In Sachen Flexibilität

Mein allerbester männlicher Freund sitzt mit mir auf dem Balkon der neuen Wohnung und löffelt ein Törtchen.

Erso: Wir kennen uns jetzt 11 Jahre. Weißt du, die wievielte deiner Wohnungen das ist, die ich gesehen habe?
Ichso: Weiß nicht. Das waren einige. Die dritte?
Erso: Nee, die sechste.
Ichso: Ups. Sag mir keiner, ich wäre nicht flexibel.

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Flitzeostern

Das ging viel zu schnell! Dabei hatte ich mir bereits einen, nein zwei freie Tage mehr genehmigt. Bremen von Mittwoch bis Sonntag und Mama/Oma-Besuch am Montag, was hieß, wirklich brutal viel zu essen:

Gyros beim Griechen
Borschtsch (Kitty-Spezial-Rezept)
Lachsrisotto mit Spargel
Lammlachs mit Salat und Bratkartoffeln
Lammkeule mit Kartoffelgratin und himmmlischem Avocado-Feldsalat
Sauerbraten mit grünen Klößen und Rotkohl

Nicht zu rechnen jede Menge Kuchen, Eis, riesige Frühstücksgedecke und Naschereien.
Komischerweise sagt die Waage trotzdem, daß ich bald meine weiten Frühjahrsblusen ablegen kann, die ich mir ob der mir gewachsenen wogenden Massen gekauft hatte. Denn ich schlafe nicht mehr so viel. Was bin ich heilfroh, endlich über diese Schwelle zu sein.
Ich hätte mir mehr Zeit nur für mich gewünscht, aber vielleicht wäre dann die Aktivierung nicht so schnell gekommen.
Für die nächsten Jahre habe ich mir ins Muttiheft geschrieben, daß das Kind eine Familienunternehmung wünscht. Ich habe ihr das immer ersparen wollen, daß ich sie mit der Frage: „Was machst du denn zu Ostern?“ anrufe, damit sie nicht tausend Vorwände vorbringen muß, um die Zeit nicht mit der Familie verbringen zu müssen. Zumindest für mich war das jahrelang hochnotpeinlich, bis es die Omas und Eltern endlich aufgaben, mich zu fragen. Aber siehe da, mein Kind tickt anders.
Deshalb besuchten wir am Montag die ältere Generation im Oderkaff. Meine Herren! Auf dem Rückweg wiederholte ich laut das Mantra: „Ich bin erwachsen! Ich bin nicht mehr das abhängige Kind meiner Eltern!“ und das Kind ergänzte: „Sie sind erwachsen, wir sind nicht für sie verantwortlich!“
Schon absurd zu hören, wie der 45jährige Krieg in eine neue Schlachtsaison geht. Vater möchte reisen, Mutter weigert sich, mitzukommen. selbst ins Kino mag sie nicht mit ihm. Die alleingelassenen Tiere und überhaupt mag sie seine Gegenwart nicht in Hotelzimmern und Kinosälen ertragen. Vater ertränkt sich in Alkohol, Mutter potenziert ihre Tierliebe. Vater verunfallt sehr blutig mit weniger Promille als Frau Käßmann die Kellertreppe hinunter, ist der festen Meinung, er wäre gestoßen worden und die Kriminalpolizei sucht den Täter, obwohl der recht hohe Geldbetrag in seiner Börse noch da ist. Mutter füttert im Winter hungernde Meisen und wird vom Hauswirt gerügt, weil eine Taubenherde davon immer fetter wird. Zukünftig zieht sie also nachts los, um Taubenfutter ein paar Dutzend Meter weiter zu platzieren, damit am Fenster wieder ausschließlich Meisen speisen. Aber auch diese nächtlichen Gänge werden bemerkt und zu Anzeige gebracht. Nun begnügt sie sich damit, der Nachbarskatze, die oft draußen streunt, die Reste der häuslichen Katzenmahlzeiten zukommen zu lassen.
Die Großmutter ist immer hinfälliger, aber immer für ein unpassendes Thema gut: „Mädel! Hast du denn überhaupt Geld, dir was zu essen zu kaufen?“ oder „Ich frag mich ja, ob meine Tochter mal so gut von euch gepflegt wird, wie sie mich jetzt pflegt.“ Bingo, immer wieder Volltreffer, die peinliche Schweigepausen und dezent das Zimmer verlassende Familienmitglieder bringen.

In Bremen schreien sie sich an und im Oderkaff schweigen wir und flüchten. Familie halt.

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Ich bin Agentin

Ich trinke meine Martinis lieber gerührt als geschüttelt und agiere nicht im Geheimen, wohl aber im Hintergrund. Obwohl ich mich lange Zeit recht bedeckt gehalten habe in Blogsdorf, finde ich das bei Anke Gröner gefundene Stöckchen so reizvoll, daß ich nicht über meine Oma schreiben will.

1. Was machst du beruflich?

Ich bin Künstleragentin.
Seit fast 15 Jahren betreue ich Schauspieler, manchmal auch Autoren und Regisseure.

2. Was ist gut – was nicht so gut daran?

Ich begleite Karrieren und damit Lebenswege. Viele meiner Klienten habe ich sehr jung kennengelernt, lange begleitet und wir sind gemeinsam (ich manchmal mit einigem Vorsprung) durch verschiedene Lebensphasen gegangen.
Damit habe ich auch einen ganzen Zyklus fiktionales TV und Kino von innen kennengelernt. Von ersten vorsichtigen kommerziellen Versuchen mit täglichen Formaten, über dem Parforceritt durch die Serien-Genres, die hochambitioniert-größenwahnsinnigen, in jedem Fall Geld vernichtenden Produktionen des Neuen Markts, die Fernsehspiel- und Eventmovie-Offensive, die ausufernden Tatorte, das Süßstoff-Fernsehen und die Schmalhans-Küchenmeister-Serienformate der Jetztzeit.
Ich habe mit großer Faszination Talente und Entwicklungswege analysiert. Welchen Einfluss Anlage, Fleiß, Handwerk, Willen, göttliche Gabe und Zufall in unterschiedlichen Anteilen haben. Auch wenn ich viel Wert darauf gelegt habe, daß meine Klienten ihre Verantwortung nicht abgeben, habe ich Entscheidungen unterstützt und dabei – so denke ich – viel Erziehungsarbeit zu Eigenständigkeit, Selbstwertgefühl und Leistungswillen geleistet.
Es mag komisch klingen, aber ich verhandele sehr gern Verträge. Der ritualisierte Kampf mit Worten, das Aufstellen von Forderungen und Gegenforderungen, das Hartbleiben, Nachgeben, die Finten oder die Salamitaktik – und das alles vor dem Hintergrund, daß an jedem Tischende ein Mensch sitzt, der seinen Job macht, seine Taktik verfolgt und mich demnächst wieder fragt, wie es meiner Tochter geht und ich ihn, wie es mit dem Bauernhof vorangeht, das ist sehr anspruchsvoll, anstrengend, aber ungeheuer befriedigend.
Mein Geld verdiene ich erfolgsabhängig, auch wenn mein Arbeitsaufwand in mageren Zeiten oft höher ist. Ich war mit meinen Einkünften immer mehr als zufrieden und mit meiner Selbständigkeit ohnehin.

Mein Beruf besteht aber auch darin, Kummerkastentante, Motivationstrainerin, Sekretärin und Mama zu sein. Ich habe Unverschämtheiten und Wutausbrüche angehört, FremdgängerInnen gedeckt, frei drehende Partner geblockt, Wehrdienst verzögert, Verkaterte und Verdrogte unter die kalte Dusche geschickt, Weckanrufe gemacht, Moralpredigten gehalten und Bankangestellte beruhigt. Das ging oft über meine inneren Grenzen, denn eigentlich mag ich es nicht, wenn mir Menschen so nahe sind und fast grenzenlose Erwartungen an mich haben, die ich nur enttäuschen kann.
Da ich in der Öffentlichkeit eher schüchtern bin, bin ich auch keine Smalltalk-Netzwerkerin. – Was zu meinem großen Erstaunen mein Gegenüber oft erleichtert, denn ich bin nicht die Einzige, die auf Parties lieber in ein Mauseloch kriechen will und thematische Treffen oder den kleinen Rahmen vorzieht.
Ganz großes Manko ist, daß mein Beruf immer währende Erreichbarkeit fordert und Delegieren bei der geringen Größe meines Geschäfts wenig bringt (oder ich es nicht hinkriege…). Auch wenn Katastrophenanrufe selten sind und die Geschäftszeiten in der Regel eingehalten werden, muß ich sofort in einem Thema sein, in Sekundenschnelle Auskünfte geben, Multitasking beherrschen und ohne Anlaufzeit von Null auf Hundert kommen. Einzige Ausnahme ist die Zeit zwischen dem 22. Dezember und dem 2. Januar, da darf ich tatsächlich abtauchen.

Mittlerweile bin ich an einem neuen Punkt meines Lebens- und Berufsweges angekommen. Ich werde beruflich Neuland in der Medienbranche betreten, nebenbei habe ich das, was im Netz passiert schon lange verfolgt und mit gestaltet. Bei meinen Kollegen galt ich oft als Nerd, weil ich Spaß daran hatte, mein Netzwerk selbst zu administrieren und Webauftritte zu machen. Mein Wissensvorsprung und meine Leidenschaft für Technik helfen mir jetzt.
Ich werde wieder bei einem Entwicklungszyklus dabei sein. Anders diesmal. Vielleicht mit weniger finanziellem Erfolg, aber mit mehr Befriedigung meiner Neugier und gestalterischer Freiheit.
Da ich leidenschaftliche Analytikerin und Gestalterin bin und Monotonie und Details mir nicht unbedingt liegen, möchte ich Menschen eine fest definierte Wegstrecke lang begleiten und dann meine Rechnung stellen. Ich möchte System in mein Wissen bringen (ich liebe Systeme!), es in gut verständliche Sprache verwandeln und dann vermitteln.
Und ich möchte weiter lernen und Erfahrungen sammeln.

3. Was wäre dein absoluter Traumberuf?

Mir fielen drei ein. Wobei ich mich ungern in Traumgefilden bewege und im „hatnichtsollensein“-Modus.

Ich hätte statt Theaterwissenschaft eher Jura oder Informatik studieren sollen. (Oder vielleicht etwas beinhartes, grundlegendes wie Mathematik oder Physik. Aber dazu war ich zu faul, zu eitel und zu doof.)
Ich liebe gut formulierte juristische Texte genauso wie elegant und effizient geschriebene Skripts. Ich liebe Logik und Systeme, in denen eines auf das andere verweist und doch genügend Spielraum für Interpretation oder Variabilität ist.
Doch letztlich hat auch ein „well made play“ oder ein dramaturgisch hervorragend gebauter Film diesen Reiz – womit wir wieder bei meinem Ausgangsberuf sind.

Der Traum ist natürlich, Schriftstellerin zu sein, was sonst. Ich wollte immer mit 50 mein erstes Buch veröffentlichen (es liegt ohnehin genug in Fragmenten herum).

4. Warum gerade dieser?

Weil ich Sprache liebe und die Freiheit, die Welt einer Story und ihrer Akteure selbst zu bauen. Dieses Wechselspiel aus Konvention, Folgerichtigkeit und kreativer Anarchie reizt mich enorm. Und doch weiß ich, daß ich mit meiner mangelnden Liebe zu Details schnell verloren wäre.
Stringent konstruierte Stories, wie Kriminalromane kann ich mir gut ausdenken. Oder witzige und gut verständliche Sachbücher.
Aber selbst so eine nüchterne Person wie ich braucht Träume.

Eheliche Pflichten

Ich habe einen guten Bekannten, der alles, was er auf Wunsch seiner Frau tut und aus eigenem Antrieb nicht getan hätte, unter eheliche Pflichten subsummiert.
Ich fahre heute mit HeMan nach Bremen. Zu seinem Bruder. Mit meiner Verwandtschaft würde ich Ostern so nicht verbringen wollen. Alternativ wäre entweder ein Aufenthalt bei LaPrimavera möglich gewesen (ist mir aber noch zu kalt) oder ich hätte die Zeit in meiner neuen Bude verbracht und hätte gewerkelt bis zum Umfallen.
Da mich die Ärzteschaft immer noch bremst und mein Körper ohnehin zu zwanghaften Boxenstopps neigt (der Versuch, den 12-Uhr-Mittagsschlaf auf eine Stunde zu begrenzen oder ausfallen zu lassen endet immer wieder mit drei Stunden Schlaf ab 16 Uhr), lasse ich mich gern ins beschaulich-biedere Bremen schleppen.
Ich hoffe nur, daß hinterher meine weitesten Hosen noch passen. Beschaulich-bieder geht immer mit einer Menge schmackhafter Hausmannskost einher.

Allerdings sehne ich mich auch sehr nach der Zeit, in der ich wieder Power habe und nicht mit imaginären Gummiseilen an Händen und Füßen herumlaufe.