Vigil 62

Da habe ich gestern nach etwas Gartenarbeit eine Vigilie verschlafen. Tja.

Dafür habe ich mir eine Doku über den Vokspark Friedrichshain angesehen. (via @berlin_ild), die unbedingt zu empfehlen ist.

Was mir auffiel: Wie viel heftige Ereignisse in reichlich 100 Jahre passen und an einem Ort kondensieren. Von der Märzrevolution 1848 bis zum Wiederaufbau nach 1945.
Wie schnell politische Wenden geschehen können. Vom roten zum braunen Friedrichshain (oder umbenannt: Horst-Wessel-Stadt) in knapp 5 Jahren.

Wahrscheinlich würde niemand behaupten, das Aufkommen des Faschismus in den 30ern hätte seine Ursache in der rasenden Dummheit, massenhaft schlechten Benehmen oder beklagenswerten Wertevakuum seiner Anhänger. Genauso wenig wie die französische Revolution getragen war von Leuten ohne Respekt vor altem Gemäuer und mit unmoralischer Freude an öffentlichen Hinrichtungen. Volk ist Volk, Pack ist Pack.
Hätte die französische Revolution, die Akkordarbeit der Guillotine und Napoleons Feldzüge mit moralischen Appellen an das Volk netter ablaufen können? „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie Kuchen essen!“ hat es schon mal nicht gebracht.
Die Ursache für den massenhaften Zulauf an die Leute mit den starken Versprechungen und einfachen Lösungen waren in jeder Hinsicht handfest. Die französische Revolution war die blutige Dämmerung der Moderne, die Nachwirkungen der Napoleonische Kriege modernisierten auch das kleinstaaterische Deutschland.
Im Falle des deutschen Faschismus war die Arbeiterschicht nach der Inflation in die Weltwirtschaftskrise gefallen und sah keine Zukunft ohne massive gesellschaftliche Veränderung.

Springen wir ins Heute. Gibt es heute handfeste Gründe für eine massenhafte faschistische Bewegung? Wenn ja, sollte im Bundestag die Alarmglocke läuten und nach den genauen Ursachen* von rechten Protestbewegungen gesucht werden, um umzusteuern. Denn dann gibt es tatsächlich ein ernsthaftes Problem.
Wenn es sich um eine reine Aufmerksamkeits-Protestkultur Unzufriedener und Zukurzgekommer handelt, bekommt sie zu viel Aufmerksamkeit und hat damit ihr Ziel erreicht.

*und die sind sicher nicht die Aufnahme von 1 Mio Menschen. Das liegt tiefer.

Auch das noch:

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4 Gedanken zu „Vigil 62

  1. Wenn es damit getan ist, dass man jetzt die Aufmerksamkeit auf diese Leute richtet und sie haben nun, was sie immer wollten, dann wäre es ja gut.
    Was mich wundert, ist die Einstellung zu Russland im Parteiprogramm. Es wird ja extra erwähnt. Ob sie von da finanziert werden, fage ich mich.
    Hier haben jedenfalls die Ortsteile und Dörfer mit einem hohen Russlanddeutschenanteil auch eine hohe Prozentzahl an Wählern für die Alternative. Und genau die Menschen, die anderswo geboren sind und oft jetzt noch nicht richtig Deutsch sprechen, argumentieren am heftigsten gegen die Flüchtlinge. Ich fasse es manchmal nicht! Wenn ich dann einwende, dass sie ja auch zugewandert sind damals, sagen sie, dass sie ja Deutsche seinen, also schon immer.

    • Oh, das klingt ja interessant.
      Ich bin in der Sache fürchterlich zwiegespalten. Einerseits habe ich mit solchen Leuten nichts am Hut, andererseits ärgert mich die unproduktive, arrogante Häme, die diejenigen erfahren, die tatsächlich hinten runter fallen.

  2. Genau für die Leute, ie jetzt noch nicht richtig Deutsch sprechen, sind die Flüchtinge/Migranten am Ehesten eine Konkurrenz.
    Da kommen ja nicht lauter syrische Werber, die für kleines Geld arbeiten und die Jobs der einheimischen Werber bedrohen – da kommen in erster Linie Geringqualifizierte, die für kleines Geld arbeiten und die Jobs der Geringqualifizierten gefährden und/oder die Löhne drücken.

    Das Gefühl, zu arbeiten wie ein Berserker, nur damit dann die sauer verdiente Steuergelder massenhaft an nordafrikanische Wirtschaftsmigranten umverteilt werden, ist hier übrigens durchaus ein Gefühl in Mittelschichtkreisen.
    Nur, dass die nicht zu irgendwelchen -gida-Demos gehen, die kochen relativ wütend im eigenen Saft vor sich hin.

    • Ja, wer nicht betroffen ist, kann gut und laut tönen. (Und wenn sie dann betroffen sind, ist es der wertvolle Baumbestand in ihrem Bsserverdienendenviertel, der nicht für Asylunterbringungscontainer gefällt werden darf.)
      Es gibt da so die eine oder andere klitzekleine Nebenbei-Information in Zeitungen, die mir ein Loriotsches „Bitte was?“ entlockt. Manchmal ist es auch ein „Habt ihr sie noch alle?“

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