4 Ländliches Idyll mit Äpfeln

Am Einheitsfeiertag nahmen wir ein Päckchen Westkaffee mit und fuhren zu Freunden nach Brandenburg.
Nee, noch mal. Zwei der Leute, die mit mir auf dem Zauberberg waren, nämlich die, die mit mir geduldig Mau Mau und Domino spielten, auch wenn ich mal wieder nichts zusammenrechnen konnte, sind mittlerweile ein Paar. Sie haben in den letzten Jahren alles zusammengeschmissen und vom Rest ein Häuschen mit kleinem Garten in der Ruppiner Gegend gekauft. Nichts Spektakuläres, denn vor allem aber nichts Anstrengendes sollte es sein. Wir sollten sie nun endlich mal besuchen, was wir gern taten, zwei Rheinländer im mitteltiefen Osten.
Die Wegbeschreibung war übrigens eine Kabarettnumer für sich.
Er referierte in irrem Tempo (er berät Nahverkehrsbetriebe): „Du fährst bis Kremmen, dann links bis Staffelde und Kremmen an der Querstraße links und dann rechts“ – „Nee links!“, rief sie dazwischen. „Nein!“, meinte er. „Du fährst links an der Einfahrt nach R. und dann die dritte Kreuzung links, aber meine Frau protestiert grade schon wieder, ich geb mal weiter.“
Sie machte in genau dem gleichen Tempo weiter, aber etwas verständlicher, schließlich ist sie Sonderschullehrerin:
„Du fährst ab nach Staffelde. In Kremmen vor der Tankstelle links nach Sommerfeldt. In Sommerfeldt links nach Neuruppin und Beetz, dann x km bis R. und dann siehst du auf der linken Seite Häuser…“ Ich hatte immer wieder mit nachlassener Kraft in diese Sermone hinein nach der Adresse gefragt. „Ach so, die Adresse? Na Aufm Misthaufen 5 in Nebenruppin!“ Danke, nur das wollte ich wissen und strich meine 2 Seiten Mitschreibversuch wieder durch, um einfach die Adresse für den Routenplaner zu notieren. (In unserem späteren Gespräch ging es um Einführung von GPS-Überwachung bei Verkehrsbetrieben, da sind die Busfahrer wohl nicht für.)
Und so bastelte ich gestern nach dem Aufstehen erstmalig ein Apple Crumble unter Verwendung von 50% Buchweizenflocken statt Buchweizenmehl, wir packten den erbetenen Kaffee (die beiden hatten ihn vergessen zu kaufen, bei 15km bis zum nächsten Laden überlegt man sich, ob man noch mal losspringt) und den in ein Handtuch gewickelten heißen Kuchen ein und fuhren los.
Es hat ja idyllische Wiesen und sehr schöne Wölkchen im Ruppiner Land. Und wir saßen ein paar Stunden plaudernd und Kuchen essend auf der Terrasse. Hach, wie fein. Dann nahmen wir noch einen Berg Äpfel zurück.
Am Abend hatte uns dann die gute frische Landluft heftig müde gemacht, ich fiel mit Tempo ins Bett.

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3 Kaiserpflaumen

Ich fuhr am Dienstag vormittag die Brunnenstraße hoch, um im kürzlich entdeckten türkischen Supermarkt noch einmal diese herrlichen Pflaumen zu kaufen. Doch leider – die Zwetschgensaison scheint vorbei zu sein. Es gab nur noch Monsterpflaumen – türkische Kaiserpflaumen eben, aber die waren zu schade und zu teuer für ein Crumble. Also nahm ich zwei Kilo Boskop mit, ein Eimerchen Joghurt aus dem Sonderangebot und ein Kilo Rote Bete, zum dem mir noch etwas einfallen muß.
Dann ging ich auf die Jagd nach glutenfreien Produkten. Überall in Europa, selbst in Italien gibt es im kleinsten Supermarkt ein Glutenfrei-Regal. In Deutschland ist es selbst in ansonsten gut sortierten Biomärkten nicht garantiert, daß es mehr gibt als die üblichen schweineteuren Mais-Spaghetti und daß die Angestellten einem dann nicht noch Dinkelprodukte anbieten, weil „das ginge ja auch“. Witzigerweise gab es als Grundsortiment jeder DDR-Kaufhalle ein paar glutenfreie Sachen…
Ich fand im Gesundbrunnen-Center erst einen DM, hier gibt es immer ein Schär-Regal, ich konnte mich erst einmal mit Brot eindecken. (über Preise wollen wir mal nicht reden, 8 Scheiben Landbrot für 2,50 €) Dann zog ich noch weiter zum Reformhaus und fand Buchweizen- und Hirseflocken.
BTW. Das Gesundbrunnencenter, das Tor zum Wedding. Muss man mögen. Dort mal eine halbe Stunde zu verweilen, hat aber den großen Vorteil, daß man hinterher das Gefühl hat, jung, schlank, gesund, attraktiv und privilegiert zu sein.

Zu Hause angekommen, mußte ich mir zwei der erworbenen Baguettes – man muß wissen, daß ich seit 8 Jahren vorwiegend von Dämmplatten Reiswaffeln lebe – erst einmal dringend mit Schinken und Käse überbacken. Ich bekomme manchmal einen Extrem-Jieper auf knuspriges Brot mit flüssigem Käse. Logische Folge danach: Überfress-Koma. Ich ging erst einmal für eine Stunde in die Horizontale, noch darf ich das ja mit meiner Krankschreibung.
Später dann ging es noch einmal an die Arbeit. So langsam wird mir mulmig, weil mein Vortrag tatsächlich Interessenten anlockt. Ich kann recht gut frei sprechen, wenn ich ein grobes Konzept im Kopf habe. Für einen reinen Vortrag ist das Thema aber etwas zu komplex. Ich sehe mich da vorn schon schulterzuckend Folien vorlesen oder hilflos in ihnen hin- und herschalten. In meinem schlimmsten Alptraum falle ich vor Müdigkeit einfach mittendrin um, nachdem ich vorher wirren Blödsinn geredet habe.

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2 Licht und Tod

Ich liebe diese allerletzten angenehmen Tage im Frühherbst, bevor das mehrmonatige meteorologische Desaster (offiziell Winter genannt) über Berlin hereinbricht. Aus dem Fenster im Arbeitszimmer spiegelt sich die Herbstsonne in der Turmspitze der Sophienkirche (den Fernsehturm sieht der Graf aus dem Fenster daneben), im Schlafzimmerfenster ragt über der Dachkante des Nebenhauses die flamboyante Krönung der Zionskirche in den italienisch blauen Himmel und neben dem Fensterbrett werden die Blätter einer Platane gelb. Ich habe tatsächlich erst im vorigen Jahr geschnallt, dass die Baumfärbung immer ganz oben beginnt.
Gestern war der erste einer Reihe konzentrierter Arbeitstage, an deren Ende eine öffentliche Präsentation stehen wird. Miz Kitty’s erste Powerpoint-Präse??? Naja, schaun wir mal.
Dirk Bach. Einer bei dem ich immer dachte, Junge, du machst Witze, weil du deine ganz persönliche Dämonenherde bei Laune halten mußt, sonst fressen die dich auf.
Und sonst so? Beim Einkaufen das Knie vertreten, nach Hause gehinkt und im Thai Imbiss Halt gemacht, denn nach Kochen war mir hinkenderweise nicht mehr. Nach einer halben Stunde Pause mit Wan-Tan-Suppe und Reis mit Huhn gings dann auch wieder problemlos. Ich möchte eigentlich nicht wissen, was mir mein Körper damit sagen wollte. Wollte er überhaupt? Überhaupt. Krankheiten. Reden ist ja nicht so mein Ding, Schreiben eher. Ich mußte ein Formular mit drei Jahren Krankengeschichte ausfüllen und mir fielen Sachen ein, die habe ich nicht mal meinem Doc erzählt. Vielleicht lässt mich die Versicherung jetzt nachträglich einliefern.
Ich verstehe jetzt die langhaarigen Leute, die es ewig verschieben, zu Friseur zu gehen. Irgendwann muss ich mal etwas gegen das Grau machen, alles andere nennt sich ja jetzt Ombre statt rausgewachsen und ist auch recht gut von der Sonne gebleicht. Aber. Diese Diskussion wieder mit so einem Haareschneider, der einfach die Klappe halten und die Spitzen kürzen soll, aber der Meinung ist, er muss mich wortreich zu einem flotten, frischen Klimakteriumshaarschnitt bekehren. Gnaaa…

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1 Tagebuch-Beginn

Zweimal in Jahr gibt es hier Tagebuch. Wie auch in diesem Monat, vielleicht auch länger, mal schauen, ob mein Leben so interessant ist.
Auf jeden Fall habe ich wieder Zeit dafür, denn ich habe mein Engagement für die Moderation eines großen (voll moderierten) Forums fast aufs Unmerkliche verkleinert. Ein halbes Jahr lang fand ich es sehr sehr spannend, zu sehen, wie Meinungsströme gelenkt werden können. Oder auch einfach runterprasseln. – vor allem bei emotionalen Anlässen, wo der nächste Rant schon um die Ecke lauert und die Anonymität schützt.
Manchmal war es erschütternd, wenn ich – mich sinusmillieumäßig zu den Modernen Performern zählend – kapieren musste, dass das Gros da draußen ganz andere Meinungen hat, die aus dem letzten Drittel des letzten Jahrhunderts zu stammen scheinen. Oder Migranten. In Sachen soziale Kultur eine ganz andere Welt, ca. ländliches Deutschland 1920. Feminismus. Wir führen wohlfeile Debatten, dort sammeln sich die traumatisierten Männer. Die innige Verknüpfung von Sex und Geld. Immer noch.
Wie Leute drauf sind, je nach Wetter, Tages- und Jahreszeit oder Mondstand. Früher habe ich mit dem Ex immer das Stimmungsbarometer abgeglichen: Was war an der Börse los? (Vor der Zeit der computergestützten Handelsprogamme.) Bei mir in meinem Telefonjob sah es meist nicht anders aus. Menschen entschließen sich einzeln und handeln im Schwarm. Rufen den Agenten an, dass etwas passieren muss oder verkaufen Aktien.
Oder die Leute mit der latenten Obsession, die immer nachts kommen. Der Typ, der selbstbewusste, sinnliche Frauen inquisitorisch mit Verderben und Einsamkeit bedroht. Der – wahrscheinlich – Mann, der sich als dauergeile verheiratete Nymphomanin geriert und sich detailreich darüber auslässt. Die Frau, die Männer geifernd zurechtweist, Sex sei nach Heirat und Kinderzeugung widerlich und unerwünscht.
Aber Details dazu zu einem anderen Zeitpunkt.

Gestern habe ich mir meine alljährliche Panikattacke beim Berlin-Marathon abgeholt. Es ist immer der gleiche Auslöser: Ein Strom Menschen, der gegen meine Blickrichtung auf mich zukommt. Sei es nun der Strom der Läufer oder, wie gestern zwischen Adlon und amerikanischer Botschaft, der Strom Passanten auf einem engen Weg. Wenn ich erst einmal mitten drin stecke, geht nichts mehr. Mein Ich zerbricht in Stücke, es existiert nur noch mein hyperventilierender, schwitzender, zitternder Körper. Aber. Die Freundin ist eine bessere Zeit gelaufen als im letzten Jahr.
Der Rest des Tages war angenehmer. Frühstück mit dem Grafen im Bravo im KW. Gleich anschließend Kaffee und Kuchen 30m weiter im Victoria. Es ist immer ein bißchen schwierig, unsere Tagesabläufe anzugleichen. Er frühstückt um 3 Uhr nachmittags, ich um 10 Uhr vormittags.
Abends dann der Rostocker Polizeiruf. Überhaupt sollte ich wieder mehr fernsehen, aber die kleine Glotze verleidet es mir etwas und ein größerer Fernseher ist noch nicht gefunden. Also Polizeiruf. Ich kam etwas später dazu, als ich merkte, daß eine junge Frau mit der ich jahrelang gearbeitet habe, eine nicht kleine Rolle dort hatte. (Was ich von ihr zu sehen bekam, entsprach leider meiner Vorahnung. Schade. Overacted und das nur in Richtung Schwere und Drama, das übliche, wenn sich ungeübte Actressen profilieren wollen. Warum die Typen alle scharf waren auf diese Frau, das habe ich nicht gesehen. Oder das war die Botschaft. Die waren nicht scharf auf die Frau an sich sondern wolten die Frau vom Präsi f…en und damit ihn. Selbst wenn es das war, hätte ich von der Frau das Weibliche, wenigstens den Schatten der Trophäe, die der Präsi sich an Land gezogen hat, sehen wollen.)
Es gab ein paar heftig schöne Kinomomente. Tolle Bilder und dann wieder nur Fragezeichen in meinem Kopf. Der diskreditierte Bullenkollege schien mir ein halbtoter Erzählstrang zu sein, den man auch hätte ganz rausreißen können. Die Dialoge des Bullen mit der kleinen Nutte – das ist Regisseur Eoin Moore, wie ich ihn schätze. Und sonst kracht der Film ab und zu aus dem Genrekorsett, um hinterher wieder in  Fernsehredakteursdialogen zu verflachen.
Ich hätte ja gern mal wieder einen Kinofilm von Eoin, nicht immer nur die Fernsehware von der Stange.