Vigil 39

Alle Menschen sind gleich, mache sind gleicher. Sagt man zumindest ironisch.
In meiner digitalen Umgebung wird sehr viel Wert darauf gelegt, dass Menschen gleich sind und Othering (feststellen, dass jemand anders als man selbst ist) bekommt den Wert einer moralischen Verfehlung.*
Am Mittwoch Abend ist ein Mann in Frauenkleidern brutal zusammengeschlagen worden, berichtet der Tagesspiegel. Um sich am Ende des Artikels dafür zu entschuldigen, dass man den Mann in Frauenkleidern zunächst als Transgender bezeichnet hätte, weil die Polizei von einem transphoben Verbrechen sprach. Nach Hinweisen aus der Community hätte man das geändert.
Interessante Sache. Wer will da mit wem nichts zu tun haben und warum? Finden die Fetischisten Transgender bäh und bemühen sich um die richtige Einordnung ihres Neigungsgenossen? Möchten die Transgender mit ollen Fetischisten nichts zu tun haben? Und was hat das alles damit zu tun, dass jemand schwer zu Schaden gekommen ist? Warum muss dann minutiös erklärt werden, welche geschlechtlichen Aggregatzustand oder welche Passion jemand hat?

*Wobei zu bemerken ist, dass es in den letzten Monaten besser geworden ist. Die Zeit scheint vorbei zu sein, in der auf Twitter werauchimmer von irgendwelchen Studentx angeblökt wurde, x solle seine wenauchimmer gerade in seinem mentalen Komfort störende Äußerung worüberauchimmer nicht mehr machen.

Vigil 38

Der Artikel im Tagesspiegel, in dem sich die Journalistin Cigdem Toprak fragt Wo ist die coole „muslimische“ Jugend hin?, hat mich sehr berührt.
Ich habe das, was sie beschreibt, die Generation junger muslimischer Leute, die irgendwie (oft trotz Bildung, Karriere und Erfolg) mental und sozial zwischen allen Stühle landeten, in einem Fall selbst mit angesehen. Oder besser, ich habe es nicht richtig gesehen.
Das, was für diese jungen Leute als frei sein galt, war für uns normal.* – Freizügige Kleidung, lieben und heiraten, wen man will oder auch nur zusammenleben, Sex vor der Ehe, auf Kinder verzichten, eigene Entscheidungen fällen, nicht religiös sein oder oder… So normal, dass einem kein Gedanke kommt, es könnte anders sein und eventuell Konsequenzen haben.
Ich habe einige Jahre mit einer jungen Frau, für die Jenny from the Block sicher auch ein Vorbild war, gearbeitet. Sie war oft von der Politik umworben, schien sie doch das Klischeebild der jungen, klugen, erfolgreichen und modernen Migrantin zu sein. Eigener Kopf, eigene Karriere, eigenes Geld. Solche Instrumentalisierung wies sie immer freundlich und bestimmt zurück, sie wolle sich politisch nicht äußern.
Sie war sehr gut angepasst und deshalb merkte ich die Risse zwischen ihrem Sein und ihren Wurzeln nur manchmal und nahm sie auch gar nicht so ernst.
Ihr Freund, der mich ansprach, ob ich denn nicht intervenieren könnte, sie sei bei der Arbeit so schamlos gekleidet, damit hätte seine Familie ein Problem. Ein Bekannter von mir, ein junger Kurde, für den sie eine Schlampe war, die nicht merkte, wie man ihren Körper obszön präsentierte (ich fand es sexy, mehr nicht). Ihre Ablehnung einer großen Herausforderung, weil sie sich dann nicht mehr in ihrer Community sehen lassen konnte und ihren Eltern Schande gemacht hätte. Der Vater, der immer weiter wegrückte. Die Künstler in Istanbul, für die ihr Türkisch zu ungebildet war. Die Männer, die fasziniert waren, die Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit gern mitnahmen, aber selbst wenig investieren wollten.

Wir haben selten darüber geredet. Ich habe nicht gewagt zu fragen und das Thema lag auch nie so richtig offen. Es war auch nie – außer in Schauder- und Katastrophengeschichten wie Ehrenmord und Zwangsheirat – Teil eines gesellschaftlichen Diskurses. Man erzählte sich von den Heimlichkeiten der Mädchen und den Schwierigkeiten der Jungen, aber es waren ja die Anderen, die fremde Welt, die Dinge, in die man sich als Deutsche nicht einzumischen hatte.

*Es sei denn, man kommt aus einem abgelegenen Dorf und/oder aus einer fundamental-religiösen Familie. Das gibt es in Deutschland nur nicht mehr so oft.

WMDEDGT April 2016

Frau Brüllen fragt wieder, was wir den ganzen Tag gemacht haben.

Ich stand viertel nach 8 auf, kochte Hirsebrei und machte mir und dem Grafen Kaffee. Nebenher räumte ich allen noch herumliegenden Kram weg und die Geschirrspülmaschine aus, denn Dienstag ist alle zwei Wochen Putzfrauentag.
Ich aß die Hälfte der mit etwas Sahne und Zucker und Zimt aufgepimpten Hirse, vertupperte die andere Hälfte und packte sie mit einem Löffel in meinen Schwimmrucksack.
Halb 10 verließ ich das Haus und lief zum Schwimmbad in der Gartenstraße, nur mit Bluse und Strickjacke bekleidet war es warm genug. Die Sonne strahlte schon vom Himmel in jedes Eckchen, denn Blätter gibt es ja noch nicht an den Bäumen.
Der Berliner Frühling ist wie ein Typ, der plötzlich unangemeldet wieder vor der Tür steht. Grinst einen an und meint: „Da kiekste wa? Haste nich jedacht oder?“ Ein paar Tage macht er einen Riesenbohei und wenn man sich an ihn gewöhnt hat und er eingeplant ist, verpisst er sich wieder bis fast zum Sommerbeginn.
In der Umkleide vom Bad bekam ich erst einmal einen mittelprächtigen Anfall (also ich warf böse Blicke), latschten doch alle Leute um mich herum mit Schuhen bis zu ihren Spinden. In Anbetracht dessen, dass der Berliner Dreck zu einem guten Teil aus pulverisierter Hundescheiße besteht, ist der Gedanke, dass man so an den Badelatschen den Straßendreck bis zum Becken trägt, nicht grade angenehm.
Ich schwamm gemütlich meine 1.000 m, derzeit wieder auf der Spackenbahn, weil ich mich auf einer der Sportbahnen nur gehetzt fühlen würde. Es war mittelvoll und funktionierte noch unfallfrei, diverse schwatzende Freundinnenpärchen zu umkurven. Trotz längerer Pause – erst Grippe, dann Gründe (also Trägheit), lag ich mit 32 min ganz gut in der Zeit. Dann ging ich wieder Richtung Brunnenstraße zurück.

Gegen 11:30 Uhr traf ich in der Stadtbibliothek ein. Es war mittlerweile sehr warm. Ich aß den Rest von meinem Grießbrei und arbeitete anschließend. Irgendwann wurde ich sehr sehr müde, das ungewohnte Schwimmen hatte mich ziemlich angestrengt.
Ich ging zurück nach Hause und machte kurz bei Frau Tulpe Halt, weil bei denen vor der Tür Packpapier und eine weitere noch originalverpackte Rolle lagen. Siehe da, das hatte wohl ein Nachbar vor die Tür getan. Es gibt hier im Viertel eine ausgeprägte Kultur des vor-die-Tür-Stellens. Meist findet sich ein Interessent, wenn nicht, kommt das Teil halt in den Müll.
Ich nahm beides mit. Das Packpapier kam mir wie gerufen, es gibt derzeit in keinem Laden der Umgebung Packpapier zum Schnitte zeichnen. Nur so fipsiges dünnes Zeug.
In dem Päckchen war, wie ich oben angekommen mit dem Grafen feststellte, eine Rolle Vollgummi, vielleicht drei Meter, 70 cm breit, einen halben Millimeter dick. War bestimmt nicht billig. Was macht man damit? Ich kenne das nur für Fetischklamotten. Egal, es kommt erst mal zum Stoff- und Papierlager.

Dann musste ich mich erst einmal hinlegen und schlafen. Als ich wieder aufwachte, war es schon 17 Uhr. Wenn diese Erschöpfungseinbrüche kommen, kann ich nix machen. Im Gegenteil. Dagegen angehen hat üble Konsequenzen.
Danach hatte ich Bärenhunger (wie so ein Baby!). Der Graf hatte schon gegessen und so ging ich allein zu Nong Nia bei uns zwei Häuser weiter. Ich saß im Garten, um mich herum blühten die Sträucher und ich aß ein wunderbares Mahl, mariniertes gegrilltes Schweinefleisch mit Reisnudeln und Kräutern (Buntnessel!) und Passionfruchtsaft.
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(Bei Monsieur Vuong eine U-Bahnstation weiter stehen sie Schlange und es ist nicht nicht besser.) Ich würde mich freuen, wenn das Restaurant dauerhaft in der nicht sehr glückhaften, weil etwas versteckt gelegenen Location, bleibt.

Gegen 18 Uhr ging ich wieder nach oben und begann das Feintuning eines Nessels für ein Kleid in A-Linie, das bis zur höhergesetzten Taille körpernah sein soll. Die Entscheidung zwischen Sack und guten Kurven fällt ja nicht schwer und mit einer Konstruktion mit den eigenen Maßen ist man mit ein, zwei Absteckerlein auch fix bei partiell rasanten Formen. Den Rest der Arbeit ließ ich mir für den nächsten Tag und strickte erst mal eine Wintermütze fertig (wie es sein soll, pünktlich zum Frühlingsbeginn) und machte an einer Socke mit Lochmuster weiter, an der ich letztes Jahr im Frühjahr scheiterte. Dazu nieste ich vor mich hin. Irgendjemand müsste mal Frühling ohne Baumpollen erfinden.

Und nun ist es nach Mitternacht und höchste Zeit zum Schlafengehen und den Beitrag im Linkup einzustellen. Die anderen Beiträge stehen hier.