Hilfe

Ich schiebe es seit Monaten vor mir her, von den einen Hilfe zu erbitten und sie von jemandem anderen anzunehmen.
Zwei Berge Hilfsgut. Sagen wir mal, es sind Kartoffeln, für den Eintopf und für das zu bestellende Feld.
Mein Kartoffelkeller ist mehr als leer. Was bedeutet es, Hilfskartoffeln anzunehmen? Die einen horten sie und müssen darauf achten, daß sie nicht zuviel Keime ansetzen und verfaulen. Der andere hat genug, um die, die ich brauche, entbehren zu können sagt er.
Warum ist das so ein schwerer Schritt für mich?
Angst vor dem Satz: „Ich hab dir doch damals jede Menge Kartoffeln gegeben.“?
Angst vor der Bitte um Kartoffeln? Obwohl in guten Jahren nach der Ernte eine kleiner Sack Kartoffeln als Dankeschön vor der Haustür sehen würde?
Was bin ich nur für ein Idiot.

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Irgendwann waren wir angekommen

Gestern gegen 12 Uhr nachts in der Victoria Bar. Wir hatten es doch noch geschafft, uns mit den Freunden zu verabreden. Martini Dry mit zwei Oliven, Pick Me Up mit einer Kirsche auf dem Boden des Champagnerglases, Virgin Margarita und After Eight* reihten sich vor uns auf.
Ich hatte nachmittags drei Stunden vorgeschlafen. Nicht ohne schlechtes Gewissen, die Sonne schien und es wäre sinnvoller gewesen, diesen ruhigen Freitag nachmittag zum Joggen zu nutzen. Meine Schonzeit ermöglicht mir immer noch die Flucht in die Uneffizienz, Gott sei Dank. Ein Kleid, das ich nie viel getragen hatte, paßte mir plötzlich, der Rest war Pinselei auf guter Grundierung und ich ließ eine passabel aussehende Frau in die Bar stöckeln.
Der Professor klagte über Müdigkeit. Letztes Wochenende war er auf einer Tagung 800 km weit weg, dann die Strapazen der Universitätsstadt, bis 10 Uhr abends hätte er gearbeitet und wäre zu müde gewesen, hinterher auch noch eine Seite zu lesen. Als der Anruf am Freitag nachmittag kam, stand er gerade bei Butter Lindner am Tauentzien in der Schlange. „Ich bin unheimlich müde und weiß noch nicht, was wir heute abend machen, das Mädchen ist ohnehin bis 11 Uhr mit einer Freundin unterwegs. Danach penne ich sicher schon.“ Hätte er das sagen sollen? Er sagte: „Prima Idee, schaun wir mal.“ und ließ sich vom Gefährten noch ein paar Mal verbal anbuffen, daß er gefälligst den Arsch hochkriegen solle. (Schon Scheiße, wenn man mit einer 26 Jahre jüngeren Frau zusammen ist und deshalb automatisch in die Riege der Berufsjugendlichen aufgenommen wird.)
Der Gefährte ist ein Unikum, was Unternehmungslust angeht. Wahrscheinlich fällt er dereinst lachend mit einem Weinglas in der Hand vom Stuhl, umgeben von einer Traube Leute, die gerade richtig Spaß haben. Selbst in stressigsten Arbeitsjahren ging er am Abend aus, um am nächsten Morgen gut gelaunt als erster wieder am Schreibtisch zu sitzen. Irgendwo in seinem Inneren muß es ein kleines Atomkraftwerk geben, das nur fürs Partymachen Energie spendet. Darum hatte ich auch vorgeschlagen, am Abend noch auszugehen. Ich hätte mir sonst wieder nur anhören dürfen, daß das Leben an ihm vorbeiginge und alle anderen heute feiern würden. Und das wollen wir doch nicht.
Das Mädchen hielt sich gut. Die Spannkraft von U30 eben. Sie hatte eine harte Lernwoche im Studium hinter sich und würde morgen bis mittags schlafen, das paßt schon.
Um uns herum frische Paare, die wahrscheinlich in ein, zwei Jahren nur für noch den Besuch von Krabbelgruppen, Biomärkten und Arbeitgebern das Haus verlassen werden. Außerdem auffällig viele Frauen, die sich altersmäßig gerade vom Kinderwunsch verabschiedet hatten. Sie trugen schwarze Hornbrillen, waren sämtlich rollbratenähnlich in farbenfrohe Jerseywickelkleider gewickelt und saßen in Grüppchen in Ecken. Wenn sich sich selbstbewußt auf den Barhockern platziert hätten, wäre die eine oder andere sicher aus ihrem späten Dornröschenzustand erlöst und aus dem Kleid gewickelt worden. Ich spekulierte, daß sie wahrscheinlich so sehr damit beschäftigt waren, sich darüber zu beklagen, wie Sch… die Typen waren, die sie letztens gedatet hatten, daß sie völlig übersahen, daß auf den Barhockern nervöse, aber durchaus ansehnliche unbegleitete Männer saßen. Der Typ neben mir rauchte linkisch wie ein Teenager eine Zigarette nach der anderen und rempelte mich wiederholt an, wenn er sein Handy vergebens nach Kontaktaufnahmen durchsuchte, keine Mail, keine SMS, nirgends.
Ich redete mit dem Professor über meinen Berufswechsel, über Lehrämter und die vergeblichen Versuche, die miese Bezahlung durch Zweit- und Drittverwertung des Vortragsmaterials auszugleichen, denn je öfter verwertet wird, desto weiter die Reise und länger der Zeitaufwand für den Geldverdienst. Er gestand mir, daß ihm das Angebot der Verbeamtung sehr willkommen war. Endlich hätte sich die harte Arbeit der vorhergehenden Jahre ausgezahlt. Ich war froh, jenseits des oberflächlich-fröhlichen Blabla unserer bisherigen gemeinsamen Unternehmungen ein paar fundierte Sätze mit ihm wechseln zu können. Er war der zweite, der mir in dieser Woche riet, nun endlich mit dem Schreiben anzufangen, ich sei schließlich Schriftstellerin. Und wer zahlt dann meinen Sportwagen? Dann schreibe ich lieber Reden für Vorstandsvorsitzende, das hat meine Mutter auch schon getan.
Ich stieg auf Bloody Mary mit Gin um, was den Barkeeper sehr freute. Der Professor orderte einen weiteren Champagner-Cocktail, der Gefährte blieb angesichts der Polizeikonzentration in der Stadt weiterhin beim Virgin Margarita (mein Argument, daß die Polizei in der Walpurgisnacht sicher keine Q5-Fahrer auf Parkplatzsuche in Charlottenburg anhält, zog nicht) und das Mädchen nahm einen Gimlet. Ich mag die transpartenten roten Cocktails, auf deren Grund eine Zitronenschale oder eine Kirsche liegt, die haben so etwas aquariumshaftes. Allerdings halte ich mich nach meiner NegroniVergiftung davon fern.
Die Paare um uns herum waren ins 40 Seconds aufgebrochen, ebenso die nervösen Männer. Die Damen saßen noch immer mißmutig in ihren Ecken herum und würden bald zu ihren Katzen heimgehen.
Bis auf den Gefährten, der gerade in Fahrt kam, waren wir rechtschaffen müde und ich hatte beim Weg zur Toilette bemerkt, daß sich meine Standfestigkeit umgekehrt proportional zu meiner Absatzhöhe verhielt, der Professor wurde immer stiller, auch das Mädchen lächelte nur noch freundlich und so fuhren wir heim und schliefen. Heute ist auch noch ein Tag mit einer Party.

*sieht aus wie aufgeschüttelter Weichspüler und riecht nach Zahnpasta

Herrschaften,

ich bin fasziniert. Da rührt man wahlweise Wasser, Quark, Borax und Soda oder Kalk und Sand, nimmt Kalk und Kreide, färbt das ganze mit Lehmerde und hat alles, was man braucht. Grundierung, Putz, Farben…
Es gibt den einen oder anderen Kniff dabei (aber im Grunde nicht mal den), die Materialien sind spottbillig, solange man nicht wie ich schweineteure genormte Fertigprodukte im Biobaumarkt kauft (was mich im Nachhinein ärgert). Das einzige, worauf man achten muß ist, daß alles chemisch ein wenig aggressiv ist. Kalk ist nun mal alkalisch. Aber schlimmer als die Säure diverser Putzmittel kanns auch nicht sein, ich fass ja auch nicht in Antikal.
Auch wenn jeder Wandabschnitt, den ich verputze, noch ein wenig anders aussieht, es ist halt work in progress, habe ich einen Riesenspaß.

Man kann Griesspudding aus dem Kühlregal kaufen oder ihn selber kochen. Scheinbar verhält es sich mit Baumaterial nicht anders.

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Wegen Renovierung im Pausenmodus

Derzeit kann ich Sie nur auf ältere Beiträge verweisen.
Ich stehe auf der Leiter und hoffe, in diesem Leben das Büdchen noch fertigzubekommen.
Da bleibt nur Zeit, immer mal mit kalkstaubigem Daumen Stammtischsprüche in Twitter einzugeben.

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