Miz Kitty reist mit dem Grafen: Tag 1 – Neuschlesien

Görlitz hat seine Identität wieder: Wir sind Schlesien. Für jemanden  der mit der Oder-Neiße-Friedengrenze aufwuchs, gewöhnungsbedürftig. Nachdem der wunderschöne Ort (Ich habe Görlitz 1985 nachts besichtigt, mein Führer war Roman Silberstein, damals Intendant des Theaters Zittau-Görlitz. Die Stadt war kurz vorm Zusammenstürzen und R.S. ist nun schon lange tot.) als Unesco-Welterbe wiedererstanden ist und die Ansiedlung von Rentnern fehlschlug, vermietet man allenthalben Ferienwohnungen – oft für einen Appel und n Ei.
Also, Sie müssen wissen, wir sind am Anfang unseres Urlaubs. Als heute morgen der Wecker klingelte, hatte ich nicht das Gefühl, in irgendeiner Weise in der Lage zu sein, eine Reise anzutreten. Aber ein paar Stunden und ein paar Hyperventilationsanfälle später, hatte ich meine Sachen zusammengegrabbelt (viel zu viel, wie immer) und saß mit dem Grafen im Auto. Nach einem kurzen Stop in der Waschanlage, weil man die Farbe des Lacks schon nicht mehr sah, ratterten wir auf der Autobahn Richtung Südosten.
Nebenbei klärten wir ein wichtiges Detail: Den Unterschied zwischen „davor“ und „dahinter“. Bei Menschen, die auch „das andere Rechts“ kennen, ist das wichtig. Sonst kann nämlich aus „vor der Brücke rechts“ für so einfach gestrickte Menschen wie mich verwunderlicherweise „hinter der Brücke links“ werden. Paarkommunikation kann wie absurdes Theater sein, Sie wissen schon.
Es wurde grüner, hügeliger, ich entspannte mich und bei einem kurzen kurzen Stop an einer wilden Blumenwiese rochen wir Berliner Kräuter statt Hundekacke.
Mein innerer Kompaß signalisierte: Wurzeln! Stammt doch KKM aus Oppach, also von nicht weit her.
Der Gang durch Görlitz war zwiespältig. Einerseits bewundernswert, wie intakt alles wieder aussieht, andererseits fraglich, für wen, denn selbst die Touristen sind nicht so zahlreich. Tragisch. Wohnungen für fast geschenkt, wunderschön gelegen. Zwischen der polnischen und der deutschen Seite* gibt es fast keinen optischen Unterschied mehr, alles vermischt sich, wie früher. In den unsanierten Häusern der deutschen Seite wohnen Polen, die Deutschen sitzen in der polnisch-italienischen Pizzeria…
Die Bausubstanz ist ururalt, vom 12. bis zum 16. Jahrhundert, und reich und gediegen. Das schönste sind de allerzierlichsten Steinmetzarbeiten an Tür- und Fensterfriesen. Tiere, Geister, Menschen.
Abends landeten wir im Lucie Schulte, einem Restaurant mit ambitionierter Küche und ohne Homapage. Wir nahmen die  an der Straße angeschriebene Schnitzel-Banalität, weil wir gar kein Riesenmenü geplant hatten und erhielten dazu göttliche Mohnknödel mit ganz ganz viel Mohn und Vanillesauce.
BTW. Es ist 22 Jahre nach der Wend nicht einfach, dem Grafen zu erklären, was die Arbeiterfestspiele waren.

*Görlitz‘ Altstadt legt zum Teil jenseits der Neiße in Zgorelec.

Auch das noch: