So ein Nicht-Fisch-Nicht-Fleisch-Tag nicht richtig ausruhen, nicht richtig arbeiten. Ein paar Internetsachen erledigt, mittags noch mal eine Stunde hingelegt und abends zu einer Versammlung gegangen und das Protokoll geschrieben.
Eine gute Gemeinschaft von Frauen bildet sich da grade, die ziemlich viel Feuer im Arsch haben, Ziele haben, was vom Leben wollen und viel dafür tun. „Wer, wenn nicht wir?“ ist das Credo.
Ich merke immer mehr, dass ich – während ich früher definitiv besser mit Männern konnte – zunehmend gern mit Frauen zusammenarbeite. Ich habe mich verändert, ich bin weiblicher geworden und kopiere männliches Verhalten nicht mehr. Aber auch die Frauen haben sich verändert (oder aber ich suche mir nun die richtigen aus), es geht nicht mehr um „wir sind die besten Freundinnen, sind völlig gleich und machen alles zusammen und wehe eine tanzt aus der Reihe!“ oder um diese intriganten, verdeckt aggressiven Hintenrum-Sachen. Absprachen sind klar, Reviere sind abgesteckt, Interessen und Konflikte werden offen verhandelt, auch wenn es kracht. So macht das Spaß.
Ich habe noch mal über die „20 Sachen über mich“-Sache nachgedacht. Dass hier so viel Aufsehen erregt wird, liegt m.E. in dem Effekt, dass bei 20 Punkten und dem Zeitdruck des Netzes ab Punkt 10 oder 11 selbst in Blogs selten öffentlich gezeigte Identitätsanteile das Wort ergreifen und man Sachen rauslässt, die sonst maskiert werden. Das ist ein Seelenstriptease.
Archiv der Kategorie: Leben
Tagebuchbloggen – 14. & 15. Oktober 2013
Ich wußte ja, dass diese Woche heftig wird. Montag und Dienstag waren Tage, an denen es swusch! machte und dann waren sie auch schon vorbei.
An der Kulturfront etwas Neues lernen und merken, dass eine Gruppen-Lernsituation für mich immer gleich ist. Ich werde zur Streberin, die alles begreifen will und nicht still zuhören kann. Es hieß schon in der Grundschule, dass ich mich nicht ins Lernkollektiv einordnen könnte.
Vorbereitungen auf einen großen Termin. Gästelistengekruschtel. Herrlich wenn Leute auf eine Job-Networking-Einladung hin antworten: „Was ich arbeite, geht niemanden was an und der Name meiner Begleitung hat Sie auch nicht zu interessieren!“ Kopf -> Tisch.
Bleiben wir doch gleich mal bei dieser dynamischen Bewegung. Ich habe gestern Abend dann endlich mal geschnallt, dass Vogue und Simplicity-Schnitte bereits 1,5 cm Nahtzugabe haben. Damit wundert es mich nicht mehr, dass der Stoff nicht reicht bzw. Klamotten viel zu groß sind. Ich Ostblockkind bin es halt gewöhnt, die Pramo-Schnitte* mit Nahtzugabe und noch etwas Sicherheit zuzuschneiden, damit Änderungen noch funktionieren, bei der ab und zu ergatterten Burda war es genau so.
Gut zu wissen. Gestern habe ich nämlich ein Kleid zugeschnitten.
Ich verstehe immer noch nicht, dass die Leute bei Mustafas Gemüsekebab in einer langen Schlange anstehen.
Da wir das gerade an anderer Stelle diskutierten: Es ist im Grunde egal, ob es die Wechseljahre und die Hormone, die Lebenssituation oder irgendwelchen ominösen schuldigen Anderen sind, die Frauen „um die“ grantig machen. Fakt ist, das mittlere Lebensalter macht etwas mit Einem. Männer tun plötzlich auch Dinge, die sie vorher nicht gemacht haben: Kaufen sich Motorräder oder liegen jungen Frauen zu Füßen. Frauen merken plötzlich, dass gar nichts passiert, wenn sie nicht nett sind. Das ist doch die gleiche Botschaft: Keine faulen Kompromisse. Dazu wird die Lebenszeit zu kurz und die Erfahrung sagt, dass die Nachteile nicht erwartungsgemäßen Verhaltens akzeptabel geworden sind. Wir sind eben endgültig keine Kinder mehr, die sich vor schlimmen Dingen, die passieren könnten, fürchten.
Viele Menschen schreiben gerade 20 wissenswerte Fakten über sich ins Netz. So viel fiele mir nicht ein, fürchte ich. Das jedenfalls, fand ich in Punk 1 und 2 hochinteressant, weil es die „über mich“-Ebene verläßt.
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*Fun Fact: Die meisten DDR-Models Frauen auf den Titelseiten habe ich im späteren Leben wieder getroffen. Eine davon hat sogar mit mir studiert. Als sie aufs Titelblatt kam, war sie 14, ihre Mutter die Fotografin, unter Zeitdruck und hatte keinen Bock auf Models. Das kam öfter vor und dann hat sie ihre beiden Töchter genommen.
Tagbuchbloggen – 13. Oktober 2013
Ein Bilderbuchsonntag. Nach dem heftigen und lauten Gewitter des vergangenen Abends, das die Gläser im Schrank klappern ließ, kam ein mattgoldener Herbsttag aus dem Dunst.(Überhaupt habe ich dieses Jahr zum ersten Mal bei unserem Trip ins Brandenburgische in der vorigen Woche mitangesehen, wie sich innerhalb von zwei Tagen Bäume komplett verfärben.)
Langsam hochfahren in den letzten Ferientag, Buch & Badewanne, dann zum Gendarmenmarkt laufen und mit Frau Hühnerschreck treffen. Ein wunderbarer Nachmittag. Im Dunkeln nach Hause und das eheliche Lieblingsessen bereiten: Buletten mit Kartoffelbrei und Jemüse (also das Gemüse ist dann eher meine hausfrauenkorrekte „da muss man doch auch noch Vitamine dazu nehmen“-Beilage, wir würden das auch ohne essen).
Noch ein bisschen im Netz rumtreiben, Kathrin Passigs Artikel zur Illusion von Konsens in sozialen Medien lesen und Licht aus, morgen wird ein harter Tag.
Tagebuchbloggen – 12. Oktober 2013
Ein komischer Vormittag. Zum ersten Mal seit vielen Monaten Krach wegen einer Kleinigkeit und ich merke daran, wie dünnhäutig mich der Herbst schon wieder gemacht hat. Die nächste Woche wird heftig und ich stehe ein bisschen paralysiert in Habachtstellung wie das Kaninchen vor der Schlange.
Dann am Kissen weiternähen. Die Knopflöcher hatte ich erst einmal falsch positioniert und die falschen entnervt mir rohem Zickzackstich wieder zugenäht. Meh. Aber ansonsten bin ich ganz zufrieden. Vielleicht mache ich vorn noch einen hellen Streifen drauf, es ist noch etwas von den hellen Schrägstreifen übrig.

Das waren mal ein dunkelbrauner Wollrock und eine beigefarbene Hose. Die Knöpfe sind aus Lottes Nachlass.
Hinterher erzählte mir der Graf, dass er eine leichte Traumatisierung betreffs Umarbeitung von alten Kleidern in Sofakissen hat. Seine Oma hatte nämlich mal ihre ganzen alten Kleider aus den 40ern zu Kissen verarbeitet, quer Beet, Kraut und Rüben.
Dann kam noch eine Übung in Perfektionismus: Eine Hülle für des Grafen neues Schlauphon absteppen. Die darf hier nicht vorgeführt werden, weil ihm der Steppstich noch nicht gefällt. Ich hatte Gütermann Sulky für den Ober- und Unterfaden genommen, das sieht auf der Unterseite fies aus und das ist leider über keine Fadenspannung und Nadeländerung zu regulieren.
Ganz am Rande: Ich verstehe jeden Nordafrikaner, der aus seiner Heimat weg will, um seine Lebenssituation zu verbessern, ich würde das nicht anders tun. Wie groß dieser Druck aus Elend und Repression ist, wird doch klar daran, was diese Menschen dafür riskieren.
Ich gehöre selbst zu einer großen Migrationsbewegung, wenn ich auch meinen Aufenthalts-Ort nicht geändert habe. Für sehr viele DDR-Bürger war die Wiedervereinigung auch Wirtschaftsflucht. Sie wollten, dass es ihnen besser geht, die wollten Freiheit, materiell lohnenswerte Arbeit und tolle Dinge kaufen. Ihre Werte und Lebensweise wollten sie nicht unbedingt ändern, so etwas sitzt tief. (Und die DDR-Bürger hatten ähnliche kulturelle Werte, kene Sprachbarriere und gute Schul- und Berufsausbildungen, sie waren eigentlich recht gut integrierbar in den Kapitalismus. Man könnte diese Migration mit der der Hugenotten oder Calvinisten vergleichen.) Deshalb: Für Risiken und Nebenwirkungen von Migration konsultieren Sie die nähere Geschichte und verdrängen Sie auch die Erinnerung an ihre eigenen Reaktionen gegenüber diesen Fremden mit denen Sie damals konfrontiert waren, nicht. (Und denken Sir nicht nur an Ihre Reaktionen gegenüber gebildeten und gesellschaftlich geschmeidigen Leuten, sondern daran, wie Sie auf Proll-Sachsen in Ballonseide, FKK-Badende und Maik’s und Mandy’s reagiert haben.)
Ich krieg es nicht so recht zusammen, dass die gleichen Menschen, die in den angesagten Innenstadtbezirken um bezahlbaren Wohnraum rangeln (und die mehr Finanzkraft haben als ein türkischer Arbeiter und Familienvater oder ein Hartz IV-Empfänger) mit „Willkommen“-Plakaten in einem Stadtviertel stehen, das sie freiwillig nie betreten, geschweige denn dort wohnen würden und mit ihrer platten, naiven Sozialromantik eben auch indirekt der gemeinsamen Ghettoisierung von sozial Schwachen und Einwanderern ihr lautes Einverständnis signalisieren.
Es gibt keine einfache Wahrheit und schon gar keine einfache Lösung. Wanderungen von Völkern, Konfrontation und Versinterung von Kulturen ist ein hochkomplexer und wenig harmonischer Vorgang.
Passend zu diesen Gedanken Katrin Rönicke im Wostkinder-Blog.