Ginger & Fred revisited

Der Countdown für die Ballsaison lief. Der Smoking war geliehen, das Abendkleid ausgebürstet. Am Freitag kam der Tanzunterricht.
Man muß wissen, daß ich in der Grundschule lange neben einem kleinen zarten Jungen, R., gesessen habe. Jüngster Sohn einer sanften Witwe. Der wiederum fing als junger Mann an, Turniere zu tanzen. Und irgendwann war er mit der Lehrerin der städtischen Tanzschule – seiner Trainerin – zusammen, bei der auch ich in der Tanzstunde war. Was heißt, die beiden sind altersmäßig gut 12 bis 15 20 Jahre auseinander. Kleine Pikanterie am Rande: Sie sieht aus wie seine Mutter. Nur sanft ist sie nicht, da sie seit über 30 Jahren miteinander herumstolpernde Spätpubertierende über die Musik hinweg anbrüllt.
Irgendwie fiel es mir bei der Suche nach einer Tanz-Privatstunde ein, daß wir doch gar nicht in Berlin suchen müssten. Also riefen wir in der Tanzschule, die die beiden mittlerweile zusammen im Oderkaff betreiben, an und fragten nach. Ein Crashkurs am Samstag kurz vor dem Ball ging nicht. Aber Freitag abend hatte man Zeit.
Wir fuhren rüber – das ist nicht wesentlich weiter als bis nach Potsdam – und landeten am Rande des jüngsten, größten und stetig schrumpfenden Neubaugebietes. Dort hatten sich die beiden an wirklich schöner Stelle, auf der Hügelkante mit sicher schönem Blick, ein Häuschen mit Tanzsaal gebaut.
Solche Wiedersehen sind immer sonderbar. Die Dame hatte sich kaum verändert, sie war nur faltig geworden. Ein kleines, drahtiges Muskelpaket. R. und ich sind mit Ende 40 in dem fiesen Alter, in dem sich Verfall langsam zeigt. Folgerichtig begrüßte er mich mit „Mensch 30 Jahre! Du siehst aber auch nicht mehr jung aus!“ Er sah älter aus als seine Frau. Das sagte ich ihm aber nicht.
Ich war von einem gemeinsamen Bekannten schon vorgewarnt worden: Alkohol. R. war am frühen Abend tatsächlich nicht mehr so ganz sprechsicher.
Wir ließen uns eine Stunde lang von  Madame anbrüllen und stellten uns am Schluss ganz leidlich an. Also der Graf kann tanzen, nur ich nicht. Er bekam gute Ratschläge, wie er am besten mit meiner Schwungmasse umgeht, mich in Bewegung setzt und wieder einfängt.
R. hielt sich im Hintergrund. Zum Abschied kam noch mal ein nicht mehr ganz treffsicher formulierter Spruch. Oh Mann, das war so ein süßer Junge! Das Leben kann gnadenlos sein.

Am Samstag fuhr der Graf dann mit mir ins Oderkaff. Wir hatten ein nettes Hotel gebucht – die Wohnung meiner Eltern ist katzenverseucht und sie waren ohnehin im Urlaub. Wir hübschten uns und vertändelten eine Menge Zeit mit solchen Fotos:

Das wir übrigens „Hitchcock 2012 – Der Ipad-Mörder“ nannten.
Prompt verpassten wir den Eröffnungswalzer. Aber es gab noch genug Musik an diesem Abend und eine nette Begegnung mit Frau Indica, die mit Robe und Fotoapparat durch den Saal rauschte. Schließlich hatte sie uns erst auf diese Idee gebracht.
Heiße Empfehlung für alle, die Musik für Events einkaufen: Joe’s Bigband aus Fürstenwalde. Die spielen hammermäßig gut und haben genauso viel Spaß wie ihr Publikum.
Wir schwoften durch den Saal, soweit das bei diesem Gedränge auf der Tanzfläche überhaupt ging, für die Leute, die wirklich tanzen konnten, waren wir wahrscheinlich ziemlich absurd unterwegs und sicher gute Gelegenheit zum Amüsieren, aber es machte uns Spaß. (Und: Es war Miz Kitty’s erstes Mal!)
Mein einziger Missgriff war mein Abend-Make up, hell gepudert mit Dunkelblau- und Violett-Tönen, das eigentlich immer gut funktioniert hatte. In schummrigen Clubs, nicht in einem hellerleuchteten Ballsaal… Außerdem bin ich nun doch langsam um die …, hatte einen Bad Hair Day* und sah deshalb aus wie ein alternder Filmstar, der den Schuß noch nicht gehört hat.
Wir ließen uns mit den anderen (Stadthonoratioren mit Gattinnen, wobei die Gattin im Osten handfester ist als im Westen, und wunderhübsch angezogene und zurechtgemachte polnische Studentinnen) um zwei Uhr nachts rausschmeißen. Der Graf ging die paar hundert Meter zum Hotel ohne Mantel, im nassgeschwitzten Smoking und hustet prompt seit heute morgen wie die Kameliendame.

Heute morgen frühstückten wir noch im Café Diana und liefen fünf Minuten am Fluß entlang, absurd, dass ich gegenüber einer Stadt, in der meine Familie eher zufällig gelandet ist, so etwas wie Heimatgefühle entwickele. Oma hatte im Pflegeheim leider gerade Mittagsruhe und so fuhren wir zurück, ohne sie kurz zu besuchen.
Und jetzt ist alles ganz entspannt, ich hoffe nur, dass wir morgen nicht beide erkältet sind…

*Bad Hair Day? Bad Hair Week! Wenn die Heizsaison beginnt, habe ich immer fruchtbar trockene Haare und  AAAAHHHH! sie fingen an zu brechen! Meine sorgsam lang gezüchteten Haare!

Auch das noch:

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12 Gedanken zu „Ginger & Fred revisited

  1. Wie wundervoll! Eine Ballnacht, die das Attribut „rauschend“ gar nicht mehr auslassen möchte. Macht mir sehr Lust, das nach vielen Jahren auch mal wieder anzusteuern (wobei solche Ballnächte mit Mitbewohner meist gegen 23 Uhr enden, weil der Herr einfach einschläft – aber bis dahin kann es toll sein).

    • Es ist ja alles anders als in Clubs, habe ich gelernt. Man kommt pünktlich, ißt erstmal was, tanzt die Schwere weg und kippt moderat Alkohol drauf. Bugsieren Sie den Mann um 23 Uhr ins Taxi, vorher konnten Sie 3 Stunden tanzen.

  2. genau diese schilderung der tanzstunde ist es, die mich von derlei aktivitäten ziemlich dauerhaft abhält. meine ersten tanzstundenerfahrungen, noch als unsicherer und extrem schüchterner teenie, sahen der euren wohl recht ähnlich: ein tanzlehrerpaar, das die eleven quer durch den saal und über die musik hinweg anbrüllte (in meinem fall zusätzlich: übel zur minna machte). vor rund 100 weiteren anwesenden tanzschülern aus mehreren schulen des ortes. das brauchte ich so dringend wie eitrigen ausschlag und verließ daher den ort des grauens nach der dritten oder vierten stunde.

    aber es ist richtig schön, dass euch der ball spaß gemacht hat! die fotos (von frau indica?) sehen auch sehr schön aus und machen lust auf so ein event.

    zum bad hair day gibt es einen langhaarerprobten trick (den ich auch sehr bald wieder anwenden werde): ölkur. knete reichlich öl (bevorzugt kokos, sagen die langhaarnetzwerk-user) in die haare, mach ein handtuch mit sehr heißem wasser nass – so, dass du es grade noch so eben anfassen und auswringen kannst. das wickelst du dir ums frisch geölte haupt und lässt die angelegenheit abkühlen. anschließend wird das tuch z.b. in der mikrowelle wieder erhitzt und das procedere wiederholt. das machst du, bis du keine lust mehr dazu hast. wahlweise kannst du auch mit tuch schlafen gehen. dann mach aber eine folie drum, damit es nicht kalt am kopp wird. hernach dann gründlich auswaschen und über die seidigweiche pracht freuen.
    ich nehm zum waschen reine (kern)seife, spüle danach mit essigwasser (waschbecken vollmachen und so viel (apfel)essig reinrühren, dass es merklich sauer schmeckt) und knete dann wenige tropfen avocadoöl in die spitzen. macadamia geht auch gut. palmöl ebenfalls, riecht mir aber zu sehr nach essen ;)

    viel erfolg!

    • Die Fotos, die ich veröffentlicht habe, hat der Graf mit Telefon und iPad gemacht. Die Frau Indica war wieder mit Profi-Gerät unterwegs.
      Tanzstunde ist heftig. Ich habe auch ab der dritten Stunden geschwänzt und bin lieber mit meinem Freund zum Knutschen ins Grüne gegangen.
      Und danke für die Haartipps, das muss ich dringend machen, das hat echt keine Wartezeit.

    • Jetzt werd ich ein bißchen rot. Dabei fand ich mich verschwollen und schlecht beleuchtet. (aber als Dame zurechtgemacht, das sieht wirklich nach was aus…)

  3. Mizkitty, Sie beide sahen großartig aus. Huldvoll – ähem, begeistert – mir zuwinkend von Ihrem Balkon aus und auch im Nahbereich. Die Frisur war sehr klasse und Ihr Abendkleid mit dem Geknote da vorn ein echter Hingucker. Der Herr Graf machte im Smoking seinem Titel alle Ehre!

    Wo gibt’s denn noch mehr Ballimpressionen von Ihnen zu sehen? Ich hab ja nur ein bisschen rumgeschwenkt auf Farbe. Dafür kann ich nicht schick den Ipad-Mörder geben. Sie sehen wirklich beide sehr hitchcockesk aus.

    Frau Kaltmamsell, bitte schließen Sie sich doch der Reisegruppe ins kleine Städtchen am Rande der Republik am – traditionell – 1. Novembersamstag an. Dann machen wir im nächsten Jahr allesamt richtig Ball und ich beordere die Herren Verlobt und Mitverlobt dazu, damit ich auch mal wieder zum Tanzen komme. Denn es scheint mein persönliches Schicksal zu sein, dass ich bei allen, aber auch allen berufsbedingten Bällen in den letzten Jahren nie gepaartanzt habe. Ach nein, einmal schwenkte mich vor einigen Jahren der ehemalige Bürgermeister sehr schwungvoll und freudig durchs Foyer. Aber das hält ja auch nicht ewig vor.

    Mizkitty, Herr Graf, ich finde Sie haben sehr balltaugliches Format! Bitte beehren Sie das Städtchen wieder mit Ihrer Anmut und Eleganz. Und am „Raum der Stille“ mit maximal Chilloutmusik arbeite ich schon jetzt hartnäckig.

    • Das wäre es doch. Frau Kaltmamsell kann deutsch-polnische Grenzgänge erleben, das Hotel ist für den Mitbewohner in Laufweite (oder wir geben ihn irgendwann im Raum der Stille (Neudeutsch Chillout-Zone) ab.
      Übrigens ging es bei der Suche nach Ihnen auch ums Tanzen. Der Graf wollte einen Tanz mit Ihnen.
      Wir haben nur im Hotelzimmer fotografiert, deshalb müssen wir auch auf Ihre Ballfotos zurückgreifen.

  4. … die Miz Kitty war im ollen Oderkaff zum Ball. Wie wunderbar.
    Hätte ich gewusst dass sie noch einen Crashkurs brauchen, hätte ich mich glatt angeboten dafür.
    Und ich wäre doch zu gern in der Tanzschule dabei gewesen, schließlich kenne ich beide schon fast 40 Jahre aus eigener Tanzgeschichte. Er sieht wirklich älter aus als sie? Und dann solche blöden Sprüche? Hat er keinen Spiegel im Tanzsaal?
    Ich werd mal einen Besuch im Oderkaff einplanen und die Tanzschule besuchen um mir selbst ein Bild von beiden zu machen.
    Aber ich find es schön dass es immer noch sowas wie Bälle gibt, ich will auch mal wieder … ;-)
    Und wenn sie heimlich üben wollen, ein Treffen mit Kaffee oder Sekt mit Tanzen ohne Brüllerei aber mit viel Spaß dabei wäre auch drin.

    • Stimmt! Dass ich daran nicht gedacht habe!
      Ich finde ja, wir sollten nächstes Jahr den Ball zu mehreren unsicher machen.
      Und unser Kaffee steht ohnehin noch aus. Nächste Woche? Wie sieht es da aus?

    • Aber hallo! Wenn Sie beiden uns bitte nächstes Jahr rechtzeitig erinnern? Ich könnte mir keinen besseren Anlass für eine Reise ins Oderkaff vorstellen.

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