4.+5.8. 10 Zwei Tage für einen

Prima, das Tagbuchbloggen geht also weiter. Ich freue mich, wenn meine täglichen kleinen Heldentaten und Niederlagen gelesen werden.
Der Dienstag verging in Vorbereitungen für meinen kleinen Teilumzug. Der Mann half mir, die vergammelten Küchenmöbel abzubauen. Was sich hinter solchen Schränken verbirgt, möchte man eigentlich garnicht wissen und erst recht nicht sehen. Ich hatte den unbezwingbaren Impuls, erst einmal einen Kanister Sagrotan auszukippen, behalf mich dann aber mit heißer Sodalauge, für den Herd, 3 qm Fußboden und die Wände in Ölsockelhöhe wechselte ich dreimal das Wasser im Eimer. Dann bohnerte ich den Teil des Terrazzo, auf dem dann mein Kühlschrank stehen sollte und weißelte in dieser Region Wand und Decke, denn danach würde ich dort nicht mehr herankommen.
Die Büroarbeit lief in dieser Zeit eher nebenher und am Abend gab es glutenfreie Spaghetti.

Der Mittwoch begann früh. Ich fuhr nach Strausberg und bekam vom besten Freund, der mir den Lagerraum vermietet hatte, noch einen 1A-Bürokaffee und dann kam der Transportfritze. Er war von einer Zweimannarmee begleitet, von denen einer eine halbwegs intelligente Spacke und der andere ein muskulöser, etwas dumpfer Zahnloser war. Sie rochen beide sehr.
Mir blitze kurz: Ach du Scheiße! durchs Hirn, aber ich merkte bald, daß Scheffe seine Jungs sehr gut im Griff hatte. Väterlich, aber eisern.
Ich sortierte die Kisten und Möbel vor, denn ein Teil blieb da und es war alles recht fix geladen. Da ich mit meinem Wagen sowieso schneller war, aß ich mit dem besten Freund noch Bulette und Kartoffelsalat in der Betriebskantine und Lehrküche. War dit lecker!
Dann sauste ich zurück, wahrscheinlich fuhr ich den Wagen zum letzten Mal so richtig aus. Ein geiles Gefühl.
In Schöneberg angekommen, wartete die erste Überraschung auf mich. Im Grunde ist es in dieser ruhigen Wohnstraße kein Problem, an einem Arbeitstag einen Parkplatz für einen Sprinter in Hausnähe zu bekommen. Sicherheitshalbe hatte ich Flatterband mit einem Zettel von einem Baum zu einem Laternenpfahl gespannt. Es gab nur eine Pappnase, die seit Tagen, das Auto nicht bewegt hatte und das stand dann immer noch da. Und die Jungs kamen nicht mit einem Sprinter sondern hatte einen 7,5-Tonner. Somit war die Straße dann für eine Stunde dicht.
Wir luden ab und mir wurde angesichts des Kistenstapels himmelangst. Das sollte alles in eine 35qm-Wohnung passen? Die Männer waren derweil damit beschäftigt, meinen Kühlschrank die Treppe hochzuschleppen. Ich war recht froh, das es dabei keine Toten gab, die Geräuschkulisse war wie in einem Splatterfilm.
Dann gab es die nächste Überraschung: die Küchentür war 3 cm zu schmal, wir mußten die Türen abbauen. Das ist etwas frickelig, aber ich hatte ds für einen Transport schon mal gemacht. Blöd ist nur, wenn ein Mann ohne Lesebrille und handwerkliche Leidenschaft das Alphatier geben will und flucht und schraubt und Probleme sieht, wo keine sind. Frau steht daneben und sagt vorsichtig: letztens haben wir das soundso gemacht und bekommt zur Antwort: DAS KANN GARNICHT SEIN! Ach Männer!
Dafür werden wir in der Autowerkstatt erstgenommen, wenn wir euch mitnehmen.
Wir packten die Bücherkisten aus und ich mich beschlich ein komisches Gefühl. Bisher waren Bücher für mich heilig. Die wirft man nicht weg, außerdem zeichnet eine gut sortierte Bibliothek den gebildeten Menschen aus. Ich hatte Zentner von Büchern von Umzug zu Unzug geschleppt. Erst vor 4 Jahren hatte ich meine 7 Laufmeter Bücherregal zu 2,5 reduziert. Aber dann hatte ich ein paar staubige und stinkende Exemplare in der Hand, in denen ich im Leben nicht mehr lesen würde und beschloß, in Zukunft weistestgehend auf eBooks umzusteigen.
Meine Lebensbücher hätten Bleiberecht: Die mannigfachen Hamlet- und Faust-Ausgaben, die Heiner-Mülller-Werkausgabe, Ehm Welk, Tucholsky, Hans Scholz, Vicky Baum, Kisch, F. Scott Fitzgerald, Updike, die Lyrikbände, „Der stille Don“ in der Volk und Welt-Ausgabe von 1947, Stanislaw Lems „Sterntagebücher“ mit der wunderbaren Geschichte „Professor A. Donda“. (die Links sind für die jüngeren Menschen bestimmt – meine Tochter kennt diese Autoren schon nicht mehr)
Ich würde gern alle neuere Literatur als eBook besitzen. Nur kann man dann nicht einfach einem Freund ein Buch in die Hand drücken, mit den Worten: lies das mal. Perfekt ist das nicht. Außerdem kann man nicht mehr vom Bücherschrank eines Menschen auf seinen Charakter schließen. – Aber vielleicht gibt es demnächst auf Internetprofilen die Auskunft, wer welche Bücher hat… Schöne neue Welt.

Als wir mit Schrauben und Ausräumen so halbwegs fertig waren, fuhren wir nach Kreuzkölln ins Maison Blanche, zum Abschiedsumtrunk mit einem meiner Klienten. Sehr gute Küche, supernette Bedienung tolle Atmosphäre. Wir stießen darauf an, daß aus zehn Jahren streßfreier Zusammenarbeit nun eine gute Freundschaft wird und beglückwünschten uns beide zum Blick über den Tellerrand – denn er arbeitet längst nicht mehr hauptsächlich im angestammten Beruf.
Seine Freundin kam noch dazu und brachte den neuen Familienhund mit, einen herrlichen Bardino-Mischling, der aussah wie ein Schakal mit Schäferhundmaske.

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Soll das so weitergehen?

Einen Monat Tagebuchbloggen habe ich nun hinter mir.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich so weitermachen soll. Das tägliche Schreiben ist sehr wichtig für mich. Die Auszeichnungen sind ein Archiv an fixierten Stimmungen, Handlungen und Ideen, außerdem ein Speicher meines täglichen Status, eine Momentaufnahme von „die Welt da draußen und ich da drinnen“.
Ich fürchte aber, das ist sehr langweilig zu lesen. Meine Sprüche und Gedankensplitter gehen eher in Kommentare oder Tweets und die selbstinszenierenden Weltbetrachtungen brauche ich plötzlich nicht mehr – ich habe den Dampf schon abgelassen und merke, daß ich als normaler Mensch mit normalen Handlungen durchaus akzeptabel bin. Was soll ich mich also aufblasen?
Ich bin für mich an einer Stelle angekommen, an der ich schon lange sein wollte: ich schreibe wieder täglich und fülle mein Reservoir dokumentarischer Notizen, um sie später vielleicht zur Grundlage längerer und fiktionaler Texte zu machen. Aber das kann ich auch offline.

Tagebuchbloggen?
Und was wollt ihr?

Find ich gut!
Gähn!
  Resultate

kittykoma, 11:23h.

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2.8. 10

Wieder ein Montag. Nach dem ereignisreichen Wochenende hatte ich Probleme, aus dem Bett zu kommen. Leider habe ich auch abends immer wieder Probleme, das Buch endlich wegutulegen und das Licht auszumachen, obwohl mir vor Müdigkeit die Augen tränen.
Der Tag, den ich so spät begann, war mit Aufräumarbeiten gefüllt. Mir ist immer noch nicht ganz klar, daß mein kleines Zimmerchen ab Mittwoch mit 27 Kartons und ein paar Möbeln gefüllt ist, die ich irgendwie auspacken muß. Der Stauraum dafür ist minimal.
Da ich ob der Enge strikt planmäßig vorgehen muß, es gibt Stellen in der Wohnung, die unverrückbar zugestellt werden, scheuerte ich als erstes den Terrazzo-Boden im Bad mit heißer Lauge. Der Drogist wollte mir dafür partout keine Salzsäure verkaufen, sondern riet zu Soda. Sauberer wurde der Boden damit leider nicht, vor allem an den Ecken, an denen er scheinbar verkalkt war. Dann war es mir aber auch egal, so pingelig bin ich nicht. Ich rieb die Fläche mit flüssigem Bohnerwachs ein, das unheimlich nach Terpentin roch und mir jede Menge Kindheitserinnerungen bescherte. Denn nach den Sommerferien war der Linoleumboden in der Schule immer mit einer dicken Schicht ochsblutfarbenem Bohnerwachs bedeckt, die wir Kinder dann erst einmal blank schlitterten.
Dann bügelte ich noch den Stucco blank, der demnächst hinter dem Bett verborgen sein wird. Das nächste wäre gewesen, das Handwerhszubehör und übrig gebliebenes Material aus der Küche zu räumen, doch ich kapitulierte, verschob das auf den nächsten Tag und fuhr nach C-Burg, um mit einen netten Abend zu machen.

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1.8. 10

An diesem Sonntagsmorgen war mir eher nach gepflegt im Bett herumlungern, denn die Woche war anstrengend und der Samstag ohne Ruhepause.
Da ich aber schon vor einer Woche bekundet hatte, dringend auf den Schlachtensee mitzuwollen, riß ich mich zusammen. Fabrizierte aus Kartoffeln, Selleriestangen, Paprika, Zwiebeln und Tomaten einen seeeehr gesunden Salat, kuschte meinen inneren Schweinehund, der vernehmlich „Mittagsschlaf“ knurrte, in die Ecke und fuhr Richtung Elvirasteig.
Der Herr Lucky kam kurz nach mir in Verwandtschaftsbegleitung, anderen war es dem Vernehmen nach zu windig und so waren wir nur zu dritt und ohne den formidablen Herrn Glam, der der zur Stammbesatzung des Shantychores gehört, aber in den Harz abkommandiert war.
So hatte denn jeder ein Boot, hielt den dicken Bauch in die Sonne und die Augen weitgehend offen, um die anderen informieren zu können, wann mal wieder jemand vorbeischwamm oder -paddelte, den man sehr gern retten würde. Aber der einzige, der zutraulich wurde, war ein alter Herr der Sorte: „Wenn ich mich mager hungere und jede Menge Sport treibe, wirke ich 20 Jahre jünger“, der sich erschöpft festhalten mußte, um kurz darauf weiter zu schwimmen. Wahrscheinlich trainierte er für einen Triathlon.
Wir blieben, bis die Sonne verschwunden war. (und überhaupt war es nach zwei Stunden garnicht mehr windig und sehr sonnig), teilten die Boote neu auf, denn eines hatte sich sozusagen verdünnisiert, konnte die Luft nicht halten und ruderten in Ruhe zurück. Ich hatte mittlerweile sogar eine Technik gefunden, bei der ich mich nicht mehr nur im Kreis bewegte.
Das Abendlicht machte aus uns Normalos unglaublich schöne und entspannte Menschen, ich mußte immer wieder hinschauen.
UNd dann war ich nur noch müde.

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