Aus der Zeitkapsel

Mein Leben war bis vor 4 Jahren, als ich mit dem Bloggen anfing, fein säuberlich in Kladden verpackt. Es handelte sich um Texte mannigfacher Qualität, ich hatte nie einen durchgängigen Stil und es gab lange Pausen.
Die ersten Aufzeichnungen machte ich mit 12 oder 13. Filzstiftherzilein, Liebesschwüre, denn so mußte das wohl sein, so hatte ich das bei Freundinnen gesehen. Auch da brach mir schon der eine oder andere lange Text heraus. Reflektionen darüber, daß keiner kapiert, was in dem dicklichen, ruhig-trägen Mädchen eigentlich tobt und brodelt, Zukunftspläne. Einen Teil davon hatte ich mir tatsächlich mit 40+ verwirklicht.
Später viel Eitelkeit. Ich schaffte es, mich selbst bei diesen privatesten Aufzeichnungen noch zu deckeln, als würde jemand mitlesen. Bekenntnisse einer verzweifelten, aber mittlerweile ganz hübschen Seelenfresserin.
Ein ganzes Oktavbuch füllt das Trennungsjahr. Auch das nie ganz ehrlich, sehr egozentriert. Auf den Seiten hätte auch nur stehen können: ICHICHICHICHICH. Und als letzter Satz vielleicht: Ach, laß es doch sein.
Die Aufzeichungen von 2001 bis 2003 dagegen, die mir gestern abend in die Hand fielen, waren ein Geschenk, das ich mir selbst in die Zukunft sendete. Es ging wirr und ambitioniert los. Jede Menge assoziative Texte, fast unlesbar. Ich mußte mich nach den Jahren fanatischer Arbeitswut erst wieder freischreiben. Aber dann folgten 2 Jahre Aufzeichnungen, zu denen ich mich damals, wie ich mich erinnere, fast zwingen mußte. Keine Reflektionen sondern Notizen von Tagesereignissen, Gesprächen, Gefühlen, dem Wetter, des Zustands des Flusses vor meinem Fenster.
Der Text hat mich ernüchtert. Ich hatte gehofft, daß ich mittlerweile so reif geworden bin, daß ich nicht immer im Kreis rotiere. Ich habe wieder eine Siebenjahresschleife gezogen. Ich bin wieder an dem Punkt an dem ich sage: ich habe eine schöne, wilde und interessante Zeit hinter mir. Aber geht das nicht ein bißchen langsamer, nachhaltiger, weniger dramatisch? Damals hielt ich mir die Beziehung auf Distanz und war emotional verstrickt in meine Arbeit. (Ich schrieb allen Ernstes als Vorhaben auf, daß ich zu Weihnachten auf keinen Fall arbeiten werde, auch nicht für eine Stunde.) Heute habe ich nur die Vorzeichen gewechselt. Ich halte meine Arbeit auf Distanz und verstricke mich ungewöhnlich eng in eine Beziehung.
Der einzige Unterschied, den ich bemerke, ist, daß ich heute weiß, warum ich auf bestimmte Lebensbedingungen und Ereignisse so und nicht anders reagiere. Ich kenne meine blinden Flecken und meine No-Go-Areas, in denen es gefährlich wird und ich weiß, wie ich mich behandele, damit es mir gut geht, wo meine Gleise sind, auf denen ich fast von allein durchs Leben rolle und habe Blicke in Regionen geworfen, die ich gern noch erkunden möchte. Ich weiß also, was ich will. Das ist wohl das mindeste, was eine Frau Mitte 40 von sich verlangen kann.
Es wäre gut, wieder Zeitkapseltexte zu schreiben, auch wenn ich das Bloggen nicht aufgeben will. Die Grenzen, die ein Befindlichkeitsblog hat, kennt wohl jeder, der selbst eins schreibt. Irgendwann lesen Freunde und Verwandte mit. HeMan hat sich vor einem halben Jahr verbeten, erwähnt zu werden, auch wenn (oder vielleicht gerade weil) er nicht mitliest.

Im Übrigen scheint die Sonne heute morgen bis in meinen Hof, das sind die letzten Tage des Lichts für mich, bevor ich für ein halbes Jahr lang die Lampe auch am Tag brennen lassen muß. Wenn ich auf den Balkon gehe, sehe ich einen unverschämt blauen Himmel. Die Müllabfuhr ist schon zweimal piepend im Rückwärtsgang durch den Hof gefahren und Bauarbeiter sind mit dem Presslufthammer zugange. Es wird Herbst und ich weiß nicht, zu wem ich gehöre. Ich glaub, ich ich gehöre nur mir ganz allein.

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Böses Mädchen

1 Monat Fahrverbot für zu schnell. Das hab ich ja noch nie geschafft.
Wobei ich – natürlich – eine gute Ausrede habe. Bin ich doch in eine der Brandenburger Abkassierfallen reingefahren. Kilometerweit störungsfreie, glatte Autobahn mit Tempo 80. Irgendwann habe ich dann die Nerven verloren…

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52° 16′ N 14° 26′ O

Pilze sammeln mit dem Vater. Einen eigenen Pilzfleck zu haben, 5 Minuten Fußweg vom Sommerhäuschen entfernt, das ist ein riesiger Luxus.

Über uns die hohen Schreie eines jungen Adlers – das Adlerhorst ist ganz in der Nähe – und die Unterhaltung des Rabenpaares, das seit Jahren am Waldrand wohnt.
Wir sprachen wenig. Über die Herz-OP. Darüber, daß ihm zwei Ärzte und eine Psychologin geraten haben, er solle endlich leben und nicht nur funktionieren. Daß er so gern reisen möchte, die Mutter es aber völlig ablehnt. („Die Katzen…“)
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Die Schildpatt-Katze, die kleine Eidechse zum Geschenk bringt. Der weiße Kampfkater mit dem schwarzen Schwanz hat diesen Sommer neben diversen Mäusen eine Schlange, einen Koi-Karpfen und einen Vogel vor dem Haus abgelegt.
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Die Landschaft meiner Kindheit hat sich verändert. Ich erinnere mich an Müll, Lärm, Staub, Dreck, Schlamm und Smog. An müde, trockene Bäume, kaputte Straßen, das Gebrüll der W50-LKW. An komplizierte, mühselige, langsam zurückzulegende Wegstrecken in mitten von ausgelaugten, mit schwerer Technik kultivierten Äckern.
Brandenburg sieht aus wie ein Naturpark. Üppiges Grün, klare Luft, blauester Himmel. Subventionsparadies.