Tagebuchbloggen – 28. September 2013

Isabella Donnerhall musste mich erst darauf hinweisen, dass mein Post gestern aus der Zukunft kam. Hihi.

Gestern schrammte ich ständig am Rand zur Migräne lang, auch wenn ich gut ausgeschlafen war. (Halb Elf aufzustehen ist schon Sünde.)
Ich kam nicht so recht voran, weil nur noch ein Rest Kaffee vorhanden war, der Graf aber vor dem gemeinsamen aushäusigen Kaffeetrinken mehrere Stunden wässern musste, ich – als er dann aus der Badewanne kam – an der Nähmaschine saß und die Stopffunktion an einer Jeans testete und nur noch hörte, wie die Tür zuklappte und merkte, dass ich ihm grade gesagt hatte, dass ich heute nicht mehr vor die Tür wolle.
Ja, aber Kaffee??? Wenn der Graf den in zwei Stunden mitbringen würde, läge ich schon längst röchelnd am Boden.
Also zog ich den Bequemhoodie aus und ein Röckchen an und ging zu Galao, um einen grossen Kaffee und zu Süße Sünde, um das letzte Eis des Jahres in Empfang zu nehmen und setzte mich damit in den Rosengarten auf eine Bank. Zweites Berliner Frühstück um halb Fünf. So muss das sein.
Abends kochte ich gefüllte Paprikaschoten mit Reis. Es fühlt sich übrigens sehr obszön an, den Finger in lange, spitze Paprikaschoten zu bohren, damit das Mett auch ganz hinten ankommt.
Dann war nur noch Cremant austrinken angesagt, auch den des Mannes, den der Schlaf bei  Lesen überkommen hatte.

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Tagebuchbloggen – 27. Oktober September 2013

Ein Galopp-Freitag. Die Yogastunde am Vortag hatte mich so fertig gemacht, dass ich ausnahmsweise mein Homeofficer-Privileg nutzte und mich nach Verabschiedung des Grafen noch mal hinlegte, damit wurde der Tag natürlich um einiges kürzer.
Dann ging es irgendwie heftigst durcheinander. Biokiste ausräumen, die nächsten Suppen kochen (Kürbis und Sellerie-Birne), in der Wohnung klar Schiff machen, eine Abschlussbesprechung für eine Website halten, einen Blogeintrag machen, Wäsche waschen, den nachhause kommenden Mann mit Vitaminen versorgen.
Pro-Tipp: Den Trick, mit den lustig arrangierten Nahrungsmitteln die Esslust für Gesundes anzuheizen, kann frau auch benutzen, um Obst in den Mann zu bekommen. Ich nutzte Pflaumen, Bananen, Datteln und Weintrauben. Das Bild bleibt der Phantasie des Lesers überlassen.

Da ich meinen Blogeintrag gestern während eines schnellen Mittagsimbisses schrieb, möchte ich noch etwas nachtragen.
Wahrscheinlich reagiere ich so allergisch auf Gejammer, weil Oma Lotte darin eine Meisterin war. Wenn ihr etwas Gutes passierte, wenn sie hätte auf etwas stolz sein können, bog sie ihre Perspektive so lange um, dass ihr Weltbild „allen anderen geht es besser als mir, ich bin krank, ungebildet und gegen meinen Willen vereinsamt“ wieder stimmte.
Diese #nudelnmitketchup – Diskussion ist überflüssig wie ein Kropf, weil sie nur eine weitere Variante der deutschen Neiddiskussion ist. Finde ich jedenfalls. Klar kann man jemandem zum Vorwurf machen, dass es ihm besser geht als einem selbst und er deshalb kein Recht hätte zu klagen. Dann wären wir mitten im Befindenslimbo, den auch unsere Großmütter so trefflich beherrschten. Eine sehr protestantische Diskussion, wie ich finde. Denn nach deren Ansicht, hat das Leben Anstrengung und Qual zu sein und derjenige, dem es aus irgendeinem Grund besser geht, hat das gefälligst nicht zu zeigen.
Vielleicht ist es auch eine spezielle Atmosphäre in Westdeutschland. Durch die Wirtschaftswunder-Erbschaften und die kleiner werdenden Familien werden Aufstiegsbiografien seltener nötig. Ja, sie werden scheel angesehen. Mich wundert es daher nicht, dass Gesellschaftsschichten immer weniger durchlässig sind und wer in eine Schicht hineingeboren ist, dort mit Sicherheit auch bleibt. Gesellschaftliche Aufstiege von Migranten aus anderen Kulturkreisen in einem Land, das kein Einwanderungsland ist, brauchen dazu noch die doppelte und dreifache Kraft, denn sie bedeuten auch massives Abgrenzen von einigen Werten der Eltern. Und wir haben nun mal mehr Migrantenkinder in den unteren Gesellschaftsschichten (weil Familie und KInder dort noch selbstverständlich zu einem Lebenslauf dazugehören) als Kinder von Menschen, die schon seit vielen Generationen in Deutschland leben. Das heißt, Aufstiege werden noch exotischer.
Eigentlich ein Grund, stolz darauf zu sein, diesen Sprung zu schaffen. Aber Stolz auf etwas Geleistetes ist in manchen Gruppierungen nicht en vogue, es sei denn man ist im Fitness-Studio oder läuft Marathon.
Schade, ich finde, es zieht nichts mehr runter, als die alten Geschichten immer wieder hervorzuholen, Hass tief zu inhalieren, die Energie aufzuwenden, akribische Notizen in einem Buch der Kränkungen zu machen, statt sich ein gutes, glückliches und selbstbestimmtes Leben als Ziel zu setzen und das zu realisieren.
Meine Philosophie ist ohnehin, wenn wir nicht gerade mit sehr schweren, irreparablen Lebenshindernissen auf die Welt kommen, ist die Summe von Freud und Leid, die uns allen widerfährt, gleich. Nicht gleich ist, wie wir Freud und Leid wahrnehmen und was uns im Detail widerfährt.
Dass es Kindern von Reichen besser geht und dass sie es leichter haben im Leben, ist ein alberner Trugschluss. Die Leute, die ich kennen gelernt habe, die mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wurden, waren nicht weniger im Leid, als diejenigen, die den Aufstieg nicht von ihren Eltern geschenkt bekamen.
Sie hatten genauso wenig Spielraum, weil ihre Eltern übermächtig sind. Die Angst, dass die Eltern nicht loslassen können und das Familienunternehmen in den Sand setzen, bevor es vererbt wird, ist genauso groß, wie die Angst enterbt zu werden, wenn man sich nicht gewünscht verhält (die falsche Frau heiratet, womöglich ihr Kind adoptiert) und die Angst davor, dass im Falle eines Berliner Testaments in der Elterngeneration noch mal geheiratet wird und Geld und Gut auf den letzten Metern verjuxt und falsch vererbt wird. Dazu kommt eine ständige unterschwellige Angst vor Verarmung, die ich bei diesen Leuten spürte. Da konnte ein fünfprozentiger Kursabfall einer Aktie oder das Brandschutzgutachten für eine Immobilie schon mal eine mehrwöchige Depression auslösen. Die Ängste, sich zu verlieben und sich an den/die Falsche zu binden und die Konsequenzen tragen zu müssen, kommen gratis dazu. Man halt halt viel zu verlieren.
Mir sind die Leute, die kämpfen mussten, allemal lieber. Ich kenne jemand, der hat mit Anfang 20 sein erstes Haus für die Familie allein gebaut, als Minderjähriger hat er (kein Witz) Flaschen gesammelt, wenn das Geld am Monatsende alle war, Unterstützung der Eltern gab es nicht, ab dem 15. Lebensjahr auch kein Dach über dem Kopf bei ihnen. Eine soziale Infrastruktur, die solche Jungendlichen auffing, gab es in den späten 70ern noch nicht. Nun kann er sein Lebenswissen auf seinem ausgedehnten Hof in südlichen Gefilden nutzen. Zwischendurch hat er Jobs ganz oben in internationalen Konzernen gemacht und ist früh ausgestiegen. Solche Leute schätze ich sehr. Mehr als die Söhne und Töchter von, die mir begegneten, denen alle Türen offenstanden, ohne dass sie etwas dafür leisten mussten und die der kleinste Windstoß aus den Schuhen pustet.
Denn es hat großen Charme und ermöglicht einen guten Einsatz von Kraft, selbst ein leeres Blatt zu füllen.

So, das war die Ergänzung zu gestern. Am Nachmittag gingen der Graf und ich zu einer Veranstaltung der Social Media Week, es ging um das von uns sehr geschätzte Rosegarden Magazin und Pop up-Kultur.
Danach gab es noch eine ausgedehnte Stunde bei Modulor, ich kaufte auch nur ganz wenig. Aber Schneiderkopierpapier musste sein.
Dann hatten wir Hunger, uns war nach Huhn, aber nicht im Hühnerhaus. Die Henne war natürlich ausgebucht, aber in der Kleinen Markthalle waren zeitlich limitiert noch zwei Plätze frei. Das wird gefühlt immer schlimmer, einfach spontan am Freitag- oder Samstagabend essen zu gehen scheitert an den Reservierungen.
Das Huhn war knusprig, das BIer lecker und nach diesen wirbeligen Tag verschwand ich früh im Bett.

Dann habe ich noch drei Links noch mal, weniger emotional diesmal, zur Wahl:

Das Nuf – CDU-Wähler_innen scheinen die neuen Zombies zu sein und die Zombieapokalypse hat scheinbar nur die Hipstergemeinden verschont.
Ix – Ich glaube, Themen werden nicht manipulativ umarmt, um Wähler zu locken, sie rutschen in den Mainstream.
Journelle – D’accord, nix hinzuzufügen, außer vielleicht den Gedanken, dass mit ein bisschen Geschichtserinnerung das Schicksal von Ländern betrachtet werden kann, in denen eine kleine nonkonforme Elite an der Macht kam. Das hat meist übel gekracht.

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Tagebuchbloggen – 26. September 2013

Ich machte eine kurze Schreibtischsession, nachdem der Graf aus dem Haus war. Dann wechselte ich zwischen Küche und Nähmaschine. Der Unterrock sollte bei Tageslicht fertig werden, abends tun mir oft die Augen weh. Irgendwann kapierte ich es, was mich an dem Batist aus „reiner Baumwolle“- laut Versicherung des Händlers – so befremdete. Der schwere, labberige Fall, der leichte Glanz, ja und dann der erste leichte Sengfleck meines zugegebenermaßen stramm heißen Bügeleisens. Es ist Viskose, vielleicht halb und halb mit Baumwolle. Als Unterrock ideal, aber wie immer sollte man sich auf dem Stoffmarkt am Maybachufer nicht auf die blumigen Argumente des Verkäufers verlassen.
In der Küche entstand währenddessen Rote-Bete-Suppe. Bevor wir zu La Primavera fahren, wollte ich noch alle Gemüsevorräte aus der Biokiste verarbeiten. Die kommen in den Tiefkühler und werden je nach Bedarf frostige Herbstnasen wärmen.

Ich überlegte mir schon, welche Ausrede ich der Freundin zukommen lassen könnte, mit der ich am Abend zum Yoga verabredet war, da kam von ihr eine Mail: „Ich erwarte dich um 18:15 Uhr auf der ausgestreckten Matte!“. Ok., da musste ich. Ich gab meinem fetten inneren Schweinehund, der ständig im Weg rumliegt, einen Tritt, dass er winselnd bis nach Timbuktu flog, grabbelte meine Bequemhosen aus dem Schrank und beeilte mich, in die Stargarder Straße zu fahren. Von der Stunde (die harmloseste Sorte Yoga, die sie dort anbieten) nur so viel, die Engel sangen bei jeder Dehnung in Chor, zweimal konnte ich fast nicht mehr (sensible Lehrerin, die dann immer das Tempo wegnahm) und eine halbe Stunde danach hätte ich Bäume ausreißen können. Coole Sache. Und was noch schön ist: Meine letzte Yogaübungen sind gut drei Jahre her, aber das ist wie Fahrradfahren das verlernt man nicht.

Am Abend sah ich, daß ich auf Twitter zwei (Oder waren es drei?) Empörungs-Meme verpaßt hatte und mutete nach kurzem Einlesen die Hashtags. Es nervt mich nur noch.
Ein Artikel in dem ein infantiler Berufsjugendlicher seine Versagensängste auf eine Mutterfigur und die ihn leider ignorierenden Objekte der Begierde – nämlich Mädchen (wer ein ewiger Junge ist, nennt Frauen Mädchen, was sonst?) projiziert, ist mir kein Schulterzucken wert.
Ein ähnlicher Artikel einer ähnlich tickenden jungen Frau, die sich über die dominanten Macho-Typen in der Uni und den Nazi im Prüfungsamt beschwert, der ihr das Studium versaut hat, wäre im Diskurs meiner Fem-Filterblase von einer fucking Heldin geschrieben und somit sakrosankt.
Dann erzählt Mutti mal eine Runde vom Krieg: Ich habe meine Nudeln mit Ketchup im Studium mit meiner Tochter geteilt und statt Interrailurlaub zu machen, habe ich Geld gespart, damit ich ihr Schuhe kaufen konnte.
Der Nachteil: Weniger Rumspielerei und Spaß, keine drogengesättigten Raves. Der Vorteil: Ich wurde für voll genommen, weil ich da war und nicht irgendwo in der Verweigerung, und mein Leben war daher nicht minder interessant.
Armut ist Scheiße, wenn es keinen Ausweg gibt. Studenten erarbeiten sich mit dem Studium eine Palette an Chancen und es zeigt sich sehr schnell, wer sein Leben in „ich würde ja, aber es geht nicht, weil die anderen schuld sind“ verdallert und ewig am jammern ist und wer nicht. Der junge Mann von oben wird wahrscheinlich ewig in der Pose des zu kurz gekommenen und entthronten kleinen Prinzen verharren. Lassen wir doch dort mit seinem Kurzenund kümmern wir uns derweil um relevantere Dinge.

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Tagebuchbloggen – 25. September 2013

Einer der Tage, an denen ich beim Me Made Mittwoch ein Kleid vorstelle. Der Artikel ist schon halbfertig, das ging schnell. Irgendwie schlumpse ich dann doch beim Einstellen, ich bin erst mittags auf der Liste, denn La Primavera ruft an, wie es denn wäre ins Gartenherbstparadies zu kommen.
Es ist wirklich herrlich, wenn zwei menschliche Immobilien versuchen, sich gegenseitig zu Besuchen zu bewegen. Die Bilanz ist trotzdem ausgeglichen. Sie schaffte es jahrelang nicht, nach Berlin zu kommen und ich fuhr zu ihr, jetzt schaffe ich es jahrelang nicht, zu ihr zu kommen und sie kommt hierher.
Dann machte ich Networkingkram, der Zeit braucht und trotzdem nicht sichtbar ist. Das kennt wohl jeder, diese Arbeiten, die Außenstehende fragen lassen: Was hast du eigentlich die ganze Zeit gemacht?
Dann endlich, seit dem Morgen geplant, Badewanne und Haare waschen. Das geht bei mir nicht  mehr so ruckizucki wie früher bei dieser Haarlänge. Kaum war ich untergetaucht, klingelte es. „Klasse“, dachte ich, „ausgerechnet jetzt schleicht der Hermes-Paketbote nicht wie sonst wie ein Phantom vorbei, sondern klingelt.“ Dazu rappelte es vor der Tür und klingelte noch ein zweites Mal. Hm, ich hatte den Nachbarn Hilfe angeboten,wenn jemand mal kurz auf das Baby aufpassen soll. Also tapste ich aus der Wanne raus, tropfend in einen Bademantel gewickelt.
Waaaah, ich hab ja immer so Asozialitätsängste. Eine davon ist, am frühen Mittag völlig verkommen im Bademantel die Tür zu öffnen.
Wer da sei, fragte ich. Polizei, sagten die Herren vor der Tür, wir hätten kein Klingelschild, wer denn hier wohne? Ok., dann machte ich die Tür auf und sah mir die Typen mal an, die sofort eine Marke vorzeigten.
Auskunft geben konnte ich ihnen nicht, sie suchten jemanden in der Nachbarschaft, dessen Namen ich nicht einmal kannte. Mir geht die „Bullenschweine“-Paranoia vieler Berliner Mitmenschen komplett ab. Wozu? Wenn mir was passiert und ich eine Anzeige mache, möchte ich auch, dass die Sache aufgeklärt wird. Ich muss niemandem in den A… kriechen, aber mit einem „Nein, weiß ich nicht.“ fühle ich mich besser als mit einem „Das geht Sie garnichts an, wer hier wohnt, was bilden Sie sich eigentlich ein.“ etc.
Zur Sicherheit habe ich hinterher noch mal recherchiert, ob die Jungs wirklich so eine Marke haben, auch Moskau Inkasso kann so was vorzeigen. Haben sie tatsächlich.
Dann Mittagessen, die Reste von gestern und kurze Rast auf dem Sofa.
Später weiter im Programm. Recherche in den Tiefen des Internets, in den Jahren 2006 und 2007. Fünf Jahre haben uns alle mächtig verändert.
Dann wechsele ich an den Zuschneidetisch. Passend zum Stufenrock schneide ich einen Unterrock aus weißem Batist zu. Der Stoff ist furchtbar rutschig. Die drei Meter, die noch übrig sind, werde ich gut stärken, damit ich sie besser verarbeiten kann. Bei einem Unterrock Ist es egal, ob man beim Zuschneiden mal einen halben Zentimeter abrutscht, für eine Bluse würde ich es blöd finden. Ich machte die ersten Nähte und war wiederum voll des Lobes über das Maschinchen. Hauchdünner, zuppeliger Stoff, extra mit kleinen Stichen genäht und der Transport und das Stichbild sind präzise wie immer.
Später trinke ich Cidre und einen kleines Gläschen von diesem Gin, der fürs Mixen viel zu schade ist, lese noch etwas und gehe schlafen.

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