Das schöne

am allein zu Hause rumhocken ist, daß man zu Sachen kommt, die man ewig vor sich hergeschoben hat. Ich ersetze jetzt mal „man“ durch „ich“.
Ich habe heute Kündigungen verschickt. Für zwei Fahradversicherungen, deren versicherte Objekte längst im Nirvana rollen. Ein Mieterschutzportal, in das ich mich vor Jahren zweimal eingeloggt habe und von dem ich einmal den fachlichen Rat bekommen habe, ich solle doch bitte einen Anwalt konsultieren (Danke!). Drei Zeitungsabos, weil ich in X-Berg eh nicht zum regelmäßigen Tagesspiegel-Lesen komme, eine Fernsehzeitung nicht mal mehr beruflich brauche, sie nur noch aus Sentimentalität (Milchstraßenrevolutionäre) und wegen der letzten Seite vom Kalkofe behalten habe und die Zeit, weil sie von vier Wochen nur drei kommt. Aber letztere buchen scheinbar nicht mal mehr ab. Hm. Im Überschlag spare ich an den Zeitungen 500 € im Jahr. Blogs sind doch die bessere Alternative zum Journalismus. Sie sind basisdemokratische Unterhaltung und Information auf Gegenseitigkeit.
Es ist sehr befriedigend, wenn der Berg, den ich vor mir herschiebe, schrumpft und ich trotzdem nicht das Gefühl habe, zuviel zu arbeiten.

Und noch etwas ist schön: Ich habe viel Lust, zu bloggen.

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Der englische Besuch

ist ein ehemaliger Nachbar von HeMan. Einer von der Herde, die mittlerweile über die halbe Welt verstreut ist und sich in einer Wohnanlage in Sachsenhausen am Main kennengelernt hat.
HeMan hatte mich vorgewarnt: der ist ein bißchen sonderbar. Hi-End-Stereoanlagen-Nerd, kurz vorm absoluten Gehör. Beruflich ziemlich weit oben und im praktischen etwas gaga, zum Beispiel beim Beteiligen an Kneipenrechnungen.
Ich hatte sonstwen erwartet. Aber es stand nur ein netter, ein wenig rundlicher, weißhäutiger, straßenköterblond & brav frisierter Typ vor mir, der deutsch mit so einer dezenten Andeutung von britischer Versnobtheit sprach, daß es Spaß machte, ihm zuzuhören.
Das Wochenende verging wie im Flug. Wir haben das übliche, nach Wünschen und Interessen modifizierte Sightseening-Programm abgespult, das wir immer machen für die Nichtberliner.
Modifiziert hieß, der Gute wollte Klamotten kaufen, weil er in London vor lauter Arbeit nicht dazu kommt. Mit HeMan macht das Spaß, weil der männeruntypisch 1. gern sinnlos durch Geschäfte zieht und 2. tatsächlich einen ziemlich guten Geschmack hat.
Und so verbrachten wir den Samstag in Mitte und ließen sogar einen Standardprogrammpunkt ausfallen, nämlich die Scampipfanne bei Rogacki – besser kann man das alte Westberlin wirklich nicht auf einem Haufen erleben. (Im KaDeWe sind dafür zu viele Touristen unterwegs.)
Abends dann Kreuzberg, danach noch bis in die Nacht bei mir rumlümmeln. Doch vorher war ein Ausflug in das neue Alexa-Einkaufszentrum nötig. Der englische Besuch wollte nämlich eine LED-Leuchte kaufen, die per Fernbedienung sämtliche Lichtfarbtöne mixen kann. Die gibt es nämlich in England noch nicht. Und so kam auch ich in den Genuß des lädierten Mediamarktes in diesem komischen, in einem roten Bunker befindlichen Einkaufszentrum, das innen schwarz-gold-bunt wie Dubai-Luxus für Arme aussieht. Für Arme war auch das sonstige Publikum. Was den englischen Besuch nicht störte. Er war so fasziniert von diversen technischen Spielzeugen, daß wir ihm seine zwei Lampen an der Kasse zahlten und ihn aus dem Laden zerrten, sonst wären wir dort heute noch drin.
Sonntag war dann Ausflugsprogramm angesagt. Schroers Biergarten, Fischerdorf Rahnsdorf, Klein Venedig. Ich versuchte, anhand der dort lebenden und ausflügenden Spezies, dem englischen Besuch beizubringen, wie man Ossies von Wessies unterscheidet. Was allerdings bei diesen Unmengen fein zurecht gemachter Super-Illu-Leser nicht schwer war.
Der Tag endete im Kaffekahn, wie der Berliner sagt.
Und justament da merkte ich, daß ich an diesem Wochenende die ganze Konversation bestritt. Was bei einem Vielredner (fünf Minuten Redezeit sind Minimum, unter dem kommt man nicht dazwischen) wie HeMan etwas heißen mag.
Der englische Besuch und ich hatten Ähnlichkeiten, die unerwartete Syergieeffekte hervorriefen. Abgesehen von straßenköterblond, n paar Kilo zuviel und ein paar Blindflecke in der emotionalen Intelligenz, die mich genauso zieren, spielten wir uns die Bälle nur so zu. Zwei Aliens vom Typ analytischer Denker und Generalist hatten sich getroffen und jagten in assoziativen Rösselsprüngen durch die Themen. HeMan sorgte immer mal dafür, daß wir uns neben unseren Gedankenspielen auch noch vorwärts bewegten und von der Umwelt etwas mitbekamen. Ansonsten: Stöckchen, Hölzchen, Knöpfchen. Auswirkungen englischer Sprachstruktur auf die englischen Umgangsformen. Die Unterschiede in den industriellen Revolutionen in England und Deutschland. Die Moderne der 20er und die Architelktur der 50er. Wie kriegt man raus, wieviel Zigaretten ein ganzes Land konsumiert? Warum funktioniert Tropical Ilands nicht? Der Klugscheißmodus lief mit Blinken und Sirene.
Und ein bißchen war ich neidisch. Nee, anders formuliert, ich ärgerte mich über meine Faulheit. Daß ich mit ähnlichen Begabungen ins Leben gegangen bin. Daß ich ebenfalls mit Hochtempo lese, mit Leuchturmworten auch nach Jahren ganze Artikel, Faktengruppen und Zusammenhänge wieder aus dem Kopf holen und diese wiederum mit den absurdesten anderen Sachen in Zusammenhang bringen kann. Und was ich daraus gemacht habe. Meine Fremdsprachen sind vergessen. Ich arbeite zwar generalistisch, aber delegiere nichts mehr, was mir dringend not täte. Ich habe mich in einer Branche festgesetzt und dort meine maximalen Aufstiegschancen ausgereizt.
Der englische Besuch hingegen berät weltweit Unternehmen. Spricht Deutsch, Mandarin und scheinbar auch Japanisch.
Herrgott, an irgendeiner Stelle im Leben habe ich den falschen Abzweig genommen…

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UÄRGS!

Da habe ich grade eben in einem akuten Süß-Anfall nach dem Nutella-Glas gegriffen, das immer fürs Kind und HeMan bereit steht. Das passiert mir so einmal im Jahr, wenn ich zu faul bin, vor die Tür zu gehen und Schokolade zu holen, sonst mach ich mir nichts draus.
Ich beiß in das Schnittchen und spucke das Zeug gleich wieder aus: widerlicher Geschmack nach muffigem Fett. Ein Blick auf das Etikett verrät mir: drei Monate über Haltbarkeit.
Und HeMan hat heute morgen noch davon gegessen, ohne mit der Wimper zu zucken!

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Männliche Romantik

Mein allerbester Freund hat sich gemeldet. Aber erst nachdem ich nachgefragt hatte, ob er nun endgültig in seiner neuen Eroberung versunken ist (die er mir vor seinem Urlaub vorsichtig angekündigt hatte) und deshalb völlig aus der Welt ist.
Die Antwort war ernüchternd:

Diese Frau… ich war wirklich ziemlich hin und voll romatischster Gefühle und habe mich darauf gefreut, diese Frau quadratzentimeterweise zu entdecken. Leider hat sie mich schon an unserem zweiten Abend in ihr Bett gezerrt und dabei ging irgendwie der ganze Zauber für mich flöten.

Ich versteh es nicht. Wir sind doch alle keine 15 mehr. Wieso begegne ich am laufenden Band Männern, die es vorziehen, in Projektionen zu leben?
He, das Mädel wollte einfach Sex und fand dich nett und vielleicht wäre ja auch mehr für sie draus geworden. Aber so ein Affentanz!

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