Wenn ganz harmlose Ereignisse einem plötzlich die Seele aufschrammen bis runter aufs Fleisch.
Bevor ich loslege: ich hasse theatralische Gefühle, weine nicht gern und noch weniger gern bin ich auf andere Menschen angewiesen. Theoretisch. In Wahrheit bin ich natürlich ein bedürftiges Kuschelmonster, das Zuspruch braucht wie Balkonblumen Wasser.
Seit zwei Wochen drehe ich am Zeiger. Die Physiotherapie nimmt mir meine geliebten Muskelverspannungen weg und baut mich neu wieder auf, anders. Ich fühle mich, als wäre mir der Panzer weggerissen. Dünnhäutig, empfindlich, nicht in der Lage, unangenehme Dinge abzublocken. Habe nah am Wasser gebaut und heule wegen des geringsten Problems. Gute Güte.
HeMan steht kopfschüttelnd da, wenn ich ihm das Hemd naßheule und Rotz und Blasen schluchzend erkläre, ich würde sowieso alles falsch machen, würde mich sooo alleingelassen fühlen und hätte das Gefühl, er könnte mich jede Sekunde verlassen.
Kinderkram. Und scheinbar muß ich da doch durch.
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Furchtbar,
von des Gedankens Blässe angekränkelt. Entsetzlich. So deutsch!
Auf dem Gipfel
Lag es am sonnigen heißen Tag? Daran, daß sowieso nur die Glücklichen gekommen waren? Daran, daß wir alle mit Anfang 40 auf einem Lebensplateau angekommen sind, wo der Erfolgsdruck nachläßt und das Lebensmobil im Schwung der Vorjahre läuft?
Das Klassentreffen war überhaupt nicht der Horrortrip, den ich befürchtet hatte.
Vor fünf Jahren hockten wir alle da und spielten angestrengt Mein Haus, Mein Pferd, Mein Auto. So begabt sind die Kinder, mein Mann/meine Frau macht beruflich dasunddas, ich hab ne Firma, ich einen krisensicheren Job etc. pp.
Nun mußte das alles nicht mehr erklärt werden. Es gab keine Pleiten und sichtbaren Abstürze. Es leben sogar noch alle, was ungewöhnlich ist. Bis auf eine paar Plautzen, die das Standing von Führungspersönlichkeiten verbessern sollen und ein paar sehr matronenhaft gewordene Frauen, sehen alle ziemlich gut aus. Und sie gehen ihren Weg. Die Grundschul-Lehrerinnen wirken immer sonniger und altersloser. Die (wenigen) Berufsmütter haben kurz vor Ablauf der Fruchtbarkeitsphase noch ein, zwei Kinder draufgepackt. Der attraktive Lebenskünstler hat nach einem Bauunternehmen und einer Finanzberatung nun einen Tierfutterlieferservice aufgemacht, weil alte, einsame Leutchen doch so eine dankbare Klientel sind. Der Versicherungsvertreter ist noch aalglatter und die Ärzte sind noch etwas zynischer geworden.
Jetzt läuft sich die Midlifecrisis schon etwas warm. Nach Ehe und Beziehung zu fragen war schwierig. Bei denen, die wie ich in serieller Monogamie leben, war es kein Problem, da hatte sich das Partnerschaftsglückrad nur weitergedreht und es gab von einem neuen Menschen zu berichten. Andere, manche schon 20 Jahre verheiratet, zuckten zusammen. Neue Worte fielen: Trennungsjahr, böse Scheidung, sehe die Kinder nicht mehr, Güteraufteilung.
Und so kam es, daß Gespräche so liefen:
Mensch klar, du wohnst doch in so einem klasse Haus am Schweriner See!
Wohnte. Jetzt wohne ich in der Innenstadt.
Häh? Aber das hattest du doch grade erst gebaut!
Ja.
(es dämmert mir) Ach und jetzt wohnt nur noch deine Frau drin?
Genau so.
Die Jugendliebe nahm mich irgendwann beiseite. Fragte, wie es mir geht. Ich erzählte. Von schweren Jahren, vom Burnout und von Krankheit. Davon, daß ich die Kurve bekommen habe und es mir jetzt wieder sehr gut geht.
Er malt nicht mehr, sagte er, macht nur noch Tierzeichnungen für wissenschaftliche Veröffentlichungen. Sein zweites Standbein, Libellenforschung. Er wäre grade drei Wochen in Namibia gewesen, um Libellenarten zu registrieren.
Er wirkt still und nachdenklich, ist wieder schlanker geworden.
Das Leben sei so festgelegt. Selbstgewählt natürlich. Sogar in der Provinzstadt würde er es kaum noch aushalten, zu laut, zu hektisch. Das Haus auf dem Land, wunderschön gelegen zwar, mit eigenen Händen gebaut und die Schwiegereltern in der Einliegerwohnung, die sich um vieles kümmern. Nein, da hat jeder seinen Bereich, die mischen sich nicht ein. Aber es gibt keinen Spielraum. Verbeamtet. Das Arbeitspensum bestimmt der Dienstherr. Der Stoff ändert sich nicht. Selbst für seine Luxusposition: Begabtenförderung, kein Klassenleiterjob, nur Biologie. An Aufgeben ist nicht zu denken. Zu viele Verpflichtungen.
Wir stehen zusammen am Flußufer.
Da sind wir nun. Haben uns im Rahmen unserer Möglichkeiten unsere Träume erfüllt. Er hat sein Haus auf dem Land, eine Frau, die seelisch ganz dicht bei ihm ist (das konnte ich ihm nie geben), einen Job, wo ihm niemand am Zeuge flicken kann und er forscht.
Ich erinnere mich an einen Sommerabend im letzten Jahr, an dem ich allein auf meinem Loungesofa saß und mich fragte, ob ich nun glücklich wäre. Alle Träume von Kindheit und Jungend waren erfüllt: Ich arbeite beim Film, habe mir eine Hierarchie geschaffen, in der ich oben stehe, habe LoftSportwagengeileKlamottenundnensuperTyp. Und?
Nun scheint es bei ihm so weit zu sein. Hinter uns das Lachen seiner Frau. Wie immer ist sie von einer zupackenden Fröhlichkeit. Innerhalb von Minuten kann sie eine ganze Runde Menschen unterhalten. Eine kleine, energische Person. Ihre Oberarme so dick wie meine Oberschenkel. Was ihr schnuppe ist.
Er schweigt. Sieht in die Ferne. Nie war er weiter von mir entfernt als in diesem Moment. Ich kann ihm nicht helfen. Kann ihm nicht einmal Mut zusprechen. Auch hämisch werden fällt mir schwer. Sätze, die er sicher von seinen Eltern hören würde: Haben wir dir immer gesagt, diese Frau kann dir nicht das Wasser reichen, die primitiven Eltern, warum nur Lehrer.
Es ist so, die Grenze ist erreicht und sprengen muß er sie selbst. Was dann passiert, ob er seinen Job aufgibt und nach Afrika geht oder nur das Saufen anfängt, steht in den Sternen.
Es ist kalt geworden, ich gehe meine Jacke holen und komme nicht mehr zurück.
Freiflugschein
Seit ein paar Tagen muß ich gegen meine kaputte Bandscheibe antrainieren. Nicht mit den normalen Muckibuden-Maschinen sondern mit diesen fiesen Körperkern-Übungen, die einem zeigen, daß es an den absurdesten Stellen Muskeln gibt. Oder eben keine.
Und zum wiederholten Mal bemerke ich eine ganz üble Nebenwirkung: Panikattacken. Wenn die Überspannung der langen Muskeln nachlässt, mit denen ich mich selbst schief und krumm aber sturmsicher im Leben festgezurrt habe, bekomme ich Angst. Die Kindheitsängste marschieren auf: keiner will dich, du störst, ich verlasse dich oder auch namenloses: stürzen, haltlos sein, aus einer mißlichen Lage nicht zurückfinden. Beherrsche ich die eine, indem ich mir selbst zeige, daß zwar ein Säugling aus bestimmten Positionen nicht zurück kann und fällt, sich aber eine Frau im besten Alter wohl zu helfen weiß, dann kommt mit Sicherheit eine halbe Stunde nach dem Training die andere: Heulen über (nicht stattfindende) Einsamkeit, Herzrasen, Schweißausbrüche, Stottern beim telefonieren.
Komisch. Was ist das?