Kein Sonntags-Mäander

Wegen völligem Entsetzen, dass zu dem Workshop in Palermo eine Vorbereitung sein soll.
Die da heißt: „Stelle Deutschland vor. Vor Leuten, die nicht englisch sprechen. Und auch sonst nicht sehr gebildet und auf wirren Wegen nach Sizilien gekommen sind, um in Europa ihr Glück zu suchen.“
Ich glaube, ich werde singen. Schön falsch und laut. Mit allem. Mit Schubert, Hollaender, Weill, Profes, Sichler, Rammstein* und einem Fußballchoral.
Die re:publica habe ich dieses Jahr ohnehin ausgeklinkt, das Geld ist gerade woanders besser aufgehoben.

* Note to myself: Heinos Rammstein-Cover ansehen *hust*

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Einmal mit Profis! Die Postbank: Chaos-IT

Seit Mittwoch vor Ostern ist die neue ec-Karte angefordert. Ok. das dauert sicher durch die Feiertage etwas länger. (Der Graf, der einen Tag später eine neue ec-Karte bestellte, bekam diese letzten Freitag. Er ist nicht Postbank-Kunde.)
Nun kommen die Abbuchungen um den Monatswechsel und Kunden sind ja nicht immer à jour im Rechnungen zahlen und so griff ich zu Bargeld, um das Konto aufzufüllen.
Wußte ich ja vom letzten Mal: Rosa Zettel ausfüllen, Perso vorlegen, klar machen, dass es das eigene Konto ist, kostet dann nur 3 statt 6 Euro für die Einzahlung.
Ich trabte zum Rosenthaler Platz hinunter, holte mir bei Süße Sünde noch ein Eis und stellte mich in die lange Montagsschlange im Postamt in der Torstraße.
Ich war dran, die Dame prüfte meinen Paß, tippte alles ein, was auf dem rosa Formular stand und meinte plötzlich: „Sind sie sicher mit der Kontonummer?“
Die hatte ich mir extra das letzte Mal im Handy notiert und ich war 100% sicher dass sie stimmte, denn ich hatte ja schon mal Geld damit auf den Weg geschickt. Aber wie das so ist, wenn man nicht auf die ec-Karte schauen kann, fängt man an zu zweifeln. Wir verglichen das, was auf dem Formular stand mit der Notiz, sie gab alles noch mal ein.
„Konto existiert nicht.“
Ich ging unverrichteter Dinge nach Hause, schaute mir die Bankunterlagen an. Ich hatte die richtige Nummer angegeben. Mit Horrorvisionen ob meines veränderten Lebensstils (vielleicht gekündigt, weil uninteressante Kundin, keine Millionenbezüge, keine Sparpläne…) rief ich die Hotline an.

Der Kundenberater: „Ich kann Sie beruhigen, das Konto gibt es und mit ihm ist alles in Ordnung. Keinerlei Vermerke. Das war sicher ein Computerfehler, das gibt es manchmal in den Filialen. Am besten Sie versuchen es noch mal bei einem unserer Finanzcenter. Ich suche Ihnen das nächste raus, wie ist Ihre Postleitzahl?“
Icke so: „Fünf Zahlen aufsag“ (und dabei daran denkend, daß alles mit einem Computerfehler anfing, denn so konnte man mir die liegengelassene ec-Karte nicht aushändigen, sie existierte im System nicht)
Der Kundenberater: „Wunderbar! Das nächste Finanzcenter ist das Postamt in der Torstraße.“
Ickeso: (ein leises Argh! unterdrückend) „Da ist das doch grade passiert!“
Der Kundenberater: „Ja, das passiert manchmal mit den Computern, am besten, Sie versuchen mal ein anderes Postbank-Finanzcenter, ein richtig großes. In der Dings- und in der Bumsstraße ist noch eins. In einem sollte die Einzahlung auf jeden Fall klappen, es haben sicher nicht alle Systeme dieses Problem.“
Ickeso: (vorausschauend wie selten sonst) „Und was  mach ich, wenn das wieder nicht klappt? Ich muss ja irgendwie Geld auf das Konto bekommen!“
Der Kundenberater: „Sie lassen sich nicht wegschicken und bestehen darauf, dass die Störungshotline angerufen wird.“
Ok., dann suchte er noch ein paar Minuten, ob denn die ec-Karte wirklich bestellt wurde, denn bisher wurden mir die Kosten dafür noch nicht abgebucht, da sind sie doch sonst immer recht flott. „Komisch … Bis wann galt denn diese Karte?“ – „Das kann ich ich Ihnen doch nicht sagen, ich kann doch nicht mehr draufschauen!“ Zur Sicherheit wurde sie noch einmal bestellt und ich biss zum wiederholten Mal in die Schreibtischplatte.

Heute stand ich dann mein übliches Viertelstündchen in der Schlange im ganz großen Finanzcenter. Wenn das jetzt nicht klappte, musste ich vom Alexanderplatz in die Greifswalder Straße fahren und mich noch mal anstellen. Hyperventilierend und mit ordentlich Brass schob ich mein Formular und das Geld über den Tresen:
„DAS KONTO EXISTIERT UND WENN SIE ES NICHT FINDEN, RUFEN SIE BITTE DIE STÖRUNGSHOTLINE AN!“
Der Schalterdame sah man an, was sie dachte: ‚Mein Gott, nur Bekloppte heute!‘ Sie tippte, sie schaute: „Wo is denn da dit Problem? Is doch da!“

Deshalb steht die Filiale Alexanderplatz noch. Glück gehabt.

Sonntags-Mäander April/4

Nun ist das ja mittlerweile ein „Frauen im besten Alter“-Blog. Also gibt es auch mal was über Krankheiten und Ärzte. Auf dem letzten 50. Geburtstag (wir frühen Blogger sind scheinbar fast alle Babyboomer und werden dieses Jahr 50) gab es so eine Situation. Plötzlich drehte sich das Gespräch magisch um Ärztewarnungen zum überguten Leben, kaputte Knochen etc. und der freundliche Enddreißiger, der daneben saß, wurde immer schweigsamer.
Das Leben, die blöde Sau, ist so. Das schwören wir, dass wir etwas nie NIE! tun würden. Verspießern, Gardinen anhängen, Versicherungen abschließen, früh zu Bett gehen, über Krankheiten reden und dann holt es uns ein, konfrontiert uns mit irgendeinem unkommoden Scheiß und sagt: „Hey Baby, das ist jetzt aber gerade deine Realität! Gewöhn dich schon mal dran!“ Und wenn wir nicht drüber reden würden, würden wir wohl platzen.
Ich trage jetzt meinen Teil dazu bei, war ich doch am Dienstag bei meiner Schilddrüsenärztin und die alte Dame schafft es doch immer wieder, in der eigentlich sonnenklaren Sache von Werten, Befinden und Vermögen einen winzigen Dreh zu finden. Obwohl ich stereotyp sage: „Mit geht es super!“
Konkret hat sie gerade etwas umgestellt zwischen t3 und t4 (Hormon und Prohormon) und der Einnahmezeit und mir geht es blendend. Ich muss nicht mehr so viel Willenskraft aufwenden, um einen halbwegs fitten Zustand herzustellen, ich bin fitter. Natürlich dauert die richtige Einstellung noch mal ein paar Wochen, aber was die Kurzzeiteffekte betrifft, ist das schon mal super. Der einzige Wermutstropfen: Noch ist der Rest meines Körpers nicht hinterhergekommen. Als wir gestern Abend die Strecke Mitte-Neukölln-Mitte radelten, hatte ich ein paar Mal das Problem, das alles in mir ein akzeptabel gemächliches Tempo fahren wollte, nur meine Beine nicht. Ich war nicht außer Atem, mir war nicht wie sonst schwummerig im Kopf, ich hatte nur nicht genügend Kraft. Die muss wohl erst langsam wieder nachwachsen. Komische Sache. Hoffentlich werde ich nicht zu einem zweiten Johann Buddenbrook.
Passender Link zur Kommunikation mit Ärzten, die Frau Engl. Da muss man entweder auch Medizin studiert haben oder aber von dem Typ sein, der sich einfach fallen lässt und den Gott in Weiß machen lässt. Bin ich beides nicht. Ich bin der googelnde Ekelpatient, der die Kontrolle nicht abgeben mag. Das hat mir vor über 12 Jahren zumindest so weit geholfen, dass ich wußte, das, was meine Internistin gerade sagt, mit Wechseljahren mit 37, ist einfach Bullshit und der Rest war die Empfehlung eines Freundes, zu einer kompetenteren Ärztin zu gehen. Die mich nach Befinden einstellt und sieht, was möglich ist, statt Werte auf dem Zettel und nicht mich anzusehen und meinen: „Laut Werten muss es Ihnen aber gut gehen!“
Schilddrüse ist ein weites Feld und nicht lukrativ für die Pharmaindustrie. Die synthetischen Hormone gibt es seit 1926 und damit ist kein Geld zu machen. Daher gibt es auch kaum Forschung und wenig Wissen. Die melkenden Kühe in der Masse sind scheinbar Blutdruck- und Blutfettsenker (mit den jeweils enger werdenden Normwerten, damit möglichst viele Leute in die Medikation passen) und seit ein paar Jahren Diabetes, weil es nun Medikamente gibt, die patentierbar sind, im Gegensatz zu Insulin.

Wollen, tun und dranbleiben ist das zweite Thema. Maike schreibt auf Kleinerdrei zum Thema Leidenschaften, Erfolgserlebnisse und Durchhalten. In meiner Twitter-Timeline fühlten sich viele angesprochen und ich kam auch ins Überlegen.
Zum einen ist es eines meiner beruflichen Themen, denn mich suchen viele kreative Freiberufler auf. Seins finden, Motivation und Durchhalten sind dort berufliche Basics.
Aber in dem Artikel geht es explizit um Freizeit. Also nicht um den Bereich, mit dem die Existenz gesichert wird und systematisch qualitätvolle Ergebnisse gefordert sind.
Es geht um den Homo ludens, nicht um den Homo faber in uns.
Ist es wirklich schlimm, sich für etwas zu entflammen und es dann auch wieder aufzugeben? Ist es oberflächlich, unglaublich fasziniert zu sein von etwas und vor Schwierigkeiten zu kapitulieren oder das Interesse zu verlieren? Dürfen Interessen nicht wechseln?
Finde ich nicht. Dieses Spielen ist eine große Freiheit, erzählt uns viel über uns selbst und leitet uns.
Seit ich 14 bin, spiele ich „schöne Frau“. Ich nähe mir Kleider. Mit dem Nebeneffekt, dass ich in Konstruktionen, Farben, Materialien und Nähten versinken kann. (Seide! Ich habe gerade Seide wiederentdeckt! Nur schade, dass sie unbezahlbar teuer geworden ist.) Ich spiele „Geschichten erzählen“, indem ich Details aufschnappe und eine Story daraus mache, ich tauche in die Welt von Figuren, Dialogen und Charakteren. Ich spiele „Meisterköchin“ und stehe stundenlang in der Küche, das Kochen ist mir dann lieber als das Essen. Ich spiele „Kurtisane“ und vervollkommne meine Fähigkeiten als Liebende. Ich spiele „Lonesome Cowgirl“ und schwimme, fahre oder wandere allein ins Weite.
Aber ich bin nie alles zugleich, die Phasen wechseln sich ab, mein Interesse wechselt. Was für mich ganz wichtig ist: Kein Druck, kein Perfektionismus. Leistungsdruck mache ich mir schon genug im beruflichen Bereich. Dass dann etwas zu einem hohen Perfektionsgrad gelingen kann, ist eher ein zufälliger Nebeneffekt des Spiels. Ich mache es nicht, um etwas sehr gut zu können oder womöglich so wie jemand anders, den ich bewundere. Ich tue es ausschließlich für mich. (Ich bin froh über diese Immunität, denn in der Diskussion zum Artikel tauchte oft die Entmutigung aus, etwas nicht so gut zu können wie die bewunderten Anderen. Meine Oma hat dazu immer gesagt: „Du bist nicht die Anderen. Merk dir das.“)
Da ich eitel bin, nehme ich Wahrnehmung und anerkennende Kommentare gern mit. Aber das, was ich spielerisch tue, mache ich nicht zuerst, um zugehörig zu sein oder Anerkennung zu bekommen. Dann würde ich die Freiheit verkaufen, die darin wohnt.
Es gibt einen kleinen Haken, deshalb bleiben die ersten Versuche, bis ich bei etwas sicher am Ball bleibe, im Verborgenen: Wenn ich erst einmal ernsthaft und nicht im Scherz zu anderen darüber geredet habe, dass ich etwas tue, dann mache ich das auch. Denn damit zementiere ich ein Bild von mir in der Öffentlichkeit, dem ich dann besser entsprechen sollte, sonst geht es mir damit nicht gut.
Ja, spielerisches Handeln sagt eine Menge über einen Menschen.

 

Weiter. Gestern feierte die geschätzte Frau Indica Geburtstag und hatte uns im Lupus in Neukölln versammelt. Seit ich vor fünf Jahren aus dieser Ecke Berlins wegzog, hat sich hier viel verändert. Die Adresse war damals noch eine verräucherte Alkikneipe, dann wohl ein Späti. Jetzt wird hier phantastisches Bio-Essen gemacht. Das fett Mampfen und Betrinken scheiterte aber ein wenig an der Kommunikation („Ich hätte gern ein Weizen!“ – „Sorry, we have just Zisch!“ – „Dann ein Bier!“ – „Zisch!“ – „Haben sie denn kein überhaupt kein Bier?“ – „… Zisch!“ Es dauerte eine Weile, bis decodiert werden konnte, dass mit „Zisch“ Lammsbräu Helles gemeint und das Weizen ausverkauft war. Der Service sprach überhaupt kein Deutsch und wir fühlten uns reflexartig so in der Überzahl, dass wir nicht englisch mit den zwei Damen sprachen.) und Logistik (Zu später Stunde hatten wir dann den Dreh raus und bleiben so lange am Tresen stehen, bis sie uns die Order in die Hand gaben.)
Aber wie gesagt, die Suppe und die Salate, die schon vorher abgesprochen und geplant waren, waren so ziemlich das Delikateste, was ich in der letzten Zeit auf den Teller bekam.
Da werden wir wohl noch einen zweiten Anlauf machen und mit viel weniger als 20 Leuten dort erscheinen.
Aber sonst: Hoch angenehme, interessante und sehr witzige Menschen, die um die zwei großen Tische saßen.

Und nun kommt der Rausschmeißer: Es wird sicher zu Anfang nächster Woche eine Fortsetzung der Postbank-Posts geben. Ich habe, nachdem klar war, dass das Informationssystem im Online-Banking wohl nur ein Placebo ist, beim Telefon-Banking angerufen und eine neue Karte geordert. Das ist nun 11 Tage her. Rechnen wir ein, dass zwischendurch Ostern war, aber Anfang der Woche sollte sich da etwas tun. Vollspacken.

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Sonntags-Montagsmäander April/3

per aspera ad astra Quilt (tut mir leid, erstmal nur dieses Bild, bessere Fotos mit Details folgen…)

  • 415 Teile
  • 3 1/2 Bett- und 2 Kissenbezüge aus Omi-Nachlässen
  • um 200.000 Stiche
  • gut 1.200 m Faden
  • geschätzt 100 Stunden Arbeit, wenn nicht mehr
  • unschätzbare Beratungsarbeit von Primavera

stecken in dem guten Stück. Weil es Sterne, interstellaren Waber und jede Menge irrer, bleicher Sonnen hat und von einem fetzenfliegenden Diskurs zum Thema Arbeit begleitet wurde, nenne* ich ihn „per aspera ad astra“. Das war wirklich rauh. Ich habe völlig unterschätzt, was das für Zeit frisst, vor allem, wenn man etwas zum ersten Mal macht. Außerdem habe ich mich wieder mal völlig überschätzt, mit einem Format von 2x2m und halbgeteilten 16er-Quarters anzufangen, ist sehr sportlich. Nächste Erkenntnis: Ich bin für Free Motion Quilting (also dieses Muster-Rumnähen) nicht gemacht.
Das ist wie Klavier spielen. Gas geben, Stoff bewegen, Schwung in das Muster bringen, gleichzeitig Entscheidungen treffen, wo und wie es weitergeht… Nach einer Stunde Arbeit war mir vor Konzentration auf zu viele Dinge immer dezent übel und die Schulter schmerzte, weil der Stoff schwer ist. Die flotte Leichtigkeit, mit der die Damen in den Video-Tutorials arbeiten, geht mir völlig ab.
Ein paar Mal war ich kurz davor, alles hinzuschmeißen. Zwei Wochen lag die Arbeit auch völlig. Aber ich war zu faul, alles in den Schrank zu räumen und hatte auch Angst, bei einer längeren Pause den Faden zu verlieren. Ich bin sehr happy mit den Farben. Zuerst war mir das zu knallig, die bunten Sterne auf hellem Grund, denn beim Färben hatte ich tief in den Bunt-Topf gegriffen, ohne daran zu denken, was zusammen passt. (Außerdem hatte ich die Sterne des Ausgangsentwurfs um 50% vergrößert, sonst hätte ich mir mit dem Fummelkram die Finger gebrochen, sie wurden dominanter.)
Hell sollte die Sofadecke nach Wunsch des Grafen sein und noch mal eine dezente Farb-Komposition „Schlumpfeis an Leberwurst“ wie hier wollte ich nicht machen. Viele historische Quilts waren bunt auf hellem Grund. Keine Ahnung, warum. Vielleicht griff man zu Wäscheleinen als Grund, weil davon sowieso das meiste da war und man dann die bunten Reste besser zu arrangieren konnte.
Eins weiß ich, in der Größe gibt es so schnell keinen Nachschub und wenn, dann nehme ich mir ein Jahr Zeit und mache immer mal wieder etwas daran.

Weiter gehts. Der Freitag war der Termin von Enno Parks traditionellem Karfreitagssteakessen. Für mich ein Grund, Menschen wiederzusehen, die ich sonst selten treffe und ordentlich Fleisch zu essen. Für manche ist es eine Beleidigung ihrer religiösen Gefühle, für andere ist gerade eben das beabsichtigt.
Seit dem Beginn von Twitter, seit ich die Schotten aufmachen kann für das Reden mir völlig fremder Menschen, denke ich am Karfreitag: Ups, da haben aber welche ein Problem! Dieses tourettehafte „Tanzverbot!“-Geschrei von Leuten, die ich im Leben nie unter die Tänzer sortieren würde, das Abspulen der ältesten Konfirmandenwitze zum Thema Jesus und Nägel. Ach du liebes Bisschen! Ich mache Twitter meist spätestens um die Mittagszeit zu. Das nervt und ist mir auch ein bisschen unangenehm.
Ich frage mich, warum so viele erwachsene Leute, die aus der Kirche austraten, sobald sie aus der Fuchtel ihrer Eltern waren, nie ein eigenes und erwachsenes Verhältnis zur Religion ihrer Abstammung gefunden und ihren Frieden gemacht haben. Wer so angepiekt und pubertär reagiert, in dem ist das doch noch sehr lebendig. Wahrscheinlich lässt man die Kinder, so man welche in die Welt setzt, dann doch taufen.
Ich weiß, ich bin nicht frei von solchen Reaktionen. Bei fundamentalideologischem Hirnwäsche-Gedöns anderer bin ich schneller auf der Palme, als man sich das vorstellen kann, da sitzt die orthodox-kommunistische Erziehung zu tief in den Synapsen. Vielleicht ist das nichts anderes. Aber mich befremdet es.
Nicht mein religiöses Empfinden ist verletzt, sondern eine tiefe kulturelle Prägung meldet Widerspruch an. Das Christentum liegt wie ein Boden unter jedem meiner Schritte. Da kann ich exotische Ausflüge in Richtung Buddhismus machen und nichts kapieren von dem großen Wagen und den Kostbarkeiten und dem Goldlotus. Ich brauche nur einmal das Wort Welterlöser hören und weiß, was gemeint ist. Die Bildsprache der Altäre ist in tausend Kopien in meinem unbewussten Archiv abgelegt, so wie die Soundfiles des Halls der großen Kathedralen und als ich zum ersten Mal Weihrauch bis zur Trance einatmete, in einer tausend Jahre alten armenischen Wallfahrtskirche auf einer Halbinsel im Sewansee, begrüßte ich den Geruch wie einen alten Bekannten.
Das konnten drei Generationen Atheismus und das elterliche Verbot, eine Kirche zu betreten, nicht auslöschen. Auch wenn ich für die Religionsausübung wahrscheinlich verloren bin, weil ich nicht glaube, dass es funktioniert, genauso wie Homöopathie, ich bin zu skeptisch. Nach ein paar Wochen Katechumenat, denn ich hatte mich vor knapp zehn Jahren auf die katholische Taufe vorbereitet, habe ich es bleiben lassen. Wozu? Das Leben findet jetzt und hier statt und helfen muss ich mir immer noch selbst. Ich finde keinen Halt und Trost im Glauben an Gott. Auch wenn die Predigten in St. Michael ziemlich gut waren, ich fühlte mich fremd.
Doch es ist ohnehin mal wieder alles anders, es gibt keine einfache Wahrheit. Für viele meiner Generation und Herkunft war die Kirche eine Nische der ideologischen Freiheit. Selbst ich habe mich, trotz strengem Verbot und drohendem Mega-Ärger, zu den Veranstaltungen der Jungen Gemeinde geschlichen. Ich wohne nun am Zionskirchplatz und ich denke oft daran, was dieser Ort und das Gemeindehaus eine Straße weiter für die deutsche Geschichte bedeuteten. Dort konnten Menschen frei sprechen und denken. Denn die Kirche hatte selbst für sozialistische Herrschaftsstrukturen eine eigene, unerschütterliche Macht, war in Teilen unberührbar (wenn auch nicht uninfiltrierbar). Auch das halte ich für einen Effekt der tiefen christlichen Basis.
Antje Schrupp schrieb in dem etwas sonderbaren Damen-Gemischtwarenladen-Blog 10 vor 8 über Jesus am Kreuz. Eine Autorin, die ich sehr schätze, ein Fakt, mit dem ich mich auch sehr beschäftigt habe. Denn warum betet das Abendland eine starre Folterleiche an? Ich war ein wenig enttäuscht, dass der Text von den historischen Fakten, von Christus, dem vormaligen Paradieskönig, einen steilen denkakrobatischen Schlenker machte und tatsächlich behauptete, Gewalt wäre vor dem 10. Jahrhundert ehrlicher gewesen. WTF? Es gab immer Einen, der einem Anderen erzählte, warum man einem Dritten jetzt eins über den Schädel ziehen musste. Ich sage nur Kreuzzüge. Vor dem 10. Jahrhundert liegt nur dankenswerterweise der Schleier des geschichtlichen Quellenverlustes. (Dazu übrigens Anke Gröners Text zum Überliefernswerten, sehr wichtig!)
Antje Schrupp endet in einem abrupten „habt euch alle lieb und macht das Paradies auf Erden“, wie das Wort zum Sonntag, wenn die Sendezeit abläuft. Ein bisschen schade, nein, sehr schade sogar.

Jetzt wird es wieder weltlich. Am Ostersonntag kamen das Kind und ihr Freund ganz altmodisch auf Kaffee und Kuchen zum Elternbesuch. Da das Wetter zu schön war, packten wir den gedeckten Tisch in eine Plastikbox, holten Omas Campingtisch und Segeltuchstühle aus dem Keller und setzten uns mit Tarte Tatin, Rhabarberbercrumble, Eistee und Cremant in den Weinbergspark. Stilvoll geht die Welt zugrunde. Mit Servietten, Tafelsilber und gutem Tischleinen. Gutes Leben also.

* Quilts müssen ja immer irgendwie heißen, habe ich gelernt.