Ich sitze im Wohnzimmer auf dem Sofa, schaue übers Spreetal und über den Fernsehturm ziehen dicke Wolken, Bauch neben Bauch. Wenn man im vierten Stock wohnt, merkt man früh, dass es Herbst wird. Ganz oben in den Wipfeln der Bäume gibt es die ersten bunten Blätter.
Nachdem der Hörsturz langsam auf dem Rückzug war, kam die Erkältung. Ich habe die halbe Woche mit Halsschmerzen und Fieber im Bett verbracht. Signal erkannt – „komm bloß nicht auf die Idee, schon wieder arbeiten zu gehen!“ und trotzdem heftigste Kämpfe mit der inneren Konditionierung ausgefochten.
„Die Kolleginnen hassen mich jetzt schon!“ – Hallo? Es ist Nebensaison, du hast die Hauptsaison durchgehalten?
„Bei einem kleinen Betrieb so viele Krankentage bezahlt bekommen wollen, das macht man nicht!“ – Ich habe mich Gott sei dank an die U1 erinnert, die ich mit meiner Firma ja auch lange Jahre gezahlt habe. (Die teilweise Erstattung der Lohnkosten im Krankheitsfall in den ersten 6 Wochen für kleine Firmen.)
Ich bin noch eine weitere Woche krank geschrieben, alles andere hätte nur bedeutet, demnächst noch mehr auf die Fresse zu fallen.
Was ich immer noch als Thema sehe ist, warum ich zulassen konnte, dass es so weit kam. Als würde man mit einem Auto auf der Autobahn fahren und glauben, das ginge nur Vollgas.
Ich weiß nicht, was das ist. Die Erinnerung an alte Zeiten, als anderes möglich war – wo ich um 6 Uhr aufstand, das Kind für die Schule fertigmachte, einen Dreivierteltag im Büro saß, dann 250 Kilometer mit dem Auto fuhr, um eine Theateraufführung zu sehen, hinterher noch mit den Künstlern zusammensaß, nach Mitternacht wieder ins Auto stieg und zurückfuhr, ein paar Stunden schlief und wieder um 6 Uhr aufstand…
Ist es Überkompensation? Der Zwang, immer wieder die Herausforderung annehmen zu wollen, statt abzuwinken und zu sagen „Danke, das hatte ich schon, ich kann nur das und das bieten!“
Da muss ich ran.
Gestern sprach ich auch mit dem Kind über Signale von Krankheiten. Sie erzählte mir, dass sie im FSJ, als sie allein im Nestchen lebte, in Eile auf der Treppe umgeknickt sei. Sie erinnerte sich an den Sportunterrricht und dass es da immer den Spruch „Hab dich nicht so!“ gab und lief den ganzen Tag mit einem Bänderriss herum, bis eine Freundin sie mit Nachdruck zum Arzt schickte.
Wir leben heute lange, sind selten in Lebensgefahr und selbst das geht immer öfter glimpflich aus. Wir liegen nicht mehr mit Scharlach 4 Wochen im Krankenhaus, OPs sind minimalinvasiv und auf eine schnelle Aktivierung danach wird geachtet. Wir haben viel mehr Freizeit als die Generationen vor uns und kommen doch nie zur Ruhe. Ich glaube, niemand in meiner Umgebung hat sich seit vielen Jahren mal so richtig gelangweilt.
Aber wir werden depressiv, antriebslos, müde, schwindelig, unkonzentriert oder allergisch. – Da, wo unsere körperlich hart arbeitenden Vorfahren das Reißen bekamen oder schmerzhaft krumm und steif wurden und unbehandelte Gebärmuttervorfälle oder Leistenbrüche wie auch heftige Infektionskrankheiten normal waren.
Die Spuren, die moderne Arbeit und Lebensführung in uns hinterlässt, sind andere. Die Fragekataloge der Versicherungen – ob staatlich oder privat – sind aber immer noch (trotz massiv gesunkenem Anteil der körperlichen Arbeit) auf körperliche Ausfälle ausgerichtet. Wo unsere Krankheiten doch längst einen massiven Anteil von mentalen Ausfällen und Verschleiß haben. *
Nur, wie geht man so etwas an? Mit „mir gehts nicht so“ komm man da nicht raus. Selbst „ich will/kann nicht“ ist in dem Zeitalter, in dem man angeblich alles erreichen kann, wenn man nur hart genug dafür arbeitet, nicht systemkonform. Erst eine erkennbare Erkrankung bringt die Legitimation zur Schonung. Es geht auch nicht darum, bei jedem Wölkchen über dem Gemüt die Arbeit einzustellen. Wer blutige Füße hat, kann nicht mehr laufen und sollte in Zukunft dafür sorgen, dass er sich die Füße nicht mehr blutig läuft. Zum Beispiel durch passende Schuhe.
Es gab früher mal den Begriff Psychohygiene. Einfach heruntergebrochen bedeutet das – genau wie man sich regelmäßig wäscht, Wunden nicht aufkratzt und Krankheiten verschleppt, sondern in der Heilung befördert, keine Infektions- und Giftherde in seiner Nähe dulden sollte und sich körperlich wohltuenden Elementen (Licht, Luft, Sonne, moderates Klima) aussetzen sollte – sich nicht Einflüssen auszusetzen, die einen über Gebühr erschöpfen, mental aussaugen, verstören oder traumatisieren. Und dafür fehlt die Systematik. Keine Ratten in Wohnhäusern zu wollen, das leuchtet ein. Aber mental leben wir mit Läusen, Flöhen und Wanzen in trauter Gemeinschaft in einer riesigen Bahnhofshalle. So scheint es mir. Ich sollte mal länger darüber nachdenken, was psychische Hygiene für mich bedeutet.
(Edit: Es geht nicht um das Vermeiden. Da wären wir ja bei Safe Spaces, in denen wir als Angsthasen zähneklappernd hocken und uns schon beim Wort „Verletzung“ verletzt fühlen. Ich meine Zeit und Raum oder Techniken, um Belastungen zu verarbeiten, sich mental zu reinigen.)
Einen Punkt habe ich schon länger realisiert. Ich ignoriere die Hysterie- und Empörungswellen in sozialen Netzwerken bis auf kleinere Rückfälle weitgehend. Aus dem gleichen Grund, warum ich noch nie Talkshows mochte. Ich hasse es, wenn sich Leute vor Publikum theatralisch rumstreiten und Holzschnitt-Argumentationen benutzen. Es hat allerdings eine Weile gebraucht, zu kapieren, dass es mich genauso ungesund aufregt wie streitende Talkshowhanseln.
Ein paar Links gibt es heute.
Twitter funktioniert in Sachen Politik ein bisschen wie die tausenden Fußballtrainer vor dem Fernseher während der Sportschau. – Hier nun ein längerer und differenzierter Text über Being Angela Merkel.
Über den eigentlich unlesbaren und unverständlichen Text der Fachschaft Gender Studies haben sich ja schon eine Menge amüsiert, einigen blieb aber auch das Lachen im Hals stecken.
25 Jahre nachdem von der Humboldt-Uni Leute verjagt wurden, die aus ideologischen Gründen darüber bestimmen durften, wer an einer Uni mitmachen durfte und wer nicht, spielen ein paar Studentx Stalinismus. Pro-Tipp von Kämpferx für eine bessere Welt: Erst wenn R. öffentlich bekennt, dass es sich geirrt hat und verspricht, in Zukunft die aktuellen Direktiven genau zu beachten, wird die Aktion nachhaltig wirksam.
Aber sehen wir das positiv. Sie dürfen es. Genauso wie Burschenschaftler sich Schmisse hacken dürfen.
Mit dem Blick von außen schätzen viele Deutsche ihre demokratischen Errungenschaften zu gering, meint die deutsch-türkische Feministin Seyran Ateş.
verlangt Anpassung und Respekt vor unserer Kultur von allen Neuankömmlingen. Sonst werden sie euch nicht ernst nehmen.
So einen Satz sagte auch vor Monaten alte eine leicht durchgedrehte Türkin in der U-Bahn zu mir. Neben vielen anderen Sätzen, die im Groben und Ganzen Klagen darüber waren, dass Deutschland die jungen Männer ihres Volkes zu lasch anfasst und keine für sie spürbarem Korrektive hat. Ich kann das nicht beurteilen, ich stecke da nicht drin.
(Edit: Ich glaube, es sind unterschiedliche Sachen gemeint. Das eine ist, dass man im wohlhabenden Sehnsuchtsland auch nur das ganze Paket bekommt. Deutschland ist so attraktiv für die vor ihren Verhältnissen Flüchtenden, weil es eben anders ist als ihre Gesellschaft und Kultur. Man nimmt sich und seine Kultur aber bei solchen Veränderungen immer mit. Der Glaube, man könne so weiter leben wie bisher, ist ein Irrtum auf allen Seiten.
Die alte Frau meinte aber sicher, dass der deutsche Staat dafür sorgen sollte, dass die jungen Männer innerhalb ihrer kulturellen Erwartungen funktionieren. Heiraten, Kinder machen und versorgen, sich um die Alten kümmern, wie es der Brauch ist.)
Jetzt fällt mir der Sprung leicht zu einem kleinen Exkurs über einen Film. Ich schaue ja nur noch 2-3 Filme im Jahr, weil ich im Leben vorher viel zu viele gesehen habe. Ich war irgendwo über die Ankündigung von Der Liebling des Himmels gestolpert. Dani Levy als Regisseur eines Fernsehfilms, Axel Milberg als Hauptdarsteller, das interessierte mich.
Es ist die Geschichte eines Psychotherapeuten, wie er deutscher nicht sein könnte – pünktlich, organisiert, genau, detail- und ordnungsliebend – der mit Schriften über die Integration von Migranten zur bekannten Koryphäe geworden ist. Die ihn umgebenden Menschen, allesamt anders als er – internationale Einwanderer, lachend Todkranke, Schwule, Hippies, Transen – kollidieren immer wieder mit ihm, der ein ungeouteter Zwangsneurotiker ist, und der jegliche unkontrollierte Emotion nur seinen Tagebüchern anvertrauen kann, bis ihm dann endlich der Stock aus dem A… fällt.
Was mich freute: Großartige Schauspielkunst bis in die kleinste Rolle. Kein amerikanisches Overacting, kein Rumtheatern, es machte Lust, das anzusehen.
Aber das Drehbuch… eieieiei… In den 90ern warf man dem deutschen Fernsehen vor zu langsam zu sein:
Derrick und Harry stehen vor einer Tür, an deren Klingelschild „Müller“ steht.
Derrick: Hier wohnt also Herr Müller!
Harry: Der Verdächtige?
Derrick: Ja, der blonde Mann, der von Frau Krause gestern nacht am Tatort gesehen wurde.
Harry: Wir wollen ihn befragen?
Derrick: Ja. Klingele bitte und wir stellen ihm ein paar Fragen.
Harry klingelt. Ein blonder Mann macht auf.
Derrick: Guten Tag Herr Müller, wir haben ein paar Fragen an Sie!
In „Der Liebling des Himmels“ rast der Plot, werden in sich sehr komplexe Episoden nur angekratzt, kaum exponiert und sind schon wieder vorbei. Der Liebhaber des Sohnes plant ein Erpressungskomplott, um am Vater Rache zu üben, der Sohn kommt dahinter, der Vater schickt die Russenmafia dagegen, ohne zu wissen, dass sein Sohn darin verwickelt ist, Rumsbums, schon sind wir in der Klimax des Handlungsstranges und gleich kommt die Versöhnungsszene, an die dann auch noch die Botschaft angehangen wird, dass die Transe hinterm Bartresen, mit der er letztens versehentlich schlief, in wahren Leben Ärztin ist. – das war ein Handlungsstrang von ungefähr 5 oder 6, die ebenso rasant abgehandelt werden. Klar kann man mit aberwitzigem Tempo erzählen, wie ein verharrender Charakter aus dem Gleichgewicht gebracht wird. Aber ich als Zuschauerin bekomme davon nur die Hälfte mit. Die Dramaturgie ist in Details zu schlampig.
Da lesen die Kollegen aus seinen Tagebüchern, aber man bekommt nicht mit, warum ein auf dem Tisch herumliegendes Buch interessant wird oder wie es in die Bowlingbahn gekommen ist. Da beschließt der Held, seine todkranke Frau zu sich nach Hause zu nehmen, urplötzlich, eine Viertelstunde, nachdem er erfahren hat, dass sie seit drei Monaten Krebs hat. Und so fort.
Was in „Alles auf Zucker“ funktionierte, der unvermittelte Blick in die Welt von eigentlich wahnsinnigen Menschen, ist hier zu schnell und zu plakativ.
Und dann die öffentlich-rechtliche Jugendlichen-Figur. Diesmal ein aufbegehrender Sohn, meist sind es pampige Teenager-Töchter, die die Filmhelden in Frage stellen. Seit Mitte der 90er funktionieren diese unangepaßten Girls und Boys als moralisches dramaturgisches Prinzip, als die einzigen, die schon sehr früh in der Handlung Klartext über die Fehler des Protagonisten reden dürfen und natürlich nicht ernst genommen werden. – Bis der Held dann Dinge erlebt, die ihn in seinen Werten wandeln. Es lohnt sich, darauf mal zu achten.
Fazit: Sehenswert, aber ich wünsche mir endlich mal wieder richtige, detailgenaue Drehbuchentwicklung. Das funktioniert auch in Deutschland. Siehe Dominik Graf/Rolf Basedow.
*Ich schaue mir die Stoffwechsel- und Herzerkrankungen mal nicht an. Das sind die Cash-Kühe der Gesundheitsindustrie. Ich halte diese modernen Epidemien zu einem großen Teil für herbeigeredet. Sobald ein patentierbares Medikament für bestimmte Stoffwechseleinstellungen oder Körperkonditionierungen gefunden ist, werden Normwerte korrigiert und so ganze Populationen als behandlungswürdig definiert – siehe Blutdruck- und -fettsenker.