Sonntagsmäander am Rande des Sommers

Frühjahr und Sommer sind für mich die Zeiten, in denen mein Leben stattfindet. Herbst ist Trauer über verronnene Zeit und Winter ist Überleben ins nächste Frühjahr. Nun steht endlich der Sommer vor der Tür.
Ich habe den Schrank voller Sommerkleider und ziehe täglich etwas anderes an. Nackte Füße in Sandalen und das notwendigst Schickliche an Kleidung lassen meinen Körper atmen. (Ich werde nie verstehen, warum manche Frauen im Sommer Stiefel tragen.) Die Welt um mich herum ist zumindest bei 22-25  Grad so, dass ich Wetter nicht als Wetter wahrnehme, sondern in der Luft schwimme wie in einem Aquarium. Und wenn mich der Pollenterror so gut in Ruhe lässt wie in diesem kühlen Frühjahr, um so besser.

Das letzte Wochenende nutzten wir zur Flucht. Der Graf stand vor einem einschneidenden Lebensereignis, er wurde ein Jahr älter und diesmal mit einer Null davor. Nichts, was er ausgiebig feiern wollte, er musste sich wohl erst einmal an den neuen Aggregatszustand gewöhnen.
Wir fuhren wieder zu dem Ort, am Fuße des Riesengebirges, wo wir die schönsten und entspanntesten Zeiten verbracht hatten, nach Schloss Wernersdorf, und ließen es uns gut gehen.
Das Haus war moderat belegt, man konnte sich gut aus dem Weg gehen und so langsam komplettiert sich auch der Garten und die Umgebung hinter dem Schloss, wo eine schöne Teichlandschaft ist.
Die Speisekarte hat sich von Gourmet-Convinence weg zu schlichteren, auch regionalen Gerichten verändert, die Bezug auf die Saison nehmen. Das mag ich und das freute mich sehr. Klar habe ich eine Luxusposition, wenn ich sage, verschnipptes Essen auf aufgeräumten Tellern kann ich jeden Tag haben, dazu muss ich nicht in Urlaub fahren. Aber selbst in Berlin bevorzuge ich handwerklich gut gemachtes Mutti-Futter mit guten, regionalen Zutaten.
Im Barocksaal fand am Wochenende eine Kommunionfeier statt, man musizierte und sang selbst und die kleinen Mädels in ihrem weißen Ornat tobten über die Wiese zum Spielplatz. (Die Kleider waren anders als ich sie kannte, die Mädchen sahen nicht aus wie Kinderbräute sondern wie Nonnen.)
Es kommen scheinbar zunehmend wohlhabende Polen als Gäste. Was mir voriges Jahr bereits auffiel, wie gut die Kinder erzogen waren. Neugierige, offene, freundliche und achtsame kleine Menschen. Die Erwachsenen sind höflich, gut angezogen (die Polin von Welt kommt natürlich mit 14-cm-Absätzen zum Frühstück) und rücksichtsvoll. Das ist immer eine gute Erholung, wenn man aus dem Ort der mit großen Schwenkbereich rotierenden Egomaschinen kommt.
Ich komme hier innerhalb von 24 Stunden in tiefe Entspannung. Nur mit Schwimmen, Baden, auf der Bergblick-Terrasse sitzen, Mittagsschläfchen und moderaten Gängen durch die Wälder (es gab grade Tannensprossen zu knabbern, die Walderdbeeren blühten noch).
wald
Dem Grafen ging es ähnlich und so verbrachten wir unsere Tage als mentales  und körperliches Knäuel, auf das immer mal ein Glas Champagner gekippt wurde.
Zwei Träume blieben übrig, ein kleiner und ein großer. Der kleine und leicht zu realisierende ist, mit Freunden hierher zurückzukehren. Im Spätsommer, wenn die Ernte in den Wäldern wartet. Man könnte in die Vorberge ziehen und Pilze und Beeren sammeln, während auf dem großen Grill Pulled Pork und Spare Ribs garen und am Schluss noch kurze Zeit ein Stück Reh(?), ein Karpfen oder Forellen und Kartoffeln in der Schale dazugelegt werden. Die Pilze würden gebraten und mit Fleisch, Fisch und hausgebackenem Brot gegessen, dazu gäbe es Kuchen von der besten Bäckerin der umgebenden Dörfer und am nächsten Tag würde aus den Beeren Marmelade gekocht. Kinder könnten mitgebracht werden und hätten Spaß auf dem Spielplatz.
Der große Traum ist wirklich groß. Es gibt einen kleinen Ort in den Bergen, da ließe es sich gut leben. (Aber da ich nun 35 Jahre vom ländlichen Leben rede und es nie realisiert habe, gehört das wohl in der Bereich Traum und bleibt dort.)

Da fällt mir noch etwas anderes ein. In Polen gibt es eine sehr Fast Food Kette mit Namen Smazalnia Ryb (=leckerer Fisch). Scheinbar ein Franchise-System. Das sind Holzhäuser, hinter denen ein großer Fischteich ist. Außen ist ein Räucherofen, innen eine Küche und ein großer Gastraum. Es gibt geräucherten und gebratenen Süßwasserfisch aus dem Teich – Karpfen, Aal, Wels, Barsch, manchmal auch Forelle (deren Aufzucht scheint zu aufwändig) aber auch Lachs und Seefische, dazu Krautsalat, Gurkensalat, Kartoffelsalat oder Pommes und diverse Sößchen. Eine super Idee, weil eigentlich alles frisch und ohne große Transportwege angeboten werden kann. Der Test im letzten Jahr war nicht sooo dolle. Zwei unmotivierte Studentinnen schmissen noch mal die Fritteuse an, sotten einen grätigen Fisch mit miesem Öl zu fetter Pampe und klatschten kühlschrank-kalte Salate dazu. Muß man nicht noch mal testen, aber die Idee ist Spitze. Es bleibt auf bessere Ausführung zu warten. (Vielleicht wandere ich ja auch aus und mache eine Fischbude im Schlesischen auf.)

Auf dem Rückweg machte wir einen kurzen Stopp in Görlitz und wandelten auf Pfaden der oberlausitzische Akademie der Wissenschaften. Man muss nicht nur den Barock-Zyklus lesen, um zu wissen, wie es da zugegangen sein muss.

Zurück ins Netz und die Aufreger meiner Timeline. Im Gegensatz zum Grafen, der das Westfalenblatt aus eigenem Erleben kennt, finde ich es nicht prickelnd, wenn eine konservative Kolumnistin weggemobbt wird. Ich bin in einer Welt aufgewachsen, in der Meinungen jenseits der Deutungshoheit einer selbsterklärten Elite in Zeitungen nicht zugelassen waren. Daher taugten diese Zeitungen prima zum nasse Schuhe ausstopfen, kein Mensch wollte dieses Gedöns lesen, das doch von einer ganz anderen (Wunsch-)Welt kündete als der existierenden.
Natürlich werde ich dann sofort gefragt, wie denn meine Meinung ist. Ob ich es vielleicht abwegig fände, wenn Menschen gleichen Geschlechts heiraten und Familien gründen. Das ist komisch, denn darum geht es gar nicht. Ich habe dazu seit Jahrzehnten eine progressive Meinung, wobei die Ehe als Legitimation für Zusammenleben mit der Subventionierung Ehegattensplitting etwas sehr westdeutsches ist.
Es geht dabei nicht um das, was ich denke, sondern ich finde es wichtig, dass auch Meinungen*, die aus dem letzten Jahrhundert kommen und für viele nur noch peinlich-hinterwäldlerisch sind, ihre Öffentlichkeit haben. Schließlich besteht Deutschland nicht nur aus Großstädten, sondern die konservativ-kleinbürgerlichen Traditionalisten (personifizieren wir sie nun als deutscher Michel, Biedermann oder Mecki) sind die Basis dieses Landes. Auch wenn uns, die wir uns nur zu gern als progressiv definieren, das nicht gefällt.
Ich halte es nicht für gut, wenn diese Leute irgendwann „Lügenpresse“ skandieren, weil ihre Werte in der öffentlichen Kommunikation nicht mehr vorkommen. Die Ressentiments gegen gleichgeschlechtliche Ehen mit allen rechtlichen Konsequenzen sind mir zwar fremd, aber europaweit riesengroß. Aber die Zeit wird über sie hinweggehen. Es macht weder Sinn, sich böse und verletzend darüber lustig zu machen und sich trotzdem als moralisch überlegen zu fühlen, noch nutzt es etwas, solche Meinungen aus der Presse auszuradieren und so zu tun, als wären sie nicht da. Sie fallen dann nur in den Schatten und haben eine üble Eigendynamik.

Gleiches gilt für Menschen, die in noch anderen Zeitungen schreiben, was wiederum Leuten mit großer Reichweite und angemaßter Deutungshoheit nicht passt. Seien die in Verschiss geratenen Zielscheiben nun nassforsche Jungmaid mit Adelsnamen oder von Beruf Sohn aus besserem Hause (den ich seit Jahren mit Amüsement lese, weil er so wenig Mainstream ist, auch wenn ich mich manchmal tierisch über ihn aufrege).** Ich bin doch verdammtnochmal froh, dass in Zeitungen Dinge stehen dürfen, über die mal die oder mal die Gruppierung sich erregt. Und denke an Tucholsky und von Ossietzky und all die Leute, die in der DDR Zeitungen mit Stempel und Linolschnittmesser gemacht haben, weil der Zugang zu Druck- und Hektografiermaschinen unter Kontrolle stand.
Eine funktionierende Demokratie hält Reibung zwischen unterschiedlichen Meinungen aus. Und der kindliche Wunsch, dass diejenigen verschwinden mögen, die nicht das sagen, was man selbst denkt und erwartet, steht Erwachsenen schlecht zu Gesicht.

Und gleichzeitig frage ich mich, ob das überhaupt noch relevant ist. Es ist erstaunlich, wie viel Bedeutung die Netzkommunikation Texten beimisst, die auf Papier stehen – oder noch besser – Online-Anhängsel von Print-Publikationen sind. So als würde der Streitwert oder die Relevanz einer Meinung steigen, sobald sie unter dem Dach eines Verlages geäußert wird. Heut noch, wo jeder ins Internet schreiben kann. Erstaunlich.

Noch ein wenig Literatur (ja, heute mänandert es schwer rumpelnd Granit auf Gußeisen):

Vier Tagereisen von Paris in einem Schlammloch, das meiner Familie gehört (…) lebt etwas zwischen Mensch und Vieh. ich hoffe, es in diesem Leben nicht zu sehen, oder in einem anderen Leben, wenn es ein andres Leben gibt. Der bloße Gedanke an seinen Geruch treibt mir den Schweiß aus allen Poren. (…) Aber manchmal träume ich, dass es aus meinen Spiegeln tritt auf seinen Füßen aus Stallmist und ganz ohne Gesichter, aber seine Hände sehe ich genau, Klauen und Hufe, wenn es mir die Seide von den Schenkeln reißt und wirft sich auf mich wie Erdschollen auf den Sarg, und vielleicht ist seine Gewalt der Schlüssel, der mein Herz aufschließt.
Heiner Müller, „Quartett“

Die Angst derer, die sich für großstädtische Elite hielten, vor den anderen.

Und da ich gerade dabei bin, noch mal Heiner Müller, der Schluss des Monologes vom Mann in Fahrstuhl aus „Der Auftrag“

Ich werfe meine Kleider ab, auf das Äußere kommt es nicht mehr an. Irgendwann wird DER ANDERE mir entgegenkommen, der Antipode, der Doppelgänger mit meinem Gesicht aus Schnee. Einer von uns wird überleben.***

Großes Kino, oder? Heiner Müller ist dieses Jahr 10 Jahre tot und er hat mich geprägt wie kein anderer Dramatiker. Ich saß atemlos auf der Probebühne in der Probe zu „Der Auftrag“ und dachte immer: „Au weia, das darf man doch garnicht sagen!“
(Die Premiere fand, wenn ich mich recht erinnere, auch nicht statt. Zumindest nicht in Originalbesetzung. Einer der Schauspieler wurde in Berlin verhaftet, wegen staatsfeindlicher Zusammenrottung. Er bekam einen Blitzprozeß, ging für anderthalb Jahre nach Bautzen und wurde abgeschoben. Eine Bekannte war sehr sicher, dass er wohl die falsche Frau im Bett hatte und jemand sich gerächt hatte. Der Mann hatte im Westen noch eine ziemlich gute Karriere. Auf Fragen nach diesem Ereignis antwortet er nicht.)

Nachtrag, da wir bei Aufregern waren. Ich habe scheinbar Anfang der 90er in Westberlin noch den letzten Rest dessen, das jetzt Pädophilie-Skandal heißt, am Rande mitbekommen.
Eine Mitschülerin vom Kind sang einmal, als ich die beiden von der Schule in den Hort begleitete, ein Lied, das davon handelte, wohin ein Mensch anderen Menschen seinen Penis stecken könnte. Da waren Details dabei, die ich grade mal mit 13 kannte, aber sicher nicht mit 6 Jahren. Ich fragte sie, woher sie das Lied hätte und sie sagte, das hätte ihnen ein Erzieher letztes Jahr im Kinderladen beigebracht. Ich fand das etwas beunruhigend und sprach die Mutter darauf an, die wiederum abwiegelte: Das sei ein hardcore Kinderladen in Kreuzberg gewesen, da hätten sie solche Lieder gelernt. Alles ok., das sei halt dort so.
Ich zuckte die Schultern und dachte mir ok., das ist scheinbar diese sexuelle Revolution im Westen mit ihren ganz wilden Auswüchsen und überlegte noch eine Weile, wie ich den Kontakt und seine Inhalte zwischen den Kindern kontrollieren könnte. Aber dann hatte sich das auch erledigt, das Mädchen wurde ein Jahr zurückgestellt.

 

*womit ich meine „ich finde es nicht gut“ und nicht „man sollte teeren, federn, wo ist die nächste Laterne?“, weil Meinung ist im Idealfall eine Ich-Botschaft und keine Forderung andere betreffend
**in meiner Timeline entwickelten sich scharfe Diskussionen unter gestandenen Herren. woanders wären die wohl mit „aufs Maul“ ausgetragen worden
***Auch eine Art, sich mit Othering zu beschäftigen.

Veröffentlicht unter Leben

WMDEDGT Juni 2015

Frau Brüllen möchte wieder wissen, was ich getan habe. Nun denn.

Heute klingelte mein Wecker erst um 10 Minuten vor 7 und irgendwie kam ich schon früh in meiner Morgenroutine aus dem Tritt. Der erste ernstzunehmende Berliner Sommertag war schuld. Beine rasieren und Kleid bügeln waren eigentlich nicht geplant. Dann kam wie immer kurz vorm losradeln die Biokiste und ich packte schnell noch alles Gemüse in den Kühlschrank.
Mit 5 Minuten Verspätung traf ich im Büro ein, vorher gab es noch auf dem Weg eine Schrecksekunde. Eine junge Frau wäre mit ihrem Rad fast vor die Straßenbahn gerast. Alle Fußgängerampeln waren grün, nur eben nicht die an der Straßenbahntrasse an der Mitte der Straße, das übersieht man leicht. Aber der Bahnfahrer konnte noch bremsen und ich schreie auf dem Rad immer furchtbar laut reflexartig „Ach-tung!!!“ wenn es gefährlich wird. (Das erschreckt zwar diverse ausländische Touristen, weil sie das Wort wahrscheinlich nur aus Nazi-Filmen kennen, aber man regiert darauf.)

Der Arbeitstag war halbanstrengend, weil Brückentag im katholischen Deutschland und außerdem in dieser Woche erst mein dritter Arbeitstag. Der Chef wurde in den Urlaub verabschiedet. Er plant dort, nur 4 Stunden am Tag zu arbeiten. Das kommt mir alles so verdammt bekannt vor.
So langsam lerne ich auch die kleinen Büroaufregerli kennen. Offen stehende Klotüren zum Beispiel. Dass ständig jemand meine Kaffeetasse benutzt. Oder das Unvermögen von irgendwelchen Spacken, den Besteckkorb einer Miele-Spülmaschine korrekt einzuräumen.
Ich machte pünktlich Schluss. Wichtig ist, das Telefon rechtzeitig auszuschalten. Sonst kommt womöglich noch einer der üblen 5-vor-Anrufe, wo irgendjemand der Zeit hat, mal ein paar langwierige Grundsatzerklärungen von sich gibt, die Null geschäftsrelevant sind, nicht unter 20 min dauern und ganz schwer mit der Begründung „Sie! Ich hab jetzt Feierabend, Sie!“ abzuwürgen sind.

Auf dem Nachhauseweg fuhr ich noch bei Karls Erdbeerhäuschen vorbei, doch da war leider schon alles ausverkauft und geschlossen. Als ich angekommen war, warf ich schnell meine Sachen ab, ging zu Süße Sünde und aß im Weinbergspark auf der Bank sitzend Schokoladensorbet und Sahneeis.
Der Abend vergeht mit dem Grafen recht schnell – mit Resten von Sekt und Erdbeeren, Leberwurstbrot und viel Ruhe. Ganz eigentlich ist das ein Abend, an dem man noch rausgehen müsste, unten vor dem Fenster tobt das Leben. Aber ich weiß, nach einem Glas Wein im Rebkeller fiele mir der Kopf vor Müdigkeit auf die Tischplatte.

So werde ich noch etwas rumkramen, das Kleid sichten, das ich morgen zu Glams Party tragen will, Wäsche aufhängen und bald schlafen gehen, denn selbst zum Stricken bin ich zu müde.

Die anderen Beiträge stehen hier.

Pfingstliches Sonntagsmäander

Die die Ausgießung des Heiligen Geistes* sicher nicht in Form von Regen erfolgte, sondern er ganz langsam in die Welt wirbelte und schwebte, ist es sicher ok., dass ein Sonntagsmäander dann auch erst am Pfingstmontag zu Papier kommt.

Die Tage vor den Feiertagen sind bei der Arbeit die anstrengendsten. (Sie erinnern sich sicherlich, ich arbeite der Elektrobranche zu.) Schließlich will das ganze Land auch am Wochenende Strom haben, sogar viel Strom, weil gebacken und Wäsche gewaschen wird, das braucht voll besetzte Schichtpläne. Nun gibt es gerade so viel zu tun, wie es seit Bestehen der Firma, bei der ich arbeite, noch nie gab. Nach einem recht emotional verlaufenen Viertelstundenmeeting (es ist gerade einfach keine Zeit für mehr), bei dem klar war, dass wir nicht noch in der Lage sind, Bereitschaftsdienste am Wochenende zu machen, auch wenn sie gut bezahlt werden, wird eine Assistenz eingestellt, die uns den Papierkram abnimmt und dem Vertrieb hinterherarbeitet. Puh. Gott sei Dank. Das hielt den Arbeitsfluß immer wieder auf.
Ich bin froh, mit Chefs zu arbeiten, die fair sind und keine Spielchen spielen. Es war nie geplant, dass der Laden so wachsen soll und sie stellen sich den Veränderungen nicht nur in dem Sinne, dass sie so viel wie möglich Geld rausholen wollen. Im Moment ist da wenig zu automatisieren (das kommt aber, wenn ich mir die Trends in der Dienstleistungsbranche ansehe) und die Mitarbeiterinnnen mit ihrem Wissen sind schwer ersetzbar.
Eingestellt wird übrigens strikt nach „Kennste wen?“ Da ist noch nie eine Stelle ausgeschrieben worden. Über DIN-gerechte Bewerbungsschreiben würde man hier befremdet sein. Außerdem hat niemand Zeit für solche Vorgänge. Was mir zeigt, wie wichtig berufliches Netzwerken grade in so großen Städten wie Berlin ist. Wo es in kleinen Unternehmen und im Mittelstand richtig boomt, werden nicht unbedingt Jobs ausgeschrieben. Da hat niemand Zeit dafür.
Die Stelle ist innerhalb weniger Tage besetzt worden. Vollzeit, keine Sidesteps in Kreativ- und Alternativprojekte möglich, was in Berlin immer so ein wenig der Knackpunkt ist.
Was mich betrifft, so bin ich immer noch skeptisch, wie lange ich das mitmachen kann. Ich bin wie eine alte Tänzerin. Ich habe viel Erfahrung und weiß wie der Hase läuft, aber wenn es um vollen Einsatz mit allen Ressourcen geht, kann ich nicht mehr mithalten.
Außerdem gibt es da noch einen komischen Effekt. Ich fühle mich nicht frei in meinen Handlungen und Entscheidungen und das lähmt mich. Vielleicht verliert sich das noch, wenn ich die Branche besser durchschaue und sicherer bin. Im Moment falle ich in der Lohnabhängigkeit in eine Art Tragestarre. Ich bin weniger kreativ, intiativ, entscheidungsfreudig und rückversichere mich immer wieder.
Das fühlt sich sonderbar an.
Ich kenne das, wenn ich mit jemand anders Fahrrad fahre. Fahre ich vorneweg ist alles fein, ich bestimmte Tempo und Route. Fahre ich hinterher, fühle ich mich langsam und erschöpft. Es fühlt sich vollkommen anders an, wenn ich niemanden vor mir habe.

Szenenwechsel. Potsdam-Sanssouci. Da ich mich momentan nicht in der Lage sehe, zu spontanen Ostseetrips aufzubrechen, machten wir gestern klassisches Ausflugsprogramm. Ich war ewig nicht mehr dort und Potsdam zählt ohnehin nicht zu meinen Kindheitserinnerungen. Schließlich musste man, um dort hin zu kommen, um halb Berlin fahren.
Wir überließen den Barockgarten den Menschenmassen und flanierten durch den Landschaftspark. Es war alles noch frühlingsgrün und wucherte und blühte, wie schön. Überhaupt mag ich, dass es dieses Jahr nicht den Berliner Steppenfrühling gibt, der in Staub, Hitze und Vegetationsexplosion besteht. Es blüht alles nacheinander und hält sich lange in der klaren Kühle.
Ich war beim Gang durch den Park sehr gerührt von der preußischen Sehnsucht nach Italien. Dabei gibt es Ecken in der Prignitz, die sehen auch aus wie die Toskana. Gut, die Zypressen sind Pappeln, aber trotzdem.
Am Ende unseres Ganges setzten wir uns ins Wiener Café am Luisenplatz. Dass es eine Touristenfalle war, war ziemlich klar, aber es gab Wiener Schnitzel.
Nun ja, wir aßen das mieseste Wiener Schnitzel das uns je begegnet war. Zentimeterdick, mit bröckelnder Panade, sichtbar geronnenem Fleischsaft darunter (also zu niedrige Gartemperatur) und der Graf hatte das Pech, zweimal ein übel sehniges Stück zu bekommen.
Der Service ging damit souverän um, brachte einmal ein völlig neues Schnitzel (diesmal mit Anchovis- und Kaperndeko) und bei der zweiten Reklamation wurde diese Portion gar nicht berechnet. Ich habe den Eindruck, dieser Koch hat noch nie ein Wiener Schnitzel gemacht. Das war geschändetes, mieses Kalbfleisch im Stil von altdeutschem Schweineschnitzel.

Zurück ins Internet. Ich bekomme mittlerweile viele Aufreger meiner Timeline gar nicht mehr oder nur am Rande mit. Zuviel Empörungsgedöns stumpft ab.
Und -ismen und zum totalitären („entweder du bist für uns oder du bist gegen uns“) neigende Weltsichten und -verbesserungsabsichten kann ich  in individualistischen Peergroups nicht ernst nehmen. Jedes wir ist da tief im Grunde ein ichichich und das Verlangen, sich in allem anderen zu spiegeln. Jedes ein kleines Führex. Aber das nur am Rande.

Bleiben wir beim Spiegel. Ich schiebe schon seit einem guten Jahr einen Text vor mir her, der mit Altern zu tun haben wird. Irgendwann erwischt es jeden und meine Haare sind mittlerweile zur Hälfte grau und ganze Strähnen weiß geworden.
Vor 10 Jahren war meine größte Angst, mit 50 die klassische Wechseljahresfigur der Frauen meiner Familie zu bekommen. Viel Hüfte und Brüste und statt Taille einen Bauch, dazu heftige Gewichtszunahme. Ich hatte mir vorgenommen, hart zu trainieren und Diät zu halten, damit mir das nicht passiert. Wie das so ist mit so Plänen. Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Denn da kamen eine Lebens-Vollbremsung mit der ärztlichen Anweisung „nicht schindern, nicht hungern!“, ein Exiszenzcrash, in dem zeitweise Milchreis mit Zimt und Zucker als kleiner wärmender Luxus blieb, Medikamente, die auf den Stoffwechsel durchschlugen Es wurde mir einfach immer egaler, das einzige, worüber ich mich ärgerte, waren die Stapel nicht mehr passender Kleidung. Plus 20 Kilo, die klassische Matronenfigur und die Welt ging nicht unter, ich verlor nicht die Existenzberechtigung.
Im Gegenteil, weil in einer Lebensphase, wo ich mich weit jenseits von liebenswert und attraktiv (nach gängigen Rollenbildern) verortete, plötzlich noch mal richtig die Liebe zuschlug. Ganz ernst und doch mit viel Spaß, konsequent, anerkennend und bedingungslos und nicht mit „Du bist zwar schon so dünn wie noch nie, aber wenn du jetzt noch mal fünf Kilo abnimmst und dir harte Hüften und einen Waschbrettbauch antrainierst, könnte ich dich vielleicht lieben“.
Mein Selbstbild läuft immer noch etwas neben der Spur. Die selbstgenähten Kleiner, die einen kleinen Vintage-Anstrich haben, machen mich tantig, so sehr ich üppig weite Röcke und Schößchenblusen liebe. Nur wenn ich schmale schwarze Kleider trage, sehe ich ein wenig aus wie früher. Das ist das Äußere. Würde ich schnell viel abnehmen, sähe ich aus wie ein faltiger  Sack. Es ist schon ok so.

Peter Paul Rubens 011

Peter Paul Rubens [Public domain or Public domain], via Wikimedia Commons


Außerdem bin ich raus aus dem Fortpflanzungs-Rennen. Mit 50 werde ich nur noch selten von wildfremden Männern als Objekt der Begierde wahrgenommen und wenn, dann sind die mir zu alt und werden von mir nicht mehr so gesehen. Was für eine Befreiung.
Ich würde das nicht unbedingt zu Fat Acceptance hochideologisieren. Es ist einfach Bestandteil meines Lebens. Ich bin Streßfresserin und benutze Nahrungsaufnahme, um mich zu beruhigen und meiner Seele mitzuteilen, dass alles in Ordnung ist, weil die grundlegenden Bedürfnisse befriedigt werden können. (Edit: Außerdem: Keine Rückenschmerzen mehr und schöne Haare und Nägel. Warum auch immer.) Mein Metabolismus kennt nur die Einstellung „bunkern, wer weiß, was kommt“. Wenn ich gepolstert bin, haut mich so schnell nichts um und ich kann beharren und kämpfen, bin ich dünn, fühle ich mich schnell schutzlos und muss flüchten. Außerdem bringt mir Anerkennung als dünne=attraktive Frau nicht viel, das ist zu flüchtig, ich fühle mich objektifiziert, festgelegt und dominiert. Ich war mal ein dürres, mal ein dickes Kind, ich war mal eine dünne, mal eine dicke Erwachsene. Ich war noch nie lebensbedrohlich übergewichtig. Meine Blutfettwerte und mein Blutdruck sind bestens.
Wiege ich so viel wie jetzt, beschweren sich eher die Gelenke, ich vertrage Hitze nicht mehr gut und es gibt Momente, wo es mich ärgert, daß ich mich nicht mehr irgendwo durchschlängeln kann wegen zu großen Schwenkbereiches. Ein Endzustand wird das nicht sein, aber ich sehe auch keine Veranlassung zu Aktionismus. Das wird mein Körper schon selbst wissen. Wenn ich für die Veränderung keine riesigen Anstrengungen unternehmen muss, die im Grunde nicht in mein Leben passen, dann ist es richtig. – Damit meine ich komplette Ernährungsumstellungen, Sport, der meine gesamte Freizeit dominiert etc. Wenn ich Sätze spreche wie „und weil ich mein Gewichts- und Trainingsziel heute erreicht habe, belohne ich mich mit schönen 3.000 Meter Schwimmen“, dann lasst mich bitte auf meinen Geisteszustand untersuchen.
Ich merke, dass sich etwas ändert. Ich fahre gern mit dem Fahrrad zur Arbeit, immer die Barnimkante lang, hügelrauf und hügelrunter. Das geht so nebenbei, macht mich wieder mobiler, ich kann auch wieder längere Strecken fahren, ohne hinterher einen Tag platt zu sein. Essen ist ein Problem. Wenn es bei der Arbeit stressig wird, brauche ich dringend Kohlehydrate, ein superguter Bäcker ist in Reichweite und ein Spätie mit Schokolade. Ich versuche das mal, mit Gemüsesuppe zu lösen, Biokiste machts möglich. Diese Süßfresserei kann nur die Panik wegnehmen, wenn ich völlig unterzuckert bin.
Mein Vater ist mir da schon eine Mahnung. Der hat mit 40 Kilo Gewichtsreduktion nun keinen Diabetes und keine Schlafapnoe mehr, das Herz ist aber ziemlich angeschlagen durch die Exzesse vorher.

Fazit? Das ist für mich kein Thema, bei dem man sich hinter Ideologien verstecken kann. Weder hinter Zackzack-Fitness-Befehlsgebrüll, noch hinter Fat-Princess-Hype**. Und auf Abweichler einprügeln ist noch blöder.
Und überhaupt. Suschna hat da eine schöne Bildersammlung zusammengestellt. Falls euch mal wieder jemand erzählen will, wie ihr zu sein und auszusehen habt.

 

 

* Bitte keine Diskussionen über Religion und die böse böse katholische Kirche mit mir. Ich habe dem gegenüber rein folkloristische Gefühle. Heidnisches Kommunistenkind das ich bin.
** Mein Eindruck ist, dass der größte Teil der Fat Princesses zu jung ist, um schon ernsthafte gesundheitliche Probleme zu haben.

Veröffentlicht unter Leben

Morgen, morgen nur nicht heute,

denn der Tag war lang und fand aushäusig statt.

Deswegen hier nur, um den Iron-Blogger-Bot milde zu stimmen, der Verweis auf den Blogpost der kommen wird und der von fettem Speck, zähen Schnitzeln, staubigen Pfaden im Elysium, lautem Ächzen über das Tagwerk und so Sachen handelt.