Alles heiße Luft

Leseempfehlung des Tages, denn es gibt menschliche Konstanten:
El ingenioso hidalgo don Quixote de la Mancha von Miguel de Cervantes Saavedra (spanisch/deutsch)
The Female Quixote, or, The Adventures of Arabella von Charlotte Lennox von 1752, hier auch in deutsch.

Warum? Es gibt abenteuerliche Geschichten und hochbrandende Emotionen, ob in Romanen oder digitalen Filterblasen. Jenseits von Romantik wäre es sinnvoll, öfter mal den Realitätscheck zu machen.

This Boots Are Made For Walkin‘

Ich habe mal in einem Buch über weibliche Gesundheit gelesen, dass weibliches Schuhwerk nicht nur zierend und fluchthindernd ist  (wie ich es vorher einsortierte), sondern dass das Einschließen der Füße in absurden Positionen sich auf Körper und Seele in der Gesamtheit auswirkt. Energieflüsse werden gehemmt und bestimmte Muskelpartien überspannt, andere wiederum kaum benutzt. Ergebnis ist das Weibchen mit gut präsentierten Brüsten, schlanken Beinen, präsentem Arsch, vom Hohlkreuz aus dem Focus gerückter Scham und entspanntem Beckenboden. Allzeit bereit, aber zurückhaltend, nur beschränkt handlungsfähig, aber begehrenswert schön.
(Nebenbemerkung: Körperoptimierung durch Deformierung ist weder eine Erscheinung moderner Zeiten noch eine, die sich nur auf Frauen beschränkt. Dazu braucht man nur altvordere Ethnologiebände zu durchblättern oder sich Bodybuilder-Fotos anzusehen.)
Und es funktioniert. Ich habe in meinem früheren Beruf alle Nase lang Massen von Fotos sichten müssen. Mein Rat an die Damen war irgendwann: Egal, was du sonst bei der Fotosession an hast, zieh High Heels an, dann stimmt die Körperspannung, man sieht die Schuhe ohnehin nicht. Wobei das Plaudern aus dem Nähkästchen allein schon Bände füllen würde…

Mit der Näherei beschäftige ich mich nun weniger mit der Präsentation von Frauen als Projektionsfläche, als mit der Skulpturierung von Körpern und dem Anbringen geeigneter Sichtlöcher auf die Haut. Was wir Frauen mit Kleidung, Haaren und Posen tun, zeigt der V-Effekt solcher Fotos am besten:
Männer in den Kleidern ihrer Freundinnen
Männer mit Damenfrisuren
Männer in Pin up-Posen
Immer mal darüber nachzudenken hindert uns nicht, unser Potential einmal mehr gezielt einzusetzen, damit eine starke Schulter zum Anlehnen zu uns findet, mit dem wir am Kamin ein gutes Glas Rotwein / am Strand unter Palmen / am nächsten Morgen mit Toast das Bett vollkrümeln (bitte die Singlebörsen-Textbausteine ihrer Wahl einsetzen) oder einen Mann, mit dem wir das Bett zusammenkrachen lassen können und mit dem wir den Rest des Lebens in den Sonnenuntergang reiten.

Meine Gedanken mäandern heute. Das muss die Nebenwirkung eines der in letzter Zeit leider häufig gewordenen Kopfschmerzanfälle sein. Je Hitzewallung desto Kopfschmerz. Aber es besteht Hoffnung, dass der ganze Sch… in eine paar Jahren vorbei ist.

Was ich eigentlich schreiben wollte. Das mit den Schuhen. Gestern Abend, nachdem ich beim Flanieren mit dem Gatten die letzten 1000 m nur noch unter Aufbietung von Ginger-Rogers-mäßiger Willenskraft schaffte (trotz meiner fußfreundlichen 15 Jahre alten Donna-Karan-Schuhe), recherchierte ich unter dem Stichwort „bequeme Schuhe“ im Netz nach denselben. Targeting sei Dank werde ich nun den Rest des Lebens Werbung für Blutdruckmeßgeräte und Damenkontinenzartikel angezeigt bekommen.
Das Ergebnis der Recherche macht Hoffnung. Es gibt nicht nur Oma- oder Ökotreter.
Weibliche Kleidung braucht nun mal weibliche Schuhe. Früher war ich ein- oder zweimal die Woche mit hohen Schuhen unterwegs. Meist so, dass ich nicht mehr als fünfzig Meter damit laufen musste und den Rest des Abends rumstand oder -saß. Den Rest der Zeit trug ich moderne Bequemschuhe: Sneakers, Wanderschuhe, Birkenstocks oder – sobald es warm war – Zehensandalen mit Korkfußbett.
Nun, auf dem Weg eine Dame zu werden, tut Veränderung not. Ich mag die Schuhe von Arcus sehr (Achtung, furchtabre Website!), zumindest die mit dem Ti-Leisten, ich hatte gestern ein Paar Clarks-Sandalen aus geflochtenem Leder an, die sehr schön sind, aber… braune und schwarze Schuhe für zarte helle Sommerkleider? Dann sind wir auch ganz schnell bei beige des Grauens unserer Großmütter. Ich werde wohl rote Schuhe brauchen für den nächsten Sommer…

In den letzten Tagen des Sommers

Der beste Freund und ich haben seit einigen Jahren ein Ritual. Wir schwimmen einmal im Jahr am frühen Abend in einem der brandenburgischen Seen und zum Sonnenuntergang gibt es ein Picknick an Strand mit Sekt (bringt er mit) und Leckereien (mache ich).
Diesmal gerieten wir durch einmal verfahren an den Krummen See in Schenkendorf. Auch hier hatte man mal versucht, Braunkohle aus dem Sand zu holen, es aber unter Hinterlassung eines schmalen gewundenen Lochs bald aufgegeben. Daraus wurde bald ein schilfumstandener See.
Nun saßen wir auf einer Lärchenholzbank, die sicher die EU spendiert hatte und aßen Ostschrippen und darauf Kitty-Buletten mit Tomate, Salat, Gurke, Ketchup, Mayo. Also das, was man einen Burger nennen würde, wenn es denn heiß wäre.
Der lauwarme Cremant schoß den Korken in den Himmel, aber kein Problem, wir hatten in Zeitungspapier gewickelte Eiswürfel dabei, die ihn in den orangenen Plastikbechern zu Trinktemperatur herunterkühlten.
Unsere Themen ähneln sich jedes Jahr, nur wir verändern uns von Jahr zu Jahr ein wenig. Jahrelang waren es meine Desasterbeziehungen, bei denen jeder sah, dass das nicht geht, nur ich nicht und seine Fake-Beziehungen, die zwar die Damen als Partnerschaft kurz vor Familiengründung ansahen, er aber nur als eine (Übergangs-)Option von vielen. Vielleicht war das einfach das Lebensalter, in dem uns besonders extrem verhielten, weil wir uns für extrem besonders hielten, glaubten, nur die grenzwertigsten Sachen wären wichtig und alles zuließen, jeden Verrat, jede Verletzung, um uns nur nicht der Normalität zu überlassen.
Jetzt ist vieles anders. Ich bin verheiratet und in seinem Haus wohnen eine Frau und eine winzige Katze. Natürlich läuft nicht alles rund. Ich bin noch immer nicht gesund und würde doch gern wieder mehr arbeiten, um das gemeinsame Leben schöner zu machen, er balanciert seine studierenden Töchter gegen die jüngere, kinderlose Frau aus. Wir sind ruhig geworden, erfahren und verzichten mittlerweile auf vieles. Wände sind nicht mehr zum reflexhaften Dagegenrennen da und Nichts tun ist oft besser als Handeln um des Handelns willen. Die Schauplätze haben gewechselt. Es geht nicht mehr um Firmenwagen und Geschäftsabschlüsse, sondern um Kaminöfen und Immobilien. Ruhe, Akzeptanz von Dingen, die sich nicht ändern lassen und noch viele Pläne für die nächsten Jahrzehnte. Aber die Zeit des energiezehrenden Aktionismus um der Profilierung willen ist endgültig vorbei. Ich bin gespannt auf die nächsten Jahre.

Veröffentlicht unter Leben