Miz Kitty reist mit dem Grafen – Tag 5

Nach einem fetten Früstück verließen wir Schloß 1, das ein klitzkleines Personalproblem hat. Die beiden jungen Damen, die den Service machen, stehen eher im Weg herum und schwatzen zumeist laut miteinander, was sie nicht unbedingt sensibel dafür macht, wenn jemand wirklich mal was braucht.
Bei unserer Abfahrt am Teich vorbei schrie ich den Grafen plötzlich laut an: „Achtung, bremsen!!!“, denn die letzte kleine Ente der Familie, die die Straße gequert hatte, brauchte etwas länger. Und so Minienten sehen genauso aus wie der Asphalt.

Schloß 2 ist schon seit einigen Jahren in Betrieb und daher recht bekannt und beliebt. Hier gibt es auch noch Originalinterieur: Parkett, Granitstufen, Terrazzo und mit Stein eingelegte Holzböden, die samt und sonders auf Hochglanz gebohnert sind. hinterm Schloß ist ein Park, der auf einer Wiese einen schön inszenierten Schneekoppenblick hat. Wir entsagten heute jedem Freizeitstreß und schlenderten nur durch den Park, nippten hier und da an den Himbeeren und entdeckten am Fuß einer Tanne einen wunderschönen, ganz frisch gewachsenen Pilz.
Ins Schloß zurückgekehrt, kam uns auf der Treppe ein polnischer Großvater entgegen, der einen Bart hatte wie Rübezahl, er hielt glücklich einen großen Steinpilz in der Hand und meinte, der wäre perfekt, den müsse er seiner Enkelin zeigen.
Übrigens auch ein prägnanter Ost-West-Unterschied. Ich habe noch keinen Menschen aus dem Westen gekannt, der sich mit Pilzen auskannte (jetzt mal abgesehen von Magic Mushrooms) und die Standardbemerkung wäre ohnehin gewesen: „Steinpilz, echt, aha … und was ist mit der Strahlenbelastung?“

Nach einem halb verschlafenen, halb vertändelten Nachmittag fuhren wir kurz zu Schloß 3, um zu buchen. Man muß wissen, die Schlösser, die wir bis jetzt besucht haben, liegen im einem Umkreis von 10 km. Trotzdem verfransten wir uns, weil es im gesuchten Ort zwei Straßen gleichen Namens gab. Die erste führte uns eine Schotterstraße den Berg hinauf, bis Schluß war, die zweite unten in der Ebene war es dann. Das wird Kontrastprogramm. Von urpolnischen Herbergen zum Investment eines deutschen Rückkehrers, im April erst eröffnet. Innen ganz modern, weil nur noch die Steine verwendbar waren. Wir nahmen ein Zimmer mit Badewanne neben dem Bett…

Zurückgekehrt, hatten wir brüllenden Hunger. Die Küche in Schloß 2 ist spezialisiert auf Ente und so aßen wir Entenbrust mit Aprikosen.

Veröffentlicht unter Leben

Miz Kitty reist mit dem Grafen – Tag 4

Nach den kleinen Sidesteps in die Heimat der Vorfahren – irre, die Männer in Jonsdorf sehen alle aus wie mein Urgroßvater, klein untersetzt, rund- und glatzköpfig* – gingen wir heute auf die eigentlich geplante Tour: Schlösserhopping in Niederschlesien. Es hat sich einiges getan in Polen. Vor 10 Jahre gab es noch heftigen Mangel an Unterkünften, jetzt sind sogar einst ruinöse Schlösser wieder fein.
Wir fuhren zuerst ein wenig durch Tschechien, immer an der Grenze entlang. In Schloß Gabstejn kehrten wir nur kurz ein. Die Führung hätte zu viel Zeit verschlungen. Dann pendelten wir immer wieder von Tal nach Berg im Isergebirge, zunächst, ohne die Grenze zu überschreiten. Den Grafen interessierte das Grenzland. Hier warten noch jede Menge Umgebindehäuser auf einen Käufer.
Dann ging es nach Niederschlesien, quer durchs Isergebirge. Ich wollte Swieradow sehen, Ort übelster Erinnerungen.
Denn ich haßte Ferienlager, wie ich es ohnehin haßte, im Pulk mit anderen Menschen zusammenzusein. Was meine Mutter nicht hinderte, mich als pubertierendes Etwas in ein Austauschlager nach Polen zu verschicken. 1976, dem ersten Jahr der wirtschaftlichen Schieflage in Polen. Wir schliefen in einer nie sanierten alten Villa am Berg zu 16zehnt in drei zusammenhängenden Räumen, Unisex-Waschräume gab es in der Waschküche im Keller, die Betten waren vom Militär, 80cm breit und mit einem Strohsack und einer Kratzdecke versehen. Die Laken waren immer feucht. Da wir auf 600 m Höhe waren, war es kalt und regnete ständig und rein. Alle waren auf Sommer eingerichtet und hatten den einen obligatorischen Pullover im Gepäck. Wir waren erkältet, froren und hatten Hunger, denn das wenige, was es zu essen gab, Blutwurst, Kartoffeln, Brot und trockener Weißkäse, erweckte in uns Grausen. Wir waren einfach zu verwöhnt. Kleines Dickes Kitty nahm in 3 Wochen 5 Kilo ab. Jetzt fuhren wir nur vorbei und viele der Häuser sahen noch genauso aus.
Auf dem Weg weiter nach Hirschberg machten wir auf einer Bergstraße im Isergebirge Halt. Ich stürzte in den Wald und sammelte Blaubeeren unter riesigen Tannen, einen großen Becher voll. Der Graf saß derweil an einem kleinen Flüßchen auf einem Stein, hielt die Beine ins kalte Wasser und sang. Ich kam dazu, setzte mich ins Moos und wir aßen die Blaubeeren und tranken das Wasser aus dem Flüßchen. In diesem Moment habe ich die Riesengebirgsromantik kapiert, von der ich bisher nur gelesen hatte. Es war einer der Momente, an den ich mich immer erinnern werde. Die kristallklare, aber warme Luft, das kalte klare Wasser,  die Sonnenreflexe im Moos. Ich habe selten so viel Schönheit und Reinheit erlebt.
Dann ging es weiter, auf Feldwegen durch verfallene Gegenden. Bis auf das eine oder andere Haus eines ortsansässigen Businessman (denen ich eigentlich ein eigenes Kapitel widmen will), gab es für mich, neben dem üblichen polnischen Baustil und Erhaltungsgrad, erstaunlich viel Bausubstanz mit dem Stand von vor 80 Jahren plus Verfall. Es war einfach nicht mehr die Zeit, in der man zwischen Oberschreiberhau, Krummhübel und Hirschberg (man haue mich nicht ob der deutschen Namen, die schreiben sich besser) eine weitläufige Sommerresidenz unterhielt.
(Wir sind es einfach nicht mehr gewöhnt und vergessen es viel zu schnell, daß ganze ostdeutsche Altstädte ohne Solidarbeitrag und EU-Subventionen genauso aussähen.)
Wobei es einen riesigen Mentalitätsunterschied zwischen Polen und Tschechen gibt. Tschechisch-spießiges Kleinklein versus polnisches kein Hemd aufm Arsch, aber La Paloma pfeifen.
Wir checkten in Schloß Nr. 1 ein, fuhren gleich darauf zu Schloß Nr. 2, um für den nächsten Tag zu buchen und machten dann eine ausgedehnte Runde in die Berge nach Krummhübel. Irgendwann hatten wir die Riesengebirgsgipfel vor uns, die ich im Sommer noch nie so gesehen hatte, war ich doch bisher nur im Winter auf der tschechischen Seite unterwegs. Auf der Bucketlist steht schon seit Jahren eine Kammwanderung. Eine kleine hatte ich ja schon einmal auf Skiern gemacht. Atemberaubend, aber gefährlich, weil as Wetter schnell von Sone in Schneesturm umschlagen kann.
Wir kehrten in der Abenddämmerung zurück, die Sonne schenkte uns ein Untergangsdrama, und aßen Gebratenes und Gesottenes. Ich kippte einen echten Stonsdorfer drauf (wenn man schon mal hier ist).

Jetzt sitzen wir auf der Terasse und in den Teichen quaken die Frösche.

 

*Und sie reden wie er.  Sie verschlucken alle Vokale, das klingt schon sehr böhmisch.

Veröffentlicht unter Leben

Miz Kitty reist mit dem Grafen Tag 2&3: Wurzeln

Wir blieben noch eine weiteren Tag in Görlitz. Die reizenden älteren Wirtsleute hatten in ihrem großbürgerlichen Haus eine Ferienwohnung von der Größe eines Tanzsaals für uns reserviert. Der Graf kehrt dort seit 10 Jahren immer mal ein und wie das so ist, älter werdende Leute werden … nun ja, spezieller. Die Wirtsfrau hatte nunmehr alles mit kleinen beschriebenen Zetteln bepflastert. Wo die Feuerschutzdecken sind, falls der Fernseher brennt, daß die Fenster beim Verlassen der Wohnung zu schließen sind, wie der Müll zu trennen ist und im Bad stand ein Schrank, dessen Fächer mit „Lack, Zähne, Make up, Haare“ beschriftet waren. Morgens hingen frische Brötchen an der Klinke und kopierte Kulturtipps mit Markierungen.

Unser Frühstück nahmen wir gestern in einer großen Konditorei ein. Mit uns saßen und aßen viele postklimakterische Damen in Beige. Alle unter 35jährigen Frauen  – die Bedienung, Passantinnen – trugen ganz, ganz grausame Bicolorfrisuren.
(Was hier und in anderen Cafés auffiel: Massen von Stühlen um ganz normale Tische, viel zu viele, gemessen an der Zahl der Gäste, man kam kaum durch.)
Dann fuhren wir übers Land nach Oppach, dem Geburtort meiner Großmutter. Während es morgens noch Strippen regnete, klarte es mittags auf und gingen in die Berge, hinauf auf den Bieleboh.  Das muß man wissen: In dieser wendischen Gegend ist alles voller Geister und Magie und die Chefs sind die zwei Berge Czernebo und Bieleboh – schwarzer Gott und weißer Gott. Wir stiegen auf den Aussichts-Turm, ich fluchend, weil immer noch mit dem Tempo eines gestrandeten Walrosses unterwegs. Aber die Mühe lohnte, wir wurden mit dem Anblick eines Regenbogens belohnt. In der Bergschänke am Fuß des Turms feierte derweil ein Bus fröhlicher beigefarbener Rentner. Eine der Omis, mit 80er-Jahre Tweedjackett von Quelle und Spuckelöckchen-Dauerwelle, nahm immer mal ihr Piccolöchen aus der Handtasche und trank einen Schluck, das spart ungemein Geld.
Wir fuhren im Abendlicht nach Bautzen und sahen uns etwas um. Bautzen ist zwar nur 40 Kilometer entfernt, aber ganz ganz anders als Görlitz. Beherrschender Stil ist trutziger Barock und die Subventionen fließen nur im normalen ostdeutschen Modus. – Ergebnis: Die Leute sind fitter. Moderner und städtischer wirken sie auch. Oder sind das die 50km näher zu Dresden?
Ich hatte ja mal den Traum, in einem der Häuser an der Spreekante zu wohnen…

Heute ging es weiter nach Jonsdorf, nächste Wurzel. Hier schaffte es tatsächlich der größte Nazi meiner Familie – nachdem er als fetter Kriegsgewinnler und an der Heimatfront unabkömmlicher Unternehmer wegen Abhören von Feindsendern im Knast gelandet war – Bürgermeister von russischen Gnaden zu werden. Allerdings nur für kurze Zeit.
Auch hier stiegen wir den ganzen Tag in den Bergen herum. Mir schmerzen so was von die Füße. Aber Spaß machts. Und das Örtchen ist schön, mit Schmalspurbahn, hübschen Umgebindehäusern und fast schweizerischer Sauberkeit und Akkuratesse.

Fragt sich nur, warum man in Gegenden, wo man um jeden Touristen froh ist, alles mit Parkuhren zupflastert. Selbst autoleere Parkplätze am Waldesrand kosten was. Idiotisch.

Veröffentlicht unter Leben

Miz Kitty reist mit dem Grafen: Tag 1 – Neuschlesien

Görlitz hat seine Identität wieder: Wir sind Schlesien. Für jemanden  der mit der Oder-Neiße-Friedengrenze aufwuchs, gewöhnungsbedürftig. Nachdem der wunderschöne Ort (Ich habe Görlitz 1985 nachts besichtigt, mein Führer war Roman Silberstein, damals Intendant des Theaters Zittau-Görlitz. Die Stadt war kurz vorm Zusammenstürzen und R.S. ist nun schon lange tot.) als Unesco-Welterbe wiedererstanden ist und die Ansiedlung von Rentnern fehlschlug, vermietet man allenthalben Ferienwohnungen – oft für einen Appel und n Ei.
Also, Sie müssen wissen, wir sind am Anfang unseres Urlaubs. Als heute morgen der Wecker klingelte, hatte ich nicht das Gefühl, in irgendeiner Weise in der Lage zu sein, eine Reise anzutreten. Aber ein paar Stunden und ein paar Hyperventilationsanfälle später, hatte ich meine Sachen zusammengegrabbelt (viel zu viel, wie immer) und saß mit dem Grafen im Auto. Nach einem kurzen Stop in der Waschanlage, weil man die Farbe des Lacks schon nicht mehr sah, ratterten wir auf der Autobahn Richtung Südosten.
Nebenbei klärten wir ein wichtiges Detail: Den Unterschied zwischen „davor“ und „dahinter“. Bei Menschen, die auch „das andere Rechts“ kennen, ist das wichtig. Sonst kann nämlich aus „vor der Brücke rechts“ für so einfach gestrickte Menschen wie mich verwunderlicherweise „hinter der Brücke links“ werden. Paarkommunikation kann wie absurdes Theater sein, Sie wissen schon.
Es wurde grüner, hügeliger, ich entspannte mich und bei einem kurzen kurzen Stop an einer wilden Blumenwiese rochen wir Berliner Kräuter statt Hundekacke.
Mein innerer Kompaß signalisierte: Wurzeln! Stammt doch KKM aus Oppach, also von nicht weit her.
Der Gang durch Görlitz war zwiespältig. Einerseits bewundernswert, wie intakt alles wieder aussieht, andererseits fraglich, für wen, denn selbst die Touristen sind nicht so zahlreich. Tragisch. Wohnungen für fast geschenkt, wunderschön gelegen. Zwischen der polnischen und der deutschen Seite* gibt es fast keinen optischen Unterschied mehr, alles vermischt sich, wie früher. In den unsanierten Häusern der deutschen Seite wohnen Polen, die Deutschen sitzen in der polnisch-italienischen Pizzeria…
Die Bausubstanz ist ururalt, vom 12. bis zum 16. Jahrhundert, und reich und gediegen. Das schönste sind de allerzierlichsten Steinmetzarbeiten an Tür- und Fensterfriesen. Tiere, Geister, Menschen.
Abends landeten wir im Lucie Schulte, einem Restaurant mit ambitionierter Küche und ohne Homapage. Wir nahmen die  an der Straße angeschriebene Schnitzel-Banalität, weil wir gar kein Riesenmenü geplant hatten und erhielten dazu göttliche Mohnknödel mit ganz ganz viel Mohn und Vanillesauce.
BTW. Es ist 22 Jahre nach der Wend nicht einfach, dem Grafen zu erklären, was die Arbeiterfestspiele waren.

*Görlitz‘ Altstadt legt zum Teil jenseits der Neiße in Zgorelec.

Veröffentlicht unter Leben