Vigil 37

Es gibt einen weiteren Drops-Händler in Berlin, gleich bei uns um die Ecke, in der Brunnenstraße. Manchmal geht man ewig an einer Ecke vorbei (mitunter zweimal am Tag) und schaut irgendwann, was es für neue Läden gibt. Handsache Berlin führt Drops-Garne und selbstgemachte Wolle, interessante Stricksachen, Künstler-Porzellan und manchmal gibt es auch Theater.

Ich war zwischen erstaunt und gerührt, in der Ansammlung von internationaler Hipsteria und westdeutschen Erben mit dem Betreiber ein echtes ostdeutsches Künstler-Urgestein zu finden.

Vigil 36

Der Lieblingseisdealer Süße Sünde hat optimiert. Vor 3 oder 4 Jahren kostete die Kugel Eis 90 Cent. Nach einem Winter dann 1 Euro. Nach dem Erfolg von Hokey Pokey, bei denen die Leute auch noch bei einem Preis von 1,60 € Schlange standen, folgte eine Erhöhung auf 1,20€ und dann auf 1,30 €.
Nach dieser Winterpause ist der Preis gleich geblieben, aber die Kugeln sichtlich kleiner geworden. Oder die neue Verkäuferin muss noch üben.

Vigil 35

Heute mit Kind und Männern ein Gespräch über Zufall und Vorherbestimmung, höhere Macht und Entscheidungsfreiheit geführt.
In meinem Leben gab es ein oder zwei Situationen, wo sich eine Weiche hätte stellen können, die mich auf einen anderen Weg geschickt hätte. Auch wenn sich Menschen im Kern nicht verändern, es hätte aus mir jemand anders gemacht, mich an andere Orte und zu andere Menschen gebracht. Genauso, wie ich mittlerweile der Meinung bin, irgendwann gegen 1999 auf einen Weg abgebogen zu sein, der mir nicht gut tat.
Aber wir sind, wie wir sind. Fraglich ist, ob wir uns wirklich anders entscheiden können.

Aber es gibt den Zufall. Wenn du eine Ampelphase später unterwegs gewesen wärest, würdest du nicht unterm LKW enden.

Ich sprach von einem Film, den ich in den späten 80ern gesehen hatte. (Das Montagskino des ZDF war für viele mental überlebensnotwendig.) Über einen polnischen Studenten, der den Zug nehmen will, ihn bekommt, verpasst etc. und jeweils danach ein anderes Leben führt, aber in jeder Episode bei einem Flugzeugabsturz stirbt.
Ich habe noch einmal nachgeschaut. Es war ein Film von Kieślowski, Der Zufall möglicherweise, der lange im Giftschrank gelegen hatte. Es war im Polen des Kriegsrechts nicht gut gelitten, demonstriert zu bekommen, dass jenseits von Bewusstsein und der Entscheidung für das moralisch Gute und Richtige* eine andere, nicht zu beeinflussende Instanz gibt.

*Aus der heutigen Sicht: Was war das moralisch Gute und Richtige? Die Kommunisten, den „bewußtesten Teil der Arbeiterklasse“ als Führung anzuerkennen? Streikende Werftarbeiter zu unterstützen? Sich rauszuhalten und gottesfürchtig und bescheiden zu leben?
Hinterher ist man immer schlauer.

Das Flugzeug wartet auf alle drei. Alle drei Leben gehen im Flugzeug zu Ende. Das Flugzeug wartet ständig auf ihn. Eigentlich wartet es auf uns alle.“

Vigil 34

Berlin ist voller sonderbarer Menschen. Es ist Anfang April, heute war es mittags um 12 Grad warm, in der Sonne fühlte es sich leicht wärmer an. Unten vor der Weinerei setzte sich kurz nach 10 Uhr ein Pärchen zum Frühstück, von denen er Bermudashorts, Karohemd und Sandalen trug und sie ein kurzes Kleidchen, ebenfalls Sandalen und einen Wintermantel mit Pelzkragen. Um ein Uhr spielten Teenager barfuß Beachvolleyball in der Rosenthaler Straße. Schon am Wochenende kam mir eine Frau auf dem Fahrrad entgegen, die zum Minikleid nackte Beine und Winterstiefel trug.
(Wobei ich die Kombi Stiefel und Sommerkleid, die Berlin einige Jahre ebenso beherrschte, wie die Kombi Jeans und Rock oder flatterndes Seidenkleid, bedenklich finde. Vor allem im Hochsommer. Smells like x-tremly Käsefußalarm.)