HJC·SVNT·LEONES

Die letzten Tage waren rasend. Erstmal das normale Programm, das für hiesige Verhältnisse sehr straff und dicht organisiert ist, so dass eher das intereuropäische Publikum sagte: „Stop mal, halt mal! Nicht so viel!“
Aber es gab auch 1 1/2 freie Tage. Wir fuhren am Mittwoch nachmittag nach Palermo und tauchten mit einem Guide in die Stadt ein. Der gute Mann ist entweder der Ghostwriter von Umberto Eco oder diese Stadt und dieses Land sind tatsächlich so voll von Geschichten, dass ich nun weiß, warum Eco so schreibt.
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(
Wie es so ist in der Kirchen ehrwürdger Nacht – es war zu dunkel für Fotos, man verzeihe mir das.)
Wir waren gut eine Stunde in der Casa Professa und ich stand wirklich mit offenem Maul vor den prächtigen Marmorreliefs, staunte und hörte dem Guide, der eher ein Griot war, zu.
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Der andere Teil war Sightseeing der besseren Art. Durch wilde Viertel ging es, in denen sich jeder seine eigene Leitung legt und man am liebsten mit Leitern in die Wohnungen steigen würde, wäre das nicht verboten.
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Dann kam ein Tag am Meer.
MareUnd auch hier in Cefalù gab es jede Menge altes Gemäuer und statt der Jesuiten bauten die Normannen die Kirche.
Die Südländer weigerten sich striktemang, ins Wasser zu gehen, die Nordländer sprangen hinein. Ich flanierte entspannt über den Strand und durch die Gässchen, wäre aber etwas entspannter gewesen, wenn ich dies hätte allein tun können. Eine versprengte Dame aus Bulgarien wollte nicht allein sein, fand die anderen nicht und begleitete mich. Für mich Solistin war das nicht unanstrengend, aber man muss die Dinge nehmen wie sie kommen.

Mittlerweile weiß ich, dass ich mein furchtbares Englisch niemandem mehr antun sollte. Wenn ich zurückkomme, werde ich mich mal hinsetzen und Vokabeln und Deklinationen lernen. Weiß jemand einen guten Alleinlernen-Audio-Sprachkurs?

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Die Macht der Mätresse

Eines der heutigen Themen war, das Handeln und die Situationen anderer Menschen nachvollziehen zu können. Natürlich nicht mit Reden, sondern mit einer kleinen, trickreichen Spielsituation, die visualisierte, wie weit oben oder unten Menschen in Europa in ihrer Gesellschaft positioniert sind in Sachen Sorgenfreiheit, Ressourcenbeteiligung, Rede- und Bewegungsfreiheit. Natürlich ist das nicht frei von Projektionen und Klischees in den Köpfen der Beteiligten.
Das phänomenale, wieder nicht so ganz erwünschte Ergebnis war, dass neben dem korrupten südosteuropäischen Staatsbeamten die mit Kindern gesegnete Mätresse eines reichen Mannes in einem sehr patriarchalen Land die glücklichste und an fast allem Beteiligte war. Um das zu verifizieren, wie viel Projektion in dem Köpfen das Phänomen erzeugt hat, fragten wir einen Teilnehmer, der sich dort auskennt. Und der konnte das bestätigen: Die Zweitfrau (wie er sagte) eines reichen Mannes, vor allem wenn sie Kinder hat, ist ziemlich sorgen- und unannehmlichkeitenfrei, wenn sie das Geld zusammenhält und für das Alter vorsorgt. Bis auf den Umstand, dass sie bei anderen nicht in hohem gesellschaftlichen Ansehen steht und verborgen lebt.

Überhaupt bin ich sehr glücklich über viele Beobachtungen, die ich mache. Es räumt so angenehm mit unreflektierten Vorstellungen auf. Dieses Lamento „alles wird immer schlechter! Früher war alles besser!“ Mit scheint mit dem intereuropäischen Blick, daß die alten Sozialstaaten wie Deutschland und Schweden auf so hohem (Versorgungs-)Niveau in der Mindestbedarfssicherung gelebt haben, dass es davon scheinbar nur noch abwärts gehen konnte. (Ob ich das, was mit dem deutschen Arbeitsmarkt in den letzten Jahren passiert ist, gut finden kann, weiß ich noch nicht.)
Dass in den Süd- und Osteuropäischen Staaten die Mischung zwischen Aufbruch und Frustration herrscht, die wir Ostdeutschen auch kennen. Dass es den Leuten besser geht, sie dafür aber auch einen Preis zahlen. Dass ernährungsbewusste Letten lieber russische Produkte kaufen, statt allgegenwärtigem deutschem Industrieessen.

Und ich spreche endlich schamlos englisch. Ich habe zwar nicht sehr viel mehr gelernt, weil gar keine Zeit bleibt für neue Vokabeln. Aber ich habe meine Blockaden über Bord geworfen.
Auch wenn es sehr anstrengend ist, denn bisher gab es jeden Tag 9 Stunden Programm, ich bin froh über diese Entscheidung, hier zu sein.

(Natürlich auch wegen des Essens. Heute gab es Mittags und Abends als Plato Segundo umwerfend guten Fisch mit Gemüse und Salat. In den letzten zwei Tagen wurden abends das Essen verspachtelt und die Schnäpse getrunken, die die Teilnehmer aus der Heimat mitgebracht hatten. Sehr witzig, dass es Unmengen von Würsten gab, die fast gleich schmeckten, aber von jedem als regionale Spezialität gepriesen wurden. Dazu gabs dann RakiAquavitKräuterschnaps.)

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Marx im Kloster

Heute war der Tag der Differenzen. Wie ich schon einmal angedeutet hab, es geht um neue Formen der Erwachsenenbildung. Der Veranstalter dieses Workshops ist ein Institut, dass die Ideen von Danilo Dolci weiter erhält, einem pazifistischen süditalienischen Sozialreformer der 50er Jahre. Der Zeit, in der die Mafia auf Sizillien ihre große Zeit hatte und die Menschen hier bitter arm waren und hungerten.
Es ging heute um theoretische Grundlagen und ich hörte ein Konglomerat aus griechischer Philosophie, Marxismus und 68er-Ideen (Ablehnung von Autorität und administrativen Strukturen, alle Macht den Lernenden, Kommunikation von jedem mit jedem etc.)
In den Methoden kann ich generell folgen. Aber immer wenn es um Bestandsaufnahmen ging, lauteten die Antworten: Wir haben die Wahl, wir können es uns aussuchen. Die erwarteten Antworten waren wahrscheinlich anders.
Der einzige, der berichtete, er könne keine alternativen Bildungsformen anwenden, war ein Türke aus der Gegend von Ankara. Der Tenor aller anderen war: Du hast heute so viele Chanchen und solchen Druck, sie zu nutzen, dass es fast lähmend ist.
In Slowenien, einem Land mit 2 Mio. Einwohnern verlassen jedes Jahr 120 Psychologen die Uni. Die Studierendenrate ist extrem hoch. So viele Akademiker braucht dieses Land nicht, Menschen, die einfache Arbeiten können, werden knapp. Holland kehrt zu klassischeren  Bildungsformen zurück. Lettland bleibt gleich dabei.
Der größte Spaß war, dass unserem Auditorium das Wissen darüber, dass andere Bildungsformen als Frontalunterricht nötig seien, uns im Stil des Frontalunterrichts beigebracht wurden. Es sei einfach effektiver.

Nün ja. Am Abend sang ich dann „In einem kühlen Grunde“ und spielte schön laut „Sonne“ von Rammstein, um Menschen, die kein Deutsch sprechen, Deutschland nahezubringen.

Und sonst? Das Wetter ist super, der Essen sehr gut und die Griechen feiern grade noch eine laute Party mit Tanz.

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Einmal nach Palermo, bitte!

Als ich im Januar diese Geschichte zusagte, da verdrängte ich den Gedanken „Huh! Gaaanz viele fremde Menschen!“
Mein Unbewusstes produzierte einen schönen Traum: Ich fiel am Flughafen in Ohnmacht und blieb daraufhin zu Hause. Wir sind hier aber nicht bei „Wünsch dir was!“ sondern bei „So isses!“
Deshalb fuhr mich der Graf heute nach Tegel und ich saß eine Stunde später unbeschadet in einem mäßig gefüllten Flieger.
Ich schlief noch eine Stunde vor, nach der Landung fuhr ich mit dem Bus in die Stadt, schusselte mit meinem Koffer durch Müll und extrem kaputte Straßen. Palermo sieht aus, wie viele festungsartige alte Hafenstädte im Süden: Cádiz, Palma di Mallorca, Alghero, finde zumindest ich. Es ist etwas dreckiger als Berlin, aber ich hatte mir das schlimmer vorgestellt. Schon komisch, daß dieser Stadt vor allem der Ruf „Müllberge“ vorausgeht. Was erstaunlich ist: es ist hier fast so warm/kalt wie in Berlin. Allerdings ist die Temperaturschwankung zwischen Tag und Nacht nicht so hoch. Man sagte, heute sei der erste Sommertag gewesen. Ich klingelte im Headquarter der Organisation, die eingeladen hatte. Niemand öffnete. (Ich hätte anrufen müssen, weiß ich jetzt.) Da es noch zwei Stunden Zeit hatte bis zum Transfer in das Kloster über der Stadt, setzte ich mich auf einem winzigen Platz auf eine Bank und strickte.

Die Nähdamen hatten mich schließlich angefixt. Tücher stricken ginge immer. Und ich war froh darum, verging mir doch die Zeit sehr angenehm und schnell. Vor allem, weil ich erst mehrere Male die ersten Reihen auftrennen mußte, bis ich wieder wußte, wie es geht.
Dann ging alles sehr fix. Eine Fahrt durch eine zugestaute Stadt im Fußballrausch bis zum Fuß der Berge. Zimmerzuteilung. Essen an einem Refektoriumstisch. Caponata, Spinatfrittata, Reissalat, etwas Wein.
Mein Englisch funktioniert leidlich. Komplexe Dinge kann ich damit leider nicht ausdrücken, aber es geht. Es gibt zwei Frauen, die gut Deutsch sprechen, eine Bulgarin, die in Bayern lebt und eine Holländerin, die in Deutschland gelebt hatte. Also bin ich nicht rettungslos verloren.
Und als ich müde wurde, stürzte meine englisch Sprachdatei im Kopf kurzerhand ab und ich konnte nicht mal mehr den einfachsten Sachverhalt ausdrücken. Das wird hier gutes Training.
Außerdem widerspiegelt meine Situation das behandelte Thema. Wie kann jemand an der Gesellschaft teilhaben, dem grundlegende Fertigkeiten und Kenntnisse zu kommunizieren und Wissen zu erlangen, fehlen? Zu welchen Einschätzungen kommt so ein Mensch? Wie läßt sich das ändern?
Ich habe mich mit meinem fehlenden Englisch auch irgendwie eingerichtet. Als ich Zeit hatte, habe ich lieber Internetsprachzeugs gelernt.
Also geht ab morgen eine Runde Neues erleben los.

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