20.8. 10

Nach einem Kaffee pilgerte ich in Richtung Hausarzt. Nichts Bedeutendes, nur einmal Vampirservice für die Schildrüsenwerte. Der Doc war auch gerade gekommen, hatte seinen Fahrradrucksack vorm Empfangstresen auf die Erde geschmissen und betete seinen Mädels noch mal die Standardantworten für die heutigen Kassenpatienten vor: XY ist zu teuer, das zahlt die Kasse nicht, nehmen Sie statt dessen Z. AB können wir gern machen, kostet aber soundso viel, wenn Sie das bezweifeln, rufen Sie bitte Ihre Kasse an.
Ich möchte derzeit nicht mit ihm tauschen.
Eine Freundin, die im Pflegebereich arbeitet, sagte mal zu mir, das deutsche Gesundheitswesen sei für die Patienten und Ärzte ein riesiger Selbstbedienungsladen gewesen, an dessen Ende keine Kasse stand. Nun, das ändert sich gerade. Das ist nicht angenehm. Nur will sich scheinbar auch niemand damit auseinandersetzen, wovon wir das allesamt bezahlen wollen.
Ich finde es immer wieder frappierend, daß richtig gute, renommierte Ärzte recht niedrige Rechnungen schreiben. Den Abkochern sieht man es meistens auch an.
Auf dem Rückweg von der Arztpraxis kaufte ich mir eine Streuselschnecke. Ich habe nämlich zunehmend das Gefühl, daß meine komischen Essensanwandlungen daher kommen, daß ich seit Jahren kein Brot vertrage und esse, irgendwas scheint in mir zu fehlen und wird hektisch verlangt. Ich teste jetzt mal nach und nach, was geht. (Also nicht nur Kuchen, aber die Lieblingsessen nehme ich doch gern mit.)
Ich arbeitete ein paar Stunden und ärgerte mich, daß meine Prokrastination mich in die blöde Lage versetzt hat, daß ich nunmehr noch eine Woche für die Smart Repair meines Autos habe, plus Lackierung. Ich hatte die Nummer des Autofritzen aus Strausberg versiebt und der meldete sich bei mir auch nicht mehr mit einem Kostenvoranschlag, weil er eher am Verkauf des Wagens interessiert war. Mist. Weiß jemand einen guten Reparateur in Berlin oder Brandenburgischer Umgebung? Den Lack muß ich nicht unbedingt machen lassen. Es ginge um eine abgeschabte, klarlackierte Leichtmetallfelge und den unteren Stoßfänger vorn, der vom Bordstein einige Risse hat, die geklebt und gespachtelt werden müssen. Autos sind einfach nicht mein Ding, abgesehen vom Fahren.
Als ich über Twitter einen Freund kontaktierte, der dies probehalber geschäftlich tut, fragte ich mich, ob es nicht an der Zeit sei, nicht überall als Kitty unterwegs zu sein. Einerseits ist der Name eingängig und merkfähig, andererseits ist es irgendwann wie mit diesen Spaß-Email-Adressen, die in bestimmten Bereichen überhaupt nicht mehr gehen, früher aber normal waren.
Ich habe mittlerweile kein Problem mehr damit, meine Anonymität zu lüften. Ich gebe meinen Beruf auf, der viel mit Diskretion und exponierter Stellung zu tun hatte, ich werde sicher in Zukunft nicht als Angestellte arbeiten, da ist es quietschegal, ob jemand weiß, ob ich am Abend vorher Party gemacht habe oder nicht. Nachdem ich die Änderung gemacht hatte, kam mir das blöd vor. Bestimmte Sachen kann nur Kitty Koma schreiben, Jana Kunath aber nicht. Ich gab mir einen Tag Bedenkzeit.

Um die Mittagszeit traf ich mich mit der Frau meta_morfoss, formerly known as Hühnerschreck auf ein persisches Essen. Sie war mal eben mit einem Wahnsinnstempo vom unteren Neufünfland nach Berlin gekommen. Es ist immer wieder eine Bereicherung, die engen Netzbekanntenschaften dann ins wahre Leben umzusetzen.

Ins Büro zurückgekehrt, führte ich ein paar Telefonate. Einige Leute, mit denen ich gut zusammengearbeitet habe, melden sich Freitags gern bei mir, um mit mir zwanglos zu plaudern. Das ist schön. Dann lasierte ich die neugekauften Holzplatten.
Irgendwie läuft in der nächsten Woche alles auf ziemlichen Streß hin: Auto abgabefertig machen, Seminar vorbereiten, Küche fertigstellen, Papierkrieg mit Frist etc. Mal sehen, wie ich das abfange.

Nach Arbeitsschluß quälte ich mich quer durch Berlin, in den Friedrichshain. Dort war der Laden, der mir die fehlenden Schläuche und Dichtungen für meinen Kühlschrank verkaufen konnte. Ich nahm auch noch einen Wassertest mit und weiß nun, daß das C-Burger Wasser ziemlich gut, aber doch chlorhaltig ist.

Den Abend verbrachte ich lesend auf dem Balkon. Ich bin derzeit zwar wenig empfänglich für Freizeitstreß und muß nicht bei jedem vermeintlich letzten Sommertag nach draußen stürzen, aber der milde Abend im Schein der Petroleumlampe war sehr schön.

Nachtrag: Als ich eine Facebook-Mail beantwortete, sah ich zum ersten Mal bewußt auf die für mich personalisierte Werbung.
Ein Tierheim bot per Foto niedliche Welpen an. Stayfriends wollte, daß ich Klassenkameraden wiederfinde. Und ein Laden namens eDarling wollte mich mit dem Foto eines graumelierten, normal-seriös aussehenden Mittfünfzigers (Spontanassoziation: Wasnndasfürnaltersack?) interessieren. Frauen von 46 scheinen für personalisierte Werbung also rückwärtsgewandte, mannigfach beziehungsaffine Wesen ohne sexuelle Ansprüche zu sein, die was zum Quatschen (Stayfriends), Knuddeln (Wauzi) und Versorgtwerden (älterer Herr) suchen.

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19.8. 10

Ein rasanter Morgenbeginn. Magen und Hirn noch vor dem Frühstück in Aufruhr und dann gab etwas in mir nach. Wie wenn man zum fünfundzwanzigtausendsten Mal ein klemmendes Scharnier betätigt und irgendein von außen völlig intakt aussehendes, wichtiges Kleinteil bricht. Kein Thema, das hier ausgewalzt werden sollte. Aber ich will es doch notieren. Meine Reaktion auf dieses winzige, schabende Knacken, das befreiende Gefühl danach, weil der Druck weg ist und das klamme Gefühl, weil etwas endgültig zerstört wurde, war lakonisch: Ok., so fühlt sich das also an. Dann muß ich jetzt ein paar Dinge in die Wege leiten.

Jetzt weiter im unverschlüsselten Text. Ich fuhr schon wieder in Richtung Möbelschwede und Baumarkt. Im Baumarkt sah ich mir Arbeitsplatten an. Eine hatte es mir besonders angetan: Hirnholz, 4cm dick, aber leider so in den Abmaßen, das ich hätte drei kaufen müssen. Das Bearbeiten wäre preiswert, aber mit 14 Tagen Wartezeit verbunden.
Ich fuhr zurück ins Büro, arbeitete bis mich der Mann abholte und wir wieder in den Baumarkt fuhren, um die Arbeitsplatten zu holen. Aber zuerst natürlich Möbelschwede. Pipifax kaufen. Badteppiche, Stauraumkisten. Kötbullar und Cola aus dem Pappbecher.
Dann zogen wir im Baumarkt eine Wartenummer, nach nicht mal einer halben Stunde konnte ich meinen Bewerb äußern. Inzwischen holten wir Leisten und Bretter, bekamen auch die zurechtgeschnitten und suchten die entsprechenden Schrauben und Beschläge. Mit der abenteuerlichen Konstruktion aus langen dünnen Kupferrohen, die an der Filterpatrone meines Kühlschranks hing, konnte mir leider keiner weiterhelfen. Ich wollte die Kupferrohre auf jeden Fall austauschen, der Kalk, den das Eiswasser an der Zapfstelle hinterließ, war bläulich verfärbt und ich war nicht umsonst vor einigen Jahren der Meinung, ich hätte mir eine Kupfervergiftung zugezogen. (der kleine Hypochonder läßt grüßen) Aber dafür mußte ich wohl zum Profi gehen, denn so kleine Schneidringverschraubungen hat kein Baumarkt.
Unsere Baumarktodyssee dauerte wirklich 4 Stunden. Ich war dem Mann dankbar, daß er mitmachte, denn in mein Auto hätten die Sachen nicht reingepaßt.
Im Baumarkt begegnete mir ein schönes junges Mädchen, das eine wunderbaren Hui- und Pfui-Mischung war. Sie hatte eine nette Figur (was ja in dem Alter keine Leistung ist) und eine braune Harrmähne, trug einen Hinkucker von Strickkleid mit schwarz-weißen Blockstreifen und eine große Sonnenbrille (naja), dazu schlurfte sie leider laut hörbar auf Gummibadelatschen durch die Gegend und kaute mit offenem Mund Kaugummi.

Kurz vor dem Nervenzusammenbruch luden wir in Schöneberg ab. Ich arbeitete bis zum Abend am Schreibtisch nach und fand bei einer Recherche tatsächlich heraus, das der Laden, der mir den Filter für den Kühlschrank geschickt hatte, auch das andere Zubehör führt: Plastikschläuche, Quetschverbindungen, Adapter. Nix Kupferrohr.
So zeichnete sich langsam eine Logistik ab:
letzten Hängeschrank demontieren
Wände zu Ende streichen
restlichen Fußboden scheuern und bohnern
Buchen- und OSB-Platten lasieren
Kühlschrank ans Wasser anschließen
endgültig aufstellen und die klemmenden Türen justieren (grmpf)
und dann konnte es an den Aufbau der Arbeitsplatten gehen.
So langsam habe ich wirklich die Nase voll davon, ich will endlich (!!!) fertig werden.

Der Abend verlief ruhig. Ich gönnte mir Asifernsehen auf RTL II, Frauentausch. Früher fand ich das ja mal sehr lustig, weil authentisch. Aber je mehr diese Dokumentargeschichten auf eine Story gestrickt und sichtlich inszeniert sind, ärgern sie mich.
Diesmal blieb ich hängen, weil ein so schöner Culture-Clash stattfand. Afrikanische Hausfrau mit weißem Mann aus der Großstadt versus eßsüchtige, alleinerziehende Provinzmama. Die Sache war schnell auf den Punkt gebracht: Die Aufsteigerin sagt, Geld mache glücklich und sieht in Wohlstand, Konsum, Sauberkeit und Versorgtwerden ihr Existenzziel – für die Versorgung ist ihr Mann zuständig. Es fällt der schöne Satz: Ich will Sachen, Liebe hab ich genug. Die Absteigerin behauptet, Geld mache nicht glücklich, sie zieht ihr Wohlgefühl aus (nicht ganz freiwilligem) Verzicht, der Liebe zu ihren Kindern und der Verachtung bürgerlicher Tugenden. Putzen, Aufräumen, Arbeiten nur so lange es Spaß macht und es macht nicht lange Spaß, wenn Kühlschrank und Fernseher locken. Der Punkt Versorgung durch einen Mann existiert nicht mehr, sie bezeichnet ihr Zimmer als „männerfreie Zone“.
Eine neben dem ganzen zusammengeklitterten Unterschicht-TV-Klamauk eine schöne Studie über Frauenrollen.

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18.8. 10

An Morgen traf ich nach vier Wochen den Unternehmensberater wieder. Innerhalb einer Stunde hatten wir gemeinsam das, wofür ich allein Wochen gebraucht und kein zufriedenstellendes Ergebnis zusammengebracht hatte, in eine Form gebracht und eine gute Basis für meine weitere Arbeit an der Homepage geschaffen. Ich frage mich wirklich, warum ich das nicht allein kann. – Oder anders formuliert: der Unternehmensberater ist als Katalysator für die Neuformierung meines Gedankengemenges wirklich sein Geld wert.
Sofort nach Büroankunft buchte ich meinen Sardinien-Flug für Ende September. Ich wollte nicht Geld drauflegen, wenn ich zögerte. Ich bin sehr gespannt, wie die Insel im Spätsommer ausieht.
Dann fraß ich mich durch Papier und strickte an der Homepage, wenigstens das ging manierlich voran.
Dann kam mein klassischer 2-Stunden-Blackout. Diesmal kämpfte ich nicht noch eine Stunde, sondern legte mich gleich hin, denn am Abend hatte ich noch einen Termin.
Nach einem Jahr Vorarbeit rückt der Termin für die Seminarreihe näher, für die ein Freund mich und einen anderen guten Freund mit in die Mannschaft genommen hat. P. ist seit Jahren Trainer für Auftritte und Präsenz. Er beschäftigt sich mit so angstbesetzten Momenten, in denen Leute vor ein Auditorium gehen und eine Rede halten müssen. Diesmal arbeiten wir mit Studienabsolventen, die gerade das Bewerbungsrattenrennen starten. Ich mache die Einzelgespräche, P. das Gruppentraining und M. ist der „Karmamann“ an der Kamera.
Zudem bin ich sehr gespannt, was das mit mir und der Schlafsucht wird, wenn ich 8 Stunden an der Front stehen muß. Ich werde nächste Woche meinen Doc ansprechen, ob es da irgenwelche netten Pillen gibt, die mir über die jeweils 2 Tage helfen, bis die Ursache geklärt ist.
Als die Herren nach dem Meeting begannen, ausschweifend Pläne über weitere Projekte zu schmieden, seilte ich ich ab. Denn das Projekt, das mich derzeit am meisten fordert, ist meine Küche. Ich fuhr zum Möbelschweden und kaufte noch schnell die Spüle und das Regal, da schloß der Laden auch schon.
Wie haben wir das eigentlich früher gemacht, als alle Geschäfte um 19 Uhr schlossen? Kann es sein, das wir weniger eingekauft haben?

Der Abend endete auf im Lesesessel und bald darauf im Bett. Ich hatte mir wieder einmal die Tales of the City vorgenommen und war wie immer fasziniert davon, daß ein Großteil unserer heutigen mentale Verfassung und und kulturellen Werte in den 70ern in Städten wie San Franzisco geboren wurden.

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17.8. 10

Wieder ein früher Tagesbeginn. Der Ranger hatte sich im Büro angesagt, weil ich ihm bei einer Facebookgeschichte helfen sollte. Ich räumte das Büro auf, stellte die Induktionsplatte auf den Küchenhocker, suchte die Espressokanne und zwei Tassen aus den Kisten und kaufte Milch für den Kaffee. Wer nicht kam, war der Ranger. Am Abend erfuhr ich, daß ihm schon wieder einmal eine Herzgeschichte dazwischenkam. Er machte schon ein Witzchen: Immer wenn wir uns treffen wollen, spielt mein Herz verrückt.
Ich hangelte mich so durch den Tag. Schlief meine üblichen zwei Stunden und machte bis in den Abend Hausaufgaben für den Unternehmensberater. Die Homepage ist seit 14 Tagen überfällig und mit dem, was ich dafür geschrieben hatte, war ich zum Schreien unzufrieden. Also bastelte ich noch eine Weile daran herum. Besser wurde sie nicht dadurch. Ich versteckte mich hinter Wogen von Geschwafel. So langsam wird es Zeit, daß ich mich zeige.
Dann recherchierte ich Sardinien-Flüge. Wenn der Herbst in Deutschland vor der Tür steht, möchte ich noch mal auf die Insel. Das finden mit mir allerdings auch eine Menge anderer Leute, wenn ich die Flugpreise und die freien Plätze so ansah.
Gegen neun Uhr brach ich die Zelte in Schöneberg ab. Gruselig, um dise Zeit ist es fast schon wieder dunkel. Ich fuhr nach C-Burg, schmierte mir ein paar Brote und haute mich vor den Fernseher. Seit Wochen strandete ich am Dienstag abend vor der Glotze und sah mir CSI Miami und anschließend Monk an. Zwei Serien, die im Stil nicht unterschiedlicher sein konnten. So langsam wird eine Gewohnheit aus diesem Fernsehabend. Aber wenn ich mittags schlafe und bis neun Uhr arbeite, komme ich zu nix anderem mehr.
Wie soll es auch anders sein, gegen 11 Uhr war ich dann schon wieder so müde, daß ich mich ins Bett trollte und beim Schein der Nachttischlampe einpennte.

Was diese Schlaferei betrifft, weiß ich noch nicht, wie das weitergehen soll. Ich hatte vor 6 oder 7 Jahren eine ähnliche Phase, da war unter anderem mein Schilddrüsenhormon falsch eingestellt. Hm. Wenn ich das jemandem erzähle, denken die meisten Leute, ich spinne. Aber ich werde mittags so müde, daß ich nicht mehr denken kann. Ich habe dann nur noch einen Gedanken: hinlegen. Wenn das nicht geht, werde ich knatschig wie ein kleines Kind oder aggressiv. Wenn ich dann liege, tauche ich für 2-3 Stunden ab, ohne mich zu drehen oder zu bewegen. Ich komme irgendwann aus dem Nichts unglaublich langsam wieder hoch und liege noch in der selben Position, nur tut mir mittlerweile alles weh, weil ich mich nicht gerührt habe. Wenn ich aufstehe, bin ich die erste Stunde kaum ansprechbar. Fürchterlich.
(Dies war übrigens ein Beitrag zum Kapitel: Der kleine Hypochonder)

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