32 Showtime am frühen Morgen

Ok., diesmal also mein Vortrag „Wir sind jung und brauchten das Geld. Berufsbiografien kreativer Freiberufler“ vor Design-Studenten einer privaten Hochschule. Morgens um zehn Uhr. Eigentlich ist Frau Koma da noch im Koma.
Ich trabte die Ackerstraße runter in Richtung Wedding und fand den kühlen, feuchten und sonnigen Herbsttag richtig schön.
In der Hochschule angelangt, fand ich eine ganze Herde Studenten vor, die, nun ja, vor allem körperlich anwesend waren. Ich kam kurze Zeit in die Stimmung „Darf doch alles nicht wahr sein! Wir waren damals immer ganz doll an allem interessiert!“ Bis ich mir Jung-Kitty in der Uni ins Gedächtnis rief und meine mentale Permanentverweigerung, mir von anderen Leuten was erzählen zu lassen.
Wenn ich mit meinen zwei Mitstreitern unser Präsenzseminar mache, dann sind die Leute anders drauf, das durchbricht die Routine der Lehre und die Dozenten (die Elternfiguren) sind nicht anwesend.
Ich erzählte also etwas über Meisterschaft, Mode werden, Krise und Neuaufstellung. Auch über Leute, die mit mangelndem Talent allen anderem zum Trotz in solche Berufe gehen. Das ist heikel. Gerade in privaten Kreativ-Schulen landen Leute, die die harten Aufnahme-Bedingungen der staatlichen Schulen nicht geschafft haben. Ich schwankte kurz, ob ich sie pampern sollte. Aber der Dozent hatte mir ohnehin den Wink gegeben, dass die Studenten gerade nach ihrem Praktikum in der Phase der Realitätskonfrontation wären.
Also redete ich Klartext.
Die Diskussion hinterher brachte nicht allzu viel, aber witzigerweise fragte man mich, wie man mich erreichen könne. Da ich noch nicht viel Unterricht gegeben habe, empfand ich es wirklich als Phänomen, zu beobachten, wie ganze Gruppen ihre Energie da hinein geben, etwas nicht zu wollen oder zumindest nach außen hin nicht allzu sehr daran teilzunehmen.
Ich stieg zu Mittag wieder die Barnimkante hoch und versuchte im immer noch im Schwung etwas zu arbeiten. Aber wie es so ist mit mir, an solchen Tagen. Es war Zeit für Komaschlaf™. Der wurde zwar mal kurz unterbrochen und ich versuchte, ein Notebook zu reparieren. Aber da das multiple Aufmerksamkeit brauchte (schauen, ob das nach 10 min hochgefahren ist, parallel Troubleshooting recherchieren), brach ich das bald ab und kroch ins Bett.

Veröffentlicht unter Leben

31 Countdown für die Ballsaison

Der Graf will seit einem dreiviertel Jahr mit mir auf einen Ball gehen. Flanieren, Tanzen, Parlieren. Mittleres wird spannend, bin ich doch eher Nichttänzerin, aber das soll sich ändern. Die Berliner Bälle waren entweder Nepp oder ausverkauft. Aber das Oderkaff veranstaltet einen Uniball. Daher fuhren wir gestern nachmittag nach C-Burg. Der Graf lieh sich einen Smoking. (Noblesse obliege!) Ich passe in mein schönstes Abendkeid sogar noch rein. Zu meiner großen Freude.
Da wir schon fast im Grunewald waren, fuhren wir zum Mittagsessen in den Tennisclub. Wiener Schnitzel mit Blick auf den verregneten Hundekehlesee. In der Gegend könnte ich mir ein Privatiersdasein schon vorstellen.

Veröffentlicht unter Leben

30 Frau Trude aus Neukölln

Papierkrieg, dabei eine gute Nachricht, daß ein Amt, das begehrlich Geld forderte, endlich mal eins auf die Finger bekommen hat.
Schreiben. Lesen. Vater. Mutter.Kind. von Susanne Englmayer, aka engl.
Die Frau Engl hat Geschriebenes aus 20 Jahren in ein eBook gesammelt. Grausame Kinder- und Familiengeschichten, der ganz normale Horror dysfunktionaler Gemeinschaften. Ich ging etwas naiv ran, so lalala, mal schauen… Dann las ich mich fest und sagte zum Grafen ein über das andere Mal: Mein Gott kann die schreiben, mein Gott, ist das wahr und schrecklich und dazu so glasklar aufgezeichnet wie ein Laborbericht.
Bei Situationen, die wir alle kennen, landet man schnell in Befindlichkeitsschreiberei, weil die Distanz fehlt. Susanne Englmayers Geschichten sind weit jenseits davon. Sie hat eine klare, hohe Sprache für den Alltagshorror zwischen Flur, Küche und Kinderzimmer gefunden. Metaphern. Das Kind als versprengter Soldat zwischen den feindlichen Linien.
Die Texte sind zwar grob chronologisch in der Reihenfolge der Entstehung  sortiert, machen aber einen Bogen von der Bombenkellernächten der Vorfahren, über die jungen Eltern mit ihrem Ehedrama, die dort hineingeborenen Kinder, bis hin zum Ende der nunmehr Alten. Tiefenbohrungen in die Familie werden hier unternommen und die zu Tage geförderten Sedimente gesichtet und kommentiert.
Susanne Englmayer stellt sich in die Tradition der Schreckmärchen, die zwar gesammelt, aber weil sie mit unserem romantischen Begriff von Vater, Mutter, Kind so gar nichts zu tun hatten, aus den Märcheneditionen auch schnell wieder getilgt oder verharmlost wurden, wie „Frau Trude“, „Das eigensinnige Kind“ oder „Die wunderliche Gasterei“. Ernste und wortkarge Erzählungen über Schuld, Ungehorsam, Strafe und Tod.

Veröffentlicht unter Leben

29 Weitere Pläne

Noch mal planen, fast drei Stunden lang. Dann hing mir der Magen in den Kniekehlen. Und hungrige Frauen sind bekanntermaßen schlechtgelaunte Bestien. Deshalb schleppte mich der Graf schnellstens zum nächsten Inder und fütterte mich.
Danach war Tatort-Zeit, diesmal aus München. Regie Elmar Fischer, dessen Debütfilmdreh ich miterlebt habe. Ein Guter. Jemand, der sorgfältig, uneitel, treu, freundlich, loyal und unspektakulär ziemlich gute Filme macht. Das Drehbuch war mir ein bisschen viel holzschnittartiges, spekulatives Gedöns (Vater und Tochter Breinersdorfer): Gangsterlesben knechten Drückerkolonne und erschwindeln Ec-Kartendaten mit Robbenbaby-Fotos, die Banken schweigen dazu und nebenbei gibts noch ein undurchsichtiges Rattenrennen um die Kohle, dazu einen Nebenbuhler um die Liebe der Hübscheren der beiden. Das kann nur im Klischee bleiben und so haben Nina Proll und Mina Tander das auch gespielt. Grenzwertiger Griff in die Klischeekiste: Der Banker (Karl Knaup) im Luxusbüro ganz oben im Wolkenkratzer, der einen kurzen Einblick in die Sparkassen-Verschwörung gibt. („Wenn wie das an die Öffentlichkeit kommen lassen, dann verlieren unsere Kunden das Interesse am Produkt ec-Karte!“) OMG!
Ich hatte ein Wiedersehen mit Navid Akhavan als Liebhaber, der das Lesbenpärchen entzweit. Der junge Mann ist begabt, gut, gut aussehend, uneitel… er passt hervorragend in das Team von Elmar Fischer. Und ein schauspielerische Aha-Erlebnis gab es. Anna Böger. Die einzige, die in diesem Ensemble einer Figur einen Bogen geben kann. Von der verschlossenen, ungelenken Blondine über das auftauende weibliche Wesen zum abgewiesenen Rachengel mit dem Habitus einer kleinen krummen Petze. Klasse!
Wenn es die Figuren qua flauem, albernem Drehbuch nicht hergaben, dann halfen kleine schauspielerische  Preziosen, die zeigten, man hat Spaß und nimmt das hier alles nicht ganz so ernst. Die Szene zwischen Gangsterlesbe und Kommissar 1 (undercover als Mitglied der Drückerkolonne), Kommissar 2 (offiziell als Ermittler anwesend) und alter Dame (göttlich: Heide Ackermann!) ist ein reiner Schauspielerspaß mit Running Gags. Kommissar 1 – Jacke an, Komissar – 2 Jacke aus,  alte Dame dazwischen: „Noch jemand Kekse?“ in Dauerschleife. Also: Ästhetisch sehr sehr ansehnlich, durch das Casting (Daniela Tolkien war das, eine ehemalige Schauspielerin) und die Schauspieler wurde sehr liebevoll ein blödsinniges Drehbuch gerettet.

Dann The Wrestler. Als der Film in Deutschland ins Kino kam, war ich gerade in der Klinik. Ich war sowieso kaum in der Lage, ins Kino zu gehen und wusste außerdem, dass er mich mit einer vollen Breitseite erwischen würde. Treffer, versenkt. Selbst mehr als 3 Jahre später.
Groß, unerbittlich, hart, frontal, bitter, nah dran. Eine Geschichte über einen Menschen, der zwar weiß, dass Schluss ist, aber aus dem Hamsterrad nicht rauskommt. Ich habe vor dem Ende weggeschaltet.

Polizeiruf 110 Mit List und Tücke, 1985, Regie Helmut Krätzig. Mit dem Regisseur hatte ich 12 Jahre später mal ein Treffen. Ich konnte leider nichts für ihn tun, ich war einfach eine Generation weiter. Es ging ganz normal los. Die ostberliner Straßen, der Zionskirchplatz im Nebel. Frauen in Anoraks und Kittelschürzen. Und dann taucht da plötzlich eine Gestalt auf, die aussieht, als hätte Inspektor Clouseau einen jüngeren Bruder, der Einbruchdieb ist (Henri Hübchen). Weiter geht es mit einem verliebten Polizisten, der im Jugendmode-Kaufhaus zwischen hässlichen braunen und grauen Jacken steht und eine junge Verkäuferin anhimmelt, statt einen Ladendieb zu fangen.
Es gibt zwar eine dramatische Kernstory, der Verdächtige und seine Frau haben nichts zu lachen, aber alles drumherum ist in kleine spaßige Szenen aufgelöst. Die „Gartenfreunde“ auf der Straße sind eine tratschende Trümmertruppe mit herrlichen Komparsen. EIn ehrfurchtgebietender Herr Doktor, der alte Damen mit einer Umfrage besucht, hypnotisiert diese, um sie dann zu beklauen. Otto Mellies, der Grandseignieur des Deutschen Theaters gibt einen total schrägen Typen, den auch Peter Ustinov hätte spielen können.
Weiter gehts, eine pensionierte Zirkusfrau schmeißt mit Zucker, statt hypnotisiert ihr Geld rauszurücken und verprügelt den Herrn mit dem Fleischklopfer. Ein pensionierter Hypnotiseur erfährt, daß sie ehemaliger Assistent nun mit seiner Nummer auf Reisen ist und richtig viel Geld damit scheffelt. Eine alternde Jungfer (Barbara Dittus mit getönter Sumsi-die Schmeißfliege-Brille) schwirrt um den Verdächtigen herum. Auf einer spiritistischen Sitzung gibt der Regisseur selbst einen leicht besoffenen älteren Herrn, der den Kontakt mit Onkel Erwin stört und der unvermeidliche Hauptmann Peter Fuchs (Peter Borgelt) küsst die umschwärmte Maid des Polizisten, um ihm zu zeigen: So geht das, Junge.
Dazu jede Menge großbürgerlicher Berlin Mitte-Altbau im Originalzustand von innen. Märkisches Ufer, Schiffbauerdamm, Kupfergraben, so die Ecke.
Schon erstaunlich, es ging auch lustig und nicht immer nur bedeutungsschwanger-dramatisch (was Krätzig dann wieder 1988 bei Flüssige Waffe, von mir schon mal besprochen, macht). Der Graf fragte mich angesichts der Treibens: „Warum wolltest du das nicht mehr? War das nicht gemütlich?“

 

Veröffentlicht unter Leben