Vigil 35

Heute mit Kind und Männern ein Gespräch über Zufall und Vorherbestimmung, höhere Macht und Entscheidungsfreiheit geführt.
In meinem Leben gab es ein oder zwei Situationen, wo sich eine Weiche hätte stellen können, die mich auf einen anderen Weg geschickt hätte. Auch wenn sich Menschen im Kern nicht verändern, es hätte aus mir jemand anders gemacht, mich an andere Orte und zu andere Menschen gebracht. Genauso, wie ich mittlerweile der Meinung bin, irgendwann gegen 1999 auf einen Weg abgebogen zu sein, der mir nicht gut tat.
Aber wir sind, wie wir sind. Fraglich ist, ob wir uns wirklich anders entscheiden können.

Aber es gibt den Zufall. Wenn du eine Ampelphase später unterwegs gewesen wärest, würdest du nicht unterm LKW enden.

Ich sprach von einem Film, den ich in den späten 80ern gesehen hatte. (Das Montagskino des ZDF war für viele mental überlebensnotwendig.) Über einen polnischen Studenten, der den Zug nehmen will, ihn bekommt, verpasst etc. und jeweils danach ein anderes Leben führt, aber in jeder Episode bei einem Flugzeugabsturz stirbt.
Ich habe noch einmal nachgeschaut. Es war ein Film von Kieślowski, Der Zufall möglicherweise, der lange im Giftschrank gelegen hatte. Es war im Polen des Kriegsrechts nicht gut gelitten, demonstriert zu bekommen, dass jenseits von Bewusstsein und der Entscheidung für das moralisch Gute und Richtige* eine andere, nicht zu beeinflussende Instanz gibt.

*Aus der heutigen Sicht: Was war das moralisch Gute und Richtige? Die Kommunisten, den „bewußtesten Teil der Arbeiterklasse“ als Führung anzuerkennen? Streikende Werftarbeiter zu unterstützen? Sich rauszuhalten und gottesfürchtig und bescheiden zu leben?
Hinterher ist man immer schlauer.

Das Flugzeug wartet auf alle drei. Alle drei Leben gehen im Flugzeug zu Ende. Das Flugzeug wartet ständig auf ihn. Eigentlich wartet es auf uns alle.“

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2 Gedanken zu „Vigil 35

  1. man hat immer die wahl……auch wenn man nicht wählt……

    es gibt ein sehr interessantes buch von matthieu ricard „glück“ – da werden u.a. gedankenhygiene und das spiel der emotionen sehr gut dargelegt.

    habe in den letzten wochen viel hermann hesse gelesen. quintessenz für mich:
    es gibt nur zwei sichtweisen im leben – positiv oder negativ.

    alles was kommt zu bejahen – alles gutheißen – das ist schon eine aufgabe!

    es gibt einen schönen spruch: bedenke, nicht zu bekommen was man will, ist manchmal ein großer glücksfall.

    und zufall oder schicksal – darüber haben sich schon freud und jung in den haaren gehabt :-)

    muß nicht jeden für sich selbst herausfinden was die kunst des lebens ist.
    etwas für wahr zu übernehmen ohne es zu prüfen/auszuprobieren ist nicht sonderlich originell – aber halt einfach.

    schönen sonntag!

  2. meine mutter sagt zu dem unter dem stichwort ampelphase, LKW und flugzeugabsturz angesprochenen thema immer – und ich hoffe, ich kann die lakonie des gesprochenen dialekts hier halbwegs wiedergeben: „wenn es sein soll, dann musst du eh dort hin.“ sie ist sehr angstfrei dadurch.

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