Abgesang

Am Sonntag abend in C-burg. Ein ganz schlichter Grieche, einer der schon ewig da ist, nix ambitioniertes. HeMan und ich wollen nur noch schnell eine Kleinigkeit essen. Dann bleiben wir länger und kommen ins reden, denn die Musik ist cool, Rock und Pop der 70er, mitunter auch simple Schlager. Ich singe mit. So wie die Herde, die den Tresen umlagert. Nicht mehr jung, zum Teil uralt, alle in beigefarbenen Klamotten, zerzaust, wintergesichtig, mit Bierplautzen und Tränensäcken. Sie kippen Ouzo und grölen mit.
Eine verlebt aussehende Rothaarige steht plötzlich an unserem Tisch. Ob uns die Musik stört. Wir verneinen. Im Gegenteil: tolle Stimmung und klasse Musik hier. Ja, sagt sie, das wäre gut so, schließlich wäre das die Trauerfeier für ihren Mann. Und da haben sie sich geschworen, seine Lieblingsmusik zu spielen.
Sie kam an diesem Abend noch öfter. Immer mehr in Schräglage, emotional immer aufgerissener. Erzählte davon, daß er einfach tot umgefallen sei, mit 49. Daß sie erst ein Jahr und 11 Monate verheiratet waren. Daß sie uns rät, jeden Tag zu genießen und jetzt schon zu besprechen, wie wir begraben werden wollen.
Dann kam ein Rosenverteiler. Drei rosa Rosen für mich.
HeMan begann bei so viel Konfrontation mit dem Leben rational zu räsonnieren und nach Luft zu schnappen. Ich heulte.
Als wir gingen, lag die Frau an der Schulter des Rosenmannes und schluchzte: so früh, warum bloß?

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shit happens

ich kann mich des eindrucks nicht erwehren, daß krankheiten immer dramatischer beleuchtet werden. früher hatte ich einmal im jahr eine magen-darm-grippe und wenn es ganz fies kam, war es die mit der kotzerei und der trigeminusneuralgie dazu. dann war ich wirklich mal drei tage außer gefecht gesetzt.
jetzt wird viel präziser kommuniziert: ist es das rota-virus? wohl gar noro??? oder nur alberne kolibakterien? als hinge davon unser leben ab. – lächerlich bei wohlgenährten deutschen im besten alter.

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wir sind jetzt also auch oscar (darf man das eigentlich ohne tm ausschreiben ohne abgemahnt zu werden?). erstaunlich, die konkurrenz war besser, wenn auch nicht marktkompatibler. als ich das drehbuch vor zwei jahren las, war mir klar, daß die stasi endgültig in die region abenteuerlicher verklärung gelangt war. (erstaunlich, die westler, die den film gesehen haben, halten das, was ihnen geschildert wird, tatsächlich für die wahrheit.)
ich werde mir diesen film auch jetzt nicht ansehen.
aber ich bin gespannt, ob das regieführende riesenbaby auch noch einen zweiten film zustande bringen wird.

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Mami!

Jetzt hat mich das Virus also auch. Es ist ja nicht das erste Mal, daß mir Fliegerklimaanlagen mir eine Kollektion Krankheitserreger anbieten, aus denen sich mein Körper gefälligerweise einen (oder mehrere?) aussuchen kann.
Der Wechsel zwischen Komaschlaf und gaaanz schnell aufs Klo stürzen hat einen gewissen Reiz.
Nur das sich die Arbeit leider nicht von allein macht.

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Es ist soweit

Vor einer Woche stehe ich bei Dussmann in der Taschenbuch-Abteilung vor dem Buchstaben F. Nach Fitzgerald ist es Zeit, endlich Faulkner in einer vernünftigen Übersetzung zu lesen.
(Ich kenne ja nur diese gruseligen DDR-Übertragungen, bei denen man spürt, daß der Übersetzer das Land nie längere Zeit von innen gesehen hat – gleiches gilt auch für viele westdeutsche Übersetzungen aus dem Russischen.)
Schall und Wahn schien mir das Richtige zu sein. Der Titel erinnert mich an das Macbeth-Zitat, das ich in meiner ersten eigenen Wohnung an die Wand geschrieben hatte, denn auch ein Plattenbau brauchte eine individualistisch-nihilistische Note.
Langer Rede kurzer Sinn: Nach Aufblättern und Anlesen der ersten zwei Seiten habe ich das Buch zurück gelegt. Die Schrift war zu klein. Ich hätte weder im Bett noch im Flieger entspannt lesen können. Und das mir, die ich in jeder Lebenslage und bei jeder Beleuchtung Bücher verschlungen habe.
Dazu kommt, daß ich des öfteren den Satz ausspreche: Blöd, ich habe meine Lesebrille nicht mit. Oder: Was für eine dämliche Typografie! Noch ist es nicht so weit, daß ich garnichts mehr erkenne. Noch löse ich das Problem mit Distanzregulierung (die Arme sind noch lang genug) oder mehr Licht.
Ich fand Lesebrillen immer sexy und Männer mit nackten Augen hat es in meinem Leben nur wenige gegeben.
(Hier muß ich noch einmal abschweifen. Ein Argument, daß HeMan überhaupt nicht zu mir passt war: der trägt keine Brille, schon deshalb kann das nicht klappen. Bis er mir Fotos von einem länger zurückliegenden Geburtstag zeigte. Da hatte er noch eine. Und der Rest ist die Weitsicht der späteren Jahre.)
Aber ich selbst und so ein Gerät…
Neben dem Sehvermögen geht mir derzeit die Fähigkeit zu vernunftbegabtem Schreiben ab: stilistisches Gestammel, vergurkte Sätze, die Fakten poltern im Text wie hingeschmissene Pflastersteine.
Vielleicht bin ich grade wieder im Leben angekommen. Im ganz normalen. Wie im Herbst letzten Jahres, als ich den Durchgangsverkehr geschlossen habe. Vielleicht habe ich diese Schleife noch einmal gebraucht. Ängste, Zweifel und Wurzellosigkeit sind weg. Der soziale Streß hat aufgehört, mir das Fett von den Hüften zu nagen. Ich muß aufpassen, das ich nicht fett werde.

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