14.9. 10

Selbstmordwetter.
Ich stand über Gebühr früh auf und fuhr zu einem Termin, in dem über meine weitere existenzielle Zukunft entschieden würde. Meine Vorahnungen waren so düster wie das Wetter, aber Gott sei Dank können Vorahnungen täuschen. Die Sachbearbeiterin hatte bessere Laune als vor einem halben Jahr. Ich habe jetzt noch ein Jahr Luft und Zeit, die neue Existenz tragfähig zu machen, ohne am Monatsanfang Panik vor der Mietüberweisung zu bekommen. Bis auf eine unangenehme Sache, das Stopfen einer Gesetzeslücke per einstweiliger Verfügung, kann ich recht optimistisch sein.
Da der Termin ohne lange Warterei stattfand, konnte ich mich danach in Ruhe auf die letzte Stunde beim Unternehmensberater vorbereiten.
Wir machten eine gute Schlußrunde: es ist alles so auf dem Weg wie es sein soll und die verfahrene Kiste, mit der ich vor fast genau einem Jahr zu ihm gekommen war steht wieder ordentlich und ist nicht mehr mit lauwarmer, abgestandener Luft, sondern mit dem frischen Wind realistischer Zukunftspläne gefüllt.
Es ist jetzt alles eine Nummer kleiner, aber paßt zu mir.
Ich lud mich zur Feier des Tages zum Lunch beim Vietnamesen ein.

Nachdem ich mir zum zweiten Mal nasse Füße geholt hatte – Merke! Wer kein Auto mehr hat, braucht bequeme, wasserfeste Schuhe mit strapazierfähigen Sohlen! – gönnte ich mir gleich noch einen Mittagsschlaf. Ich bin schließlich ab dem 1. Oktober Freiberuflerin, da kann ich arbeiten, wann ich will.
Dann haute ich noch ein paar Schneisen ins Papier und telefonierte endlich mal wieder mit La Primavera. Immer schön zu merken, daß es einem Gold geht. Sie erzähte von einer gemeinsamen Bekannten, der innerhalb einer Woche die Lieblingstante gestorben war, die Tochter mit dem zweijährigen Kind wegen häuslicher Gewalt wieder bei ihr vor der Tür stand, ihr Sohn mit einem Magendurchbruch ins Krankenhaus kam und zu allem Überfluss lag noch eine Kündigung im Briefkasten. Also: es geht mir verdammt gut. Der größte Teil meiner Probleme ist mit meinem Mist gedüngt.

Dann kam noch ein langes Gespräch mit meiner Mutter. Ihre Mutter, meine „andere Oma“ hat wieder Krebs. Da sie 89 und ziemlich hinfällig ist, rät der Arzt vernünftigerweise von einer Operation ab. Bisher ist nur eine Geschwulst in der übriggebliebenen Brust zu sehen, scheinbar hat sie noch nicht gestreut. Das ist das eine. Das andere ist, daß die arme alte Frau nun wie ein Kaninchen im Autoscheinwerferstrahl hockt und die Metastasen auf sich zurasen sieht. Die Sprachlosigkeit in dieser Familie tut das ihre dazu. Hier wird nur reagiert, wenn der Druck nicht mehr auszuhalten ist.
Meine Oma redet zwar seit 39 Jahren vom Sterben, seit ihr Mann an zu spät erkanntem Darmkrebs mit nur 52 Jahren starb, und führte ein Leben auf Abruf, aber jetzt, wo der Tod vor der Tür steht, scheint es, als sei ihr ständiges Reden darüber, das Erbe aufteilen, den Countdown zählen, nur die permanente Bewältigung einer lähmenden Angst gewesen. Bei ihr hätte ich damit gerechnet, da sie auf das, was kommt, eingestellt ist. Aber das scheint nicht so. Wie auch in den vorhergehenden 39 Jahren räsonniert sie, badet in Negativität und erklärt ihre Tochter zur einzigen Bezugsperson und ködert sie mit finanzieller Unterstützung. Schon schwierig, da einen Zugang zu finden.
(Für mich ist es noch schwieriger, je älter und reflektierter ich wurde, desto mehr wandlte sich mein Mitleid in Abneigung bzw. Distanz.)
Ich weiß nicht, inwieweit ich meiner Mutter mit dem Rat, so viel wie möglich vorher mit Oma zu besprechen, solange sie noch klar im Kopf ist, Blödsinn erzählt habe. Aber jemand, der sich so intensiv mit dem Tod beschäftigt, hat vielelicht doch einen Plan oder eine Vorstellung vom Sterben.
Oh Mann.

Am Abend hatte ich dann zum dritten Mal nasse Füße, als ich eine Viertelstunde auf den überfälligen Bus wartete. Das blöde an öffentlichen Verkehrsmitteln ist, daß immer die anderen schuld sind, wenn man so wie bestellt und nicht abholt im Regen steht. Die Unmöglichkeit der Einflußnahme erhöht den Aggressionspegel enorm – und man kann nicht so die Sau rauslassen wie bei wilden Überholmanövern im eigenen Auto.

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13.9. 10

Mir zuckte kurz der Gedanke durch den Kopf, daß Montag, der 13. eigentlich viel schlimmer als Freitag, der 13. sein müßte, weil sich das unheilvolle Potential der bösen Zahl mit dem fürchterlichen Montag addiert.
Aber ich kann seit einigen Wochen vermelden, daß ich meine alten Montage zurück habe, an denen ich – ausgeruht vom Wochenende und voller neuer Ideen – bis in den Abend arbeite und mich bremsen muß, um nicht zu lange am Schreibtisch zu sitzen. Der Montagshorror ist weg, inklusive dem Gefühl, das es irgendwann mal einer merken könnte, daß ich die Hauptrolle im falschen Film spiele.
Am Mittag hing mir der Mann ein Regalbrett in die Kombüse, damit ich meine Vasen unterbringen kann. Ich habe wahnsinnig viele Vasen. Genauer gesagt 20. Kristall, Ton, Hüttenglas und zarte Porzellanteilchen aus den Zeiten, als ich den Tanten noch eine handvoll Gänseblümchen brachte. Immer wenn ich beschließe, mich von einer zu trennen, bekomme ich garantiert hinterher einen Blumenstrauß geschenkt, für den ich sie gebraucht hätte. Also bleiben sie allesamt beieinander.
Das Nestchen wird kuschelig. Es stehen zwar immer noch ein paar Kisten herum, weil die Bauarbeiten noch nicht beendet sind, aber das Baustellenfeeling ist weg.
Am Abend hatte die Küche ihre erste logistische Belastungsprobe. Ich machte helle und dunkle Rührkuchen im Glas und testete dabei gleich meinen neuen 500W-Mixer, der die alte, außer Dienst gestellte Küchenmaschine ersetzen sollte. Nun weiß ich, daß ich alle Zutaten und Geräte wie Operationsbesteck um mich herum ausrichten muß, denn ich kann nicht mal eben Mehltüte, Waage und Schüssel beiseite schieben, um das Backblech vor dem Vorheizen aus dem Ofen zu holen. Aber es funktionierte und zumindest die Schokoladenkuchen sahen verdammt eßbar aus.
Das Dauerthema Homepage kommt so langsam zum Schluß. Die meisten Texte stehen und jetzt darf ich Layout basteln. Das war wie heiteres Beruferaten. Wer bin ich? Personalentwicklerin? (Gähn!) Persönlichkeitscoach? (Esoverdacht!) Social Media Beraterin? (Oh Gott, noch eine!) PR-Beraterin? (ist doch nur für Stars!) So richtig hab ich das noch nicht gelöst. Ich hänge das erstmal an mir auf, dann muß ich nicht mit so einem Schildchen durch die Gegend laufen. Letztlich bin ich den Selbstdarstellern entflohen, um Menschen zu zeigen, wie sie sich und ihre Projekte überzeugend und authentisch darstellen. Schaun mer mal.

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12.9. 10

Sonntag! Frei!
Was heißt, sich mit Kaffee, Zeitung und iPad (neu im Technikpark) im Bett zu räkeln. Aber natürlich nicht zu lange bei diesem göttlichen Wetter.
Ich verlegte mich bald auf den Balkon, denn das war sicher der letzte Tag mit so einer samtig-warmen Luft. Nach den Aufregungen der letzten Tage wollte ich nach allen Regeln der Faulheitskunst durchhängen. Ich las die FAS und tat dann doch ein bißchen was: Ich versuchte eine Camcorder-DVD zu retten, die nicht zu Ende finalisiert war. Was weder mit OS X noch mit XP so einfach geht. Linux soll wohl kein Problem sein, aber da passe ich.
Dann bekam der Fritz-Repeater, der auffällig oft streikte, eine neue Firmware.
Um die Mittagszeit stieg ich aufs Rad und beehrte ein wenig den Park. Dann war es höchste Zeit fürs Mittagsschlafbettchen. Die sms vom Herrn Lucky, daß die Gräfin genötigt würde, ein Ruderboot rauszurücken, las ich leider erst heute. Hatte mal wieder vergessen, nach dem Seminar das Telefon laut zu stellen, das wird zum klassischen Killer meines Soziallebens.
Und sonst? Pflaumenpfannekuchen.

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In einer Woche

Manchmal ist Zeit das, was wir wie Kaugummi am Schuh kleben haben. Es ist da, erinnert uns mit jedem Schritt daran, wie wir am Boden haften und wir können es nicht so einfach abschütteln.
Am Montag zog ich mich aus der Kampfzone zurück, am Dienstag traf ich Madame Modeste zum Lunch, der Mittwoch war turbulent, der Donnerstag diente zum Luftholen vor den zwei Seminartagen und schon stand ich Freitag und Samstag vor den Studenten.
Am Freitag abend stürmte ich die Apotheke am Prager Platz. Ich wollte noch schnell ein Rezept einlösen, weil ich mein morgens zu nehmendes Schilddrüsenhormon nicht fand. Ich war ohne Bargeld, nur mit einer Kreditkarte und einer ec-Karte mit vergessener Geheimzahl bewaffnet, das war dem Apotheker doch zu windig, auch wenn er das Geschäft gern gemacht hätte. Ich ging knurrend in die untere Etage und kaufte mit Kreditkarte mein Abendbrot zusammen. Als ich vor der Tür mein Rad losschließen wollte, leerte ich fluchend den Inhalt meiner Tasche aufs Pflaster, doch der Schlüssel fand sich nicht. Ich ging zurück in die Einkaufspassage. Die Apotheke, in der ich ihn liegengelassen hatte, war inzwischen geschlossen.
Ich rechnete mißmutig die Schadensbegenzung durch. Öffentliche Verkehrsmittel gingen nicht, mangels Geheimzahl. Taxi in den Wedding zur Tochter für den Zweitschlüssel war zu teuer. Der Mann war beim Regattasegeln auf dem Wannsee und ging nicht ans Telefon.
Ich lief grummelnd nach Charlottenburg und setzte mich in die Leibnizklause, nachdem ich eruiert hatte, daß auch das Hotel, in dem der C-Burger Zweitschlüssel hängt, schon nicht mehr besetzt war. Ich aß aus lauter Verzweiflung ein Schnitzel mit Bratkartoffeln, trank ein paar Bier und sah mir das Spiel Hoffenheim-Schalke an.
Nebenan gab es zwar einen Italiener, indem ich weitaus bekannter war, nur der nahm keine Kreditkarten und der Mann hatte neulich mal wieder einen seiner Schwüre getan, dort nie wieder reinzugehen, weil er die Weinpreise zu hoch fand. Später sah ich, daß auch noch Freude vom Mann dort saßen, mit denen er sich auch ob diverser Umstände und Launen überworfen hatte. Ich hatte weder Lust, zu erklären, daß ich gestrandet war, noch mir helfen und damit mich ausfragen und bemitleiden zu lassen.
Keine Lust auf Kampfzone, keine Lust auf Reden, ich sehnte mich nach Schweigen, Entspannung und Hinlegen, da ließ ich mir lieber in Halbstundenabständen ein Bier bringen.
Gegen neun Uhr ging der Mann ans Telefon und löste mich um halb zehn Uhr aus. Ich konnte vom Bier betäubt ins Bett fallen, um am nächsten Morgen pünktlich zur Öffnungszeit der Apotheke den Schlüssel abzuholen und schleunigst in Richtung beginnendes Seminar zweiter Teil weiterzuradeln.

Nebenbemerkung: Wieder was gelernt. Über die Möchtegernalphas, die glauben, die Umgebung mit ihren Anweisungen und Erklärungen kontrollieren und steuern zu können. Dabei müßten sie nur mal aufhören zu reden und schauen, wer ihnen da eigentlich gegenüber steht. Manchmal ist zuhören und sich einlassen wesentlich entspannender und erfolgreicher. Aber solange ihre Köpfe noch Wände durchbrechen können, sitzen sie mit eh man es sich versieht festgezuzelt in Führungspositionen und nerven von dort aus die Welt.

Ich bekomme im Lehren langsam Routine und es ist toll, ein weiteres Mal ein überwältigend positives Feedback zu bekommen.
Auch der dritte im Bunde, unser Künstler, groovt sich lagsam ein. Wir kennen uns schon sehr lnge, aber zum ersten Mal erlebe ich, wie wenig er sich für zeitgebundene und ergebnisorientierte Teamarbeit eignet.

Der Abend brachte göttliche Marillenknödel im Dritten Mann. Ein Lokal, dessen Küche jenseits dieses Gerichts zu ambitioniert und dann doch zu wenig perfekt ist. Zudem nervt es mich, daß der Service bei so gut wie leerem Lokal einen Riesentanz aufführt, man hätte reservieren sollen, einem dann doch einen Tisch gibt und der Raum ud die Terrasse bleiben den ganzen Abend halbleer. Wenn die Küche nicht so viel schafft, sollten sie einfach ein paar Tische rausnehmen.
Der Grüne Veltliner war zu warm, aber Herrgott… so ist das Leben.

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