich erinnere mich auch, wie ich auf die Nachricht einer Klientin so ca 2006, sie wolle, wenn es mit der Epidemie losgeht, nicht drehen und hätte sich schon Vorräte und Tamiflu besorgt, reagiert hatte: Ich fand das unsagbar bescheuert.
Diesmal reagierte ich anders, warum auch immer. Ich hatte ein sehr blödes Bauchgefühl, es sagte eher Tschernobyl als Schweinegrippe. Ich besorgte sehr früh Masken für die ganze Familie, noch bevor man in den Medien thematisierte, daß Masken nichts bringen würden und schickte meiner Mutter ein Paket Vorräte, kurz bevor es hieß, daß diese Infektionen nur von rechten Preppern instrumentalisiert würden, die nach Recht und Ordnung rufen (und das Klopapapier plötzlich ausverkauft war). Diesmal hielten mich andere für bescheuert, da bin ich mir sicher. Aus dem Grund redete ich auch kaum darüber.
Ansonsten hat sich für uns in diesem Jahr äußerlich nicht viel verändert. Klar, wir trugen, als alles noch nicht so recht einschätzbar war, und in Bergamo die Särge mit Militärtransporten weggefahren wurden, Masken und Gummihandschuhe beim Einkaufen und das Personal in der Metro lachte uns aus und machten sich gegenseitig auf uns aufmerksam. Ein paar Wochen später trugen sie ebenfalls Masken, dann allerdings bei einer 7-Tage-Inzidenz von 2-6 für den Landkreis.
Wir versuchten, die Mittsommerremise nur im Park zu veranstalten, während der Himmel in großen nassen Fladen herunterkam. Also machten wir eine Führung durch die unteren Räume mit Maskenpflicht. Bei über hundert Leuten war es eine mittelalte Frau, die draußenbleiben mußte, weil „kein Bock auf Maske“.
Hier kam selbst die Pest nicht hin, tröstete ich mich und doch gab es zwei Erkrankte und einen Toten im Dorf. Einen weiteren recht jung im Ausland verstorbenen Verwandten gab es in der Nachbarschaft.
Daß wir vor drei Jahren ans Ende der Welt in ein Riesenhaus mit Park und integrierter Baustelle gegangen sind, erwies sich als Segen. Daß wir im Moment vorwiegend hier arbeiten, ist ein großes Privileg. (Für das allerdings knochenhart geschafft wird, da mache man sich keine Illusionen.) Aber viele Probleme von Familien in den Städten hatten wir nicht. Wir nutzten die Zeit, um das Haus auseinanderzunehmen und unter anderem die einzig offensichtlich kaputte Stelle im Gebälk zu reparieren.
Aber: Trotz allem Pragmatismus fühlt es sich sonderbar an, so selten Freunde zu treffen. Als hätte man sich verstritten. Im Sommer war das alles kein Problem, da sah man sich draußen, im Winter halten wir mit steigenden Infektionszahlen lieber die Füße still.
Diese Krankheit kann ich nicht gebrauchen. Wir haben vor einigen Jahren mal zusammen eine Grippe durchgemacht, bei der wir so krank waren, daß wir kaum in der Lage waren, Tee zu kochen. Hier im Bett rumliegen und nicht heizen und kein Holz holen können, geschweige denn ein schlimmerer Verlauf mit Krankenhaus und langen Nachwirkungen, das ginge gar nicht, nicht in dieser Projektphase.

Noch ein anderes Thema: Das Leben der anderen. Natürlich bin ich die Einzige, die es richtig macht und alle anderen verhalten sich unkorrekt. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Immer wieder. Aber Scherz beiseite, wenn ich mich dann mal wieder über Nasenpimmel oder distanzlose Rudel in geschlossenen Räumen aufgeregt habe, kehre ich vor meiner eigenen Tür. Ab Juni bis in den November hinein hatte ich verdrängt, daß da was war. Bis es auch hier wieder losging, mit Infektionsketten in Schlachtbetrieben und Gesundheitseinrichtungen. Da wollte ich unbedingt das Enkelkind noch mal sehen und ein wenige Tage später benachrichtigte uns das Kind, daß eine Erzieherin vom Enkelkind positiv getestet wurde und sie jetzt in Quarantäne gehen. Bääm. Ein Schuß vor die Füße.
(Mein innerer Hypochonder sagt, daß ich es sowieso schon hatte. Im Frühjahr hatte ich Husten und Fieber und war ein paar Tage völlig platt inklusive Schmerzen in der Luge und Luftnot, wenn ich nur die Senke hochlief. Ich hatte das Enkelkind gesehen und wir hatten einen Fliesenboden hochgenommen, darunter waren Dielen, Granulat und der übliche widerliche Staub, der auch schon in der Grabkammer von Tut Anch Amun herumwehte. Ich kann es mir aussuchen. Vielleicht mache ich irgendwann einen Antikörpertest.)
Aber zurück zu den anderen. Ich akzeptiere mittlerweile jede Form von Reaktion als normal. Ob die große Demonstration von Angstfreiheit (Männer vor allem, so ein lächerliches Virus macht doch einen richtigen Kerl nicht platt), das extreme Beharren auf persönlicher Freiheit, die durch nichts und niemanden eingeschränkt werden darf, auch nicht durch Regierungen und/oder Geheimverschwörungen (spätestens bei invasiver Beatmung hat sich das mit persönlicher Freiheit, aber es ist das Bestreben, die Kontrolle über das Leben zu behalten), ein spezieller Narzissmus, der sagt, das gilt für die anderen, nicht für mich (umweht von Seidenschals inmitten von Gleichgesonnenen) oder aber das platte, kindliche Durchlavieren – was nicht ausdrücklich verboten und vor allem nicht sichtlich drastisch verfolgt ist, daran muß man sich ja nicht halten, auch wenn es vernünftig wäre.
Es betrifft alle. Kluge und Dumme, Sympathische und Unsympathische, Nahe und Ferne. In so einer speziellen Situation sind wir alle, wie man uns oft nicht kennt. Vielleicht reagieren wir aus einer Mischung aus Sein und tiefem, oft verborgenen Kern des Bewußtseins heraus.
Ich (und auch der Graf) sind der Gegenpol zu Menschen mit tiefen, existenziellen Nähe- und Kontaktbedürfnissen. Ich neige schon immer dazu, mich in ungeklärten Situationen zurückzuziehen, weg von anderen, die Menge fliehen, mich auf mich selbst verlassen. Deshalb fällt mir das Urteil, ob die Einschränkung meiner Freiheit ok. ist, gar nicht schwer. Ich hätte es auch selbst getan. Ich schade damit niemandem. Rückzug und nicht kontakten müssen, das ist meine große Freiheit.
(Übel genug, daß ich mich bemüßigt fühle, das zu erklären.)
Es hätte auch anders kommen können. Wäre ich jetzt noch in meinem Beruf, würde ich auch empört Verschwörungen und Staatskomplott vermuten. Mir und meinen Klienten wäre von einem Tag auf den anderen der Verdienst weggebrochen. Meine Leistung wäre dennoch verlangt worden. Mit existenziellen Problemen zu Hause sitzende Künstler wollen den Kontakt und die Betreuung ihres Agenten. Daß der erfolgsabhängig bezahlt ist und ebenso schwimmt, ist denen dann Wumpe.
Es ist anders gekommen und es ist gut. So verschwinden wir eines ums andere in Wurmlöchern. Planen und frickeln, bauen und werkeln. Es geht sehr langsam voran, aber wir schaffen viel, das man nicht auf den ersten Blick sieht. Rückbau ist sowieso erst einmal eine Art Zerstörung. Der viele Gipskarton tut dem Haus weder ästhetisch noch klimatisch gut.

Jetzt zum üblichen Fragebogen.

Zugenommen oder abgenommen?
Mal so, mal so. Je nach Arbeitsschwere, Temperatur und Bedürfnis, irgendwas mit Essen zu kompensieren.

Haare länger oder kürzer?
Kürzer. Ich habe im ersten Lockdown in Heimarbeit fast 20 cm Stroh und Fissel abgeschnitten, im zweiten noch mal 5 cm Nachwuchs. Die Haare gehen mir trotzdem noch bis an den Gürtel.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Je nach Tagesform. Ich glaube, es bleibt gleich. Ich koche allerdings mittlerweile mit Brille, damit mir keine Pannen passieren und das Kind behauptet, fast alle von mir von draußen ohne Brille geposteten Fotos wären unscharf.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Gleich viel, mein Etat ändert sich derzeit nicht. Moment, ich habe ein Guthaben eingelöst, das ich noch beim Kunstförderverein von Stephan Guber hatte und daher kommen die Holzmenschen im Park.

Der hirnrissigste Plan?
Die Mittsommerremise in strömendem Regen zu veranstalten, ohne das Haus zu öffnen. Aber der Graf hat schnell und gut umentschieden.

Die gefährlichste Unternehmung?
Wie auch in den Jahren vorher, Arbeitsschutz ist hier wichtig. Zum ersten Mal mit einer 7 1/2-Kilo-Motorsense mit Hackmesser in Brombeergestrüpp zu arbeiten und dabei viel zu große Schutzstiefel zu tragen, war allerdings übel.
Überhaupt sind allmähliche Einwirkungen gefährlicher. Zum Beispiel mit einem Industriestaubsauger das Haus putzen ohne Gehörschutz. Seit einem Jahr hat mein Gehör merklich nachgelassen und ich trage die Mickymäuse jetzt auch, wenn ich nur mal kurz was wegsaugen will. Oder etwas zurückbauen und den Staub einatmen. Das gibt fiese Kopfschmerzen und Pfeifen in der Lunge. Also wird Maske getragen.

Der beste Sex?
Jo. Die gute Landluft.

Die teuerste Anschaffung?
Der Bernina Stitch Regulator, nach fünf Jahren Überlegen. Nein, ich korrigiere, eine Zahnkrone.

Das leckerste Essen?
Die Ente am ersten Weihnachtsfeiertag.

Das beeindruckenste Buch?
Ich lese nicht mehr, das ist wirklich erschütternd. Aber ich habe selten Zeit, darüber nachzudenken.

Der ergreifendste Film?
Ich habe viele Filme wieder gesehen, weil ich nach vielen Jahren wieder fernsehe. Aber konkret fiele mir keiner ein. Ich sehe viele Filme meiner Jugend jetzt anders.

Die beste Musik?
Kopfjukebox im Zufallsmodus.

Das schönste Konzert?
Keines. Auf Grund der aktuellen Situation. Sonst wäre es sicher viel Beethoven gewesen.

Die meiste Zeit verbracht mit…?
Werkzeug in der Hand.

Die schönste Zeit verbracht mit…?
Dem Grafen und der Natur hier.

Vorherrschendes Gefühl 2020?
Das ist ein Film.

2020 zum ersten Mal getan?
Vermummt und mit Handschuhen eingekauft. Mit dem Mann und dem Kind darüber gesprochen, was wäre, wenn.

2020 nach langer Zeit wieder getan?
Abende vor dem Fernseher verbracht.

3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Das Enkelkind so selten zu sehen.
Den Wasserschaden in der gerade fertig renovierten Gästewohnung, der uns und vor allem den Grafen 3 Wochen Zeit kostete, weil die gesamte Wasserinstallation dort erneuert werden musste. Das kaputte Rohr lag 10 cm unter den Fliesen des Badezimmers.
Den Wechsel meiner Allergie gegen Baumpollen und Beifuß auf Gras. Das bescherte mir vom Frühsommer an bis in den November einen völligen Verlust des Geruchssinnes. So langsam geht es wieder.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Es war alles gleich wichtig und zugleich nicht. Ich bin mittlerweile gut im Impulse geben und laufen lassen, das ist besser als überzeugen.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Ich weiß es nicht.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Die ungestörte Zeit hier und der Verlust der destruktiven Zweifel.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
Wir bleiben lange hier. (Sinngemäß)

Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
Ich weiß es nicht.

2020 war mit 1 Wort…?
Mieses Drehbuch.

2007200820092010 20112012201320142015 – 2016 – 2017
20182019

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o.T.

Die Sophie brauchtens ned verschießen. An Hieb mit aner Zeitung und der Beifall dazu war gnug.
Komm Mädi, hier gibts Sachertorte, das Brot der Lebensmüdn und ein bisserl Brahms dazu. Möglichst laut, denn ich her sie bis hier sagn, dass sie nur ihre Pflicht getan und korrekt gehandelt habn.

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Alles hygge – oder was?

Der gestrige Tag brachte ein Gespräch mit einer Dänin im Alter meiner Tochter.
Sie versucht, in Berlin in der Kulturbranche einen Job zu finden. Viel Mut machen konnte ich ihr nicht. Natürlich gibt es Arbeit, nur gut oder überhaupt bezahlt ist diese Arbeit selten. Wenn man in den 30ern in der Kulturbranche nicht in einem Netzwerk steckt, das sich zunehmend etabliert, rotiert man lange und quälend in prekären Jobs herum.
Nein, ich formuliere es noch einmal optimistischer: Um die 30 rum hat man das Gefühl, man kommt nie da an, wo die anderen sind und rennt ständig Zügen hinterher, die bereits fahren. Die Besonderheit für die Kulturbranche ist, dass die Zahl derer, die versuchen, auf fahrende Züge aufzuspringen, überdurchschnittlich hoch ist.

Wir redeten über die heutige Zeit, in der junge, flexible Menschen überall in Europa oder auf der Welt arbeiten. Kein Job in Stockholm? Versuchs in London oder Berlin!
Offen sein für alle und alles, nicht abgrenzen, nicht zumachen. Tolerant sein für Fremdes. Andere Kulturen akzeptieren.
Mein Kommentar zur Jobsituation grenzte wieder ein und erdete: Es macht wenig Sinn, nur nach englischsprachigen Jobs zu suchen. Die Berliner Expats leben in einer Blase und haben noch höhere Konkurrenz.

Nun aber zu hygge. Unser Gespräch ging nämlich weiter. Sie erklärte mir hygge. Wir Deutschen kennen ja nur die konsumistische Seite: Zu Hause sitzen, nicht rumrasen, die Wohnung hell streichen, kuschelige Kissen und Decken ausbreiten und bei Kerzenschein Kakao trinken.
Es geht aber darüber hinaus um enge Bindungen. Bindungen an Orte und Menschen, ob Familie, Nachbarn oder Freunde. Man hat ähnliche Ziele, tickt ähnlich, hilft sich, schafft sich Geborgenheit und Sicherheit. Die Nebenwirkung ist, dass es sich um enge Zirkel handelt, in die Fremde nur nach eingehender Prüfung gelassen werden.
So weit ich sie verstand – wir sprachen ausschließlich Englisch und ich bin nicht so superfit in dieser Sprache – sah sie hygge kritisch. Zu hermetisch, zu ausgrenzend.
Dann wechselte plötzlich das Thema und ich kam im Verstehen kaum hinterher. Es ging um Harressment, um unangenehme Erfahrungen im Netz, um feindliche Menschen allüberall da draußen.

Und da hatte ich den luziden Moment. Manchmal ist es ganz gut, nicht jedes Detail zu mitzubekommen, um das große Ganze sehen zu können. (und ich habe sicher ne Menge durcheinander gewürfelt.)

Ich frage mich oft, warum die jungen Menschen in meinem Timelines der sozialen Medien so viel darüber klagen, dass sie Belästigung und Feindseligkeit erleben oder mit ansehen und warum diese Generation das Konzept safe space erfunden hat.
Gleichzeitig predigen sie bedingungslose Akzeptanz von noch so kleinteiliger Diversität.

Ich vermute mittlerweile, dass diese Verletzbarkeit systemimmanent ist.
Je ungebundener, flexibler, offener, entgrenzter, desto mehr kollidieren diese Leute wider ihr Erwarten mit diversen Menschen und Lebensstilen. Mehr noch, sie sind schutzlos gegenüber Kollisionen und Reaktionen, weil sie selbstgewählt nirgends Deckung und Rückhalt haben – dafür bräuchte es enge Kreise, Kontinuität und bindende Arrangements. Und – auch wenn ich mir hier nicht sicher bin – sie glauben, alle denken so wie sie, bis es die ersten ernsthaften Interaktionen mit dem Anderen gibt. Vielleicht gab es in diesen Biografien auch nie großartige Erfahrungen mit Ablehnung, Feindseligkeit oder Desinteresse, weil das Umfeld immer wertschätzend alles gelobt und Probleme aus dem Weg geräumt hat.
Um diesen Double Bind „Ich bin ok. und  akzeptiere alles, das egal wie, anders ist“ vs. „Da sind Leute, die halten sich auch für ok., die sind anders und drücken das mir gegenüber auch aus“ auszuhalten, wird das Böse auf ein paar Stereotype projiziert und der Rest verdrängt. Aggressoren, Belästiger und Machtmißbraucher sind ausschließlich alte weiße Männer. (Papa?) Je nach Situation wohlhabend und etabliert oder Angehörige der Unterschicht.
Alle anderen, die Freunde oder zu Missionierende sind oder wegen ihrer Opferstatus zu zu den Edlen zählen, dürfen keine Verhaltensweisen von Bösen zeigen. Auf keinen Fall. Wenn sie es tun, sind sie sicher traumatisiert. Also wissen eigentlich nicht, was sie tun.
Solche Moraljonglagen sind sehr energiezehrend.

So, genug der Küchenpsychologie. Es ist eine Altersfrage. Vielleicht. Das schiebt sich zurecht.

(Und ich weiß nicht, ob das nicht alles wirre Gedanken sind. Ich schlage mich seit zwei Tagen mit dem Text rum.)

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