Früher habe ich am Gründonnerstag versucht, mich eher aus dem Büro wegzuschleichen, aber meist wollte noch jemand noch um 4 Uhr nachmittags mit mir ausführlicher über das Thema „was kann ich jetztgleichaufderstelle tun, um endlich berühmt zu werden“ reden. – Um sich das nächste halbe Jahr dann nicht zu melden, keine neuen Fotos zu machen und kein neues Demovideo zu schneiden. Bis am nächsten Tag vor einem Feiertag wieder Aktionismusbedarf herrschte.
Letztes Jahr war am Gründonnerstag der zweithärteste Tag meines kurzen Angestelltenintermezzos. Mit Panikatacke veratmen und irgendwie weitermachen und Ostern halbkrank auf dem Sofa hocken und wieder zu Kräften kommen.
Nachdem das Leben nun wieder ein langer, ruhiger Fluß ist und die Stromschnellen überwunden sind, ist ein Gründonnerstag willkommen, um langsam in die Ostertage zu trudeln.
Vigil 25
Beim Anfertigen eines stilechten Nähmutti-Jerseykleides (Onion 2022, das Knotenkleid), fiel mir auf, dass sehr viele Kleider von vorn gut gestaltet sind und viele nette Details haben, von hinten sind sie aber pottlangweilig oder problematisch.

Dieser Schnitt zum Beispiel, McCalls 7186, der als nächstes auf der Liste steht, hat vorn schöne Drapierungen und hinten jede Menge ungestalteter Fläche, um SSL (seitliche Sliplinien) und HSL (Hüftsliplinien) und die damit geformten Röllchen zu präsentieren.

Das ist nicht das einzige Kleid, das nur von vorn geplant ist. Ich werde demnächst mal die vorne hui – hinten gähn-Schnitte sammeln.
Vigil 24
Das Absurde am Castro-Obama-Treffen: Amerika wird derzeit von einem afrikanischstämmigen Präsidenten regiert, in Kuba herrscht seit Jahrzehnten eine spanischstämmige Revolutionärsdynastie. Im Sozialismus sind alle Menschen gleich, manche aber gleicher. Und im Kapitalismus können Leute, die sich gut präsentieren, eine Menge erreichen.
Mit dem Älterwerden schaue ich mir Dinge an, die ich vor 25 Jahren rigoros ablehnte. Ich denke noch einmal über schnelle Trennung statt schmerzhaftem Durchhalten in der Beziehung nach, frage mich, ob die harte Business-Lady & abwesende Mutter-Biografie wirklich gut war und schaue mit Abstand auf den Kommunismus, die heilige Lehre meiner Kindertage.
Der Kommunismus hatte klare, scheinbar logische, zwingende Argumente und war auf der Seite der moralisch Guten. In der Theorie ist das fein. Die Praxis zeigte, dass moralisch gut zu sein, nur ein paar verkopfte Eliten interessierte und die auch nur, so lange es nicht an die eigene Komfortzone ging. So predigten sie öffentlich Wasser, soffen heimlich den raren Wein und verwiesen auf das Himmelreich, das in zwei, drei Generationen auch auf Erden errichtet werden würde und bis dahin wäre Mühsal der Tage Lohn.
(BTW. Ich habe von den Hubschraubern, die in 1984 den Menschen in die Häuser schauen als 15jährige geträumt, ohne das Buch je gelesen zu haben.)
Wenn ich die Gesellschaft ansehe, in der ich heute lebe, schaue ich auf eine äußerlich große Komfortzone. Was ich nicht sehe, aber bei anderen ebenfalls vermute, sind selbstkonditionierte Hirngefängnisse.
(Die Freundin erzählte letztens davon, dass man sie zwar als partner- und kinderlose Anfangsvierzigerin im aktuellen Job unbedingt wollte, ihr aber nicht mehr als 20 Wochenstunden anbot, so dass sie einen zweiten Job annehmen musste, um ihre Miete zu zahlen – wir reden dabei nicht von Hilfsarbeiten. Nachdem ihr Überstundenkonto platzte, gab man ihr in einem persönlichen Gespräch den Rat, sie solle sich in Richtung effizienterer Arbeit und Zeitmanagement weiterbilden.)
Vor allem aber profitieren wir von der Armut und den Leistungen anderer Regionen. In jeder Gesellschaftsschicht. Denn in H4 ist die Billigarbeit aus Asien bereits eingepreist.
Ich würde mich freuen, noch eine Änderung zu erleben und ahne gleichzeitig, dass die wieder von Menschen mit einfachen und zwingend logischen Argumenten angeboten wird.
Aber es gibt keine einfache Wahrheit.
Vigil 23
Zurückgekehrt. Die Ostsee habe ich zwischen Donnerstag und Sonntag nachmittag zweimal für fünf Minuten gesehen, obwohl sie nur eine Viertelstunde entfernt lag.
Den Rest der Zeit verbrachte ich in einem ehemaligen Reitstall mit vielen Nähnerds und ihren Nähmaschinen. Manche hatten sogar drei davon mitgebracht.
Nähen und plaudern macht Spaß und dabei lernen und anderen auf die Finger schauen noch mehr. Ich weiß jetzt, wie ich nahtverdeckte Reißverschlüsse mache und mein Kleid wurde liebevoll angepasst. Wenn ich auch sonst bei vielen Leuten eher Panik bekomme, da funktionierte es.
Das Ergebnis war mein Weihnachtskleid, dessen Nessel-Probeschnitt ich im Dezember wegen Paßformproblemen in die Ecke geworfen hatte. Oben am Ausschnitt gibt es noch mal Feintuning, die dicken, dominanten Samtblenden gefallen mir nicht. Aber sonst bin ich recht zufrieden.
Zum Menschen- und Näherlebnis kam ein barockes Schloß und authentisches deutsches Jugendherbergs-Essen: Kittwurst, Margarine, Früchtetee. Ich schätze es sehr, mitunter auf Eßgewohnheiten früherer Zeiten und Lebensumstände zurückzugehen. Einfach, um zu spüren, was man hat. Deshalb sind Nudeln mit Ketchup, Armeleuteessen oder Jugendherbergs-Aufschnitt-Teller wichtig.
Und hier geht es zu den anderen Berichten.
