Die Abkühlung der Nacht war marginal, eine halbe Stunde Regen, der kaum die Erde erreichte, aber jeden Menge dicke Wolken.
Da ich kaum geschlafen hatte, weil ich immer auf dem Sprung war, die Fenster zu schließen (Gewitter und Regen) oder zu öffnen (zu heiß), ging ich den Morgen langsam an. Mit Kaffee und Zeitung im Bett und einem mittelprächtigen, kühlenden Sturzregen, später mit Wäsche waschen und putzen.
Als wir einige Stunden später auf dem Markt gingen, waren die Straßen schon wieder komplett trocken, aber der Staub war für einen Tag verschwunden.
Das ist eine Sache, die ich nicht verstehe. Berlin wird von Sommer zu Sommer trockener und damit staubiger. Es liegt in einem sandigen Umland, hat jede Menge Straßen, Verkehr und Menschen und damit Windkanäle, Reifenabrieb, Pollenflug, getrocknete Hundescheiße und banalen Dreck in der Luft. In Barcelona wird jeden Abend, bevor es dunkel wird, die ganze Innenstadt mit Wasser besprengt. Warum bekommt das hier keiner hin? Berlin steht auf Wasser, Mangel kann es nicht sein.
Ich verbrachte den Nachmittag mit einer Siesta und diesen ungezählten kleinen Handgriffen in einer Wohnung, die man nicht unbedingt sieht.
Am Abend gingen wir auf das Jazzfest am Schloß Charlottenburg. So richtig enthusiastisch machte mich das nicht. Gehobene Kirmesstimmung mit Dritte-Welt-Produkten und exotischen Essen. Dazu eine bombige Soulsängerin, die den Laden rockte. Aber es war alles recht beliebig.
Später saßen wir noch auf einen Wein vorm Pan delgli Angeli. Es war nett, aber zu teuer. Am Nebentisch berichtete ein Berliner Paar dem Paar, das aus der Provinz zu Besuch war darüber, was im Kit Kat Club so abginge. Hihihi.
Die Nacht versprach seit langem einmal erholsamen Schlaf.
18.7. 10
Gut ausgeschlafen früh aufzustehen kann schön sein. Wir frühstückten und lasen in aller Ruhe Zeitung. Dann sattelte der Mann das Auto, denn es war windig. Ich blieb zu Hause. An einem kühlen Tag frierend einem Surfer beim Spaß haben zusehen war noch nie meins.
Ich leiste mir den Luxus, am frühen Mittag noch mal für ein Schläfchen ins Bett zu gehen. Mal scheuen, wann diese Mega-Schlaferei endlich vorbei ist. Wenn das ein anerkannter Beruf wäre, könnte ich viel Geld damit verdienen.
Den Nachmittag verbrachte ich mit dem Herrn Glamourdick auf seinem Dachbalkon, bei Kaffee und Törtchen.
Der Abend war häuslich. Antipasti vom Grill,
Werbepause.
TaATAAAA!
Weiter im Programm.
dazu gegrillte Hähnchenbrust in Zitrone mariniert.
Dann Bettwäsche bügeln. Sie bügelt sich übrigens schneller, wenn man sie mangelfeucht im Trockner für ein paar Stunden vergißt und kalt werden läßt, konnte ich gestern lernen.
Nachdem ich den auf dem Sofa eingeschlafenen Mann ins Bett bugsiert hatte, war dann auch Nachtruhe.
16.7. 10
Ein höllenheißer Morgen nach einer höllenheißen Nacht.
Ich radelte zum Büro und hielt beim Drogeriemarkt, um Haargummis und -klemmen zu kaufen. Nie mehr nasse Haare im Nacken! Das 4 cm lange Pferdeschwänzchen ist das erste seit fast 20 Jahren. Um die Haare lang zu züchten, braucht man nur eine Depression, die Friseurbesuche und Frisurentscheidungen blockiert.
Als ich dann am T-Punkt vorbei kam, dachte ich mir: krieg doch mal raus, ob VDSL in deinem Nestchen überhaupt klappt. (Arcor behauptet, es gingen nur 6000 Mb.) Die Hotline der Telekom wiederum behauptete, es überhaupt nicht feststellen zu können, da der Port vom anderen Anbieter blockiert sei. (wtf?). Im Internet hieß es: kaufen Sie einfach, wir bieten Ihnen, wenn die gewünschte Datenrate nicht möglich ist, einfach eine andere an. (wtf????)
Der Typ im Laden spulte seine Komplettverkaufe ab:
Ickeso: Ich möchte von einem anderen Anbieter wechseln und ein Angebot für eine 25.000er Datenrate und einen Festnetzanschluß mit einer Rufnummer haben. Ich bin Heavy-Internet-User und brauche keine Hardware oder solche Sachen wie Fernsehen.
Verkäuferso: Wo wohnen Sie denn?
Ickeso: Daundda, bayerisches Viertel.
Verkäuferso: Ja, klar, da gehen sogar 50.000 Mb.
Ickso: Prima, dann drucken Sie mir doch ein Angebot aus.
Verkäuferso: Ja…ne, das geht nicht. Wir brauchen übrigens dann auch ein, zwei Wochen, um DSL einzurichten.
Ickeso: Da liegt schon DSL.
Verkäuferso: Trotzdem kann das sein, daß das nicht sofort klappt. Kennen Sie denn unser Entertain-Angebot? Das ist nur 10 € teurer, da können Sie ganz toll fernsehen. (Zieht mich zu einem Riesenflatscreen.)
Ickso: Ich ziehe mir die Sendungen aus dem Netz, ich habe gar keinen Fernseher.
Verkäuferso: Aber das ist doch toll. Schauen Sie mal, sie haben das ganze Fernsehprogramm auf einen Blick auf dem Bildschirm.
Ickso: Dafür habe ich eine App auf dem Handy.
Verkäuferso: Aber wenn Sie abends von der Arbeit kommen und ihre Lieblingsserie ansehen und ihre Freundin ruft mittendrin mit Liebeskummer an, können Sie einfach auf „Pause“ drücken, bis zu 90 Minuten lang! Das wird alles da in dem Kasten gespeichert.
Ickseso: Das kann man doch bei jedem Videostream. Da muß ich nicht mal zwischenspeichern.
Verkäuferso: Und Sie können Ihre Lieblingssendung aufzeichnen, wenn Sie mal nicht zu Hause sind.
Ickso: Ich sehe kein Programmfernsehen! Ich sehe mir Sendungen aus dem Netz an, wann ich will! (Argh!)
Verkäuferso: Und dann bekommen Sie zur Zeit auf tolle Samsung-Fernseher wie diesen da bis zu 600 € Rabatt.
Ickeso: Danke, ich brauche keinen Fernseher. Können wir jetzt bitte mal die Angebote durchgehen, die ich brauche?
Verkäuferso: Und wenn Sie ganz zu uns wechseln wollen, dann können Sie auch ein iPhone bekommen!
Ickeso: Ich habe ein iPhone.
Verkäuferso: Aber sie können damit toll surfen und es ist garnicht teuer. (Nennt mir einen billigeren Tarif mit dem Flatratevolumen des teureren.)
Ickseso: Danke. Drucken Sie mir bitte einfach das Angebot für die 25.000er Flatrate und eine Telefonnummer aus.
Verkäuferso: Das geht nicht, dafür haben wir nur Prospekte. Sie können aber den Vertrag jetzt gleich unterschreiben und ich mache sofort die Kündigung für Ihren alten Anbieter fertig.
Ickeso: Nein, ich will Preise vergleichen. Geben Sie mir bitte die Prospekte mit.
Der Verkäufer händigte mir einen Prospekt für Entertain, den Fernseherrabatt und das iPhone aus. Das, was ich wollte, war nicht dabei.
Wäre der Laden nicht klimatisiert gewesen, wäre ich nach 2 Sätzen schreiend rausgerannt.
Scheinbar lockt die Telekom mit irren Wechselrabatten auch Leute, denen Sie das Angebot garnicht zur Verfügung stellen kann, indem sie sich per Ausrede um die Verfügbarkeitsprüfungen mogelt.
Der Arbeitsmorgen war leidlich produktiv. Ich stand in Gedanken schon dreimal vor der Wohnungstür, um mir draußen etwas zum Mittagessen zu holen, weil es am Schreibtisch einfach zu heiß war und ich keine Lust mehr hatte.
Ein Anruf vom Mann, den ich längst mit dem Surfbrett auf dem Wasser wähnte, rettete mich: Ob ich mitkäme an den Wandlitzsee.
Das war genau die Frage, auf die ich gewartet hatte. Ich sprang aufs Rad, sauste nach C-Burg und kaum anderthalb Stunden waren wir im Wasser. (Der Weg quer durch Berlin wäre noch zu optimieren.)
So kam es, daß ich an diesem Nachmittag zum ersten Mal auf einem kleinen, schmalen, kippeligen Board stand und versuchte, das Segel aus dem Wasser zu hieven. Als ich es dann tatsächlich mal richtig in der Hand hatte und ein Windlein kam und mich mitnahm, war ich so erschrocken, daß ich mit „Auweia! Mutti!!!“ ins Wasser platschte.
Spaß machte es trotzdem und wenn das eine dauerhaftere Einrichtung wird, könnte ich auf meine alten Tage surfen lernen.
Vom See zurückgekehrt, testeten wir endlich den Griechen am Winterfeldtplatz.
Das Schöneberger unterscheidet sich beträchtlich vom Charlottenburger Publikum. Die Charlottenburger Dame ist entweder lukrativ verheiratet und bringt das in ihrem dezent-schön-unpraktischen Äußeren zum Ausdruck oder sie ist auf Männersuche, dann ist das Outfit dezent sexy, hat aber immer noch Perlenketten- und Hermestuch-Appeal. (Mal abgesehen von den ledigen und verheirateten Russinnen, die sehen alle aus wie dürre Pfingstochsen.) Charlottenburger Männer sind zu 99% hetero und sehr erfolgreich oder tun zumindest so. Schöneberger Frauen sind dominant und tragen die Klamotten, die ihnen gefallen und die die sich leisten können. Da hat dann auch schnell mal eine verknitterte Mittvierzigerin mit Säuferstimme ein Neckholder-Blümchenminikleid zusammen mit ein paar Ketten aus bunten Plastiksteinen über den schwarzen BH gehangen und ihre Freundin, ein aus dem Leim gegangenes Dromedar, trägt ein Etuikleid mit schwarz-weiß-Diagonalen und sieht damit aus wie ein Verkehrsschild. Die Männer sehen nach allesverstehenden Lehrern und Sozialarbeitern in verschiedenen Frustrationsstufen aus. Heteromänner sind ohnehin in der Unterzahl. Von der schwulen Fraktion ist alles vertreten: Bären, Boys, Elfen, Roland Emmerich, nur der gemeine Lederkerl scheint aus der Mode oder geht bei den Temperaturen nicht raus, weil es zu heiß ist für die Lederhose.
Lesben erkennt man am Haarschnitt, der in der Regel das akkurateste und neueste an ihnen ist. Sind sie paarweise unterwegs, sitzen sie sich schweigend gegenüber und strahlen die Lebensfreude eines Ehepaares aus, das es mit Ach und Krach zur Goldenen Hochzeit geschafft und nun auch keinen Antrieb mehr hat, sich scheiden zu lassen.
Das Essen war übrigens hervorragend. Unsere Aufmerksamkeit war allerdings von den drei Leuten am Nebentisch gefesselt. In anderthalb Stunden zum kommunikativen Desaster. Die drei schienen sich von der Schule irgendwo in der westdeutschen Provinz zu kennen und regelmäßig zu treffen. Einer der Typen hatte gerade einen Job bekommen und laberte die anderen beiden (einer hatte schon eine sehr gute Anstellung, das Mädchen studierte noch) nach Strick und Faden tot. Nahm jede Bemerkung des anderen, um noch einen Superchecker-Satz zu sagen und sein Superurteil zu fällen, bis die beiden anderen garnichts mehr sagten. Er merkte das nicht, sondern schwallte nun im Monolog. Die drei gingen hinterher übrigens nicht mehr wie geplant zusammen zu einer Party.
Den ersten Teil der Nacht verbrachte ich übrigens im Liegestuhl schlafend auf dem Balkon. Wenn mich der Regen oder der Sturm des am Horizont tobenden Gewitters wecken würde, könnte ich alle Fenster und Türen schnell schließen und ins Bett kriechen. Allerdings weckte mich gegen halb 3 ein riesiger, tagheller Blitz. Ich habe Angst vor Blitzen und mag auf einer Dachterrasse kein Auslöser für einen Potentialausgleich sein. So verschwand ich dann noch im brütend heißen Schlafzimmer.
15.7. 10
Die Nacht war bewegt. Als ich endlich in der brütenden Hitze eingeschlafen war, weckte mich das Krachen der weit offenen Fenster. Ein Sturm war aufgekommen. Ich machte alles dicht, aber nicht so dicht, daß ich das Gefühl hatte zu ersticken. 20 Minuten später, ich war gerade wieder fest eingeschlafen, kroch ein Geräusch in meine Träume. Regen. Es wäre ein Grund gewesen, sich noch einmal erleichtert umzudrehen, aber mir fiel ein, daß der weiße Sonnenschirm noch auf dem Balkon war. Im Hochsommerschlafkostüm und komplett verpeilt, bastelte ich die sturmfeste Vertäuung auf. Regen auf der Haut ist schön, der Gedanke, daß der Sonnenschirm gleich in den Hof kracht, weniger.
Ich kroch wieder ins Bett. Der Regen hatte nach einigen Minuten aufgehört. Die Wohnung war durch die geschlossenen Fenster unerträglich stickig. Ich schlief eher schlecht.
Morgens mußte alles ganz schnell gehen. Frühstück im Stehen, Wohnung aus dem Messiemodus rausholen, denn der Mann kam am Nachmittag aus der Heimat zurück, Blumen gießen.
Ich radelte nach Schöneberg zum Unternehmensberater. Nachdem wir ein halbes Jahr lang katastrophale Sitzungen hatten, weil ich im Grunde zu nichts in der Lage war, läuft es jetzt hervorragend. Wir entwickelten die Grundstruktur der Homepage, die nun nur noch in Design und gut zu lesende Worte gebracht werden muß und er schaute auf das, was mir Mercedes in die Hand gedrückt hatte und fand es höchst befremdlich. Ich merkte auch, daß einige Sachen, die dort standen, hinten und vorne nicht stimmten.
Der Weg vom Unternehmensberater zum Büro ist mittlerweile herrlich kurz. Einmal quer über den Bayerischen Platz.
So langsam nervt die provisorische Küche, aber ich hatte vom Umzugsbroker immer noch kein Angebot, was es kosten würde, die Sachen aus dem Lager zu holen und fürs Fenster- und Fußbodenputzen war es mir doch zu heiß.
Im schaffe-schaffe fiel mir auf, daß der Festnetzanschluß nicht funktioniert (ich telefoniere ohnehin immer über Skype). Der Rest des Nachmittags verging im Preisvergleich der Telefonanbieter.
Schnelles Internet ohne blödsinnige Fernsehportale und Festnetz abgespeckt auf fast nichts, das wäre ok. VDSL funktioniert dort. Hm. Mal schauen.
Am Abend mußte ich den Mann enttäuschen, ich war zu müde, um noch mal in irgendeine Kneipe loszuziehen. Außerdem finde ich es blöde, in meiner finanziellen Situation in Kneipen zu essen. Wegen des Unterhaltungswerts ist es mir nicht wichtig und dieses permanente Ausgehaltensein krieg ich dann doch bei der einen oder anderen emotionalen Situation aufs Brot geschmiert. Nix für mich.
Ich ging früh ins Bett. Endlich eine Nacht, in der es möglich war, etwas früher Schlaf zu finden.