Vigil 63

Sie wissen ja, die Sache mit den Erlebnissen beim Einkauf.

Ich stehe am Spargelbüdchen am Alexanderplatz. Ein älterer Herr (in dieser Gegend gibt es noch Ureinwohner) verlangt 4 Stangen Spargel, nicht so teuren. Die Verkäuferin sucht den billigste und besten raus, er zahlt 1,85€, scheint nicht viel Geld zu haben und hatte sicher mal bessere Zeiten. Er fragt die Verkäüfern, weshalb sie sich diesen Job in der zugigen Plastikhütte antut, obwohl sie erkältet ist. Sie kommt ins Reden.

Nee, nee ick komm von Cottbus. Ick mach dir hier jerne. In Cottbus jibts nüscht, keene Arbeet.
Wollt dit Jobcenter mir 12 Stunden die Woche nach Hoyerswerda schickn. Zwee Stundn Fahrt sind zumutbar, ejal für wie viel Arbeitsstundn.
Da hab ick jesacht, da jeh ick lieber für die Saison hierher. Fahr ick einundneviertel Stunde. Außadem kannick hier bei’n Kindern schlafn.
Sacht dit Jobcenter, dit könn sie nicht untastützn, Berlin wird nich jenehmicht.
Als würdick dit brauchn. Ick schlaf schon nicht unter de Brücke hier.
Ick hab noch 9 Jahre bis zur Rente, die kriegn mich nich kleen!

Ansonsten war der Tag ein schöner. Mit einem Nähnerdtreffen bei der GLS-Bank. Endlich Frau Suschna und Die Linkshänderin kennengelernt. Es war mir eine große Freude.

Vigil 62

Da habe ich gestern nach etwas Gartenarbeit eine Vigilie verschlafen. Tja.

Dafür habe ich mir eine Doku über den Vokspark Friedrichshain angesehen. (via @berlin_ild), die unbedingt zu empfehlen ist.

Was mir auffiel: Wie viel heftige Ereignisse in reichlich 100 Jahre passen und an einem Ort kondensieren. Von der Märzrevolution 1848 bis zum Wiederaufbau nach 1945.
Wie schnell politische Wenden geschehen können. Vom roten zum braunen Friedrichshain (oder umbenannt: Horst-Wessel-Stadt) in knapp 5 Jahren.

Wahrscheinlich würde niemand behaupten, das Aufkommen des Faschismus in den 30ern hätte seine Ursache in der rasenden Dummheit, massenhaft schlechten Benehmen oder beklagenswerten Wertevakuum seiner Anhänger. Genauso wenig wie die französische Revolution getragen war von Leuten ohne Respekt vor altem Gemäuer und mit unmoralischer Freude an öffentlichen Hinrichtungen. Volk ist Volk, Pack ist Pack.
Hätte die französische Revolution, die Akkordarbeit der Guillotine und Napoleons Feldzüge mit moralischen Appellen an das Volk netter ablaufen können? „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie Kuchen essen!“ hat es schon mal nicht gebracht.
Die Ursache für den massenhaften Zulauf an die Leute mit den starken Versprechungen und einfachen Lösungen waren in jeder Hinsicht handfest. Die französische Revolution war die blutige Dämmerung der Moderne, die Nachwirkungen der Napoleonische Kriege modernisierten auch das kleinstaaterische Deutschland.
Im Falle des deutschen Faschismus war die Arbeiterschicht nach der Inflation in die Weltwirtschaftskrise gefallen und sah keine Zukunft ohne massive gesellschaftliche Veränderung.

Springen wir ins Heute. Gibt es heute handfeste Gründe für eine massenhafte faschistische Bewegung? Wenn ja, sollte im Bundestag die Alarmglocke läuten und nach den genauen Ursachen* von rechten Protestbewegungen gesucht werden, um umzusteuern. Denn dann gibt es tatsächlich ein ernsthaftes Problem.
Wenn es sich um eine reine Aufmerksamkeits-Protestkultur Unzufriedener und Zukurzgekommer handelt, bekommt sie zu viel Aufmerksamkeit und hat damit ihr Ziel erreicht.

*und die sind sicher nicht die Aufnahme von 1 Mio Menschen. Das liegt tiefer.

Vigil 61

Bei einem Spaziergang sind wir heute in der Kulturbrauerei in eine Sonderausstellung der Sammlung industrielle Gestaltung der DDR geraten.

Ich bin immer vorsichtig mir solchen Ausstellungen, weil ich von hochemotionalen Flashbacks überfallen werde.* Ich hatte die mentale Tür zur DDR 1990 einfach zugemacht. Trotzdem steckt da noch einiges dahinter, das mich manchmal anspringt.

Aber die Ausstellung zum Amt für Formgestaltung war ok. Ich habe mich nur daran erinnert, dass ich die Vorliebe des Großvaters und der Eltern für extrem reduziertes, sachliches Design überhaupt nicht teilte. Ich wollte Opulenz und Schnörkel, Varianten und Materialpomp statt sparsamem Leichtdesign. Das war mir alles zu schmallippig.
Wie kann man sich noch voneinander unterscheiden, wenn man schon in Wohnungen wohnt, die alle den gleichen Grundriss haben und alle gleich eingerichtet sind, weil die Möbel nicht anders gestellt werden können. Dann noch alle die gleichen Kaffeetassen auf dem Tisch? Furchtbar.
Irgendwo in der Ausstellung fiel der Satz,  es hätte ein typisches erkennbares DDR-Design gegeben. Oh doch. Sachliche, sehr schlichte Gegenstände, die zum Teil völlig unpassend ornamental bebildert waren, sind für mich typisches DDR- Industriedesign. Da die Entwürfe mal ganz anders gemeint waren, sei dahingestellt. Aber wenn man ein paar Motive draufklebt, verkaufen sie sich besser.

Quelle: http://ddr-design.info/

 

*So ein bisschen wie die Omma in Hape Kerkelings „Kein Pardon“, die immer erzählt „Wir sind mitm Bollerwerwagen sind wir…“ und in Tränen ausbricht.

Vigil 60

Als ich dieses Kleid testhalber als Shirt zuschnitt, um zu schauen, Mccalls7186

ob obenrum alles so passt, wie ich mir das denke, meinte ich zum Grafen, wenn nicht, dann sei das wirklich das letzte Mal, dass ich einen fertigen Schnitt verwende.
Natürlich habe ich ein prächtiges Teil für die Tonne gemacht, trotz messen und anpassen. Die Ärmel zu eng, die Brust plattgedrückt… Gna…
Eine FBA konnte ich mir nicht vorstellen, denn im Vorderteil steckt eine Drapierung drin und kein Abnäher. (Und der Versuch, so etwas zu ändern hatte mir mein erstes Weihnachts-TFT beschert, das hinterher an manchen Stellen ein Sack war.)

Also nächster Versuch. Jetzt habe ich meinen angepassten Oberteilgrundschnitt zur Grundlage genommen und eine Drapierung reingebastelt. Morgen wird genäht. Wahrscheinlich ist es dann zu weit, wie der Versuch meines Jersey-Jacketts.
In so was kann ich mich ja richtig verbeißen. Ich schaffe das.