Brian, the Brain, wie ich mein Gehirn gerne nenne, hat gerade von seinen Kumpels und Kollegen Körper und Unterbewusstsein tierisch eins auf die Nuss bekommen. Brian hat kräftig am Reiseprogramm gebaut. Der Wecker stand heute Morgen auf 6:00 Uhr, an der Stiefel standen bereit, ich ging früh ins Bett und wollte heute Morgen auf einem Berg stehen um mir in der Morgenkühle die Landschaft anzusehen. Am Nachmittag war dann Sonnenbad geplant, ich hatte mir auch schon die richtige Strandburg dafür ausgesucht.
Heute Nacht nun überfiel mich hohes Fieber, sehr selten bei mir, mit Hecheln und Herzklopfen lag ich schlaflos unter meiner Decke, um dann in der Morgendämmerung im Komaschlaf zu verfallen. Klare Botschaft: Runterkommen! Einfach mal alles hängen lassen, nicht planen, nicht funktionieren. O.k. Dann mach ich das.
Zum Verlassen des Hauses bin ich heute sowieso nicht in der Lage. Ich schaue immer mal, was die Kundschaft so will und wenn das erledigt ist, gehe ich wieder schlafen.
Aber ich habe zumindest versucht, die Hunde zu fotografieren. Die Bullterrierdame hat sich heute leider noch nicht gezeigt, aber die beiden anderen haben eine gute Stunde vor meinem Häuschen gespielt.

Die blonde Boxerin war entsetzlich neugierig, wer seine Nase überall reinstecken muss, bekommt auch ein blödes Foto.

Die Dogge ist so groß, dass ich sie kaum ganz aufs Bild bekommen habe.

Kitty on the Moon
Jetzt bin ich also dort, wo ich mich seit zwei Monaten hin gewünscht habe. Die Luft hat 23°, wenn die Sonne scheint, es ist windig und im Schatten kann es recht kalt werden. Also astreines Wüstenklima. Um mich herum sieht es auch abwechselnd aus wie nach einer Atomkatastrophe oder auf dem Mond. Berge, die aussehen wie Abraumhalden (von Vulkanen nämlich, manchmal sind die Krater noch wunderbar zu sehen) und dann wiederum feinster Saharasand, bewachsen von magersüchtigen Pflanzen. Den größten Teil des Tages bewege ich mich mit meinem kleinen Auto in einer Staubwolke vorwärts. Dort, wo ich wohne, gibt es nur Schotterpisten.
Mein kleines Häuschen wird von drei Hunden bewacht. Einem kleinen, pupsenden französischen Bullterrier, einem blonden Boxer und einer deutschen Dogge, deren Schulterblätter sich auf Höhe meines Bauchnabels befinden. Mitunter gibt sich auch eine interessant gefärbte Katze die Ehre, die dann einige Stunden auf der Bank vor meinem Haus schläft.
Ich alter Pessimist habe mir schon vor der Abreise gesagt, wenn ich mich so auf den Urlaub freue, kann das eigentlich nur schief gehen. Die Befürchtung ist nicht ganz eingetreten. Allerdings ernähre ich mich momentan von Rotwein und Knoblauch, weil ich mich irgendwann auf dem Weihnachtsmarkt erkältet habe.
Deshalb habe ich bisher auch nur die Zehen ins Wasser gestreckt. Ansonsten habe ich mir die Zeit damit vertrieben, in der Apotheke Aspirin und Halstabletten aufzutreiben und in diversen grausigen Läden, die von Indern betrieben werden, nach einem Schal zu suchen. Aber im Moment hat man nur Fertigprodukte im Angebot: Tücher, schon zu Röcken genäht und fertig gebundene Piratenkopftücher. Ich habe in Jandia Playa so viele hässliche Deutsche gesehen, dass es auch für das nächste Jahr reicht. Fette Frauen in Shorts und schnauzbärtige Männer mit Socken in – bitte festhalten – Crocs.
Aber Gott sei Dank bin ich nicht auf diese Gesellschaft nicht angewiesen. Die Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung sind ziemlich cool.
Gestern Abend hat mich die Insel bereits gebührend empfangen. Ich fuhr etwas skeptisch zu dem Fischrestaurant, dass der einzig bemerkenswerte Platz im nächstgelegenen Ort ist. Was mich empfing, war atemberaubend: eine Steilküste mit spritzender Gischt, ein blutroter Sonnenuntergang über dem Meer, durchzogen von schwarzen Wolken und dazu der genialste gebratene Fisch, den ich je gegessen habe. Zudem mit einem genialen Preis. Als ich auf der Karte las, Seezunge für 8,50 €, hielt sich das zunächst für einen Scherz oder für eine 100 g Portion. Es war tatsächlich eine ganze Seezunge.
Ich laufe derzeit etwas absurd durch die Gegend. An der rechten Hand trage ich einen weißen Baumwollhandschuh. Das fördert die frische Haut auf den Fingern mehr als der dicke Verband und Pflaster vertrage ich nicht, wie lösen die Haut wieder auf. Ich bewege mich noch immer so vorsichtig wie ein Krebs, der gerade seinen alten Panzer abgeworfen hat.
Und heute gehe ich früh ins Bett, damit ich morgen den Sonnenaufgang mitbekomme.
Die Elixiere des Mantelträgers
Im Bus vom Kudamm zum Hermannplatz. Auf der Bank übern Gang neben mir sitzt rotzend und krächzend ein erkälteter Mantelträger. Vatityp. Halbglatze, etwas dicklich, könnte 60 Jahre alt sein, ist aber wahrscheinlich 15 Jahre junger, spricht einen schlecht verborgenen Dialekt, schwäbisch, badisch oder aus Richtung Saarbrücken. Nachdem er seine Stimmbänder frei geschaufelt hat, beginnt er zu telefonieren. Ich lege irgendwann die Zeitung weg, weil ich einfach zuhören muss.
Zuerst geht es um eine Wohnung für eine Seele und deren Finanzierung. Ob 3 oder 4 %, da wäre man sich noch nicht so sicher, da soll auch keiner über Gebühr daran verdienen. Die Wohnung wäre schön, wenn die Seele Angst hätte, daß dort jemand einsteigen könnte, würde eine Feuertür aus Stahl Abhilfe schaffen.
Den Anfang des nächsten Gespräches verpasste ich leider. Ich spitze erst die Ohren, als ich höre: „Sie hat am Wochenende ihren Eisprung und außerdem ist sie gerade ziemlich gut drauf. Sie wissen ja wie das ist, wenn man eine Familie gründen will. Das ist nicht so einfach. Wenn das jetzt nicht klappt, dauert das wieder Monate.“
Dann begrüßte er einen Markus mit den Worten: „Na, mitten in der schweren Arbeit für die erste Million?“ Das Gespräch ging weiter und beschäftigte sich mit Rechtsformen für Gesellschaften, ob GmbH oder AG und was besser wäre, vor allem im Hinblick auf Kapitalbeschaffung und ob 2009 ein gutes Jahr werden würde. Dann ging es wieder um die Seele. Sie hätte kürzlich ein Gespräch gehabt, mit einem alten Herrn (den Namen habe ich vergessen), zusammen mit einem Mediator und Aufpassern. Sie hätte in diesem Falle eine ganz feste Meinung. Sie würde immer sagen: „Ich weiß nicht.“ Außerdem würde sie jedes Gespräch, wenn man der Meinung wäre, man hätte sie grade rum gekriegt, beenden und dann um Bedenkzeit bitten. Aber er wäre ja ein nachsichtiger, freundlicher und geduldiger Mensch. Dann gab es ein bisschen Telekom-Schelte, es wäre ja jeder unzufrieden mit der Telekom und dann kam der Satz: „Weißt Du schon? Engel ist raus.“ Sie wäre zum Hauptbahnhof gefahren und hätte auf dem Weg dorthin noch ein paar SMS geschrieben, ob sie nicht wieder zurückkommen könnte, dann wäre sie nach Paris gefahren. Von da hätte sich noch ein paarmal gemeldet. Doch seit ein paar Tagen ist Funkstille. Nichts mehr. Er hätte in ihr Mail Postfach geschaut, da hätte er noch Zugriff, aber nichts, keine Korrespondenz. Als ob sie tot wäre. Ja, nächste Woche hätte sie Geburtstag, das wusste er.
Dann packte der Mann sein Telefon in seinen Mantel, nahm seine Aktentasche und stieg am Springergebäude aus.
Hörner hatte er nicht.
HRMPF!
Da hatte ich mir die Zeit so wunderbar organisiert und aufgeteilt. Die Datensicherung für alle PCs ist heute fertig geworden, der Postberg wird immer kleiner und sollte bis heute Abend abgearbeitet sein. Meinen Koffer wollte ich bis morgen Mittag mit wunderbaren Sommer- und Strandsachen gefüllt haben.
Den Freitag hätte ich dafür Besorgungen frei und ich könnte ein paar Weihnachtsgeschenke auf den Weg bringen, nicht zu vergessen das unbedingte besorgen von Urlaubslektüre. Am Samstag dann der 65. Geburtstag meiner Eltern und der Sonntag ist frei zum partnerschaftlichen vertändeln.
Nun steht ganz oben auf der Liste: Wohnung aufräumen. Richtig.
Mein Vermieter war nicht amüsiert, dass ich Ende Februar das Loft aufgebe. Über Weihnachten besichtigt kaum jemand Wohnungen oder fällt die Entscheidung, umzuziehen. Deshalb hat er einen Makler beauftragt, so schnell wie möglich Besichtigungstermine anzusetzen. Die dann auch noch in meinem Urlaub stattfinden, was mir nicht so passt, aber man möchte ja kooperativ sein.
In den letzten Monaten ist mein Loft, wie das so ist, wenn man eigentlich dort nicht mehr wohnt, ein wenig zum Abstellplatz geworden. Außerdem möchte ich schon seit einem guten Jahr meinen begehbaren Schrank aufräumen. Bei dem guten Vorhaben ist es auch geblieben. Jeder, aber auch jeder wird in diesen Schrank sehen wollen, weil ich ihn eigentlich mit abgeben will.
Dann werde ich am zweiten Advent auf der Leiter stehen und Pullover stapeln. :-|