Nicht-Dorfnotizen

Vor der Stadt tauche ich noch erfolgreich ab und verschanze mich hinter dem Schreibtisch. Da liegen nämlich noch ein paar Steuerunterlagen in der Ablage, die längst aufbereitet sind, die ich mir aber noch mal anschauen muss, bevor sie endlich rausgehen.
Aus Rechnungen und Belegen lässt sich ein Leben rekonstruieren. Das Leben, was ich sehe, mehr als drei Jahre ist es her, hat mit meinem Leben jetzt nichts mehr zu tun. Das war „Nicht mehr dort, aber noch nicht hier und überhaupt: Wohin geht es?“, eine Menge Konfusion, Verdrängung, Wut, Trauer, Trotz und Widerstand gegen die Realität, erinnere ich mich. Das war die Zeit, wo ich einfach keine Post mehr aufgemacht habe – der Arzt hatte mir schließlich strenges Schreibtischverbot verordnet (haha!). Vor einem Jahr habe ich noch geflattert beim Anblick der Buchungen. Jetzt denke ich nur: „Ach du Scheiße, Mädel, warst du durch!“
Ich bin tief dankbar, dass ich, obwohl ich da unbedingt allein durchwollte, Hilfe von Freunden bekommen habe. Unprätentiös, aufmerksam und freundlich.
Und das Schöne am Downsizen ist, dass die Buchhaltung plötzlich wieder logisch und menschenerfaßbar übersichtlich wird.

Morgen dann das Seminar. Es gab beim ersten Mal zwei Themen, die ich nicht genug bedacht hatte und die nun mehr Beachtung finden. Zum ersten ein Berufszweig, nämlich Pflegemanagement, der (noch) nicht genug Jobs hat. Die Professionalisierung der Pflege ist im vollen Gang, aber es gibt kaum eine Branche, sie das so stark auf dem Rücken ihrer Arbeitnehmerinnen austrägt. Da machen (meist) Frauen aus Lehrberufen noch mal drei Jahre ein Studium, um dann zu erfahren, dass sie im alten und anstrengenderen Beruf 1. mehr Angebote haben und 2. mit allen Zuschlägen mehr verdienen. – Bei Masterabschlüssen ist das noch prekärer, die Leute sind für die Jobs in normalen Pflegeeinrichtungen meist überqualifiziert, das kann nur eine gut gewählte Durchgangsstation sein.
Ob das bedacht und geplant war, möchte ich nicht fragen, dazu ist es zu spät. (Und zum Thema Planen ist diese Diskussion – leider – sehr aufschlussreich.) Ich kann u.a. mit Empowerment und Wissen an strategisch wichtigen Punkten unterstützen. Die Arbeitsmarktlage wird sich in den nächsten Jahren ändern. Dann setze ich darauf, dass ich den Frauen etwas mitgeben konnte.
Interessant ist, dass die wenigen Männer, die ich erlebte, überhaupt keine Ambition haben, demnächst als Teamleiter o.ä. zu arbeiten. Für sie ist das Studium eine Durchgangsstation, sie sind auf dem Weg dazu, ein Unternehmen zu gründen oder suchen sich Aufgaben in Richtung Technik und höhere Verwaltung.
Das zweite Thema, über das ich noch einmal nachgedacht habe, wurde von einer jungen Frau angestoßen, die gerade geheiratet hatte und mit den bald geplanten Kindern erst einmal für unbestimmte Zeit (genauer formuliert: solange es der Mann mitmacht) aus dem Job aussteigen wollte. Aber auf der anderen Seite: So lange man dafür sorgt, dass das Wissen nicht veraltet, ist das sicher machbar. Man muss nur damit rechnen, mit Mitte, Ende 30 als Berufseinsteigerin behandelt zu werden.
Ich bin sehr gespannt. Das zweite Mal ist wie die zweite Vorstellung. Der Premierenstress ist weg, jetzt besteht die Gefahr, den Text zu vergessen.

Am Donnerstag geht es dann wieder zurück aufs Dorf, zusammen mit Primavera, die aus dem Winterurlaub zurückkommt. Und da die Frage nach den Nähfortschritten gestellt wurde – das war ein Zwischenstand, das Muster ist nun vollständig fertig: … äh, nein, ich merke gerade, das Foto ist unterbelichtet und unscharf, ein neues kann ich erst am Freitag machen. Also, ich wollte eigentlich das gesamte Quilttop am Samstag Abend dieser Woche fertig haben. Etwas deprimierend, dass ich nicht weiter gekommen bin, aber gut Ding will Weile haben und zwei Kissen habe ich auch fertig gemacht.
Primavera ist noch in der Planungsphase. Sie ist überhaupt eine große Planerin. Damit ergänzen wir uns hervorragend, sie bringt mich bei den großen Sachen vom Trial and Error weg und ich schiebe sie, damit sie das klitzekleine Prozent Ausführung im großen Werk nicht verdrängt.

Auch das noch:

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