Stöckchenklau

Stöckchenpremiere. Frau Fragmente hat eines konstruiert, das ich ziemlich gut finde.

1. Wo waren Sie vor vier Jahren?

Morgens um 7 Uhr das Kind schulfertig gemacht, sterneküchenverdächtige Brote geschmiert. Hab mich anschweigen lassen (das Kind redet morgens nicht) und Zeitung gelesen. Beim verabschieden darauf geachtet, daß ich ihr nicht „Schlaf gut“ hinterherrufe. Ein dreiviertel Arbeitstag in meinem Büro, (damals noch in einer 5-Zimmer-Wohnung, in einem kleinen Haus, das in Berlin-Grünau direkt am Ufer der Dahme lag). Nach 16 Uhr, wie 7 Jahre lang, habe ich mich mit meiner Filmgruppe in der dffb getroffen. Nach vier Stunden mehr oder weniger intensivem Arbeiten: Experimentalfilm, Schreibkritik, gegenseitiges Liebhaben oder Anzicken. Danach gings in den ägyptischen Italiener in der Stresemannstr., unweit des Potsdamer Platzes, 537 essen (Schnitzel mit Rahmchampignons und Pommes), Bier und Wein trinken und weiterdiskutieren.

2. Was haben Sie gemacht?

Meinen Job, den ich seit nunmehr 12 Jahren mache. Damals (für drei Jahre) in einer GbR. Daneben wollte ich dringend und sehnlichst selbst Autorin werden und Drehbücher und Romane schreiben.
Ich war bemüht, meiner damals 16-jährigenTochter mit möglichst wenig reinquatschen etwas Druck für die Schule zu machen. Daß Schule im Gegensatz zum Leben easy ist, das hat sie erst vor ein paar Monaten begriffen und ärgert sich jetzt über das 2,3-Abi, weil sie sich im Gegensatz zu ihren Freundinnen den Studienplatz nicht aussuchen kann. Sie hat sich in diesem Jahr zu einem kritischen und lebensklugen Mädchen entwickelt.
Was noch? Ich habe mehr und mehr meine eigene Welt aufgegeben. Mein Firmenpartner und Freund hat meinen Daimler kaputtgefahren. Schuldlos. Trotzdem war das Auto für mich hinterher entweiht. Es hatte große Bedeutung für mich, eines der Ziele, auf das ich nach Gründung der Firma hingearbeitet hatte, war, so ein Auto zu fahren (klingt blöd, ich weiß, aber für eine bitter arme alleinerziehende und studierende Mutti aus dem Osten ist ein Daimler ein Traum). Im Herbst sind wir dann aus dieser traumhaften Wohnung ausgezogen – zunächst in eine Erdgeschoßzweizimmerwohnung im Hinterhof im Prenzlauer Berg mit Außenwandgasheizern. Geschäftlich die richtige Entscheidung, mit dem Büro in die Innenstadt zu gehen. In der Lebensqualität erst einmal ein Desaster. Ich habe jahrelang den Wasserblick vermißt und daß ich morgens vor der Arbeit schwimmen oder Kajak fahren konnte.
Ich habe in diesem Jahr den Versuch gestartet, politische Karriere zu machen. Nach einigen intensiveren Begegnungen mit der Berliner Lokalpolitik wußte ich, daß ich dafür nicht gemacht bin. Vielleicht wäre ich jetzt im Stab von Frau von der Leyen.
Und ich habe im Sommer 2003 diese desaströse Beziehung beendet. Was nicht einfach war, weil wir weiterhin miteinander arbeiteten und immer wieder on-off zusammen waren. Die komplette Trennung hat zwei Jahre gedauert.
Bei der Recherche nach diesem Jahr habe ich festgestellt, daß es nur ein Paßfoto aus dieser Zeit von mir gibt. Und das habe ich nur gemacht, weil ich mußte. Mit diesem Foto auf dem Personalausweis konnte ich ohne weiteres 10 Jahre lang existieren bis ich wirklich so alt war, wie ich darauf aussah.

3. Was war besser?

Die 150 qm-Wohnung am Wasser in Alleinlage. Rechts davon ein Park, links davon ein Bootshaus, 250m bis zur Straße nur ein alter Fabrikhof und im Erdgeschoß eine Wohnung, die 10 Tage im Jahr bewohnt war.
Vor den Fenstern der Fluß, in dem sich der Mond und die Sonne spiegelten, der vereist war oder voller Schiffe und Entenfamilien. Und wenn ich morgens erwachte, spiegelten sich die Reflexe vom Wasser an der Decke.
Ich konnte morgens 1000m im Fluß schwimmen. Am Wochenende habe ich das Kajak aufs Auto gepackt und bin paddeln gefahren. Im Winter bin ich durch den Wald gejoggt.
Ich war jünger, angstloser, unvorsichtiger und stärker.

4. Was war schlechter?

Vieles. Meine finanzielle Situation, die GbR war wirtschaftlich für mich eine Katastrophe. Die Beziehung war eine seelische Katstrophe. Psychoterror pur.
Ich war vom jahrelangen Arbeits- und (selbstgewählten) Beziehungsstreß völlig ausgebrannt und wurde krank. Mein Immunsystem spielte verrückt, die Schilddrüse fing an, wegzubrennen, alle Hormone hingen schief wie ein gekipptes Mobile. Ich war aufgedunsen wie eine Wasserleiche und tödlich erschöpft. Im Sommer konnte ich nur noch 4-5 Stunden am Tag arbeiten. Mittags legte ich mich hin und mußte irgendwann geweckt werden. Danach hing ich im Halbkoma am Telefon. Ich hatte Gedächtnislücken und kollabierte bei der geringsten Belastung.
Ich habe strenge Diät gehalten, wahnsinnig viel Sport getrieben und wurde von Monat zu Monat dicker. – 15 kg mehr als jetzt.
Als ich morgens beim Schwimmen einen Kreislaufkollaps bekam und fast ertrunken wäre, war das ein Warnschuß. Irgendwas mußte sich ändern in meinem Leben…

5. Was bringt Sie zum weinen?

Zunächst wenig. Ich bin sehr beherrscht und emotional abgegrenzt.
Einge Sachen schaffen es doch die Barriere zu überspringen. Die Erinnerung an Momente, in denen ich meine Tochter schlecht behandelt habe zum Beispiel. Also Schuldgefühle.
Das todkranke Chinchilla meiner Tochter, für das ich nichts tun konnte.
Und ein ganz spezielles Zusammentreffen von Verlassensangst, Verletzbarkeit und Angst vor Nähe.

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Der T-Punkt

Ich bin im Verteiler eines Konzertagenten, nennen wir ihn T-Productions. Eine Resteverwertungsmaschine. In diesem Newsletter aufzutauchen, ist der Beleg für jeden im Showbusiness Tätigen: Ups, da ist jemand grade ganz unten angekommen.
Nach diversen Viva-Moderatorinnen (es gab doch da eine, die immer so schrecklich kreischend in Techno-Hallen rumstand), Nr. 1 Top-Acts der 80er, die nur noch schlecht verbergen können, daß sie mittlerweile fett und versoffen aussehen und unter Haarausfall leiden, flatterte heute Tati ins Haus.
An Tati erinnern wir uns alle noch gern. Das war die Dummbratze, die mit Foffilein und ihren Hochzeitsvorbereitungen bei einem intelligenzmäßig tiefergelegten Sender zu wenig Werbung verkauft hat.
Nun ist sie in sonderbaren Körperhaltungen auf Fotos zu sehen, angezogen wie eine 17jährige GoGo-Tänzerin und stülpt die Produkte, die ihr Männe selig ins Gesicht und den Body eingebaut hat, in die Kamera.

Der Begleittext verrät: Nur wenige Auftritte! Und: Absoluter Publikumsmagnet! Ihre Leistung: Autogramme und (wenn gewünscht) DJane, aber nur als Kurzauftritt.
Der Verflossene fand die Frau „einfach geil“. Wegen ihres sinnlichen Blicks und ihres tollen Körpers.
Ah ja.

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ww-wahnsinnswochenende

Hier Sonne, da Biergarten, dort Balkon und Grill. Ich steh in der Sommermontur im April herum: Röckchen, Leinenbluse, Mokkassins. Es wird konsequent offen gefahren und morgens die von den Birkenpollen ohnehin rote Nase mitt XXL-Lichtschutz eingecremt. Da kommt mittendrin leiser Wehmut auf. Das ist bald wieder vorbei, bald wirds wieder kalt!, mosert es leise in mir. Schade eigentlich. Sich einmal keine Gedanken machen, wie das Wetter ist. Es ist einfach da, quasi auf Körpertemperatur und deshalb kein Gesprächs- und Gedankenthema mehr sondern nur noch ein Istzustand.
Ach wie schön.
Edit: Und anjebadet am Freitag und Samstag. Im Schlachtensee. Vorher eine Runde rum zum Aufwärmen und denn eine Runde rin zum Abkühlen. War dit geil!

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Zeitreise

Sonntag abend. HeMan und ich sitzen uns gegenüber. In unseren Gesichtern ein Flackern zwischen Lachen und Heulen. Unser Konsens lautet: Ich glaubs nicht!
Jeder von uns hatte in der Pubertät den Schwur geleistet, nie nie!!! so einen peinlichen Urlaub wie die Eltern zu machen. Kajakfahren in McPomm und wild zelten, ja. Mounainbike fahren in Tirol, ja. Und nun befinden wir uns im Aufenthaltsraum einer Harzpension. Auf den Tischen beigefarbene, fleckabweisende Spitzendecken. An den Wänden hölzerne Volkskunstartikel. Dekorativ angeordnete, mit Brandmalerei verzierte getrocknete Apfelscheiben aus Holz zum Beispiel. Oder Blüten aus Birkenrinde auf eine Holzscheibe geklebt. Die Decke ist praktisch mit Styropor verkleidet. Zum Abendbrot gab es Boullion mit Eierstich, (grandiosen, Kinderzeiten beschwörenden!) Braten mit Sahnesoße und Klößen und dann noch Pudding mit Sprühsahne. Wenn wir Rotwein bestellen, werden wir gefragt Wieder den trockenen?
Wir spielen „Mensch ärger dich nicht“ und trinken ein Kräuterlikörchen nach dem anderen.
Unsere Tischnachbarn unterhalten sich in schweren Dialekten über die Agrarreform. Ein paar prollige Bulettenberliner wissen wieder alles besser: Ick mach immaerst ne Stadtrundfahrt, bevor ick im Ausland ne Stadt anseh, dann weißick watick mir allet noch mal ansehen kann.
Ich bin todmüde und meine Achillessehne kühlt ein Eisbeutel. HeMan hat sich die Ferse enthäutet.
Ganz am Rande: Den Wanderführer vom Harzclub e.V. kann man in die Tonne treten. Die dort für geübte Wanderer beschriebenen Touren schafft noch meine Oma mit ihrem kaputten Hüftgelenk und der Gehhilfe.
Am nächsten Tag geht es wieder hinauf auf den Berg, dort wo nur noch wenige unterwegs sind. Es gibt Frösche (auf 880m!), bergeweise Foschlaich, Felsen en masse, einen märchenhaften Abstieg durch den Windbruch ins Tal. Und wir fahren nach einer Flußpassage mit einem dampflokgezogenen Minizug zurück. Zu Braten, Sauerkraut, Klößen und Roter Grütze mit Spühsahne. Danach selbstredend eine Menge Kräuterlikörchen…

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