Jahresrückblick 2020

Es mäandert erstmal ein bisschen.

Es war ein besonderes Jahr. Dabei fing es so normal an.
Beziehungsweise begann es mit einem üblen Durchhänger. Meine Schilddrüsenhormone waren nicht richtig dosiert und so etwas läuft langsam und unmerklich in die falsche Richtung, bis sich „ich bin so wunderbar gelassen“ in „lasst mich hier zurück, es strengt mich alles unsagbar an“ verwandelt.

Dann ein paar Nachrichten, daß in China…
China ist verdammt weit. Und ich hatte noch den Satz irgendeines Virologen im Kopf, den ich vor vielen Jahren (Schweinegrippezeit? SARS?) gehört hatte, er meinte, daß eine große Epidemie schon rein statistisch überfällig wäre. Ich hatte damals die Schultern gezuckt und gedacht, Klappern gehört zum Handwerk, irgendwie müssen die Forschungsmittel eingeworben werden.
Ich erinnere mich auch, wie ich auf die Nachricht einer Klientin so ca 2006, sie wolle, wenn es mit der Epidemie losgeht, nicht drehen und hätte sich schon Vorräte und Tamiflu besorgt, reagiert hatte: Ich fand das unsagbar bescheuert.
Diesmal reagierte ich anders, warum auch immer. Ich hatte ein sehr blödes Bauchgefühl, es sagte eher Tschernobyl als Schweinegrippe. Ich besorgte sehr früh Masken für die ganze Familie, noch bevor man in den Medien thematisierte, daß Masken nichts bringen würden und schickte meiner Mutter ein Paket Vorräte, kurz bevor es hieß, daß diese Infektionen nur von rechten Preppern instrumentalisiert würden, die nach Recht und Ordnung rufen (und das Klopapapier plötzlich ausverkauft war). Diesmal hielten mich andere für bescheuert, da bin ich mir sicher. Aus dem Grund redete ich auch kaum darüber.
Ansonsten hat sich für uns in diesem Jahr äußerlich nicht viel verändert. Klar, wir trugen, als alles noch nicht so recht einschätzbar war, und in Bergamo die Särge mit Militärtransporten weggefahren wurden, Masken und Gummihandschuhe beim Einkaufen und das Personal in der Metro lachte uns aus und machten sich gegenseitig auf uns aufmerksam. Ein paar Wochen später trugen sie ebenfalls Masken, dann allerdings bei einer 7-Tage-Inzidenz von 2-6 für den Landkreis.
Wir versuchten, die Mittsommerremise nur im Park zu veranstalten, während der Himmel in großen nassen Fladen herunterkam. Also machten wir eine Führung durch die unteren Räume mit Maskenpflicht. Bei über hundert Leuten war es eine mittelalte Frau, die draußenbleiben mußte, weil „kein Bock auf Maske“.
Hier kam selbst die Pest nicht hin, tröstete ich mich und doch gab es zwei Erkrankte und einen Toten im Dorf. Einen weiteren recht jung im Ausland verstorbenen Verwandten gab es in der Nachbarschaft.
Daß wir vor drei Jahren ans Ende der Welt in ein Riesenhaus mit Park und integrierter Baustelle gegangen sind, erwies sich als Segen. Daß wir im Moment vorwiegend hier arbeiten, ist ein großes Privileg. (Für das allerdings knochenhart geschafft wird, da mache man sich keine Illusionen.) Aber viele Probleme von Familien in den Städten hatten wir nicht. Wir nutzten die Zeit, um das Haus auseinanderzunehmen und unter anderem die einzig offensichtlich kaputte Stelle im Gebälk zu reparieren.
Aber: Trotz allem Pragmatismus fühlt es sich sonderbar an, so selten Freunde zu treffen. Als hätte man sich verstritten. Im Sommer war das alles kein Problem, da sah man sich draußen, im Winter halten wir mit steigenden Infektionszahlen lieber die Füße still.
Diese Krankheit kann ich nicht gebrauchen. Wir haben vor einigen Jahren mal zusammen eine Grippe durchgemacht, bei der wir so krank waren, daß wir kaum in der Lage waren, Tee zu kochen. Hier im Bett rumliegen und nicht heizen und kein Holz holen können, geschweige denn ein schlimmerer Verlauf mit Krankenhaus und langen Nachwirkungen, das ginge gar nicht, nicht in dieser Projektphase.

Noch ein anderes Thema: Das Leben der anderen. Natürlich bin ich die Einzige, die es richtig macht und alle anderen verhalten sich unkorrekt. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Immer wieder. Aber Scherz beiseite, wenn ich mich dann mal wieder über Nasenpimmel oder distanzlose Rudel in geschlossenen Räumen aufgeregt habe, kehre ich vor meiner eigenen Tür. Ab Juni bis in den November hinein hatte ich verdrängt, daß da was war. Bis es auch hier wieder losging, mit Infektionsketten in Schlachtbetrieben und Gesundheitseinrichtungen. Da wollte ich unbedingt das Enkelkind noch mal sehen und ein wenige Tage später benachrichtigte uns das Kind, daß eine Erzieherin vom Enkelkind positiv getestet wurde und sie jetzt in Quarantäne gehen. Bääm. Ein Schuß vor die Füße.
(Mein innerer Hypochonder sagt, daß ich es sowieso schon hatte. Im Frühjahr hatte ich Husten und Fieber und war ein paar Tage völlig platt inklusive Schmerzen in der Luge und Luftnot, wenn ich nur die Senke hochlief. Ich hatte das Enkelkind gesehen und wir hatten einen Fliesenboden hochgenommen, darunter waren Dielen, Granulat und der übliche widerliche Staub, der auch schon in der Grabkammer von Tut Anch Amun herumwehte. Ich kann es mir aussuchen. Vielleicht mache ich irgendwann einen Antikörpertest.)
Aber zurück zu den anderen. Ich akzeptiere mittlerweile jede Form von Reaktion als normal. Ob die große Demonstration von Angstfreiheit (Männer vor allem, so ein lächerliches Virus macht doch einen richtigen Kerl nicht platt), das extreme Beharren auf persönlicher Freiheit, die durch nichts und niemanden eingeschränkt werden darf, auch nicht durch Regierungen und/oder Geheimverschwörungen (spätestens bei invasiver Beatmung hat sich das mit persönlicher Freiheit, aber es ist das Bestreben, die Kontrolle über das Leben zu behalten), ein spezieller Narzissmus, der sagt, das gilt für die anderen, nicht für mich (umweht von Seidenschals inmitten von Gleichgesonnenen) oder aber das platte, kindliche Durchlavieren – was nicht ausdrücklich verboten und vor allem nicht sichtlich drastisch verfolgt ist, daran muß man sich ja nicht halten, auch wenn es vernünftig wäre.
Es betrifft alle. Kluge und Dumme, Sympathische und Unsympathische, Nahe und Ferne. In so einer speziellen Situation sind wir alle, wie man uns oft nicht kennt. Vielleicht reagieren wir aus einer Mischung aus Sein und tiefem, oft verborgenen Kern des Bewußtseins heraus.
Ich (und auch der Graf) sind der Gegenpol zu Menschen mit tiefen, existenziellen Nähe- und Kontaktbedürfnissen. Ich neige schon immer dazu, mich in ungeklärten Situationen zurückzuziehen, weg von anderen, die Menge fliehen, mich auf mich selbst verlassen. Deshalb fällt mir das Urteil, ob die Einschränkung meiner Freiheit ok. ist, gar nicht schwer. Ich hätte es auch selbst getan. Ich schade damit niemandem. Rückzug und nicht kontakten müssen, das ist meine große Freiheit.
(Übel genug, daß ich mich bemüßigt fühle, das zu erklären.)
Es hätte auch anders kommen können. Wäre ich jetzt noch in meinem Beruf, würde ich auch empört Verschwörungen und Staatskomplott vermuten. Mir und meinen Klienten wäre von einem Tag auf den anderen der Verdienst weggebrochen. Meine Leistung wäre dennoch verlangt worden. Mit existenziellen Problemen zu Hause sitzende Künstler wollen den Kontakt und die Betreuung ihres Agenten. Daß der erfolgsabhängig bezahlt ist und ebenso schwimmt, ist denen dann Wumpe.
Es ist anders gekommen und es ist gut. So verschwinden wir eines ums andere in Wurmlöchern. Planen und frickeln, bauen und werkeln. Es geht sehr langsam voran, aber wir schaffen viel, das man nicht auf den ersten Blick sieht. Rückbau ist sowieso erst einmal eine Art Zerstörung. Der viele Gipskarton tut dem Haus weder ästhetisch noch klimatisch gut.

Jetzt zum üblichen Fragebogen.

Zugenommen oder abgenommen?
Mal so, mal so. Je nach Arbeitsschwere, Temperatur und Bedürfnis, irgendwas mit Essen zu kompensieren.

Haare länger oder kürzer?
Kürzer. Ich habe im ersten Lockdown in Heimarbeit fast 20 cm Stroh und Fissel abgeschnitten, im zweiten noch mal 5 cm Nachwuchs. Die Haare gehen mir trotzdem noch bis an den Gürtel.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Je nach Tagesform. Ich glaube, es bleibt gleich. Ich koche allerdings mittlerweile mit Brille, damit mir keine Pannen passieren und das Kind behauptet, fast alle von mir von draußen ohne Brille geposteten Fotos wären unscharf.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Gleich viel, mein Etat ändert sich derzeit nicht. Moment, ich habe ein Guthaben eingelöst, das ich noch beim Kunstförderverein von Stephan Guber hatte und daher kommen die Holzmenschen im Park.

Der hirnrissigste Plan?
Die Mittsommerremise in strömendem Regen zu veranstalten, ohne das Haus zu öffnen. Aber der Graf hat schnell und gut umentschieden.

Die gefährlichste Unternehmung?
Wie auch in den Jahren vorher, Arbeitsschutz ist hier wichtig. Zum ersten Mal mit einer 7 1/2-Kilo-Motorsense mit Hackmesser in Brombeergestrüpp zu arbeiten und dabei viel zu große Schutzstiefel zu tragen, war allerdings übel.
Überhaupt sind allmähliche Einwirkungen gefährlicher. Zum Beispiel mit einem Industriestaubsauger das Haus putzen ohne Gehörschutz. Seit einem Jahr hat mein Gehör merklich nachgelassen und ich trage die Mickymäuse jetzt auch, wenn ich nur mal kurz was wegsaugen will. Oder etwas zurückbauen und den Staub einatmen. Das gibt fiese Kopfschmerzen und Pfeifen in der Lunge. Also wird Maske getragen.

Der beste Sex?
Jo. Die gute Landluft.

Die teuerste Anschaffung?
Der Bernina Stitch Regulator, nach fünf Jahren Überlegen. Nein, ich korrigiere, eine Zahnkrone.

Das leckerste Essen?
Die Ente am ersten Weihnachtsfeiertag.

Das beeindruckenste Buch?
Ich lese nicht mehr, das ist wirklich erschütternd. Aber ich habe selten Zeit, darüber nachzudenken.

Der ergreifendste Film?
Ich habe viele Filme wieder gesehen, weil ich nach vielen Jahren wieder fernsehe. Aber konkret fiele mir keiner ein. Ich sehe viele Filme meiner Jugend jetzt anders.

Die beste Musik?
Kopfjukebox im Zufallsmodus.

Das schönste Konzert?
Keines. Auf Grund der aktuellen Situation. Sonst wäre es sicher viel Beethoven gewesen.

Die meiste Zeit verbracht mit…?
Werkzeug in der Hand.

Die schönste Zeit verbracht mit…?
Dem Grafen und der Natur hier.

Vorherrschendes Gefühl 2020?
Das ist ein Film.

2020 zum ersten Mal getan?
Vermummt und mit Handschuhen eingekauft. Mit dem Mann und dem Kind darüber gesprochen, was wäre, wenn.

2020 nach langer Zeit wieder getan?
Abende vor dem Fernseher verbracht.

3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Das Enkelkind so selten zu sehen.
Den Wasserschaden in der gerade fertig renovierten Gästewohnung, der uns und vor allem den Grafen 3 Wochen Zeit kostete, weil die gesamte Wasserinstallation dort erneuert werden musste. Das kaputte Rohr lag 10 cm unter den Fliesen des Badezimmers.
Den Wechsel meiner Allergie gegen Baumpollen und Beifuß auf Gras. Das bescherte mir vom Frühsommer an bis in den November einen völligen Verlust des Geruchssinnes. So langsam geht es wieder.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Es war alles gleich wichtig und zugleich nicht. Ich bin mittlerweile gut im Impulse geben und laufen lassen, das ist besser als überzeugen.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Ich weiß es nicht.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Die ungestörte Zeit hier und der Verlust der destruktiven Zweifel.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
Wir bleiben lange hier. (Sinngemäß)

Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
Ich weiß es nicht.

2020 war mit 1 Wort…?
Mieses Drehbuch.

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3 Gedanken zu „Jahresrückblick 2020

  1. <3 Ich kann vieles sehr nachvollziehen und unterschreiben. Kommt gut über den Jahreswechsel, und was 2021 angeht: wir wissen nicht, was es bringen wird, aber wir können entscheiden, was wir tun und wie wir auf was auch immer reagieren. Mögt Ihr und Eure Lieben auch weiterhin von der Seuche verschont bleiben!

  2. was ich ja schon im sommer beim mitlesen dachte, aber nicht zu fragen traute: der zeitweilige verlust des geruchssinn hat sicher nichts mit corona zu tun?

    • Das Kind sagte Ähnliches. Ich bin mir nicht sicher, es kann aber sein. Diese Kurzatmigkeit im Frühjahr zusammen mit Fieber war komisch. Aber: Mein Geruchssinn ist seit Jahren nicht mehr gut, das muß was hormonelles sein. Richtig aufgefallen ist es mir erst, als mir im Sommer tagelang die Nasenschleimhäute zugeschwollen waren.

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