Ein wichtiger Tag. Um 9 Uhr stellte ich mein Auto an der Tanke an der Ecke ab. Es sollte noch einmal vollständig durchgeputzt werden, bevor ich zum Wertschätzungstermin fuhr.
Ich hübschte mich schweißfest auf und nahm meinen kleinen Panzer wieder in Empfang. Der junge Mann, scheinbar ein Ferienjobber, zeigte mir jeden entdeckten Kratzer. Als ich vom Hof fuhr, rief er mir noch nach: „Lieber das nächste Mal finanzieren und nicht leasen, dann dürfen sie das tolle Auto behalten und müssen nicht noch Kohle abdrücken.“ Süß.
Der Empfang in der „Mercedes-Welt am Salzufer“, wie man sich nennt, war wie immer, wenn ich dort ohne männliche Begleitung erscheine.
Man winkt mich wirsch weg „dit jeht hia nich“, als ich an der falschen Stelle parke. Ein alter Herr, der gleiches tut und sich aus seiner S-Klasse hangelt, wird wesentlich freundlicher darauf angesprochen.
Mein Verkäufer ist trotz Terminvereinbarung noch nicht am Arbeitsplatz. Ich frage mich durch und werde an einen Counter geschickt, der der richtige sein soll.
„Icke? Wer hat Sie denn zu mir jeschickt?“, fragt der Typ hinterm Schreibtisch, aber erbarmt sich dann doch meiner. Er nimmt die Daten auf, flippt mir einen Getränkegutschein über den Tisch und bescheidet mich, zu warten, der Verkäufer käme zu mir, wenn alles fertig sei, um das Ergebnis mit mir durchzusprechen.
Nachdem ich meine große Cola Light („Eiskaffee jibts nich auf den Gutschein, nur warmen und Softdrinks!“) getrunken, den Tagesspiegel zweimal und die Berliner Morgenpost einmal gelesen hatte, waren fast anderthalb Stunden um und mir reichte die Warterei.
Ich erkundigte mich beim Spender des Getränkegutscheins, ob der Wagen noch nicht fertig sei.
„Na schon lange! Wartnse ma.“
Ich machte ihm klar, daß ich nicht mehr warten wollte, weil mein nächster Termin anrückte. Er ging mit mir zu einer jungen Dame, die per Walkie-Talkie eine andere junge Dame kontaktierte, was denn der Verkäufer mache.
„Hattn Kundengespräch.!“
„Sarense ihm, die Frau … Wieshießensienochma? wartet auch auf ihn.“
…Spratzelfarz…
„Ja und, wat hatter jesacht?“
„Sie solln sich hinsetzen und warten.“
Ich war auf 180. Das die finanzielle Kulanz nicht ganz groß ist, wenn man kein Nachfolgemodell wählt, das wußte ich.
Das niemand auch nur ein Interesse daran hatte, eine markentreue Kundin bei der Stange zu halten und manierlich zu behandeln, auch wenn sie vielleicht erst in zwei oder drei Jahren wiederkommt, stank mir gewaltig. (Und ich habe dort keine Kettcars geleast.)
Ich telefonierte und verschob die nachfolgenden Termine. Am liebsten wäre ich sofort gegangen. Dann stand der Verkäufer glücksstrahlend vor mir, merkte aber sehr schnell, daß ich angefressen war und machte es kurz.
„Das ist teuer. Summe X.“
Ich überschlug alles kurz, zog die Minderkilometer ab, da ich den Wagen aus Krankheitsgründen ein halbes Jahr nicht gefahren war und fand es einigermaßen erträglich.
Den Verkäufer zog es schon wieder zum nächsten Kunden.
Ich sagte die Termine trotzdem ab. Die Hitze machte mir zu schaffen. Außerdem muß ich etwas aufpassen, wohin ich gerade meine Energie packe. Gerade die Leute, an denen ich Jahre nichts verdient habe möchten jetzt eine ausgiebige persönliche Beratung und möglichst in einer Kneipe in ihrem Stadtviertel. Ich sage natürlich erst einmal aus schlechtem Gewissen Ja und ärgere mich hinterher krumm und dämlich.
Ich fuhr nach C-Burg, hielt eine Siesta und setzte mich an die Arbeit. Am Tag zuvor hatte Babeltext, das neue Arbeitsfeld, den ersten Auftrag. Bezahlt. Was heißt, daß ich langsam in die Hufe kommen mußte, eine ordentliche Homepage zu machen. Sonst existiere ich ja garnicht mehr.
So verbrachte ich den Abend im Schein von Tastatur und Petroleumlampe auf dem Balkon.
13.7. 10
Unglaublich, wie erleichternd ein wenig Abkühlung sein kann. Aus den schwarzen Wolken über uns regnete es, doch es kam kaum ein Tropfen auf der Erde an. Dafür beugte mir ein Ausläufer eines nächtlichen Gewittersturms meine kräftigste Tomatenpflanze. Selbst schuld, sie hätten längst angebunden gehört.
Der Vormittag verging mit Telefonaten mit den Klienten. Ich lerne viel und ich halte meine Schuldgefühle klein. Denn ich bin in einer Situation, in der ich keinem alles recht tun kann.
In einem Gespräch kam noch einmal das Thema Krankheit verschweigen oder darüber reden zum Zuge. Ein Klient wechselte vor anderthalb Jahren zu mir, weil seine Agentin für ihn nicht mehr erreichbar war. Er bekam nur ihre Assistenz mit der Auskunft, sie sei schwer beschäftigt, ans Telefon und wenn er sie persönlich sprach, schien sie nicht bei der Sache. Erst lange nach seinem Weggang rückte sie damit heraus, daß sie ihm das extrem übel nahm. Sie hatte einen Herzinfakt und war fast ein Jahr damit beschäftigt, wieder gesund zu werden. Nun passierte ihm etwas ähnliches mit mir. Und auch von mir erfuhr er erst im Nachhinein, daß ich abgetaucht war. Ich halte meine Schweigepolitik immer noch für richtig, weil sie mir den Druck nahm, Rechenschaft darüber abzulegen, wann ich wieder einsatzfähig bin. Ich glaube immer noch nicht daran, daß die Leute zu mir gehalten hätten, aber vielleicht irre ich mich da auch.
In den Nachmittagsstunden versuchte ich der Hitze auszuweichen, was so gut wie sinnlos war. Ich halte mittlerweile am späten Nachmittag Siesta und arbeite dann fast bis Mitternacht, wenn es kühler wird.
Die Homepage für das neue Projekt drängt. Noch ist „Babeltext“ ein vernachlässigtes Blog, es soll mehr daraus werden. Die Homebase und Kommunikationszentrale für meinen neuen Projekte. Wobei ich viel darauf setze, daß sich ein freier Beruf per work in progress konturiert.
Auch gestern zelebrierte ich Ernährung der fiesesten Art. Chili-Nachos mit Cheese-Dip, der die Konsistenz von gelbem Pudding hatte, gebratener Leberkäs mit Kartoffel- und Krautsalat. Alles Industrieprodukte, die ich vor vier Wochen nicht einmal angesehen, geschweige denn gegessen hätte. Und das geht so, seit ich um Alkohol einen großen Bogen mache. Das scheint die Transformation des Sündenmaßes, das jeder Mensch braucht.
Dann lieber dreckigen Sex als fieses Essen.
Der Abend verging mit dem Entwurf eines Artikels, danach blieb nur noch, mit wenig Kleidung und einem Handtuch ins leergeräumte Bett zu fallen.
Mein Freund, der Dienstleister
Für Artikel über die bessere Gesellschaft ist ansonsten Don Alphonso in der FAZ zuständig. Doch meine Charlottenburger Beobachtungen muß ich endlich einmal niederschreiben.
Früher hatten reiche Menschen GesellschafterInnen. Meine Großmutter wäre gern eine geworden, wenn nicht alles ganz anders gekommen wäre – so verfiel sie dem Charme eines attraktiven, ehrgeizigen Jungkommunisten und wurde lange Jahre später Generalsgattin.
Eine GesellschafterIn ist eine meist weibliche Person, die gegen Bezahlung bei einem alleinigen Menschen lebt. Ihr Bildungs- und gesellschaftlicher Stand unterscheiden sie vom Dienstpersonal. Sie ist eine Oberschichtperson ohne eigenes Kapital. Sie unterhält und begleitet ihre/n ArbeitgeberIn bei Reisen und Veranstaltungen, nimmt gesellschaftliche Pflichten ab und organisiert das Gesellschaftsleben. Die Vermeidung verwandtschaftlicher bzw. ehelicher Kontakte wird bezahlt. Gesellschafter gibt es heute vorwiegend in Form von Seniorenbegleitern.
Heute haben reiche Menschen Freunde, Kumpels, Kollegen und wenn nicht, was nicht so selten vorkommt, haben sie Dienstleister. Ich weiß nicht, wann die erste Gesellschaftsdame (also eine, die sich qua Einkommen und Position ihre Mannes so fühlen durfte) ihren Friseur auf eine Gala mitnahm.
Da wir heute alle ach so demokratisch und gleich sind und keinerlei Standesschranken haben, treckt eine Bekannte von mir – erfolgreiche Unternehmerin, Fernbeziehung, ohne Freunde – ihre kroatische Putzfrau samt bauhandwerkendem Mann in den International Club. Die beiden – schöne und fleißige Menschen um die 40 mit drei wunderbaren erwachsenen Töchtern – wären nicht das, was sie jetzt sind, hätte sie nicht der Bürgerkrieg nach Berlin verschlagen. Insofern ist das Handeln der Bekannten nicht grundverkehrt. Gäbe es in der kroatischen Heimatstadt einen International Club und wäre alles ganz anders gekommen, wären die beiden dort respektierte Mitglieder. Doch so fallen sie auf. Mit ihren altersgemäßen, ungebleichten echten Zähnen, die wir für „schlecht“ einordnen, mit ihrer mittelpreisigen Casual-Kleidung, schlechten Schuhen, Schmuck und Uhren. Die Bekannte merkt das nicht. Die beiden schon. Sie sagen nicht, daß es ihnen peinlich ist und sie sagen nicht ab, schließlich werden sie von einer wichtigen Arbeitgeberin mitgenommen. Ob sie tatsächlich eingeladen wurden, weiß ich in diesem Fall nicht.
Die beiden haben mich und die hart arbeitenden und wohlhabenden Bekannten auf mehrere Fußballevents begleitet. Die Frau hielt sich im Hintergrund, trank Wasser und bestellte kein Essen, sie hätte zu Hause gegessen. Der Mann trank Bier und aß anstandshalber von den in die Mitte des Tisches gestellten Tellern und Platten. Als es ans Bezahlen ging und nach typisch deutscher Manier geteilt wurde, zahlte der Mann ein Drittel. Jeder hielt das für normal.
Als ein anderer Bekannter sich mit dem bauhandwerkenden Mann zum Fußball treffen wollte und der die Location mit den Worten „zu teuer“ ablehnte , stieß er auf Befremden. Er käme doch sonst immer mit.
Keiner dieser Leute sah genau hin und dachte weiter nach als über den Abschein seines glänzenden Egos hinaus.
Wenn sie für dich Dienstleister sind und dir angemessen hohe Rechnungen stellen, dann brauchen sie das Geld zum Leben und dazu, ihre drei Töchter studieren zu lassen und die Eltern in der Heimat zu unterstützen. Nicht um mit dir in deinen Lokalen die Abende zu verbringen und deinen Monologen zuzuhören, damit du das Unterhaltung nennen kannst und das Gefühl bekommst, einen Freund zu haben und wenn ihr zahlt, teilt ihr euch die Rechnung, du möchtest ja nicht gönnerhaft sein.
Simulakren wohin wir schauen. Die Dauerfreundin ersetzt die Ehefrau. Der Dienstleister den Freund. Das süße arme Patenkind im exotischen Land den eigenen Nachwuchs. Ohne Verpflichtungen, fast für low und jederzeit stornierbar
12.7. 10
Gestern war der erste Arbeitstag in meinem neuen Büro. Es fühlt sich verdammt gut an. Kein Straßenlärm, nur die Vögel spektakeln und die Bäume im Hof rauschen (so Wind ist natürlich). Jetzt fehlt nur noch etwas Feintuning. Die Küche erneuern und noch ein paar Möbel aus dem Lager holen, den Balkon und die Fenster putzen und schon ist es nett.
Die brüllende Hitze verhinderte jede Effizienz. Die Person, die mich auf den Abschiedsbrief hin hysterisch beschimpfte, nahm meinen Support in einem einstündigen Telefonat in Anspruch, verriet aber am Schluß noch, daß sie seit Monaten auf der Suche nach einem anderen Dienstleister ist. Jeder hat seine eigene Hölle, ihre ist die Unsicherheit.
Die Gespräche mit den anderen Klienten haben ihre Panik verloren, es kommen Respektsbekundungen und sogar Glückwünsche für den konsequenten Aufbruch.
Trotzdem waren die Telefonate anstrengend. Wie gut, daß die Matratze schon daliegt, ich legte mich nachmittags zum Schlafen hin, das Handtuch im Schlepptau, daß mich schon den ganzen Tag begleitete, nicht weil ich Vogonen begegnen könnte, sondern weil mir der Schweiß in die Augen lief.
Nach zwei Stunden hatten sich trotz geschlossener Fenster und Jalousien Treibhaustemperaturen entwickelt. Ich tat noch ein paar Handschläge und radelte nach Hause.
Ich stand vor der bei den Temperaturen absurden Aufgabe, etwas zum Essen zu besorgen. Denn ich war mit dem besten heterosexuellen Freund zum Baden verabredet. Was seit Jahren heißt: kleines Picknick, für das ich sorge und eine Flasche Prosecco, die er mitbringt. (Außerdem Autan, denn die brandenburgischen Seen sind voller Mücken.)
Ich kaufte, reichlich erstaunt darüber, daß Rogacki in der Woche schon um 18 Uhr schließt, bei Ulrich Kaßlerbraten, Leberkäs, Kartoffelsalat und herrlich fiese Tuben Grillsenf und Ketchup-Majo-Mix und sauste gen südöstliche Stadtgrenze.
Das war einer der Momente, in denen ich noch einmal die Dekadenz meines Autos genießen konnte. Bei geschlossenen Fenstern und offenem Dach macht die Klimaanlage einen herrlichen Kältepool daraus. Über mir zischte der Wüstenwind und ich sag laut: „Ich möchte ein Eisbär sein“. Besonders die Zeile „Eisbären müssen nie weinen“ hat es mir schon immer sehr angetan.
Beim Freund angekommen, erfuhr ich, das das Picknick mit seinen beiden Töchtern am Abendbrottisch stattfindet. Alkohol fällt auf Grund des letzten Ereignisses für mich ohnhin aus, also gab es auch keinen Prosecco.
Mit dickem Kartoffelsalatbauch philosophierte ich noch darüber, ob mein Körper das Fehlen von Alkohol nun mit Heißhunger auf Kartoffelsalat mit Mayo kompensiert und wir führen an einen allerliebsten See, der warm wie eine Badewanne war.
Auf der Decke im Sand philosophierten wir über das Leben, meinen neuen Beruf (der Freund unterstützt mich sehr bei der Neuausrichtung) und das ewige Männerfrauenthema. Seine Freundin, die er nach 4 Jahren nun auch in der Öffentlichkeit zuläßt, ist mir nämlich zu devot. Sie himmelt ihn ohne Ende an und kommt nur, wenn sie gerufen wird. Ich fragte mich, ob sie ihm nicht irgendwann langweilig würde. Er meinte aber, er würde auch mit dem Alter ruhiger und bräuchte keinen Streß mit unzufriedenen Weibern mehr. Sie würde auf diese Weise ohnehin eine Menge bei ihm erreichen. Hmja. Ich lerne, glaube ich, nie so zu sein, wie Männer Frauen gern hätten.
Weil in unserem Blickfeld drei riesige Gewitterwolken anfingen, in Blitzen zu leuchten, fuhren wir nach Hause, er hatte nämlich alle Fenster in seinem Haus offen gelassen und traute seinen (volljährigen) Töchtern nicht zu, daß sie diese rechtzeitig schließen.
Ich hielt mich nicht mehr lange auf, warf die Decke und den restlichen Kartoffelsalat für morgen in meinen kleinen Panzer und fuhr die Stadtautobahn gen C-Burg. Den schwarzen Wolken und Blitzen entgegen, begleitet davon: