Notschlachtung abgewendet

Der Graf hat angefangen. Er hustete, krächzte und schnaufte. Dann zog ich nach, aber immer nur mit: „Ui, gehts mir sch…“ und nix so Richtigem. Dann ging es dem Grafen besser, mir aber schlechter und ich fing an zu niesen. Dann sprang der Infekt wieder auf den Grafen zurück und als ich dann nach einer Woche halbtags rumliegen wg. Fieber bzw. Untertemperatur dank Ibuprofen (ich weiß nicht, ob andere diese Nebenwirkung auch haben) noch Ohrenschmerzen bekam, ging ich doch zum Arzt.
Dem berichtete ich von meinen feinen Hausmittelchen: Ingerwertee, Hühnerbrühe mit Chili, Nasenspülungen…
Er schaute mir ins Ohr – sieht ok. aus – klopfte mir im Gesicht rum – Aua! und meinte dann in seiner unnachahmlichen Art: „Da könnse jetzt noch drei Wochen mit Hausmittelchen weitermachen und kommen dann noch mal oder Sie bekommen was richtiges.“
Ok., dann nehme ich jetzt Antibiotika, weil die Nebenhöhlen mal wieder böse gelblich brodeln. Beziehungsintern haben wir jetzt den Genesungs-Wettbewerb zwischen Schulmedizinhöriger und Globulifreund. Raten Sie mal, wem es nach zwei Tagen besser geht.

Schade, dachte ich doch, mit dem Besuch der Frau Hühnerschreck am Anfang der Woche sei ich wieder fit. Doch weit gefehlt…

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Wiedermal

denken alle daran, wie es war, als man plötzlich die berühmte verbotene Tür öffnete.
Die Leute gingen durch die Mauer und die Welt ging nicht unter. Es gab keinen Krieg, es rollten keine Panzer. Auch wenn ich den 9. November schlicht verschlief, weil ich bei Mann und Kind im Oderkaff war und nicht in meiner Studentenbude in der Kopenhagener Straße, unweit der Bornholmer Brücke.
Da war dieses allumfassende „Wahnsinn“, im Nachhinein grotesk, dass alle dieses Wort benutzten, aber keiner, keiner hätte sich das so vorstellen können. Dann das Gefühl, dass die Geschichte innerhalb weniger Tage einen riesigen Sprung gemacht hatte. Die Erleichterung, dass es ohne Terror und Tote abging, für mich war die groß. Schließlich wäre durch meine Familie damit ein großer Riss gegangen. Mehr noch, ich hätte mich gegen meine Familie stellen müssen. Vor allem gegen meinen Großvater, den ich sehr liebte, der aber nun einmal pensionierter NVA-General war.
Ich war stolz, darauf, daß ich plötzlich auf der Seite derer stand, die Recht hatten, dass es so nicht mehr weiterging, dass es richtig war, diese Geronto-Staatsmacht zu kippen.
Gleichzeitig machte ich mir keine Illusionen. Zwei deutsche Staaten würde es nicht lange parallel geben. Das wäre die Reproduktion der Situation vor 1961. Im Gegenteil. Ich hatte das Gefühl, man müsse in der Situation allgemeiner Euphorie die Leute, die so beharrlich von den „Brüdern und Schwestern“ redeten, beim Wort nehmen. (Ich glaube nach wie vor, dass es keine angenehmere Alternative gegeben hätte. Um den Zusammenbruch der ostdeutschen Wirtschaft und die Identitäts- und Wirtschaftskrise wären wir nie herum gekommen. Ich glaube auch nicht, dass einer der grummelnden älteren Herrschaften im Osten je in den letzten 20 Jahren mit einem Ungarn, Tschechen oder Polen tauschen wollte.)
Ich saß da und hatte ein Gefühl von Zukunft, das zum ersten Mal nichts mit „keinen Ärger provozieren, von der Umarmung der Genossen fernhalten, kleines Glück finden“ zu tun hatten. Meine Gedanken waren zum ersten Mal frei und kollidierten nicht mit der Position meiner Familie. Ich dachte auch zuerst gar nicht so dringend an Coca Cola, Bild-Zeitung und Bananen. Das würde sowieso kommen und derzeit hatten wir kein Geld dafür, hatte meine Familie doch Null Westkontakte.
Meine Zukunfts-Phantasien waren wie üblich verschroben, leicht größenwahnsinnig und sahen aus wie Hollywoodfilme. Meine Großeltern  hatten einen bestimmten Standard von „Bürgerlichkeit“ (eigentlich eine Lachnummer, bei so 300%-Kommunisten), meine Träume waren eine moderne Fortsetzung davon. Es ging darum, sich respektvoll zu behandeln, andere nicht unter Druck zu setzen, trotzdem hohe Erwartungen zu haben, schön gekleidet und gepflegt zu sein, sich mit guten, dauerhaften und wertvollen Dingen zu umgeben. Auswählen zu können, je nach Vermögen. Sich in Freiheit bewegen zu können, ohne Kontrolle. Diese piefige, missgünstige, kleinbürgerliche Nähe abschütteln, das Blockwartgehabe, ebenso die intellektuelle Dissidenteria zu verlassen, die in ihren Nischen klemmte. Denn ich wollte Anerkennung, die hätte ich in diesem Staat nur bekommen, wenn ich linientreu gewesen wäre, denn zum Querulanten eigne ich mich nicht.
Plötzlich waren alle Geschichten wieder möglich, in denen es um Freiheit ging. Roadmovies, Eskapistisches, große Shows. (Was ist das für eine Amour Fou-Story, wenn die Beteiligten morgens 6 Tage die Woche um 5 Uhr aufstehen müssen, um knuffen zu gehen?) Mir fehlte die Überhöhung. Bigger than Life gab es nur im verklemmten, asexuellen heroischen Stil der Kriegshelden- und Arbeiterkämpferverehrung. Das alles war nun vorbei, Neues war möglich und ähnlich sah ich mein Leben neu erstehen.

Spuk

Der Graf hatte eine fette Erkältung mit Husten und Fieber und ich schramme seit Tagen daran herum. Die Reise zu LaPrimavera ist deshalb ausgefallen. Was auch gut war, wir hätten die Äpfel in strömendem Regen und Herbststurm sammeln müssen. Mein hyperaktives Immunsystem kämpft an allen Fronten und das gibt mal Halsschmerzen, mal Ohrenschmerzen, mal Husten, mal Niesen, aber von allem nur ein bisschen. Dazu ein fettes k.o.-Gefühl, so dass ich halbe Tage rumhänge, zu fit zum Gesundschlafen und zu angeschlagen zum Rumhopsen.

Gestern legte ich mich mittags hin und schlief drei Stunden wie ein Stein. An Ende träumte ich sehr präraffaelitisch. Ich lag im Traum im Bett und schlief. Das Zimmer kannte ich nicht, es war im eleganten 60er-Jahre-Stil eingerichtet* und hatte ein riesiges Panoramafenster, das auf eine verschneite nächtliche Gebirgslandschaft hinausging. Ich träumte etwas, hörte im Traum eine  Stimme und stand auf. Schlafwandelnd sah ich aus dem Fenster, streckte die Hand aus und rief: „Tante Lisbet!“ (man muß wissen, das ist meine liebe Urgroßtante, die seit 11 Jahren tot ist), sie schien da draußen irgendwo zu sein. Da drehte eine Frau den Kopf zu mir, die rechts von mir an der Wand an einem kleinen Schreibsekretär etwas machte. Sie trug ein schwarzes langes Kleid und ein weißes Tuch um Kopf und Kinn drapiert. Ich sah ihr Gesicht nicht, aber sie sagte: „Tante Lisbet ist da nicht. Leg dich wieder hin, du träumst!“ Es war dunkel, ich sah ihr Gesicht nicht, aber ich wußte, das ist die Mutter des Grafen, die starb, bevor ich ihn kennenlernte.
Dann wurde ich mühselig wach und wußte nicht recht, bin ich nun im Traum wach oder in Wirklichkeit.
Gru-se-lig! Der Graf beschäftigt sich gerade intensiv mit seiner Kindheit und auf mich schwappen die Synergien über und im Traum öffnet sich das Totenreich…

 

*Ich träume sehr oft von aparten 60er-Jahre-Interieurs.

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Ginger & Fred revisited

Der Countdown für die Ballsaison lief. Der Smoking war geliehen, das Abendkleid ausgebürstet. Am Freitag kam der Tanzunterricht.
Man muß wissen, daß ich in der Grundschule lange neben einem kleinen zarten Jungen, R., gesessen habe. Jüngster Sohn einer sanften Witwe. Der wiederum fing als junger Mann an, Turniere zu tanzen. Und irgendwann war er mit der Lehrerin der städtischen Tanzschule – seiner Trainerin – zusammen, bei der auch ich in der Tanzstunde war. Was heißt, die beiden sind altersmäßig gut 12 bis 15 20 Jahre auseinander. Kleine Pikanterie am Rande: Sie sieht aus wie seine Mutter. Nur sanft ist sie nicht, da sie seit über 30 Jahren miteinander herumstolpernde Spätpubertierende über die Musik hinweg anbrüllt.
Irgendwie fiel es mir bei der Suche nach einer Tanz-Privatstunde ein, daß wir doch gar nicht in Berlin suchen müssten. Also riefen wir in der Tanzschule, die die beiden mittlerweile zusammen im Oderkaff betreiben, an und fragten nach. Ein Crashkurs am Samstag kurz vor dem Ball ging nicht. Aber Freitag abend hatte man Zeit.
Wir fuhren rüber – das ist nicht wesentlich weiter als bis nach Potsdam – und landeten am Rande des jüngsten, größten und stetig schrumpfenden Neubaugebietes. Dort hatten sich die beiden an wirklich schöner Stelle, auf der Hügelkante mit sicher schönem Blick, ein Häuschen mit Tanzsaal gebaut.
Solche Wiedersehen sind immer sonderbar. Die Dame hatte sich kaum verändert, sie war nur faltig geworden. Ein kleines, drahtiges Muskelpaket. R. und ich sind mit Ende 40 in dem fiesen Alter, in dem sich Verfall langsam zeigt. Folgerichtig begrüßte er mich mit „Mensch 30 Jahre! Du siehst aber auch nicht mehr jung aus!“ Er sah älter aus als seine Frau. Das sagte ich ihm aber nicht.
Ich war von einem gemeinsamen Bekannten schon vorgewarnt worden: Alkohol. R. war am frühen Abend tatsächlich nicht mehr so ganz sprechsicher.
Wir ließen uns eine Stunde lang von  Madame anbrüllen und stellten uns am Schluss ganz leidlich an. Also der Graf kann tanzen, nur ich nicht. Er bekam gute Ratschläge, wie er am besten mit meiner Schwungmasse umgeht, mich in Bewegung setzt und wieder einfängt.
R. hielt sich im Hintergrund. Zum Abschied kam noch mal ein nicht mehr ganz treffsicher formulierter Spruch. Oh Mann, das war so ein süßer Junge! Das Leben kann gnadenlos sein.

Am Samstag fuhr der Graf dann mit mir ins Oderkaff. Wir hatten ein nettes Hotel gebucht – die Wohnung meiner Eltern ist katzenverseucht und sie waren ohnehin im Urlaub. Wir hübschten uns und vertändelten eine Menge Zeit mit solchen Fotos:

Das wir übrigens „Hitchcock 2012 – Der Ipad-Mörder“ nannten.
Prompt verpassten wir den Eröffnungswalzer. Aber es gab noch genug Musik an diesem Abend und eine nette Begegnung mit Frau Indica, die mit Robe und Fotoapparat durch den Saal rauschte. Schließlich hatte sie uns erst auf diese Idee gebracht.
Heiße Empfehlung für alle, die Musik für Events einkaufen: Joe’s Bigband aus Fürstenwalde. Die spielen hammermäßig gut und haben genauso viel Spaß wie ihr Publikum.
Wir schwoften durch den Saal, soweit das bei diesem Gedränge auf der Tanzfläche überhaupt ging, für die Leute, die wirklich tanzen konnten, waren wir wahrscheinlich ziemlich absurd unterwegs und sicher gute Gelegenheit zum Amüsieren, aber es machte uns Spaß. (Und: Es war Miz Kitty’s erstes Mal!)
Mein einziger Missgriff war mein Abend-Make up, hell gepudert mit Dunkelblau- und Violett-Tönen, das eigentlich immer gut funktioniert hatte. In schummrigen Clubs, nicht in einem hellerleuchteten Ballsaal… Außerdem bin ich nun doch langsam um die …, hatte einen Bad Hair Day* und sah deshalb aus wie ein alternder Filmstar, der den Schuß noch nicht gehört hat.
Wir ließen uns mit den anderen (Stadthonoratioren mit Gattinnen, wobei die Gattin im Osten handfester ist als im Westen, und wunderhübsch angezogene und zurechtgemachte polnische Studentinnen) um zwei Uhr nachts rausschmeißen. Der Graf ging die paar hundert Meter zum Hotel ohne Mantel, im nassgeschwitzten Smoking und hustet prompt seit heute morgen wie die Kameliendame.

Heute morgen frühstückten wir noch im Café Diana und liefen fünf Minuten am Fluß entlang, absurd, dass ich gegenüber einer Stadt, in der meine Familie eher zufällig gelandet ist, so etwas wie Heimatgefühle entwickele. Oma hatte im Pflegeheim leider gerade Mittagsruhe und so fuhren wir zurück, ohne sie kurz zu besuchen.
Und jetzt ist alles ganz entspannt, ich hoffe nur, dass wir morgen nicht beide erkältet sind…

*Bad Hair Day? Bad Hair Week! Wenn die Heizsaison beginnt, habe ich immer fruchtbar trockene Haare und  AAAAHHHH! sie fingen an zu brechen! Meine sorgsam lang gezüchteten Haare!

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