Wieder ein Montag. Nach dem ereignisreichen Wochenende hatte ich Probleme, aus dem Bett zu kommen. Leider habe ich auch abends immer wieder Probleme, das Buch endlich wegutulegen und das Licht auszumachen, obwohl mir vor Müdigkeit die Augen tränen.
Der Tag, den ich so spät begann, war mit Aufräumarbeiten gefüllt. Mir ist immer noch nicht ganz klar, daß mein kleines Zimmerchen ab Mittwoch mit 27 Kartons und ein paar Möbeln gefüllt ist, die ich irgendwie auspacken muß. Der Stauraum dafür ist minimal.
Da ich ob der Enge strikt planmäßig vorgehen muß, es gibt Stellen in der Wohnung, die unverrückbar zugestellt werden, scheuerte ich als erstes den Terrazzo-Boden im Bad mit heißer Lauge. Der Drogist wollte mir dafür partout keine Salzsäure verkaufen, sondern riet zu Soda. Sauberer wurde der Boden damit leider nicht, vor allem an den Ecken, an denen er scheinbar verkalkt war. Dann war es mir aber auch egal, so pingelig bin ich nicht. Ich rieb die Fläche mit flüssigem Bohnerwachs ein, das unheimlich nach Terpentin roch und mir jede Menge Kindheitserinnerungen bescherte. Denn nach den Sommerferien war der Linoleumboden in der Schule immer mit einer dicken Schicht ochsblutfarbenem Bohnerwachs bedeckt, die wir Kinder dann erst einmal blank schlitterten.
Dann bügelte ich noch den Stucco blank, der demnächst hinter dem Bett verborgen sein wird. Das nächste wäre gewesen, das Handwerhszubehör und übrig gebliebenes Material aus der Küche zu räumen, doch ich kapitulierte, verschob das auf den nächsten Tag und fuhr nach C-Burg, um mit einen netten Abend zu machen.
1.8. 10
An diesem Sonntagsmorgen war mir eher nach gepflegt im Bett herumlungern, denn die Woche war anstrengend und der Samstag ohne Ruhepause.
Da ich aber schon vor einer Woche bekundet hatte, dringend auf den Schlachtensee mitzuwollen, riß ich mich zusammen. Fabrizierte aus Kartoffeln, Selleriestangen, Paprika, Zwiebeln und Tomaten einen seeeehr gesunden Salat, kuschte meinen inneren Schweinehund, der vernehmlich „Mittagsschlaf“ knurrte, in die Ecke und fuhr Richtung Elvirasteig.
Der Herr Lucky kam kurz nach mir in Verwandtschaftsbegleitung, anderen war es dem Vernehmen nach zu windig und so waren wir nur zu dritt und ohne den formidablen Herrn Glam, der der zur Stammbesatzung des Shantychores gehört, aber in den Harz abkommandiert war.
So hatte denn jeder ein Boot, hielt den dicken Bauch in die Sonne und die Augen weitgehend offen, um die anderen informieren zu können, wann mal wieder jemand vorbeischwamm oder -paddelte, den man sehr gern retten würde. Aber der einzige, der zutraulich wurde, war ein alter Herr der Sorte: „Wenn ich mich mager hungere und jede Menge Sport treibe, wirke ich 20 Jahre jünger“, der sich erschöpft festhalten mußte, um kurz darauf weiter zu schwimmen. Wahrscheinlich trainierte er für einen Triathlon.
Wir blieben, bis die Sonne verschwunden war. (und überhaupt war es nach zwei Stunden garnicht mehr windig und sehr sonnig), teilten die Boote neu auf, denn eines hatte sich sozusagen verdünnisiert, konnte die Luft nicht halten und ruderten in Ruhe zurück. Ich hatte mittlerweile sogar eine Technik gefunden, bei der ich mich nicht mehr nur im Kreis bewegte.
Das Abendlicht machte aus uns Normalos unglaublich schöne und entspannte Menschen, ich mußte immer wieder hinschauen.
UNd dann war ich nur noch müde.
31.7. 10
Ich fiel früh aus dem Bett, denn ich hatte dem Kind versprochen, die endlich eingetroffene Overlockmaschine mit ihr aus dem Laden abholen.
Vorher bekam ich natürlich bei den beiden noch ein ordentliches Frühstück und begutachtete die Plantage rieeesiger Tomaten auf ihrem Balkon. Das Kind hing etwas in den Seilen, denn sie hatte ihre erste Hausarbeit beendet und ihr war jede Sch… passiert, die dabei passieren kann: gebummelt und zu spät angefangen, Teamkollegin, die keine Computerkenntnisse hatte und auch ansonsten nicht die hellste ist, langweiliges Thema und Motivationsmangel. Das passiert einem Gott sei Dank nur einmal, damit sind diese Themen für den Rest des Studiums abgehakt.
Im Nähmaschinengeschäft gab es deutschen Kundendienst vom Feinsten. Die Damen packten meiner Kleinen das Teil auf den Tisch und sagten: und am Montag bringen Sie die Maschine bitte zur Einweisungsstunde wieder mit, wir haben hier keine mehr. Die Konfliktfähigkeit meines Kindes ist enorm. Sie sagte einfach: „Nö, das war so nicht abgesprochen. Ich habe kein Auto.“ Ich hätte nichts gesagt und mich grün und blau geärgert. Nach einem kurzen Disput, diese blöde Schnalle war nicht in der Lage, sich zu entschuldigen oder irgendwie einen Kompromißvorschlag zu machen, mischte sich die Kollegin ein und verwies auf eine ähnliche Maschine eines anderen Herstellers, an der sie üben könnte. Dann gab es noch ein bißchen Preisnachlaß. Damit war die Sache klar und wir fuhren mit dem Schmuckstück nach Hause.
Dabei sprachen wir über ein interessantes Thema. Das Kind studiert Soziale Arbeit und wohnt nun mitten im Problemkiez. Sie hört, wie auf dem Hof ein paar Jungs ausmachen, wer wem das Telefon abzieht, fängt die „du dreckige blonde Schlampe“-Blicke auf, wenn sie mit einem kurzen Rock die Straße langgeht und wurde Zeugin einer Schießerei. Sie sieht hautnah, daß auch die vierte Generation Migranten lieber in ihrer Parallelkultur lebt, statt sich produktiv und selbständig zu integrieren. In ihrer Schule ist das kein Thema, dort herrscht – vor allem unter der Studentenschaft – linke Sozialromantik, die vor den offensichtlichen Problemen die Augen verschließt und für alles eine Entschuldigung findet. Vielleicht ist es eine Lösung, einfach mal den Neuköllner Bürgermeister einzuladen und sich anzuhören, was er dazu zu sagen hat.
Nachdem ich Kind und Maschinchen zu Hause abgeliefert hatte, machte ich mich zu Hause an marinierte Karotten und Aprikosensalat, der Mann schnipselte einen riesigen Obstsalat. Nach zwei Jahren Unterbrechung fand das Sommerfest eines Freundes wieder statt, das eigentlich eine 16jährige Tradition hat.
Woran man merkt, daß man alt wird. Diese Zahlen! Und die Gäste bringen nicht mehr die neueste Freundin mit oder baggern wie die Weltmeister, sondern laufen mit 2-3 Kindern auf und unterhalten sich über Hauspreise. Wobei in diesem Jahr keine Kinder dabei waren, die sind mittlerweile entweder schulpflichtig und die Familie ist justament in Urlaub oder der nächste Nachwuchs kündigt sich dringend an. (Unser Angebot, eine Wassergeburt im Pool zu organisieren und die Wehen mitzusingen wurde leider ausgeschlagen.) Der klemmige schwule Psychiater hat nun eine Freundin (!), der ewige Weiberheld seit einem Jahr was festes. Kinder, die Zeiten ändern sich.
Wir saßen in einer schönen Runde zusammen, ich war froh, wieder dabei zu sein, denn zu diesem Teil meines Freundeskreises hatte ich in meinen soziophoben Zeiten gar keinen Kontakt und man hatte mich schon fast abgeschrieben.
Die 7km Rückweg durch den Spandauer Forst waren ein Abenteuer, denn zeitgleich mit uns waren jede Menge Wildschweine und Rehe unterwegs, die seelenruhig die Straße kreuzten. Man fuhr 30 und warnte sich gegenseitig per Lichthupe vor Querverkehr.
30.7. 10
Endlich Freitag.
Da meine alten Arbeitsrituale so langsam auslaufen, genieße ich sie. Freitag ist der Rechnung-schreib-Tag. Da ich einige komplizierte Abrechnungen aufgeschoben hatte, beschäftigte mich das bis zum Mittag.
Dann kam der Mann und wir bauten die Regale auf. Zunächst kamen wir bis zu dem Punkt: „Oh, da haben wir zwei Sachen verkehrt herum eingeschraubt, jetzt müssen wir die Sch… wieder auseinanderbauen.“ Dann sahen wir, das das vorvorletzte Billy dort nicht umsonst noch lag. Es hatte einen schweren Schlag an präsenter Stelle abbekommen.
Also komplett auseinanderbauen, wieder einpacken, zurück zu IKEA.
Dort eine Wartenummer ziehen (40 Leute vor uns) und aufs rote Ledersofa fallen, neben ein paar Schwangeren, von denen ich hoffte, das sie nicht gleich hier platzen und gebären.
Ich war inzwischen komplett unterzuckert und stierte nur noch vor mich hin. Der Mann machte sich im Bistro auf die Jagd nach etwas zu essen und rettete mein Leben mit einem kleinen Pappbecher Kötbullar und Cola.
Der Umtausch ging schnell. Auf dem Parkplatz wunderte sich der Mann darüber, was solo einkaufende Frauen so allein in ihr Autochen wuchten können. Ich grinste nur, das ist doch normal. Für einen Menschen, der IKEA nur zum Teelichter kaufen betritt und sich ansonsten seine nach 3-4 Monaten endlich gelieferten Möbel von Handwerkern aufbauen läßt, mag das verwunderlich sein.
Zurückgekehrt machten wir uns wieder ans Schrauben. Mittlerweile ohne die Aubauanleitung zu konsultieren. Als wir das Billy dann neben das 4 Jahre alte stellten, das mir das Kind dagelassen hatte, sahen wir einen eklatanten Qualitätsunterschied.
Auf dem Weg erzählte ich dem Mann Anke Gröners Geschichte erst mal ganz wertungsfrei.
Stell dir vor der Postbote klingelt, du machst auf und er hält dir ein Paket mit den Worten: „Ich habe ein Geschenk für dich.“ entgegen. Als du danach greifen willst, zieht er es weg und sagt: „Aber erst bitte sagen.“ Du sagst völlig baff und brav „Bitte!“, bekommst dein Paket und wirst dann von ihm etas anzüglich gefragt, ob du verheiratet seist.
Der Mann meinte dazu, er hätte mit Sicherheit nicht Bitte gesagt, sondern die Annahme des Päckchens verweigert und diesem Idioten die Tür vor der Nase zugeschlagen. Danach hätte er bei DHL ein Faß aufgemacht. Hätte dort angerufen und denen erzählt, daß der Paketbote eklatant die Grenzen des Professionellen überschritten hätte und verlangt, daß ihm jemand anders umgehend das Päckchen zustellt.
Das sagt der altgediente Werber: Demütigendes und grenzüberschreitendes Verhalten von Leuten, die einen treffen, weil sie einen Dienstleistungsjob ausüben, darf nicht hingenommen werden, weder von Frauen noch von Männern. Der Arbeitgeber bekommt sofort Feedback und zwar mit dem ganzen Schwung der Wut.
Nur werden Frauen hinterher als schlechtgedingste Zicken bewertet.
Nach diesem Tag und dieser Woche ging ich auf dem Zahnfleisch. Ich wollte nur noch Ruhe und durchlief dann doch noch aus Nettigkeit das „komm wir kochen nicht, sondern gehen eine Kleinigkeit essen, aber in ein Restaurant mit vielen Leuten und Essen, das dir und mir schmeckt“. Die Suche nach diesem Ort dauerte allein eine halbe Stunde.
Danach hatte dann eine im Hintergrund laufende ebay-Auktion nicht das gebracht, was erhofft war – unter anderem, weil sie beim ausgiebigen Restaurantbesuch etwas unterging – und so war die Stimmung fürs Wochenende perfekt.