Wenn der Eishersteller, der meine Verfressenheit am besten reizen kann, einmal im Jahr Eis verschenkt, sind der Graf und ich doch gern zur Stelle. Vor allem wenn diese Eisverschenkstelle fünf Gehminuten von unserer Wohnung entfernt ist.
Ich liebe dieses mit Zusatzkalorien vollgestopfte Eis. Die Neuheit ist etwas Eis in zwei Cookies. Eis in Gebackenem zum Anfassen ist nicht neu, aber ich hasste tropfende Eiscreme in glitschigen Waffeln. Domino hieß das wohl im Westen und im Osten gab es das auch.
Damit kann man sich zwar die nächste Mahlzeit sparen, hat aber ein leicht bekifftes Grinsen im Gesicht.
Vigil 42
Vor einigen Wochen hatte ich mit Spannung Siri Hustvedts „Gleißende Welt“ begonnen. Ich kam ungefähr bis Seite 100.
Hm ja, ich motivierte mich ein paar Mal, weiterzulesen, verlängerte die Leihe in der Bibliothek um vier Wochen und gab dann im letzten Drittel auf. Das passiert mir eigentlich nie, es sei denn, ich habe mich übel vergriffen (letztens bei Robert Ludlum, ein später „Bourne“, nach der zwanzigsten Leiche legte ich das Buch fluchend weg). Aber bei Siri Hustvedt wußte ich, was mich erwartet.
Vielleicht war es der Umstand, dass sie die Hauptfigur über ihr umfangreiches Schriftwerk und andere Menschen beschrieb. Das Buch kreiste um ein vorwurfsvolles Vakuum – warum die Heldin keine Anerkennung als Künstlerin bekommt. Alles das, was sie tut, die Scharaden, die Täuschungen, sind mir zu ausgedacht, zu sehr schriftstellerisches Planspiel.
Dabei ist nicht von der Hand zu weisen, dass Männer in ihrem Schaffen bei weitem ernster genommen werden. Dass es hier und da ein Fräuleinwunder gibt, fällt weniger ins Gewicht, da zeitlich begrenzt auf eine kurze Lebensphase. Aber wie diese Beweisführung, dass von einer Frau geschaffene Kunst, von einem Mann präsentiert, plötzlich wichtig wird, aufgezogen und geschildert ist, so verbittert, verkopft und resigniert, mag ich das nicht lesen.
Ich hatte ständig im Sinn, dass das die Ex von Paul Auster schreibt, den ich immer für überschätzt hielt und sie für unterschätzt, die lange Jahre in seinem Schatten stand und sich auch körperlich schmal machte. Und ich verstand nicht, welche Klage auf hohem Niveau die Hauptfigur führen kann. Als schwerreiche Kunsthändlerswitwe könnte sie es richtig krachen lassen, statt dessen stirbt sie an Bedeutungsmangelerscheinungen dahin. (Ja gut, da ist eine dramaturgische Steigerung eingebaut, ein Weichei und ein netter Kumpel sind ihre ersten beiden Künstlerdarsteller und am dritten, der wesentlich cleverer und härter ist, rennt sie vor die Wand und wird selbst zum Spielzeug. Aber es ist un-in-teressant!)
Da schreibt Siri Hustvedt das erste Buch, das keine Frauengeschichte ist oder einen männlichen Helden hat, der genauso ausufernd über Beziehungen redet wie eine Frau und es ist in trockener Papiertiger.
Aber vielleicht ist es genau das. Hätte es ein Mann geschrieben, würde ich es vielleicht ernster nehmen.
Vigil 41
Es hat sehr lange gedauert, aber ich bin nun in der Lage, mich von Kleidern zu trennen, in die ich nie im Leben mehr passen werde.
Eine Zeitlang habe ich gejammert. Einige Designerstücke, die dabei waren (nicht auffällig und luxuriös, aber schön), schmerzten mich, weil ich glaubte, nie wieder etwas von dieser Qualität tragen zu können. Ich lagerte sie zusammen mit dem einen oder anderen zugelaufenen Vintage-Stück in Unterbettkommoden und schaute sie einmal im Jahr an.
Mittlerweile weiß ich, ich kann genauso gute Kleider schneidern. Ich kann nun Schnitte besser anpassen und auch mit des Kindes Overlockmaschine umgehen und ich habe keine Angst mehr vor vollkommen versauten Stücken, weil ich Probeteile anfertige. Mit etwas Zuschnittökonomie sind auch gute Stoffe kein Problem.
Vor der Konfektionsindustrie (auch der gehobenen), habe ich mittlerweile so ziemlich den Respekt verloren. Das Einzige, was mich schmerzt, ist die viele Zeit, die ich aufwenden muss, um diese spezialisierte Arbeit auszuführen. Denn ich bin keine effiziente Expertin.
Früher habe ich Zeit durch Geld ersetzt und so lange probiert und geschaut, bis mir etwas passte und gefiel (also spielte auch Zeit wieder eine Rolle, ich bin mehrmals im Quartal Kleider kaufen gegangen). Heute lasse ich mich im Internet inspirieren und kann mir Looks selbst zusammenbauen. Und sie haben die Qualität und die Passform, die ich will. Das ist gut.
Die ersten Sachen stehen bei ebay, weitere werden folgen.
Vigil 40
Kleider-Schnitte selbst zu konstruieren, ist toll. Ich kippe zwischen Theorie und Praxis hin und her – erst ist auf dem Papier alles zwingend und logisch und auf dem Nessel-Probeteil sieht es dann gaaanz anders aus, aber das macht nichts. Dann kniffe ich hier noch etwas Stoff weg und lasse da etwas raus und in der nächsten Runde fällt mir wieder etwas auf, das ich optimieren könnte. Noch bin ich in den Anfängen. Wenn es irgendwann komplexer wird – Hosen, Jacketts – muss man mir wahrscheinlich das Weitermachen verbieten, sonst werde ich nie fertig.
Das ist erst einmal nur die Passform für das Dastehen, Passform in Bewegung ist noch anders und Kleidungsarchitektur ist eine Kunst.
Das gibt es in der Konfektion kaum noch. Da wird einfach Plastik-Vlies aufgeklebt, damit eine Form entsteht. Mit einem weichen Seide-Woll-Tweed sollte man das aber nicht tun.
Ich glaube, ich brauche mal zwei Jahre Zeit, um in diese Materie richtig einzutauchen.