Es wird wieder wärmer und die Wohnung ist noch kühl, das ist sehr angenehm.
Ich verpackte die unterschriebenen Abschiedsbriefe in Kuverts, erledigte noch etwas Korrespondenz und fuhr dann in den Prenzlauer Berg, um meine Tante und meine Cousine zu treffen. Wir führten ein sehr angenehmes Gespräch, das weit über verwandtschaftliches hinaus ging und trotzdem diese Nähe und Vertrautheit hatte.
Dann kam der unumkehrbare Augenblick. Ich warf die Umschläge in den Briefkasten.
Das, was ich mir vorgestellt hatte, daß nun die Last von mir fällt, trat natürlich nicht ein. Die Summe unserer Freuden und Leiden ist immer gleich groß, sie ist als Konstante in uns programmiert, wir müssen lernen damit umzugehen.
Am Nachmittag arbeitete ich mich weiter in Dreamweaver ein und schlief zwei Stunden.
Zum Fußballschauen gingen wir in die Bar an der nächsten Ecke. Was für ein sonderbares Spiel, die Deutschen wirkten wie auf dem Rasen festgeklebt. Mir schwirrte dazu mein Berufsabschied im Kopf herum. Nach dem Spiel gab es Trostshooter für alle und plötzlich hatte ich die blöde Idee, noch zwei Wodka hinterherzukippen. Leider blieb mein Erinnerungsvermögen intakt. Ich bot mich einer jungen Produktionsassistentin, die sich über mangelnde Unterstützung in der Firma beklagte, als Praktikantin an und plante für Sonntag eine Fahrt nach Montreux aufs Jazzfestival, um am Dienstag morgens pünktlich zur Wertschätzung des Wagen wieder in Berlin zu sein.
Mit einem Wort: G-R-A-U-E-N-V-O-L-L.
6.7. 2010
Tag des wunden Seelchens. Obwohl sich das garnicht so anließ.
Es war wunderbar kühl, ich sortierte noch etwas den Schreibtisch um und brachte einige Post auf den Weg.
Dann, nach einer Beratungsstunde, die ein altes Thema auf den Tisch brachte, das ich kurz mit „auf andere zugehen“ umschreiben möchte, meldete sich das Seelchen.
Ich mag nicht, jammerte es. Mir passte das gar nicht, denn für heute war der Umzug des Schreibtisches samt Technik und der Aktenordner ins Nestchen geplant. Es ist schließlich fertig. Meine letzten Arbeiten zogen sich wie Kaugummi. Das Seelchen vibrierte.
Ich lenkte ein. Ok. verschieben wir den Umzug um zwei Tage. Heute ist Seelchenmassage angesagt.
Nur das Notwendigste arbeiten, Krimi lesen, beim Vietnamesen ganz allein in einer Ecke mit Buch auf dem Tisch essen, viel schlafen.
Und das war der Rest-Tag. Kuscheldecke, 30er-Jahre-Krimi, „Mord mit Aussicht“, Special Service beim vietnamesischen Wirt, der mir nach dem Essen noch einen Apfeldrink mixte. Brav ging ich danach noch über die Straße zum Italiener, wo sich HeMan das Fußballspiel mit Freunden anschaute und trank ein Glas Wein mit, aber ich fühlte mich deplatziert. Zu viele Leute, die durcheinanderredeten, der brüllende Lautsprecher vor der Leinwand, schlechte Laune, die durch den Raum waberte. Ich verabschiedete mich schnell.
5.7. 2010
Same procedure as every day. Zeitung lesen und frühstücken auf dem Balkon.
Mit ziemlich viel Bummelei (modern: Prokrastination) quälte ich mich durch einen Papierstapel. Letzte Woche hatte ich alles in 5 Stapel eingeteilt, die ich nach Priorität abarbeiten will. Ablage ist nie meine Stärke gewesen.
Anruf eines Klienten. Erst freundlicher Smalltalk, aber ich hörte schon, daß er etwas auf dem Herzen hat. Dann: „Ähm, ja, es ist mir schrecklich peinlich, aber ich habe da auf einer Party das Gerücht gehört, Sie hören auf.“
Ich konnte ihm das Gerücht nur bestätigen. Branchentreffen sind also doch Informationsbörsen, sieh an. 3 Leute wußten es, drei Leute waren vorerst um Stillschweigen gebeten worden. Also ist es an der Zeit, die Briefe an alle rauszuschicken, die Entwürfe sind seit Freitag fertig. Das wird eine heftige Woche.
Ich druckte die Briefe aus und legte sie noch einmal für eine Warterunde auf den Schreibtisch. Es ist etwas völlig anderes, entlassen zu werden und sich von seinen langjährigen Arbeitskontakten zu trennen, als das selbst zu entscheiden, Menschen, die einem doch nahe waren, zurückzulassen und einen noch vage konturierten Neustart zu wagen.
Die Briefe auf dem Schreibtisch waren eine Last, über der ich zwei Stunden schlief, wie kurz nach der Entlassung aus der Klinik.
Danach machte ich erst einmal die überhitzte Wohnung regenfest, denn der Himmel war schwarz. Doch das Gewitter ließ sich Zeit. Ich verhandelte einen Vertrag, bekam einen Anruf von Mr. Horror, den ich Gott sei Dank kurz halten konnte und präparierte mich für meinen Abendtermin.
Die Spreepiratin mußte lange auf mich warten. Ich bin seit mehr als 20 Jahren Berlinerin und verwechsele immer noch die Veteranenstraße mit der Weinbergstraße. Es war ein schöner lauer Abend, noch immer ohne Regen. Was wir besprachen, gab mir Kraft – und ich hoffe nicht nur mir.
Kaum war ich zurückgekehrt und lag auf dem Sofa (der Fernseher läuft für meine Bedürfnisse immer zu laut), war die Luft in der Wohnung sprühtröpfchengesättigt. In jedes geöffnete Fenster stiebte der Regen. Wir machten alles dicht, wischten das Parkett trocken und gingen dann im Regenrausch schlafen. Ich war aufgekratzt. 5 Kaffee, 1 Red Bull und jede Menge Veränderung.
3.7. 2010
Es ist Zeit für Tagebuchbloggen.
Der Unternehmensberater nahm mich am Schopf und schüttelte mich, ob meines Unvermögens, mir die Zeit einzuteilen. Kein Wunder, bisher saß ich in meiner Zentrale und wartete auf die Notrufe wie ein Feuerwehrhauptmann. Da war Zeiteinteilung sinnlos. Jedes geplante Vorhaben konnte in der nächsten Minute vom Tisch gewischt sein. Wenn ich es schaffe, aufzuschreiben, was ich getan habe, weiß ich vielleicht hinterher, wo die Brandnester meines Chaos sind.
Die Dachwohnung hat mittlerweile keinerlei kühle Ecken mehr. Selbst Querlüftung bei geschlossenen Jalousien bringt noch mehr Hitze.
Ein ruhiger Tagesbeginn, mit Kaffee und Zeitung auf dem Balkon, verbunden mit dem Entschluß, den Markttrubel sein zu lassen. Ich bin ohnehin von 10, 15 Obst- und Gemüseständen völlig überfordert und der Kühlschrank fasst kaum etwas. Lieber kaufe ich am Sonntag bei Ullrich am Zoo das Notwendigste.
Aus Resten bastele ich einen Reissalat mit Limetten, Tomaten und Thunfisch. Derweil lädt das Äpfelchen aus dem Netz 9 GB Programme zum Homepagebasteln. Wenn schon 30 Tage Testphase, das gleich die gesamte Edition, abspecken kann ich immer noch. So viel zum Thema „aber ich habe doch nur einen kostengünstigen HTML-Quelltexteditor gesucht“. Nebenbei erfahre ich dadurch, das der Netzanschluß von 1&1 nur die Hälfte der bezahlten Downloadkapazität bringt.
Dann Hektik. Bikinis, Handtücher, kühlen Wein, bürgerliche Klamotten und Schminke sinnvoll getrennt verpacken. Denn nach der Tour mit den knallgrauen Gummibooten auf dem Schlachtensee wartet eine Party in unmittelbarer Nähe.
Natürlich bin ich zu spät. Der Herr Strike und der Herr Dick haben die Boote schon fast fertig aufgepumpt. Auch beim Rudern bin ich derzeit ganz Mädchen und lasse lieber die Herren ran.
Was für ein angenehmer und unbeschwerter Tag. Der See ist noch immer winterklar. Die Gesellschaft tut mir gut und die Weinflaschen leeren sich von allein. Die einzige schwere Arbeit ist das Aufpusten von voluminösen Poolmöbeln. Merke: Mit Aufstiegsversuchen auf Schwimmsessel lassen sich auch große Gesellschaften erheitern.
Das mit dem Schwimmen funktioniert wieder gut, allerdings verlor ich zweimal die Orientierung, als ich mit dem Kopf unter Wasser loszog und wunderte mich, daß ich auf einmal aufs falsche Ufer zusteuerte. Vielleicht läßt sich das auch mit drei Flaschen Wein auf drei Personen erklären. *Hüstel*
Nach einem kurzen Boxenstop zum Umziehen und Schminken bei aufgeklapptem Kofferraum (der Herr Glamourdick und ich entschieden uns für dezemtes Make up und Sommerfrische-Outfit) entließen wir den Herrn Luckystrike nach Kreuzberg und betraten Garten und Hexenhäuschen für die Literatenparty.
Es war interessant, so eine Agenturparty mal von der anderen Seite zu sehen, denn bisher war ich Gastgeberin und nicht (mitgebrachter) Gast.
Die Gespräche sind ewig die selben. Zu wenig Geld, enttäuschte Erfolgserwartungen bei so viel Arbeit. Das einzige, was ich nicht hörte, waren Klagen über den Agenten. („Was mit dir trifft sie sich auf einen Kaffee? Mit mir nicht!“) Schriftsteller scheinen wesentlich selbstverantwortlicher und autarker zu sein als Schauspieler. Außerdem neigen sie weniger zum Kommunikationsoverkill (vulgo laut tönendes Geschwätz), was mich sehr beruhigte.
Der Rückweg in die überhitze Wohnung war technobegleitet. Ich muß die letzten Wochen mit meinem freundlichen grauen Panzer noch genießen. Und so fiel ich in Charlottenburg mit vor onz-onz-onz vibrierenden Türen ein, kein russischer Zuhälter hätte es besser gekonnt.
PS: Witzigerweise hatte ich auf dieser Party zum ersten Mal seit meinem Kulturmanagementstudium wieder Begegnungen mit der Spezies „Literaturmädchen“. Es gibt sie immer noch und sie wollen alle immer noch in Verlagen arbeiten.