7. und 8.9. 10

Es geht grade alles so ineinander über.
Schaffensschub und danach in den Seilen hängen. Flow und Heulen und Zähneklappern.
Der frühe Herbst trägt sicher dazu bei. Ich weigere mich, jetzt schon die Heizung anzustellen, aus purem Geiz, und bibbere leise vor mich hin.
Angesichts des Fakts, daß in diesem Sommer vieles ungelebt blieb, bekomme ich einen dieser seltenen sentimentalen Anfälle. Sitze schmachtend vor Ein gutes Jahr und realisiere dann Gott sei Dank, daß ich in 12 Tagen selbst im Süden sein werde, bevor ich vor Selbstmitleid zerfließe.
Wüte über meine Weiblichkeit und den Umstand, daß ich seit einiger Zeit zu monatszyklischen Kopfschmerzen neige.
Aber es geht mir gut. Ich kann über mich selbst bestimmen, werde geliebt, repektiert und beachtet und ich habe Freunde.
Das Schöneberger Eckchen, in dem ich wohne, ist angefüllt mit Maroden und Greisen. Überall Pflegedienstautos auf der Straße, um die Ecke das Büro einer „Gesellschaft für ambulante Beatmung“. Wenn ich mit dem Fahrrad herumfahre, begegnen mir Leute mit Rollstühlen, Krücken, Blindenstöcken und Rollatoren oder Verwirrte werden geführt. Das ist schräg. Als ich vor knapp 20 Jahen hier schon einmal wohnte, gab es jede Menge allein lebende alte Damen, die nach und nach hinfälliger wurden und starben. Vorher tippelten sie mit ihren braunen Handtaschen und in ihren beigen Klamotten zum Löckchendrehfriseur oder kauften ein Viertelchen Hack fürs Mittagsessen. Das teuerste, was sie sich leisteten, waren Gesundheitsschuhe. Aber so viel offensichtliches Siechtum und Kriechtum hat es damals nicht gegeben. Ich weiß nicht, ob es mich freut, im Krankheitsfall von einer ganzen Industrie beim Kranksein unterstützt zu werden oder ob ich mich vor dieser Perspektive gruseln soll, wenn ich dereinst so weit bin.

Veröffentlicht unter Leben

6.9. 10

Zwecks Prokrastination geht jetzt das Tagebuchbloggen weiter. Eigentlich ist Homepagebasteln angesagt.
Ich sprang am Montagmorgen aus dem Bett und war recht eilig. Ein Termin um 9:30 Uhr ist für mich vor dem Aufstehen, so dekadent es klingt.
Ich hatte mir für eine Stunde einiges von der Seele zu reden. Je älter man wird, um so weniger verwundert einen das Lebensdrama. Noch sind wir nicht im letzten Akt, die großen Verluste und der Tod der Akteure sind noch fern. Wir sind mitten drin, aber keine Illusionen: die Peripetie haben wir wahrscheinlich längst hinter uns. Jetzt ist die Zeit der retardierenden Momente. Die Zeit der Déjà-Vues und des „bitte nicht schon wieder“. (Btw: es könnte sein, daß wir uns in einem ziemlich schlechten Film befinden. Who cares?)
Ich kam zurück und schob Socken und Zahnbürste in meinen Rucksack. – (Vor 20 Jahren waren es noch ein großer Koffer, die Katze im Korb und eine Menge Ungewißheit, die dazu kamen.) Meine Absicht? Konzentration. In Ruhe arbeiten. Weiterkommen. Ohne schwankenden Horizont. Mehr nicht.

Ich kam in meinen angestammten Rhythmus: Diffus rumhängen bis mittags und von Nachmittag bis zum späten Abend der Schaffensschub.
Zwischendurch füllte ich die Badewanne mit einem Kilo billigem Vollwaschmittel, Wäscheweiß und jeder Menge heißestem Wasser. Mein Patentrezept, um alte Wannen wieder weiß zu bekommen. – Einfach über Nacht stehen lassen.
Ein Amtsschreiben war nach nachdrücklichem Tritt des Anwalts innerhalb einer halben Stunde fertig. Die Homepage bekam Substanz, wo vorher nur hohles Gerede stand.
Gegen 22 Uhr Martini-Time. Dann langsamer Landeanflug mit den letzten Formulierungen des Tages.
Bett beziehen, hinlegen, etwas lesen, die Augen schließen und wach bleiben, weil das Herz durch den ganzen Körper tobt.

Ich kann hervorragend allein sein. Ich möchte es nur nicht.

Veröffentlicht unter Leben

2.9. 10

Seit einigen Nächten wache ich zwischen 4 und 5 Uhr auf. Zum Aufstehen bin ich zu müde, das Einschlafen funktioniert erst gute anderthalb Stunden später wieder – kurz vor der Aufstehzeit. Das ist ägerlich, weil anstrengend. Vor allem weil ich das Problem ewig nicht mehr hatte. Grmpf.
Ich trat gestern mit einem vollen Tagesprogramm an: Wichtige Korrespondenz erledigen, das Chaos im Nestchen beseitigen, Werkzeug, Baumaterial und Kellerkisten verstauen, am späten Nachmittag ein Arzttermin und vor allem Suppe kochen.
Irgendwie muß ich meine Hefegebäckformen wieder in den Griff bekommen, wenn ich mich nicht in Zukunft mit dem Euphemismus „Rubensfrau“ beschreiben will.
Also nahm ich mir vor, nicht mehr um die Mittagszeit hungrig in den kleinen Supermarkt nebenan zu stürzen und mit Fleisch-, Geflügel- oder Kartoffelsalat und einem Eis wieder herauszukommen, sondern einen Topf Gemüsesuppe vorrätig zu haben.
Gesagt, getan. Ich machte einen Rundumschlag in der Gemüseabteilung: Möhren, Lauch, Sellerie, Kohlrabi, Hülsenfrüchte-Körnermischung für Minestrone und eine Scheibe Rinderhesse.
Den Vormittag verbrachte ich mit Schnipseln und Telefonieren und die Induktionsplatte machte ein Geräusch wie ein medizinisches Gerät. Ich war sehr zufrieden mit dem Ergebnis.
Einzige Anmerkung: Ich werde eine der Arbeitsplatten mit der Wand verschrauben müssen, denn beim Schnipseln und Hobeln wackelt und klappert das Geschirr erbärmlich.
Am Nachmittag pflanze ich zwei Chrysanthemen-Büsche ein, die die inzwischen abgeernteten Tomaten ersetzen.
Dann noch ein Blick auf das neu entstehende Berlin-Blog der Cousine geworfen und schon mußte ich Richtung C-Burg zu meinem Arzttermin radeln.
Der Abend verging mit Schreiben und Lesen. Ich habe mir endlich Glams Empfehlung Nächte im Zirkus vorgenommen. Was ich vom Cover her kitschig-romatischen Zirkus- und Zigeunerschmus der 50er Jahre assoziierte, ist ein saftig schönes Buch.
Mit dem Versprechen an mich selbst, am Wochenende endlich das warme Daunenbett zu beziehen, trollte ich mich ins Bett.

Veröffentlicht unter Leben