Und schon isset wech, Herr Lucky!
6.11.11
Ein Herbstsonntag, der uns mit seiner Milde nicht darüber hinweg täuschen sollte, daß sie Adventszeit fast vor der Tür steht.
Der Graf schlief lange und ich hatte wieder einmal einen schönen, ruhigen Morgen vor mir. Eine gute Zeit für Fellpflege und einfach nur faul sein.
Nachmittags machte wir eine Runde über den Flohmarkt am Kupfergraben. Bisher gab es keinen dieser Römer, wie ich ihn zerschlagen hatte. (klassisch, gerillter grüner Fuß und eingeschliffene Eichmarke)
Der Rückweg führte durch die Tucholskystraße zum Victoria. Das ist scheinbar so klein, daß ich es im Internet nicht finden kann, um es zu verlinken. Ein kleines Cafe mit drei Torten im Fenster, dazu Schokoladenküchlein und herrliche aromatisierte Fondantbonbons. Ich aß eine Kastanien-Baiser-Torte. Ein Gedicht: Kastanienkrümel, Baiserschichten und eine Buttercreme, die leicht und buttrig zugleich war. Der Graf nahm die Victoria-Orangen-Torte: Mousselinebiscuit in Schichten mit Orangenlikör getränkt und umhüllt von geflämmtem Baiser. Manchmal kann Esssen so gut sie wie Sex.
Nach einem Zwischenstopp bei Inder, um dem Blutzuckerspiegel wieder zu regulieren, verbrachte wir den Abend vor der Glotze. Claude Oliver Rudolph in selbstüberschätzender, besoffener Grandezza beim Promidinner. Ich hatte den Laptop auf dem Bauch, weil ich Videos konverieren mußte und das Ding wurde immer mal grenzwertig heiß.
5.11.11
Im Gegensatz zu diesem sonderbaren Sommer wird uns ein schöner Herbst geschenkt. Das ist doch was!
Ich machte mich am Vormittag straßenfein, denn ständig möchte ich nicht im Sweatshirt unterwegs sein, und erledigte einige Samstagsvormittagsbesorgungen.
Zum Beispiel im Friseurgroßhandel Lockenschaum und schwarze Latexhandschuhe besorgen. Meine Haare brauchen Verstärkung, denn die Locken sind zwar vorhanden, hängen sich am zweiten Tag aber meistens aus.
Dann kamen noch Kleinigkeiten dazu: Waschpulver, Kleber, Batterien. In einem Affenzahn fliegt einem das Geld aus der Tasche.
Der Rest des Tages verging wieder einmal auf Freiberuflerart. Wäsche waschen, Mittagsschlaf, der aber keiner war, da ich zu hungrig war, kochen (Reispfanne mit Broccoli, Tofu und Frühlingszwiebeln) und pünktlich in der Dämmerung ab an den Rechner. Beide. Ein Auftrag mußte fertiggestellt werden, in dem wir unterschiedliche Felder beackerten. Ich Content und Videos, der Graf das Design und die diffizilen Pixelschubsereien. (Ist ja nicht so meins, mein Credo lautet: Keine Details.)
Ich verabschiedete mich gegen ein Uhr ins Bett, der Graf kam zwei Stunden später nach. Diese Zeitverschiebung ist normal, denn Mädchen brauchen viel mehr Schönheitsschlaf.
4.11.11
Ein früher Termin und ich hoppelte wie ein Hase im Scheinwerferlicht durch die Wohnung.
Natürlich blieb das nicht ohne Konsequenzen. Ein schönes Omi-Weinglas hing sich an meinen Sweatshirt-Ärmel und danach war ich wach zum Scherben aufsammeln.
Der Rest des Tages lief Gott sei Dank besser, sonst wäre ich wohl unter die Straßenbahn gekommen. (Gibt es ja hier im Osten noch.) Erst ein Papiersortier-Beratungsgespräch und dann Papierkrieg am Schreibtisch im Nestchen.
Ich hatte mich zwar wieder für komplett fit erklärt, aber mein Schlafbedürfnis ist immer noch enorm. Also zwei Stunden Mittagsschlaf wie in alten Zeiten.
Im Nestchen und im Haus drumherum kommen passieren ja heftige Bauaktivitäten der Vermieter. Die betreffen jetzt aber nicht die 50 Jahre alten Badewannen und die old-fashioned-Elektroinstallation, die nicht nicht für den Betrieb von Waschmaschinen gedacht war. Nein. Zuerst kam die Super-Duper-Türsprechanlage mit Kamera. – Nur blöd ist, daß sich die alte Haustür problemlos mit einer Kredtitkarte öffnen läßt. Zur Türsprechanlage gibt es ein extra Telefon, das ein blau beleuchtetes Display in Englisch hat. Wenn jemand unten Einlaß begehrt und den Klingelknopf drückt, gibt das Telefon ein Kinderlachen von sich (das Kind des Betreibers lacht da). Als ich das zum Mal hörte, wähnte ich mich in einem Horror-Film. Vor lauter Schreck war ich nicht in der Lage, das „press … key to …“ zu lesen, stammelte nur „ich komme runter“ ins Telefon, schlug die Tür zu und vergaß den Schlüssel.
Im Haus wohnen überwiegend Rentner, die weder in der Lage sind, das lampenhelle blaue Leuchten des Displays abzustellen (kann ich übrigens auch nicht), noch die Anweisung „press … key to ..“ realisieren können (das konnte ich wenigstens nach drei Anläufen). Eine deutsche Bedienungsanleitung gibt es nicht. Auf einen Beschwerdebrief der älteren Mieter antwortete ein Aushang, man solle sich vertrauensvoll an den ADMINISTRATOR wenden, dazu eine Funknummer. Wo man doch weiß, daß Rentner nur Funknummern anrufen und Ferngespräche führen, um ihren Kindern mitzuteilen, daß sie gerade mit gebrochenem Hüftgelenk neben der Badewanne liegen. Und ich glaube nicht, daß sie wissen, was ein Administrator ist, wo doch der Herr Sch., der Sohn der Besitzerin diese Telefone verwaltet.
Umgang mit Kunden war noch nie die Sache des Herrn Sch. (im übrigen mein Ex, weshalb ich auch ständig von dem Mietern zum blauen Telefon befragt werde). Die tiefere Absicht des überdimensionierten Türöffners ist nämlich das Angebot von niedrigpreisiger IP-Telefonie und halbwegs schnellem Internet. Eigentlich eine pfiffige Idee. Keine Wartezeit beim Rosa Riesen oder anderen Telefoniechaoten. Telefon und Internet liegen bereits in der Wohnung und müssen nur freigeschaltet werden. Preislich ist es auch akzeptabel. Wenn nur nicht die leidige Kundenkommunikation wäre, denn kapiert hat das noch keiner.
Drei Monate nach der Telefonaktion hing im Haus ein wirrer Brief zum Thema Kabelfernsehen (oder so). Man stelle das Kabelfernsehen jetzt ab und wer neues per Satellit wolle, müsse dies unwiderruflich schriftlich beim Hausmeister kundtun, es läge sonst nur noch tvb-t am Sowieso-Bus. Hä???? Ich bin eine Woche durch diese Wohnung gekrochen und habe jede der zahlreicher als Steckdosen vorhandenen Antennenbuchsen durchprobiert, es gab nirgendwo ein Fernsehsignal.
Aber wie gesagt, Kundenorientierung ist nicht so die Stärke. Man kann immer froh sein, wenn diese Aushänge in Kommasetzung und Syntax ok. sind. Denn wenn die Cousine sie schreibt, die nicht so schriftgewandt ist, habe ich oft den Impuls, mla mit dem Rotstift drüberzugehen.
Aber weiter im Tag. Es kam nicht mehr viel. Eine U-Bahnfahrt in Richtung Mitte, bei der mir auffiel, wie viele hippe Leute mittlerweile am Kottbusser Tor und in der Schönleinstraße zusteigen. Da waren doch früher nur Türken und Junkies unterwegs.
Beim Grafen angekommen, den Mann kurz geknuddelt, denn er mußte arbeiten und dann begann ich tatsächlich, mir 3 Folgen diverser amerikanische Kriminalserien auf Vox reinzuziehen. Mir fiel auf, wie schematisch die Dramaturgie und die Figuren mittlerweile sind. Und wie wichtig das Visuelle ist. Fast wie No-Theater.
Und weil mein Schlafbedürfnis immer noch ungeheuer war, fiel ich auch schnell ins Bett, um heftig und absurd zu träumen.