Der Tag begann trübe und mit Nieselregen. Wir räumten im Holzhäuschen unsere Sachen zusammen, frühstückten und fuhren in die Stadtwohnung, um ein letztes Mal die Katzen zu bespaßen, die sich schon sichtlich langweilten.
Dann machten wir noch eine große Runde durch die Innenstadt. An der Brücke zum Ziegenwerder, die gerade mal 10 Jahre alt ist, verdient sich irgendeine Holzbaufirma aus Niedersachsen eine goldene Nase bei der Sanierung von etwas völlig intaktem (wahrscheinlich subventioniert). Die Plattenbauten-Staße, die in meinen 20ern der heißeste und neueste Scheiß war, steht leer oder beherbergt Wende-Verlierer. Die Läden sind an gemeinnützige Vereine, die gequirltes Nichts veranstalten und Sozialträger vermietet. Ein paar historische Gebäude sind sehr teuer saniert und dann mühselig gefüllt und doch halb leer, die Universität hat riesige Bauten bekommen. Zwischendurch immer wieder Lücken, wo vor 30 Jahren viel los war. Der Versuch, schrumpfenden Städten eine Restwürde zu bewahren, schlägt regelmäßig fehl. Überdimensioniertes Gedöns neben schwarzen Löchern, durch das Rentner mit Rollatoren schleichen.
Es ist folgerichtig, dass dieses aufgeblähte Soufflé sozialistischen Fortschritts nach der Wende in dich zusammen fiel. Das war keine gewachsene Struktur, sondern aufgepropft. Eine Stadt, die im späten Mittelalter mal wichtig war, als Hansestadt und Universitätsplatz hatte sich mit Militär, Handel und Verwaltung in die Neuzeit gerettet. In den 20ern saß hier die Reichsbahndirektion Ost und verwaltete alle Schienen, Züge und Bahnhöfe bis Königsberg. Das war 1945 vorbei. In einer Latenz- und Selbstvergewisserungsphase beschloß eine Bürgermeisterin das Alte mit Stumpf und Stiel auszurotten und so wie in Eisenhüttenstadt eine neue Stadt zu schaffen. Mit der neuen Stadt sollten das neue Leben und Denken und der Fortschritt kommen.* Die gesamte zentrale Innenstadt, nicht durch Bomben kriegszerstört (wie später gern behauptet wurde), sondern von jemandem aus einem durchziehenden Flüchtlings-Treck angezündet, lediglich ausgebrannt und in der soliden Bausubstanz erhalten, wurde abgerissen oder gesprengt. Neubaublocks wurden gebaut. Der Grundriß entstand am Reißbrett, in der Draufschau. Breite Straßen und riesige Plätze, durch die im Winter die der eiskalte Ostwind fegte und im Sommer brüllheiße Staubteufel tanzten.
Die Elektronik kam, saubere Arbeit für kluge, sorgfältige Menschen. 8000 junge Leute, die gerade eine Familie gegründet hatten, arbeiteten im Halbleiterwerk. Daran hingen Schulen, Kindergärten, Geschäfte, Krankenhäuser, Verkehrsbetriebe. Drei Vier große Neubausiedlungen wurden innerhalb von 20 Jahren gebaut, dafür riss man Einfamilienhäuser weg und benutzte zusätzlich die angrenzenden Äcker. Mitten in der Stadt, couvriert von den neuen Straßen und nur zugewuchert, standen noch die Reste alter Fabriken und Gebäude.
Ich erinnere mich als Kind immer an viel Gedöns. Mit großen Worten wurde eine neue Identität beschworen, Menschen mit weißen Kitteln auf Fotos. Jedes neue Haus mit genormten kleinen Wohnungen wurde als einzigartiger Bote der neuen Gesellschaft begrüßt. Nur komisch, dass meine Großeltern, die zu den Mächtigen des Landes gehörten, in einem großen Einfamilienhaus mit Garten am See lebten und meine Oma nichts mehr hasste, als sich mit anderen Leuten in die Straßenbahn zu quetschen…
1990 kollabierte diese Fortschritts-Blase mit einen mehrjährigen schlaffen Pupsgeräusch. Die Generation der Endvierziger, zu der meine Eltern gehörten bekamen mehrheitlich die Kurve nicht mehr. Sie versuchten noch halbherzig, nach außenhin Kapitalismus zu spielen, die glitzerbunte Warenwelt und die neuen Autos nahmen sie ganz gern mit, alles andere war Depression pur. Es ist nicht schön, wenn dir jemand sagt, dass die Werte, nach denen du gelebt hast, nur alberner Dreck waren und dich mit Almosen abspeist, damit du nicht aufmuckst. Aber es ist auch leider nicht zu ändern.
Ich kann dazu nicht viel sagen. Für mich war der Mauerfall lebens- und verstandrettend. Ich ging weg, wie ungefähr 70% der jungen Leute. Der Rest hatte einen Job im öffentlichen Dienst oder lebte von Aufträgen des öffentlichen Dienstes und Aufbau-Ost, später EU-Subventionen, oder kam ganz auf den Hund und wurde von den Leuten im öffentlichen Dienst gepampert. Man verpachtete den nahen Helenesee an irgendeinen Spacken, der riesige Einnahmen und Arbeitsplätze versprach und erhielt umzäunte Leere, man machte Geschäfte mit einem Scheich, um wieder eine Chipfabrik zu bekommen und musste sehen, dass die Subventionen in Dubai landeten, man gründete eine Uni und um Studenten zu ziehen gibt es nun auch eine Fakultät für Gesundbeter.
Jeder Marktplatz einer brandenburgischen Kleinstadt, in den 80ern verfallen und kleinbürgerlich erscheinend, hat heute mehr Charme als die Innenstadt von Frankfurt (Oder). Wer es sich leisten kann, baut am Stadtrand oder zieht gleich in ein hübsches altes Häuschen irgendwo im Schlaubetal.
Wir landeten bei unserem Gang in einem Café in einem alten Speicher, der Ausbildungsrestaurant ist. So eine Art Einstein für die Provinz mit selbstgetöpferten Kaffeetassen. Frequentiert von die „Zeit“ lesenden zugezogenen Wessis und Ureinwohnern, deren in Berlin lebende Kinder sie dort hin schleifen. Der Kaffee wird als Zugeständnis an die örtliche Tradition mit fett Sahne statt Milchschaum serviert und ist ansonsten ganz ok., unglaublich ambitionierte junge Männer fragten ständig, ob wir etwas brauchten und alles gut sei. Wir lasen eine ältere Ausgabe der Märkischen Oderzeitung. Aufmacher ist ein Nachruf auf Otto Sander, weitere Leitartikel befassen sich mit patentierten Arzneimitteln und Generika, der Woche der Notfallmedizin und nochmals mit Gesundheitsthemen. Am Rande geht es um den Sparkurs der Stadt und um einen Menschen, der im brandenburgischen ein kleines Tourismusunternehmen betreibt. Er wollte eine alte Eisenbahnstrecke und eine seit Jahren leerstehende Brücke mit Draisinen befahren. Das wurde ihm, als alles in Sack und Tüten war, kurzfristig verboten, weil auf der Brücke Eulen nisten. Nun sind die vier jungen Eulen weg und es wird lang und breit darüber debattiert, ob der Unternehmer die sie womöglich umgebracht hat, um skrupellos seinen Profitinteressen nachzugehen. In diesen Landstrich Geld zu investieren kann bedeuten, es ansatzlos aus dem Fenster zu schmeißen.
Nachdem ich diese Stadt noch einmal schonungslos mit offenen Augen gesehen habe, ist mir mehr als einmal klar, dass wir knapp hundert Kilometer weiter in Berlin nicht nur auf einem anderen Planeten, sondern in eine anderen Galaxis leben. Unser Leben hat nichts, aber auch nichts mit dem Leben in der Provinz zu tun (und das bezieht sich nicht nur auf Ostdeutschland). Es sind vielleicht 2000 Leute in meiner Filterblase, die andere Gedanken und Werte haben und sich auf dieser Basis hinstellen und allen Ernstes die 5%-Klausel anzweifeln. Die es zulassen würden, auch Rechtsextreme und die AfD ins Parlament zu bekommen, nur um sich vertreten zu fühlen. So ein Schwachsinn.
Es ist ok., daß Eliten von der Demokratie nur begrenzt abgebildet werden. Sind ihre Werte gesellschaftlich kompatibel, werden sie ohnehin vom Mainstream assimiliert. (Siehe die Themen Emanzipation, alternative Energien und Umweltschutz.)
Wer anders sein will, muss auch den Arsch in der Hose haben, exponiert zu stehen. Wer mit der Masse kuscheln will, muss massenkompatibel werden. Alles andere ist „ein bisschen schwanger“.
Nach Berlin zurückgekehrt, waren prompt auch meine bohrenden Kopfschmerzen wieder da. Ich weiß nicht, was das ist. Vielleicht die Luft.
*Hat hier noch jemand Fragen dazu, warum ich Fassadenkosmetik, um Veränderungen herbeizuführen, wenig sinnvoll finde?