Sonntagsmäander im sterbenden Sommer

Hier ist nur unterschwellig gerade etwas Endzeitstimmung, das Wetter ist zu goldig.
Aber.
Was draußen gerade passiert könnte das erdrutschartige Ende einer geschichtlichen Phase in Europa sein. Es fühlt sich ein bisschen an wie der Mauerfall. Da ging es um abgeschottete politische Systeme. Jetzt gehen noch mehr Schotten auf. Irgendwo las ich, Sozialstaat funktioniere nur in nationaler (ich würde eher sagen regionaler) Abschottung. Wir werden sehen, ob das stimmt.
Genau wie 1989 ist die Bundesrepublik Deutschland für viele Sehnsuchtsland und genau wie 1989, in der „Wahnsinn!“-Besoffenheit, wird sich die bald die Nüchternheit der Realität langsam wieder ausbreiten. Ich rede nicht unbedingt von syrischen Kriegsflüchtlingen. Zumindest die Syrer, die ich im Job kennenlerne, ticken ähnlich wie viele Deutsche, nur mit wesentlich mehr Sinn für große Familie. Die sind wahrscheinlich der leichteste Teil der Aufgabe, weil sie sich bald selbst zurechtfinden und ihr Leben gestalten.
Für die anderen kann man auch die schon etwas ältere Auswandererliteratur lesen. Die Geschichte von dem Samuraisohn, der im Auftrag des Vaters mit einer Kiste voller Kimonos und Schwerter in Amerika davon künden sollte, wie wichtig seine Familie ist und der als Obstpflücker-Wanderarbeiter sein Auskommen fand. Oder die Amerika-Erinnerungen von Wolf Durian, dem Autor von „Kai aus der Kiste“, die es manchmal noch in Antiquariaten gibt.
Aber genug politisiert.

Es geht noch etwas zu Ende oder verändert sich. Es ist erst knapp 14 Tage her, dass ich mit der Unterchefin redete, dass ich aus gesundheitlichen Gründen absehbar nicht mehr Vollzeit arbeiten kann und gern über alternative Arbeitszeitmodelle mit 2/3 Arbeitspensum reden würde. Mit dem Oberchef wollte ich erst nach seinem Urlaub reden, so was wollte ich ihm nicht mitgeben.
Es war einfach an der Zeit, denn ich merkte im Urlaub, dass ich ein halbes Jahr ausschließlich für die Arbeit gelebt hatte, wie eine Solotänzerin auf Tournee. Aufstehen, arbeiten, essen, eine Stunde stricken, bloß nicht reden und denken, Bett und hoffentlich durchschlafen. Am Wochenende ergänzt mit Wäsche waschen und Zusatzschlaf. Jede soziale Unternehmung riss mich tagelang ins Defizit.
Es mag sein, dass viele Menschen so leben. Nur, ich habe nie so gelebt. Ich mag meine Kollegen, ich mag den Job, aber das geht so nicht. Ich weiß nicht, woran es liegt. Vielleicht, weil es nicht meine Firma ist, weil ich kein Typ für Fremdbestimmung bin oder ganz simpel und technisch (und außerhalb der üblichen Konstruktion „ich bin schuld“) weil die extrem hohe Arbeitsdichte in der Hauptsaison zumindest für mich nicht mehr durch normale Arbeitsdichte in der Nebensaison kompensiert werden kann und Geld für mich kein Stimulans mehr ist.
Deshalb das von langer Hand vorbereitete Gespräch um Reduzierung des Arbeitspensums.
Super Planung, die wie immer vom Kopf ausgeht, der alles andere stramm stehen lässt. Klar wunderte ich mich, dass ich nach zwei Wochen Urlaub so wenig erholt war, dass ich mich schon in der ersten Arbeitswoche sehr angestrengt fühlte. Der Montag nach dem letzten Wochenende war die Hölle und die Nacht danach erst recht. Das Rest-Ich bemühte alles an Signalen, damit das Disziplin-Ego mitbekommt, dass es die gesamte Person schon wieder gefährlich auf der Grenze rumturnen läßt: Produzierte jegliche Form von Schwindelanfällen, drehte den Tinnitus-Regler bis zum Anschlag und als das Pfeifen und Jaulen auch nichts nutzte, wurde das Hörvermögen vom rechten Ohr runtergefahren. Und mitten in diese Taubheit klang der Satz: Na, hast du es jetzt mitbekommen?
In der Hoffnung, dass das alles nur Blutdruck/Kreislauf/Zudickundzuwaschlappig ist, ging ich zur Arbeit und beschloss, dann doch am nächsten Tag zum Arzt zu gehen. Es war tatsächlich ein Hörsturz. Nun bin ich noch die ganze nächste Woche aus dem Verkehr gezogen. Entweder die Tabletten oder die Ruhe helfen einigermaßen, keine Ahnung, was davon es ist.
Und ich fühle mich Sch…, schuldig, der ganze Salat. Bis dahin, dass ich allen vorgemacht habe, ich könnte den Job bewältigen und versagt habe. Was dann kommt, keine Ahnung. Offizieller Konsens ist, man könne diesen Job nur Vollzeit machen.

(Nein, bitte kein Mitgefühl und Verständnis. Ich ärgere mich über meine Blödheit und den Reflex, alle von mir und anderen an mich gestellten Leistungs-Erwartungen erfüllen zu wollen. Sich krank arbeiten, ist keine Lösung und nur Idioten nehmen wiederholt diesen Ausweg. Ein klares Nein zur rechten Zeit wäre besser gewesen.)

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WMDEDGT September 2015

Frau Brüllen fragt wieder, was wir den ganzen Tag gemacht haben.
Nun, gestern war Samstag. Zeit zum Ausschlafen, aber ich war um kurz nach 6 Uhr wach und konnte nicht mehr einschlafen.
In meinem Kopf war nämlich ein Satz aus der Konversation, die ich am Tag vorher mit meinem Chef auf Geschäftsreise gemacht hatte, noch mal rot und blinkend aufgetaucht.
Die Mitbewerber wären lame, weil bei denen im Vertrieb 55jährige Frauen halbtags arbeiten würden.* Er hatte schon mitten im Satz gemerkt, was er gesagt sagte – saß neben ihm im Zugabteil doch eine Frau über 50, die am liebsten Teilzeit arbeiten würde.
Ich weiß das einzuordnen. Schließlich hatte ich auch mal seine Flughöhe. Da waren alle, die nicht ausschließlich mit viel Erfolg hart arbeiten wollten, ebenfalls Menschen, auf die ich von da oben verständnislos bis wütend („ich reiße mir hier den A… auf!) herabgeschaut habe. In meinem Universum kam es gar nicht vor, dass das vielleicht mit Lebensqualität zu tun haben könnte. Ich konnte nur Vollpower und bin genauso wie er kein Mensch für Zwischentöne.
Die Geschichte, dass ich irgendwann mangels Benzin mit stotterndem Motor weiterflog und nach Komplettausfall eine Bruchlandung hingelegt habe und seitdem nicht mehr fliege, fliegen kann, ist bekannt.
Was mich gestern Morgen weckte, war die Erkenntnis, dass wahrscheinlich jegliche Verhandlung um ein geringeres Arbeitspensum, wie ich sie vorige Woche mit der Unterchefin schon begonnen hatte, wenig erfolgreich sein wird. Weil ich mich automatisch in die Verliererposition begebe, das verkörpere, was man nie sein möchte. Mal schauen, wie ich das angehe.

Mich fordern Schwierigkeiten heraus und solche Sätze haben bei mir die Wirkung, das sie mich in Bewegung setzen. (Einer dieser Sätze kam Mitte der 90er von meiner damaligen Chefin. Sie arbeite sehr gern mit einer, die froh und dankbar ist, überhaupt einen Job zu haben. Gemeint war ich. Das war der letzte Auslöser, sich ein Dreivierteljahr später erfolgreich selbständig zu machen.) Das am Freitag war der richtige Impuls, für den bin ich sehr dankbar.

Ich las ein Stündchen und schlief doch noch bis 10 Uhr, frühstückte dann wie immer Joghurt mit Obst. Ich las Zeitungen und die Twitter-Timeline, was im Moment eine aufwühlende und aufregende Sache ist. Das, was im Moment in Europa und den Staaten herum geschieht, wird genauso ein geschichtlicher Markstein sein wie der Fall der Mauer. Die starken Emotionen sind wichtig, der Winter wird die Realität und die Mühen der Ebene bringen. Das wird nicht easy. Aber das ist der Lauf der Welt.

Wir hatten bis in den frühen Nachmittag ein Gespräch zu einer Plan-B-Idee, die ich seit Jahren mit mir herumtrage. Der Graf hat dann ganz am Schluss die entscheidende Frage gestellt – er wollte Zahlen aus dem Erlösmodell hören. Danach war klar, das kann man zu den Akten legen oder modifizieren. Es hat einen Sinn, warum es das so in Deutschland nicht gibt, es ist zu teuer.

Also wendete ich mich praktischen Dingen zu. Ich schrieb die Verkäuferin auf Etsy an, die mir diese Seidengarne gesendet hatte:
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Es war noch ein drittes dabei, dessen Farbe auf dem Foto nach einer Mischung aus Karamel und Himmelblau aussah, in Wirklichkeit aber ein orangestichiges Rostbraun und ein dumpfes Petrolblau war, das ist was für dunkelhaarige Frauen, nicht für mich. Als ich versuchte, es zu fotografieren, sah ich, dass es ohne Farbbearbeitung nicht richtig darzustellen ist. Meiner Bitte auf Tausch wurde trotzdem entsprochen, ich bekomme dafür ein Garn in Pink- und Rottönen.
Ich freue mich aufs Stricken, auch wenn es Monate dauern wird, ein Tuch aus 1500 Metern Garn zu fertigen.

Ich schaute immer mal mit Freude aus dem Fenster. Statt eines Dauerregentages fand vor dem Fenster ein wunderbares Wolkentheater statt.

Beim Warten auf die Antwort aus England machte ich endlich an dem Zickzackquilt weiter, klebte die Unterseite auf den Boden, legte mit Hilfe des Grafen den Füllstoff und das Top darauf und ließ den Stoff erst einmal entspannen. Ich schlief inzwischen ein Stündchen und der Graf badete.
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Nach dem Aufwachen machte ich mich ans Stecken. Eine üble Arbeit auf Knien (und Knie werden mit den Jahren nicht besser), nach einem Viertel hörte ich auf und wir gingen erst einmal einkaufen. In der Biokiste waren Champignons und ich wollte Hühnerfrikassee mit Süßkartoffelpürree kochen.
Der REWE in der Ackerstraße sah aus, wie eine DDR-Kaufhalle Samstag um 10 Uhr 30 – vorwiegend leer an Waren und voll an kaufwilligen Leuten. Süßkartoffeln waren alle, also kauften wir mehlig kochende Kartoffeln und noch einiges anderes mehr, denn wir waren hungrig.
Auf dem Rückweg fotografierte der Graf noch einen Regenbogen über der Veteranenstraße

Ein von graftypo (@graftypo) gepostetes Foto am

und wir legten wir einen Zwischenstopp im Weinladen für Trink- und Kochwein ein.

Ich stellte mich in die Köche und schälte, schnipselte und schmorte, die Garzeit der Kartoffeln nutze ich zum Ziehenlassen des Frikassees und steckte weiter an dem Quilt.
Natürlich – so will es das Gesetz – zwei Stunden vorher waren wir bei Frau Tulpe vorbeigegangen,  ich hatte kurz überlegt und mich dagegen entschieden, noch weitere Sicherheitsnadeln zu kaufen, nun wurden sie knapp, ich würde umstecken müssen. Leise fluchend ging ich wieder in die Küche und machte das Essen fertig.

Wir aßen, tranken Wein und rissen uns furchtbar zusammen, nicht die Töpfe komplett leer zu machen, es schmeckte zu gut.
Nach dem Essen steckte ich noch etwas weiter, verschob den Rest aber auf den nächsten Tag und begann dann, es war inzwischen 21 Uhr, noch an einer Musterprobe arbeiten, um eine ordentliche Kante an das Tuch, das ich gerade mache, zu bekommen. Meine erste Spitzenstrickarbeit, die ich ohne Vorlage gemacht habe.
Der Graf schlief inzwischen vor einem Tatort aus den 80ern im Hinterzimmer ein und ich hörte auf der Tonspur, dass Method Acting im Deutschen Fernsehen tatsächlich erst in den späten 90ern Einzug hielt. Es wurde furchtbar theatralisch geschrien, getönt und gedröhnt und sm Schluss auch geschossen.

Als die Musterprobe fertig war und ich sah, dass ich noch eine würde machen müssen, ging ich auch ins Bett, um davon zu lesen, wie in Westdeutschland die Züge voller Flüchtlinge aus Wien erwartet wurden. Es geht uns sehr sehr gut. Ohne Frage.

Lassen Sie mich mit der Kaltmamsell schließen:

Selbst wenn Behörden versagen wie in den ersten Wochen mit einer anscheinend unerwartet großen Anzahl von Ankömmlingen, helfen Bürger. Weil sie frei sind, weil sie gewohnt sind, dass sie eigenständig handeln dürfen, weil sie nicht in Gewalt und Unterdrückung leben.

Die anderen WMDEGT-Posts stehen hier.

*Reine Projektion von irgendwas, vielleicht der eigenen Angst vorm Alter und dem Schwinden der Leistungsfähigkeit. Bei den Mitbewerbern arbeitet vorwiegend der Typ Endzwanziger bis Mittdreißiger Marketing-Girl.

Sonntagsmänder am vorletzten Sommertag

Morgen noch mal bei 34 Grad Dampfgaren im Büro und dann ist es wohl vorbei mit dem heißen Sommer.
Ja, Büro. Morgen sind 2 Wochen Urlaub vorbei. Der erste Urlaub seit 1994, in dem ich einfach nicht erreichbar sein durfte – und trotzdem bezahlt wurde und Urlaubsgeld obendrauf bekam. Luxus, großer Luxus. Und das Gefühl, wie ein Schulkind vor dem neuen Schuljahr zu stehen und zu denken: Ja, aber ich will doch den ganzen Tag spielen!, das gibt es wahrscheinlich gratis dazu.

Dessen ungeachtet bekommt ein Plan B Konturen. Mal schauen, ob und wie das funktionieren könnte. Fernziel wäre, von zu Hause und ggf. auch von Berlin unabhängig zu arbeiten und die Arbeitszeiten an die tatsächliche Nachfrage anzupassen. Also weg von täglich 9to6, das konnte ich noch nie. Ich habe immer viel gearbeitet, wenn viel zu tun war, aber nie Arbeit simuliert, wenn es ruhiger wurde.
In diesem Sommer sind kurz hintereinander zwei Menschen aus meinem früheren Arbeitsleben gestorben, nur wenige Jahre älter als ich. Einfach so, unerwartet, in keiner Risikogruppe. An verschleppter Krankheit bzw. plötzlichem Herztod.
Meine Zeit wird wertvoller. Ich möchte sie mit den Menschen, die ich liebe, verbringen und mit den Tätigkeiten, die ich liebe.

Wir waren einige Male schwimmen und ich merke, wie gut es mir tut, mehr als eine Stunde über einen ruhigen See zu ziehen. Für den Körper sowieso, aber auch für die Seele. Das ist nicht zu vergleichen mit dem Mief und der Enge eines Schwimmbads.

Weiter. Es gibt ein Thema, das für Twitter ungeeignet ist. Vor dem, was momentan passiert, kann niemand abtauchen. Plötzlich stehen in Deutschland Menschen vor den Türen. Kriegsflüchtlinge, Elendsflüchtlinge, Glückssucher. Viele. Mitten in der Urlaubszeit, in der Ämter, die ohnehin Dienst nach Vorschrift machen – was eine Qualität wir auch ein Fluch sein kann – genau wie andere Firmen minder besetzt sind. Die Lage der Menschen, die darauf warten, ihren Asylantrag zu stellen, ist unwürdig und prekär, zumindest in Berlin. Bürgerinitiativen versorgen die Ankömmlinge und organisieren und koordinieren diese Arbeit selbst, in anderen Regionen ist das Aufgabe der Verwaltung.
Mehr als Tausend obdachlose Menschen – das ist ein Altbau-Straßenzug in Berlin – kann diese Stadt also nicht versorgen und sie stranden zunächst in der normalen Berliner Ignoranz, die diese Stadt so frei macht, aber auch so unsozial. Ich möchte es nicht erleben, dass es hier einmal zu einer ernsthaften Katastrophe kommt.

Ich schicke den längeren Ausführungen eines voraus, falls das jemandem nicht klar sein sollte. Ich halte es für selbstverständlich, Kriegsflüchtlingen und politisch Verfolgten Asyl zu gewähren. Für alle anderen, deren Leben viel besser wird, wenn sie ihre Heimat verlassen, braucht Deutschland ein Einwanderungsgesetz, wie es viele andere Länder mit hoher Lebensqualität und -perspektive haben.

Aber ich wollte eigentlich über etwas anderes schreiben, über Dresden, über Menschen, die als Pack bezeichnet werden und statt sich zum Schämen in die Ecke zu verkriechen, diese Bezeichnung annehmen.
Es gibt aber vorher noch eine Trigger-Warnung. Was ich hier schreibe, hat keine soziologische Fundiertheit. Es ist „grabe, wo du stehst“. Wer das nicht mag, sollte nicht weiterlesen.
Mein Großvater war Dresdner und wie sein Vater aktiver Kommunist, manchmal auch kommunistischer Aktivist. Er kletterte mit den Roten Bergsteigern im Elbsandsteingebirge und er erzählte mir, wie sich nach dem Klettern in der Kneipe die jungen Männer an der Farbe ihrer Anoraks erkannten.  – Blau Kommunisten, braun Nazis. Waren genug Leute der jeweiligen Gruppierung vorhanden, gab es nicht nur Gepöbel, sondern aufs Maul.
Diese Ecke da oben ab Pirna war schon immer so starr im Kopf wie heute. Was ab der Romantik für die Oberklasse Naturschönheit war, war für die Menschen dort karger Boden und wenig Platz für Wohnraum. Zog Krieg durch, nahm man die Habseligkeiten und das Vieh und versteckte sich in den Höhlen. Wildern und Schmuggeln gehörten zum Leben. Für Neuankömmlinge war in der Regel kein Platz. Das war ein Ort, von dem man wegging, wenn das Handwerk oder der Hof niemand weiteren ernährte, aber keiner, an dem man sich neu ansiedelte oder Neuankömmlinge freundlich begrüßte, es sei denn, sie waren Touristen, ließen Geld da und gingen wieder. (Hier ein interessanter Blogpost von Wolfgang Michal zur ganz alten Fremdenangst in Sachsen.)
Der Talkessel Dresden war weiter und offener und doch ähnlich beschränkt. Hier findet man die Oberklasse sogar geografisch ganz weit oben – wer es sich in den Zeiten der Industrialisierung leisten konnte, hatte unten die Fabrik und baute von deren Profit oben am südlichen Elbhang in der klaren Luft eine Villa. Unten im Smog bildete das Pack hustende Klumpen in der Friedrichstadt, den Souterrains und Dachkammern der Äußeren Neustadt und später in Leuben, Niedersedlitz und Heidenau. Chemie- und Papierfabriken verpesteten die Elbe, Dampfmaschinen und Brennereien die Luft. Das hielt sich noch lange nach dem Krieg bis zur Wiedervereinigung, weil die Industrie nie großartig saniert wurde, man lebte von der Substanz. Nur die Villen am Elbhang waren aufgeteilt, hier wohnten nun viele Familien und sie verfielen allmählich als Relikt der alten Zeit und weil keiner sie erhalten konnte.
Dresden, das Tal der Ahnungslosen, wo man sich vom Westen erzählen lassen musste, weil das Westfernsehen nicht bis in den Talkessel kam, leerte sich. Man ging ins das Land der Verheißungen, wo man binnen kurzer Zeit ein Haus bauen und zwei Autos haben kann und wenn man mal keinen Bock auf Arbeit oder keine hat, bleibt man erstmal ein, zwei Jahre zu Hause und bekommt trotzdem genug Geld.
Dagegen redete nicht nur die Genossen an, sondern auch die linken Aktivisten, die das Land reformieren wollten. (Hier vermisse ich einen Link zu einer Schrift der Umweltbibliothek, die sich explizit gegen dumme und verblendete Wirtschaftsflüchtlinge aus der DDR wandte, der mir dieser Tage per RT in die Timeline gespült wurde.) Wer von guter Moral war (oder halt den A… nicht hochbekam oder heimatverwurzelt war und hier was zu verlieren hatte) blieb.
(Und wurde kurz darauf gef…t, möchte ich hier flapsig schreiben.)
Nach der Wiedervereinigung kamen sie in Horden in das Vakuum, das die weggejagten Genossen hinterließen. Die Geschäftemacher und Verkäufer, für die der Osten 17 Millionen neue Kunden bedeutete. Die Glücksritter und Heilsversprecher, die die nicht mehr konkurrenzfähige Industrie ausweideten oder aber dafür sorgten, dass der Konkurrent vom Markt verschwand. Die Investoren und Erben, die im Westen nicht den richtigen Claim gefunden hatten und es sich hier aussuchen konnten. Die drittklassigen Beamten, die qua Buschzulage die hakende Karriere pimpen konnten. Nicht zuletzt die, die sich preiswert in einer alten Kulturlandschaft ansiedeln wollten, die, die ihren alten Besitz wieder zurückkauften und solche, die sich als Entwicklungshelfer verstanden (was auch impliziert, dass die Eingeborenen grade noch mit der Keule durch den Wald rannten).
Linke und rechte politische Phantasten gab es gratis obendrauf. Mein Bruder war Anfang der Neunziger Sprecher und Aktivist der Marxistischen Linken in Dresden und warf das Handtuch, als diese Spinner einritten und begannen, rumzukrakeelen.
Die Entscheider, Eliten und Führungskräfte in sächsischen Ballungsgebieten wurde binnen 4-5 Jahren fast komplett durch Zugereiste aus dem Westen ausgetauscht, es bildete sich dazu eine bürgerliche Oberschicht, die vorher kaum noch existierte. Am Elbhang wohnten nun wieder reiche Großbürger, Unternehmer und hohe Beamte. Die linken Utopisten hatten die Äußere Neustadt okkupiert. Die Dresdner wurstelten sich so durch, wer etwas konnte, das die moderne westliche Industriegesellschft brauchte und/oder jung und anpassungsfähig war, hatte Glück. Die anderen waren auf Kurzarbeit 0, arbeitslos, Umschüler und schließlich ABM-Kräfte, sie bildeten das Kundenpotential für Quelle, Bertelsmann und Beate Uhse und hielten als Vorbild für die einfältige Dialekt-Lachnummer im Fernsehen und auf der Straße her.
Kurt Biedenkopf versuchte, ein Bundesland nach dem Vorbild von Bayern aufzubauen, das ist ihm in vielem gelungen. Schule und Verwaltung funktionieren, der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist genauso volksnah und korrupt wie in den alten Bundesländern. Arbeit, vor allem schlecht bezahlte Arbeit gibt es auch wieder einigermaßen. Die Seelen der Alteingesessenen schweben aber immer noch in einem undefinierbaren Identitäts-Niemandsland. Sie benutzen die neue Infrastruktur, sie sind stolz auf ihr kleines Musterland, aber sie sind auch Fremde darin und kompensieren das durch lautes „Mir sin mir!“
Der Grat zwischen dem ausgelachten Zoni in Schneejeans, der von nichts eine Ahnung, aber große Erwartungen und Ängste hat und dem überangepassten Fake-Ed-Hardy-über-Plautze tragenden Superchecker, der laut über „unsere Regeln, unsere Bräuche“ schwadroniert, ist sehr sehr schmal.
Traditionelle Milieus neigen dazu, Parallelgesellschaften zu bilden, damit man unter sich ist, das Neue ist der Feind, das gilt für Einwanderer aus dem ländlichen Anatolien und ostdeutsche Datschenbewohner in gleicher Weise.

Noch mal zum Mitschreiben für die, die sich das nicht vorstellen können. Die Demütigungen, Kränkungen und Verunsicherungen, die ein durchschnittlicher ostdeutscher Mensch meiner Generation und älter erlebt hat, sitzen nachhaltig und tief. Durch jeden dieser Menschen gehen Risse.

Zudem lebten sie in einem double-bind. Denn das Geld für die sozialen Wohltaten, die die ostdeutschen Minderleister den Brüdern und Schwestern gleich stellten, kam aus dem Westen und bescherte Deutschland einen 20 Jahre langen wirtschaftlichen Einbruch, der sich (unter anderem) erst mit Hartz IV zum Besseren wendete.
Die Konsequenz von Hartz IV ist eine Entsolidarisierung in der Gesellschaft, die dauerhaften Empfänger dieser Leistung werden als stigmatisiert wahrgenommen. Es bildet sich ein neues Lumpenproletariat aus Menschen, die zwar nicht mehr hungern und verelenden, die aber perspektivisch (z.T. trotz Arbeit) nicht aus dem Transferleistungsempfang herauskommen werden oder aber immer wieder in der Gefahr sind, innerhalb kurzer Zeit hineinzurutschen.
Zudem hat sich eine neue Schicht von Arbeitern und Angestellten gebildet, deren Existenz zwar transferleistungsunabhängig ist, die aber bei Krisen oder persönlichen Schlägen Gefahr laufen, alles Geschaffene schnell zu verlieren, bevor die Grundsicherung greift. Diese Menschen schlittern auf sehr dünnem Eis und in Ostdeutschland haben sie auch kein familiäres Fallback, denn ihre Eltern haben meist kein kleines Kapital oder Immobilien.
Cornelia Koppetsch dazu im Freitag:

„Wohlfahrt, Bildung, Gesundheit und selbst Arbeit sind inzwischen zu Gütern geworden, die der Staat nicht mehr fraglos zur Verfügung stellt, sondern (die) von den einzelnen erkämpft werden müssen Dabei schneiden jene besonders schlecht ab, die Hilfe am dringendsten benötigen. Der westliche Staat genoss nur deshalb eine breite Zustimmung, weil er in der Vergangenheit immer wieder als Wohlfahrtstaat auftrat. (…)
Besonders gravierend scheint es da, wenn nun Leute mit Zuwendungen versehen werden, die vermeintlich nicht dazu gehören: Flüchtlinge und Migranten. Flüchtlingspolitik ist eben auch Sozialpolitik.“

BTW. Lumpenproletariat ist übrigens in der Regel politisch konservativ bis reaktionär.

Solidarität als Stichwort. Menschen, die in der DDR sozialisiert wurden, hörten dieses Wort mehrmals täglich. Es ersetzte in vielen Momenten die Formulierung Nächstenliebe, war aber viel weiter gefasst. Denn Solidarität wollte mehr sein als die Liebe des Nächsten und Ähnlichen. Der Kommunismus begriff sich als internationale Bewegung. Solidarität wurde als weltumspannendes mentales und materielles Band in einem Zeitalter geringerer Mobilität begriffen (Brecht/Eisler/Busch Solidaritätslied):

Zumindest in meiner Umgebung glaubten das die Menschen und spendeten Geld und Arbeit für Menschen in Vietnam, Chile, Angola und Mosambique. Alle taten das, vom Schulkind bis zum Rentner. Manchmal nur Pfennige, aber wer den Pfennig nicht ehrt… Nach der Wende wurde bekannt, dass dieses Geld das Land nie verlassen hat und die Empfänger nie erreichte.
Karitative Leistungen waren weitgehend unbekannt, da das Land bis auf wenige Überbleibsel säkularisiert war.

Die auf starker sozialer Kontrolle und relativ wanderungs- bzw. veränderungsarmen Soziotopen basierende Gesellschaft in der DDR (in der Momentaufnahme einer oder zweier Generationen natürlich, dieses Land gab es ja nicht lange) hatte eine eigene, fast dörfliche Form von Nähe entwickelt. Man war aufeinander angewiesen, auf Unterstützung und Tauschwirtschaft, von Geld ließ sich fast nichts kaufen. Auch das war eine Form von Solidarität, die ihr abruptes Ende mit der Wiedervereinigung hatte. Plötzlich gab es starke Wanderungsbewegungen und gesellschaftliche Schichten differenzierten sich wieder und kamen in einen massiven Distinkstionsprozeß. In der Empfindung war sich nun jeder selbst der Nächste und musste schauen, wo er bleibt. Der Identitätsverlust kam obendrauf.

Identität. Wer ist man, wenn man plötzlich erklärt bekommt, dass die bisherigen Ideale und Werte der letzte Dreck sind? Für die älteren Deutschen im Osten passierte das nun schon zum zweiten Mal. Die Westdeutschen konnten die Nazizeit mit Leistung kompensieren und neue Werte definieren. Die Ostdeutschen hatten kein Wirtschaftswunder. Sie waren der arme, etwas hinterwäldlerische Cousin am Katzentisch.

Nationalismus. Es war für mich immer wieder erschreckend, wie schnell selbst sehr intelligente Menschen, denen man die Werte des Sozialismus nahm und die die neuen Werte des Kapitalismus nicht adaptieren konnten oder wollten, ideologisch 50 Jahre zurückfielen.
Endlich durfte man wieder deutsch sein. Die offizielle DDR-Identität war ja etwas sehr Schemenhaftes, Behauptetes und Fragiles. Etwas das deutsch war, aber nicht deutsch sein durfte, so was halbrussisches, aber auch wiederum völlig anders als der Rest des Ostblocks, der aus dem Russischen Großreich mit asiatischen Vasallenstaaten, Polen und den Resten von Österreich-Ungarn zusammengelötet war. Dieses Rumgedruckse erwies sich als Nährboden für alles Mögliche, wenn Menschen die kommunistische Ideologie verabschiedeten.
Umschwung in symbolischen Nationalismus, der Jahrzehnte in irgendwelchen Hirnkellern überdauert hatte, teilweise mit Anleihen an die militante Studenten- und Burschenschaftsbewegung, die über 100 Jahre alt war. Orientierung an der Anthroposophie und der Reformbewegung, die auch die Nationalsozialisten nährte. Platt-geschichtsvergessen-Pragmatisches „ja, aber der hat doch die Autobahnen gebaut und Kinder bekommen war auch willkommen“ oder die böse Glatze-Springerstiefel-Hitlergruß-Provokation, von der man wußte, dass sie immer ins Schwarze traf und Reaktionen hervorrief. Ich habe das nie verstanden, weil ich alles Totalitär-Ideologische hasse wie die Pest, aber es ist da. Als Provokation, als Trotzalledem, als Halt.
Eine panische Suche nach Orientierung wird sichtbar. No Exit, der Diplomfilm von Franziska Tenner zeigt junge Rechtsradikale bei dieser Orientierungssuche (und wird in der Berliner Zeitung von irgendeinem Fatzke aus dem Westen verrissen, weil sich scheinbar Ostdeutsche nicht einmal ihren eigenen Herangang zu diesem Thema erarbeiten dürfen).
Kleiner Exkurs, Franziska Tenner ist eine der wenigen, die schon Anfang der 90er Recherchen im rechtsradikalen Milieu machte, sie weiß sehr genau, worum es geht, sie kennt die Akteure. Ein Milieu, in das sich normale Akademiker in der Regel nicht hintrauten.

Fremde. In der DDR, die sich weitgehend abgeschottet hatte, damit das Land nicht binnen kurzem verlassen daliegt und „der Letzte das Licht ausmacht“, wie es in einem viel erzählten Witz hieß, gab es kaum Fremde. Schon gar keine, die einfach so ins Land kamen. Es gab kubanische, polnische und vietnamesische Vertragsarbeiterinnen. Es gab die sowjetischen Truppen, die ihre eigene Gesellschaft bildeten. Es gab Afrikaner aus Mosambique, von denen ich immer dachte, sie würden einen Beruf lernen, die aber als Waldarbeiter eingesetzt wurden.
Begegnungen zwischen den Deutschen und den Fremden über die Arbeit oder organisierte und beaufsichtigte Treffen hinaus waren nicht erwünscht. (Allerdings nur im Arbeitermilieu, an den Universitäten war das anders.) Beziehungen gab es schon gar nicht, die waren regelrecht untersagt und es gab Strafen bzw. Versetzungen, die das Paar auseinanderbrachten. Deshalb blieben die Leute auch nie lange, damit sie sich nicht integrierten.
Für einfache, nicht mobile Leute waren das schon immer Fidschis, Preßkohlen oder Russenbesatzer, zumindest wenn man unter sich war, nur die gebildeten Schichten waren offener, hatte aber auch bessere Begegnungsmöglichkeiten durch das Studium oder Auslandsaufenthalte.
Kleiner Exkurs: In so einer Gesellschaft strandeten 1992 in Rostock-Lichtenhagen die vietnamesischen Vertragsarbeiter, die ihr Land nicht mehr zurücknahm und die sich mit allem möglichen durchbrachten und brachen hunderte Südeuropäische Einwanderer, vor allem Roma, ein, die wochenlang auf den Grünflächen zwischen den Plattenbauten kampierten, weil sie in einem suboptimal arbeitenden Amt Asyl beantragen wollen. (Also die LaGeSo-Situation in Berlin, nur ohne kleinen Tiergarten in der Nähe und unter Menschen, die Migration nicht kannten.)
Hier gibt es übrigens einen sehr interessanten und differenzierten Artikel dazu, der auf das Klischeefoto von dem Heil-Hitler-Typen mit der bepissten Jogginghose verzichtet.
Es ist kurzsichtig, Nazi zu schreien und nicht nach den Ursachen zu suchen, denn die Ereignisse von Lichtenhagen passierten nicht im luftleeren Raum. Da gab es keine Nazivergiftung per Chemtrail, noch war die DDR heimlicher Unterschlupf aller Nazis, die es im Westen wohl scheinbar nicht mehr gab.

Nazi. Ich halte es nicht für gut, jeden konservativen oder reaktionären Rumbrüller als Nazi zu etikettieren. Es ist sicher bequem, denn es entbindet einen vom Nachdenken und Privilegien checken, denn die meisten als Nazis etikettierten Menschen sind Unterprivilegierte gegenüber dem Nazi-Etikettierer.
Die wenigen Nazis, die ich kennengelernt habe, waren Arbeiter oder Ungelernte mit nicht viel im Kopf, kaum sozialen Bindungen, aber einer Menge Kraft und Energie, plötzlich keiner Vergangenenheit mehr und wenig Zukunft. Wo sollen da bitte moralische Werte herkommen?
Und dann gab es da noch die Rattenfänger, die kleinen Führer, die in der Menge badeten oder sich in den Männerbünden wohlfühlten.
Ich glaube nicht, dass es jemand von den politisch Radikalen wirklich nachhaltig ernst meint, bis auf ein paar ganz Ausgetickte, die dann auch ganz schnell außerhalb der Gesellschaft stehen und von Bewunderern freiwillig und Kontrollorganen (unfreiwillig?) über V-Leute supportet werden. Aber auch diese Leute können sehr viel Schaden anrichten. Siehe NSU, siehe RAF.
Es will mir nicht in den Kopf, dass Leute ernsthaft Gesellschaftssysteme wieder aufbauen wollen, die nach ein paar Jahrzehnten mit Riesenkrach gescheitert sind. Ich glaube das einfach nicht.

Es gilt die Mitläufer einzufangen, wieder einzunorden, in die gesellschaftliche Kontrolle zu bringen, möglichst bevor sie einen Molotow-Cocktail in der Hand haben und denen, die kommen und um Asyl bitten, zu zeigen, dass man denen Deutschland nicht überlassen hat.

Veröffentlicht unter Leben

Urlaubsmäander Nummer 2

Mit einem kleinen Kapitel Exorzismus. Aber davon später.
Da ich großspurig meine Wanderschuhe eigepackt hatte und am letzten Arbeitstag noch per Expreßversand ein Wanderführer ankam, gingen wir natürlich auch in die Berge. An einem verregneten Tag stiefelten der Graf und ich durch die Wälder bei Agnetendorf. Mich interessierte, ob es Pilze gibt, aber scheinbar werden ab ein paar hundert Meter Höhe die Nächte so kalt, dass selbst warme Tage und Feuchtigkeit keinen Pilz herbeizaubern.

Überhaupt, die Wettervorhersagen. Meine Wetter-App behauptete in der Vorhersage konsequent 7-8 Grad weniger als in der Realität. Wenn ich morgens gegen 9 Uhr draufschaute, hieß es, es würden 8-16 Grad, die derzeitige Temperatur sei aber 18 Grad, in Laufe des Tage wurden es dann 23-25, die Wetter-App behauptete weiterhin stoisch, am nächsten Tag würde die Höchsttemperatur 14 Grad betragen und es wurden wieder mehr als 20.
Erst dachte ich, das seien Temperaturen vom Riesengebirgskamm, direkt in Sichtweite aus dem Fenster war ja eine große Wetterstation, aber dazu passten die realen Temperaturangaben nicht, oben war es tatsächlich wesentlich kälter.
Die Vermutung liegt nahe, dass da jemand am Algorithmus geschraubt hat, um gute Wintersportvorhersagen zu bekommen.

Aber weiter mit Wandern. Wir liefen bergan durch nasses Unterholz, weil uns ein Schild, das uns zur Bismarckhöhe und zum Bismarckmuseum verwies, neugierig gemacht hatte. Aber da oben war alles videoüberwacht, verschlossen und verrammelt, ein Auto stand auf dem Grundstück und ein riesiger Hund bellte.
Grzybowiec Old 01

Im Schloss sagte man uns, es heiße, da sei einer hingezogen der etwas verrückt sei.

Zwei Tage später planten wir eine Bequemtour zur Elbquelle. Seit ich 2002 auf Skiern dort war – an einem wunderschönen sonnigen und windstillen Tag und fast ohne andere Menschen – wollte ich den Ort im Sommer sehen. Wir planten, uns den langen Aufstieg zu sparen und wollten von Schreiberhau den Lift nehmen. Nur war die erste Lifttrasse geschlossen und wir liefen zunächst den Berg hinauf bis zur zweiten Station, die den wesentlich steileren Teil absolviert. Oben auf dem Reifträger strahlte die Sonne, pfiff der Wind und stapelten sich die Leute, aber egal. Wir wollten einen vierstündigen Rundweg machen und kalkulierten ein, anschließend zu Fuß abzusteigen, denn wie immer waren wir erst spät losgekommen.
Aber bald kämpfte ich mit mir. Entweder erstmal Willenskraft und später ein Problem oder Weichei, aber keine Probleme. Ich hatte Unannehmlichkeiten mit der linken Achillessehne, sie war beim Anstieg heißgelaufen und scheuerte schmerzhaft in der Sehnenscheide. Typisch, wenn man sonst nicht viel läuft, die Sehne regierte wahrscheinlich auf die Dehnung beim Aufstieg.
Auch ansonsten war ich nicht sehr trittsicher, zuviel Sonne, zuviel Wind, abwechselnd heiß und kalt, zuviel Gewurl und definitiv zu wenig Kondition. In früheren Jahren bin ich bei meinen Alleintouren dann stundenlang stoisch vor mich hingetrabt, habe mich mit mir selbst unterhalten und den nächsten Tag im Bett verbracht. (Ich erinnere ich noch gut diese Weihnachtswanderung, die ich mit einem Sonnenstich bezahlte.)
Also musste ich mich zu einer Ansage durchringen: Mimimi, Fuß ist schlimm, wir sollten besser bald umkehren und den Lift nach unten nehmen. Achteinhalb Kilometer Abstieg hätte ich definitiv nicht mehr geschafft, egal, wie lang die Runde ist, die wir oben auf dem Bergkamm drehen. Also schaukelten wir mit dem Lift wieder nach unten, diesmal lief auch der zweite Teil der Bahn.
Grmpf!

Ansonsten schwamm ich jeden Morgen brav meine Runden im Pool, meist eine halbe Stunde lang und widmete mich der Kunst des Nichtstuns – was hieß, an einem Spitzentuch mit dünnem Seidengarn zu stricken oder Blindsäume am Kielo Wrap Dress zu nähen.
Das Kleid hatte am Samstag zum Klavierkonzert im Schlosshotel seinen Auftritt. Fotos gibts allerdings nicht, das habe ich vergessen. Aber so weit: Guter Schnitt und ein guter Stoff, der auf diese Verwendung mehr als 10 Jahre gewartet hat.

An einem Tag fuhren wir ins Böhmische und tranken einen Kaffee in Trautenau auf dem Marktplatz. Eine schöne Mischung als exaltiertem Barock und Jugendstil mit derselben Attitüde. Vorher machten wir Halt in Landeshut, einer kleinen, ebenso barocken Stadt. Im Gegensatz zum properen und blühenden Trautenau ein vergessenes und verfallenes Eckchen. Es sieht aus wie in vielen ostdeutschen Kleinstädten. Wer die Energie hat wegzugehen, tut es und die anderen bleiben zurück – bis auf einen, der hier in einem kleinen Restaurant phantastisch  kocht.
Auf dem Rückweg zum Auto kamen wir an einer gespenstischen Szene vorbei. Eines der kleinen Barockhäuser hatte eine Polizeiabsperrung, davor sammelten sich Teenagermütter mit Kinderwagen auf Bänken, ältere Frauen standen zwischen parkenden Autos mit verschränkten Armen in Grüppchen herum, die üblichen Säufer schwadronierten laut und dazu gab es noch zwei Fernsehberichterstatter mit Mikro und Kameramann. (Sehr interessant anzusehen, wie die Leute ihren Text vorher üben und nur obenrum ordentlich angezogen sind.) Den Grund für diesen Auflauf – zuerst vermuteten wir einen Lokalpolitiker, der wegen Steuerhinterziehung verhaftet wurde – googelten wir auf der Seite des Nachrichtenkanals, die an einem Ü-Wagen stand. Der war leider sehr tragisch und begegnet einem sonst nur in Krimis. Ein junger Mann hatte ein zehnjähriges Kind, das vor dem Haus stand und auf seine Eltern wartete, die in einem Ladengeschäft waren, einfach so mit einer Axt erschlagen.
Gruselig.

Vorgestern nun gab es die exorzistische Reise. Ich hatte das irgendwann schon einmal erwähnt, dass Urlaub in Polen für mich kategorisch nie wieder in Frage kam, nachdem meine Eltern mich 1976 dorthin in ein Ferienlager geschickt hatten.
Also noch mal im Klartext. Ein soziophobe, moppelige in die Welt von viktorianischen Romanen und medizinischen Fachbüchern abgetauchte Pubertistin von 13 Jahren wurde mit 15 Altersgenossinnen (und ebensoviel Jungs, aber gleichaltrige, reale Jungs waren ja uninteressant) für drei Wochen gegen ihren erklärten Willen ins benachbarte Ausland geschickt. So mit „Kind, wir schicken dich in die Berge, du musst auch mal raus, dich bewegen, mit anderen Leuten zusammen sein!“ Ganz eigentlich sollte es wohl ein „Wanderlager“ sein. Eine Tourengruppe, die durch Polen wandert und jeden Tag woanders ist. Aber da überlegten die Eltern wohl zu lange, ob ich den anderen nicht zu langsam wäre und es gab keine freien Plätze mehr.
Mein Koffer wurde gepackt und ich in den Bus gesetzt. Mit uns fuhren 30 polnische Mädchen und Jungs, die auf der anderen Seite des Flusses vom Oderkaff wohnten, in einem ehemaligen Stadtviertel, nun zur Stadt erklärt und etwas einsam im strukturschwachen Gebiet. Ihre Eltern arbeiteten im größten Großbetrieb im Oderkaff.
Man fuhr uns ins Isergebirge nach Bad Flinsberg in ein Ferienlager, das einem polnischen Partnerbetrieb gehörte. Während eines Zwischenstopps in Hirschberg, wo wir in polnische Busse umstiegen, wurden Höflichkeiten zwischen den Erwachsenen ausgetauscht und eine elegante ältere Polin sagte laut in sehr gutem Deutsch: „Polen ist so schön, bleibt doch einfach alle hier!“ Wir Kids schauten uns mit panisch aufgerissenen Augen an. Bloß nicht!
Wir fanden es zwar cool, im kleinen Grenzverkehr nach Polen zu gehen, denn im Gegensatz zur DDR und ihren satten Handwerkern und den enteigneten Kleinbetrieben gab es dort eine Privatwirtschaft, die noch die 1000 kleinen Dinge herstellte und vertrieb. Nippes, handgefertigter Schmuck, Holzschuhe, Westkaugummis, Schallplatten aus Lizenzproduktion etc. Aber die Häuser waren noch kaputter und heruntergekommener als im Oderkaff, wo man wenigstens jede Menge neue baute und die alten verfallen ließ. Die Herden von professionellen Hamsterkäufern, die halbe Kaufhäuser leermachten, weil es scheinbar in Polen weder Zucker noch Watte (zum Schnapsbrennen und -filtern), noch preiswerte Kinder-und Babyausstattung gab, waren im Oderkaff berüchtigt.
Wir wurden mit dem Bus in den Zielort hinein und wieder heraus auf eine Bergwiese gefahren und dort gab es den ersten Fahnenappell und eine Begrüßung vor einem Gebäude mit anliegendem Saal.
Es war hundekalt und regnerisch. Das würde sich die nächsten Wochen nicht ändern. Wir hatten zwar eine Liste erhalten, was wir unbedingt mitbringen sollten (ein Freundschaftsgeschenk, Pionierkleidung, Sportsachen), aber die Angabe, dass das Ferienlager auf 640 Meter Höhe auf einem Bergsattel lag, über den der Wind pfiff, fehlte. Einige hatten noch nicht einmal einen warmen Pullover im Gepäck, weil die Eltern geglaubt hatten, es ginge um die üblichen Sommerferien. Die Temperaturen waren tagsüber seltenst über 20 Grad, nachts wurde es sehr kalt.
Die Deutschen wurden in einem anderen Quartier untergebracht, 600 m entfernt, 80 Höhenmeter niedriger und nur zu erreichen nur über einen steilen, schlammigen Trampelpfad bergab, über den wir bald unser Gepäck zerrten.
Man wies uns in einer verfallenen, schmutzigen Villa ein Zimmer mit Nebengelass und Veranda zu, etwas über 30 qm für 15 Personen, mit schmalen eisernen Militärbetten, auf denen Strohsäcke und Decken lagen, dicht an dicht gefüllt. Keine Tische, keine Schränke, keine Stühle. Dafür fingerdicke Ritzen im Holz der Veranda und schlecht schließende Fenster, durch die es zog und hereinregnete. Auch das Dach war nicht dicht, es tropfte bei starkem Regen auf ein Bett.
Ich reagiere ja schon ein Leben lang auf Zumutungen mit stummem Entsetzen, so auch hier. Die anderen Mädchen setzten sich hin und heulten. Sie wollten sofort wieder nach Hause.
Kurze Krisensitzung unter den Betreuern (die im Nachhinein betrachtet ebenso wenig amüsiert schienen, es sich aber nicht anmerken ließen), dann kam der deutsche Lagerleiter, Typ 1,60m-Zackzack-Reserveunteroffizier und erklärte uns, wir sollten uns nicht so haben. Das sei in Polen so, man habe hier sehr unter dem Krieg gelitten und wir sollten den Mund halten und uns anpassen. Schließlich ginge es um Völkerverständigung.
Der Kulturschock ging beim Essen weiter. Es gab genug Brot, das war alles. Butter und Wurst nur in homöopatischen Dosen, jede Menge grüne Gurke, die Marmelade stand auch abends auf dem Tisch, war mit Wasser verdünnt und dazu gab es immer und überall Twarog, in Blöcke gepreßten Quark (in der Konsistenz ähnlich wie zu trockener Ricotta), von dem Scheiben geschnitten wurden. Das Mittagessen bestand aus Suppe und am Wochenende aus Kartoffeln, gekochtem Dosenfleisch und Kraut. Dazu gab es süßen bunten Fruchtsaft, den wir gierig tranken. Wir wurden nach ein paar Tagen darauf hingewiesen, dass wir bitte nicht mehrmals Kompott nachverlangen sollten und lernten, dass der Fruchtsaft Kompott war – ausgekochtes, gezuckertes Trockenobst. Irgendwann, als wir nach mehr Butter und Wurst fragten und das abschlägig beschieden wurde, wurde gesagt, es gäbe große Nahrungsengpässe, das sei das Äußerste, was man aufbieten konnte. (Dass wir wiederum das Sonntagsessen, gebackene Grützblutwurst, überwiegend nicht wollten, begriff niemand.) Wir waren verwöhnte Wohlstandskinder.
Unter Diätstandpunkt war das sicher eine sehr gute Nahrungszusammenstellung. Aber wir im Wachstum begriffene, frierende Teenager, die noch nie im Leben hungern mussten, litten einfach nur. Es gab ja nicht mal Schokolade oder Kekse, die wir statt dessen bei unseren Ausflügen in die Stadt kaufen konnten. Nebeneffekt: Ich nahm in den knapp 3 Wochen 5 Kilo ab.
Nach einer Woche hatte ich wie viele eine Mordserkältung und fragte mich, was das alles sollte. Die engen, feuchten Zimmer in der Villa waren für den Aufenthalt nicht geeignet, der Speisesaal komplett überfüllt und draußen vor dem Haupthaus rumhängen brachte es auch nur zeitweise, wenn es mal nicht regnete. Wir langweilten uns auf Pubertistenart furchtbar, weigerten uns aber, auf Bergwanderungen zu gehen – auch weil viele nicht die geeigneten Schuhe dafür hatten.
Das mit der Völkerverständigung war auch eher so ein frommer Wunsch. Die Polen wollten mit uns nicht Russisch sprechen, wir wiederum sprachen nur sehr wenig hastig angelerntes Polnisch. Es gab einfach kein wirkliches Interesse aneinander.
Während wir litten, hatten sie Spaß. Rannten herum, sahen fern, spielten Spiele, lasen Bücher oder sammelten Blaubeeren. Ein Betreuer erklärte uns dann, dass polnische Familien oft sehr beengt mit mehreren Generationen unter einem Dach lebten. Der durchschnittliche Lebensstil in der DDR – die vierköpfige Familie in einer Drei- oder Vier-Zimmerwohnung von 50 oder 55 qm war für sie Luxus, ebenso Neubau mit Fernheizung und Warmwasser aus der Wand, das gab es nur in industrialisieren Ballungsgebieten. Die meisten Familien wohnten in einer Zweizimmerwohnung und hatten noch die Großeltern dabei. Dementsprechend waren sie froh, der Enge entronnen zu sein.
Nach 10 Tagen bekamen unsere Klagen, in dem entfernten Haus schlafen zu müssen, doch einen handfesten Unterton. Das Bad der kleinen Villa war die umgebaute, mit den üblichen Terrazzo-Waschrinnen, die es auf jedem Campingplatz gibt, versehene Waschküche im Souterrain, in die man auch zwei zusammengezimmerte Kloverschläge gesetzt hatte. Der Fußboden schwamm vor schlammigem Dreck, den wir von draußen hinein trugen und keine der Türen war abschließbar. Aber das war egal, wir hatten sowieso mehrmals am Tag nasse, schlammige Socken und Schuhe.
Die Jungs machten sich einen Spaß daraus, ins Bad oder ins Klo hineinzuplatzen, um irgendwann mal eins der Mädchen vielleicht nackt zu sehen. Selbst wenn jemand Wache stand, nutzte es nichts. Die polnischen Mädels hätten den Typen wahrscheinlich längst aufs Maul angeboten, mit der Sprachbarriere mussten wir die Betreuer einbeziehen. Jungfrau in Not ist überall auf der Welt ein Argument.
Wir siedelten ins Haupthaus um, wo auch der deutsche Lagerleiter mit seiner Familie wohnte, damit wir besser unter Aufsicht waren. Das brachte zumindest einige Erleichterungen wie ein Zimmer, in dem man sich aufhalten konnte, sogar einige Stühle und es war nicht mehr so kalt, weil die Fenster besser schlossen. Am einzigen Sonnentag des Aufenthaltes fand übrigens das Sportfest statt.
Wir zählten die verbleibenden Tage und warteten auf die Rückfahrt, für die wir lange ins Tal laufen mussten, weil die Busse aus irgendeinem Grund nicht bis auf den Berg kamen. Ich war schon seit Tagen vor lauter Heimweh völlig durch und kotzte wie ein Reiher. Auch kein Vergnügen bei einer längeren Busfahrt.
Die Eltern waren entsprechend entsetzt bei meiner Rückkehr und das Wanderlager – berichteten sie mir – war vorfristig abgebrochen worden, als die Gruppe so gut wie gar nichts zu essen bekam, neben einem Schweinestall nächtigen musste und dort Ärger mit über die Betten flitzenden Ratten bekam. Ich bekam ein paar Gespräche mit, das Kopfschütteln, das „Was machen die da bloß mit dem, was sie bekommen haben?“
Bald darauf wurde die Grenze zu Polen geschlossen und die Werftarbeiter in Danzig streikten. Wir bekamen als Kinder nur den ersten Beginn mit.

Das war die Erinnerung. Immer wenn die Rede auf Polen kam, dachte ich an Kälte, Schlamm, Hunger, faulendes Holz, abblätternde Farbe und quietschende Knastbetten.
Der Graf hat mir Polen von einer anderen Seite gezeigt, auch wenn Schlesien in vielen Ecken immer noch so aussieht, wie die alten Bergpensionen 1976. Ich weigerte mich allerdings beharrlich, nach Bad Flinsberg zu fahren, ich wollte da nie wieder hin. Aber der Graf meinte, ich sollte es mir anschauen.
Da ich vor diesen vielen Jahren den typischen Teenager-Tunnelblick hatte – man interessiert sich kaum für Landschaften und Wege, sondern trabt mit einer Gruppe mit, brauchte ich einige Zeit, um auf der Karte zu recherchieren, wo das Haupthaus und das kleine Nebenhaus gewesen sein könnten. Ich erinnerte mich an die Lage außerhalb von Bad Flinsberg, an den Bergsattel und dass es auf der anderen Seite in einen anderen Ort ging. Es kam nur ein Ort in Frage, ein dreieckiges Stück planiertes Brachland.

Als wir aus dem Hotel ausgecheckt hatten, fuhren wir gleich in Richtung Isergebirge. Wir verzichteten auf einen Aufenthalt im Wald zwischen Agentendorf und Kiesewald, wo ich gern in einem kleinen Bergflüßchen Flachköpperdämme und Staustufen baue, während der Graf die Beine ins Wasser hält und mir zusieht. Es war zu kalt, es fühlte sich an wie der erste Herbsttag.
Wir fuhren durch Bad Flinsberg, das sich wieder in einen properen Kurort verwandelt hat und nahmen den Weg über den Berg, wo ein Wintersport- und Mountainbike-Zentrum entstanden war. Das dreieckige Brachland war ein Parkplatz, die großen Bäume standen noch davor, die Stromversorgung aus dem Tal war am Rande des Platzes gekappt. Die Bergwiese, auf der Fahnenappelle und das verhaßte Sportfest stattfanden, war von Büschen verwuchert, wie auch der Weg hangabwärts zu der kleinen Villa.
Ich spuckte auf den Platz. Es war wie an anderen Orten meiner Kindheit. Ich entdeckte erst nach langer Zeit – und dem Fall der Mauer – dass es sich um wunderschöne Landschaften handelte. In den Zeiten vorher dominierten Ungemach von Anreise und Aufenthalt, fehlende Bequemlichkeit und Privatsphäre, direkter Anschluss an alle Wetterunbill und liebloser Großküchenfraß. Ja, es war hier wunderschön. Der Wind pfiff zwar immer noch über den Sattel, aber die Blicke in beide Richtungen waren beeindruckend, sonnenübergossene dunkelgrüne Berge und flache Landschaften mit Stoppelfeldern. Am Rand des Platzes wuchsen süße, riesige Brombeeren. Ich pflückte eine große Hand voll, ich hatte sie mir verdient.
Dann fuhren wir ins Tal Richtung Bad Schwarzbach hinunter und fanden die Villa, stiegen aber nicht aus, weil Leute davor arbeiteten.

Auf der Rückfahrt nach Berlin überlegten wir, wie wir recherchieren konnten, ob ich mich nicht geirrt hatte. Da in den Jahren nach dem Krieg in diesen Bergorten seltenst neu gebaut wurde und wenn, dann Stahlbeton-Fremdkörper im Moderne-Stil, musste es sich um einen deutschen Berggasthof handeln.* Das Netz ist voll von schlesischen Erinnerungssammlungen, das Haus müßte zu finden sein.

*Es ist so. Zeit vergeht schnell. Schlesien war für die Großeltern selbstverständlich ein verlorener Teil von Deutschland, für die Eltern eine Erinnerung daran und für uns Kinder war es Polen, nichts anderes.

Berlin empfing uns mit einer warmen Sommernacht und einer kleinen Jazzband vor der Weinerei. Die Stadt summte. Der Graf setzte sich auf einen Tisch, den er ans offene Fenster geschoben hatte, hielt die Füße in die Nachtluft und begann zu recherchieren. Und dann hatten wir das Haus gefunden.

So wie hier, nur mit mehr Wald umstanden.

Quelle
Tatsächlich ein alter Berggasthof, dem die Außenanlagen allmählich abhanden gekommen waren.

Das Haus ist das zweite von rechts mittig.

Quelle
Der Berghang ist nun völlig zugewuchert, nur manche Wiesen werden noch gemäht, hier hält schon seit 70 Jahren niemand mehr Vieh und die Bauernhäuser verfallen. Die Villa ist in neuen Händen und viel Arbeit liegt vor den Besitzern:
villa2 villa1
Ich habe einen Haken an diese Wochen gemacht. Die Brandhöhbaude, einst Berggasthof, dann Privatwohnung und Ferienheim des elektronischen Betriebes Tewa, war in den 90er Jahren Heim für ledige Mütter und wurde danach abgerissen (…aber niemand weiß, warum, heißt es in einem Kommentar).

Das Ende

Quelle

Wer bis hierhin durchgehalten hat, bekommt noch eine Empfehlung – hier ist eine ältere, sehr gute Geschichte über Wanderungs- und Fluchtbewegungen im letzten Jahrhundert.
Das, was gerade passiert, ist nicht neu. Es ist anders und deshalb fühlt es sich neu und für manche bedrohlich an. In Zeiten, wo wir mal eben nach London auf eine Party fliegen und keine Visa mehr dafür beantragen oder ein Vermögen für die Reise ausgeben müssen, machen sich auch Kriegsflüchtlinge und Völker in Not und ihre Vorhut, die jungen, kräftigen Männer, auf größere Wege.
Es ist auch nicht neu, dass sich Menschen von Fremden bedroht fühlen und um sich schlagen. Es gehört zur Natur der menschlichen Gesellschaft, genau wie Barmherzigkeit und Gastfreundschaft. Es ist das Ying, das das Yang bedingt. Licht und Schatten. Es ist einfältig, zu hoffen, dass Veränderung immer nur gute Seiten hat (für wen, ist immer die Frage). Es wird einfach anders und global gesehen sind die Befindlichkeiten unserer Tage stecknadelkopfgroß. Wenn die Zeit reif ist, können aktivistische Menschen viel bewegen. Manchmal glauben sie sogar, sie waren die Ursache, nicht nur der Anlass.

DAMIT ETWAS KOMMT MUSS ETWAS GEHEN DIE ERSTE GESTALT DER HOFFNUNG IST DIE FURCHT DIE ERSTE ERSCHEINUNG DES NEUEN DER SCHRECKEN**

Das Schlimmste ist wohl, wenn Menschen sich glauben machen lassen, sie dürften nicht dagegen anschreien und wenn sie nur fein still hielten und täten, was von ihnen verlangt würde (von Leuten, die schon wüssten, was gut für alle sei), käme irgendwann das Paradies/der Kommunismus/die gerechte, bessere Gesellschaft.
Zivilen Ungehorsam gibt es nicht nur von links und nicht nur aus dieser Richtung ist er legitim. Das ist bitter und schwer aushaltbar. Auch für mich. Wenn ich das Foto der Mutti mit der Reichskriegsflagge in Heidenau auf dem Parkplatz sehe, dann höre ich tief in mir meinen Großvater im Grab rotieren.
Die Symbolik des zivilen Ungehorsams kann mit etwas Recherche hergeleitet werden. Auf allen Seiten paramilitärisch, hier mit Punk-Attitüde, da mit Nazi-Anleihen. Es geht sehr wahrscheinlich weniger um den tatsächlichen Inhalt als um den Stich in die richtige Richtung. Hier die Provokation alles Festgelegten, Geordneten, Sauberen, Begrenzten und Sortierten, da die Provokation des Offenen, Freien, Veränderungswilligen, Flexiblen.
Mit ihrer Angst um ihr kleines Geschaffenes, aus der in Erzählungen große Dämonen wachsen, ähneln sie sehr denen, gegen die sie kämpfen. Wie der zu kurz gekommene Bruder, der gegen das bevorzugte Kind wütet.

Wie das Neue aussehen wird? Wir wissen es nicht. Wir gehen ihm nur durch den Strom der Zeit entgegen.

Ich verlasse den Fahrstuhl beim nächsten Halt und stehe ohne Auftrag, den nicht mehr gebrauchten Schlips immer noch lächerlich unter mein Kinn gebunden, auf einer Dorfstraße in Peru. Trockener Schlamm mit Fahrspuren. (…) Vor einer Plakatwand mit Reklamen für Produkte einer fremden Zivilisation stehen zwei riesige Einwohner.***

 

**Anmerkung zu „Mauser“ in Heiner Müller Revolutionsstücke, Reclam, Stuttgart 1988
*** „Der Mann im Fahrstuhl“ in Heiner Müller Werke 2, Die Prosa, Suhrkamp 1999

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