Drei Jahre. (Und insgesamt schon fünf.) Ich bin sehr dankbar dafür, dass mir das Leben diesen Gefährten geschenkt hat. Dankbar für Geborgenheit, Verspieltheit und Kreativität. Wenn der Graf und ich uns nicht über den Weg gelaufen wären, hätte ich weniger Spaß gehabt.
Vigil 46
Lange nichts Neues aus Hypochondrien aufgeschrieben.
Wir haben derzeit einen Tomatenkindergarten in einem Regal am Fenster. Wenn die kleinen Toms groß sind, kommen sie zu Kind und Schwiegersohn ins Hochbeet, aber das dauert noch eine Weile.
Nun begab es sich, dass ich abends, an der Nähmaschine sitzend, zu schnaufen und zu niesen begann. Klar, die Birkenpollen fliegen derzeit, aber wo kommen die abends bei geschlossenen Fenstern her, wenn es zudem draußen regnet?
Irgendwann fiel mir ein, dass ich in meinem Landarbeiterinnen-Jahr, in dem ich im Gewächshaus vor allem an Tomaten gearbeitet hatte, fürchterlich allergisch auf die Pollen reagiert habe. (Das war gruselig. Mir lief das Wasser aus Nase und Augen und ich konnte mir nicht mal die Nase putzen, weil ich beim ausgeizen Gummihandschuhe trug, die völlig mit dem dunkelgrünen Blattsaft kontaminiert waren. Die Handschuhe zum Nase putzen auszuziehen, ging auch nicht. Denn bevor ich sie wieder anziehen konnte, tropfte mir die Nase wieder. Da ging nur noch laufen lassen.)
Hm, die Tomaten blühen noch nicht. Aber warum niese ich zu Hause so rum?
Vigil 45
Bei Twitter stolperte ich heute über diesen Text, der sich damit beschäftigt, dass Instagram den entspannten Urlaub kaputtmacht, weil Menschen ständig nach dem besten Fotomotiv suchen, um allen mitzuteilen, was sie sehen.
Wer sich noch an japanische Touristengruppen erinnern kann, die Europa ausschließlich durch den Sucher ihrer Kamera besichtigt haben, weiß, dass das Problem nicht neu ist. Nur, heute sieht es jeder, früher vergammelten die Fotos oder Dias in irgendwelchen Kellerecken.
Richtig gute Fotos machen, ist harte Arbeit, auch wenn die Kamera mittlerweile einem einen großen Teil abnimmt. Das Wesen und das Licht eines Ortes zu entdecken, macht man nicht mal eben so. Und wenn Profis einen berühmte Ort merkfähig fotografiert haben, warum sollte man das gleiche Foto noch einmal machen wollen?
Ich meide seit langen Jahren Orte, die auf Postkarten zu sehen sind. Denn es ist hochwahrscheinlich, dass sich genau an diesem Platz, den jeder kennt und in echt sehen will, die Leute tot treten. Und viele Leute und ich, das geht ja bekanntermaßen nicht so recht zusammen.
Überhaupt ist es reichlich absurd, dass alle zu Ort X hinlaufen, der legendär sein soll, während Ort Y so ähnlich aussieht und es keinen interessiert. – Mal ganz davon abgesehen, ist doch das Abenteuer, irgendwo langzulaufen, herumzustöbern etwas zu entdecken, ganz tief in einem drin. Mit dem Nachbau von Reiseprospektfotos überträgt man dieses Gefühl kaum nach außen. Zumindest ist mir das nie gelungen. Die schönsten Orte sah ich ohne Kamera.
Und wenn etwas tatsächlich einmalig ist, nutze ich die Zeit, wenn niemand da ist: Granada und die Alhambra in einer Mondnacht, das Elbpanorama der Schrammsteine vor 9 Uhr morgens und Kap Arkona prinzipiell in der Nebensaison.
Vigil 44
Die zweite große Razzia seit Anfang der Woche, einmal gegen Familien-Gangs und dann gegen das Rotlichtmillieu. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass da ein Innensenator, der von seiner Partei zum Bürgermeisterkandidaten aufgestellt wurde, effektvoll öffentlich punkten will.
Als wir das heute diskutierten, ging es unter anderem darum, ob Clan-Kriminalität, die nicht wie die Mafia die Verwaltung infiltriert, eigentlich die Bevölkerung schädige bzw. betrifft (mal abgesehen davon, wenn einer der Jungs mal wieder bedröhnt mit dem Auto unterwegs ist und jemanden umfährt). – Oder ob das eine ansonsten moderner organisierte Gesellschaft aussitzen könne, bis die Großfamilienstrukturen in der Moderne innerhalb einiger Generationen auseinanderbröseln.
Sozialbetrug und Steuererhinterziehung fallen wahrscheinlich nicht in dem Maße ins Gewicht, dass es die öffentlichen Finanzen nachhaltig schädigt. Drogenkriminalität bleibt innerhalb der Blase von Konsumenten und Dealern. Schutzgelderpressung betrifft meist andere Familienverbände/Strukturen, die ihre Dinge ebenfalls lieber unter sich regeln. Betrug und großangelegter Diebstahl betrifft Unternehmen, die das mit Versicherungen abfangen.
Ich sehe das nicht so gelassen und bin eher Anhängerin der Broken-Windows-Theorie. Was für ein Vorbild sind die Söhne solcher Clans für junge Leute aus einfachen Verhältnissen? Menschen, die sich mit Mühe durch eine Ausbildung quälen, für wenig Geld arbeiten oder vom Amt schikaniert werden, bei ein paar Mal Schwarzfahren im Knast landen können und schneller in Privatinsolvenz sind, als sie ihren kleinen kreditfinanzierten Luxus genießen können. Dagegen diese Typen mit ihren aufgepumpten Körpern, schnellen Autos und Teilzeitbegleiterinnen. (Mir sagte mal jemand ganz empathisch über einen von denen: „Hör mal, der war mit 19 Millionär. Der kann mit 30 doch nicht arbeiten gehen, wenn es mal schlechter läuft!“ Überhaupt ist arbeiten in der Szene ziemlich bäh. Man lässt arbeiten.)
Wer das toleriert, zeigt Leuten, die sich noch nicht richtig gefunden haben, dass sich die Mühe, ein gutes, faires Leben zu führen, nicht lohnt. Es gibt noch eine Menge anderer Argumente, warum Toleranz zwar funktionieren könnte, aber wiederum Kollateralschäden hinterläßt.
Egal, es ging zuerst im die Frage, was organisierte Kriminalität die Berliner Bürgerin anficht, die eher Probleme mit Diebinnen und Gewalttäterinnen bekommen könnte und sich sicher im Straßenverkehr bewegen möchte (vor allem mit dem Fahrrad). Aber mit 200 Leuten irgendwo einreiten und ein paar Verdächtige verhaften gibt natürlich die bessere Pressemeldung.
Ich bin gespannt, was als nächstes dran ist.
