1.9. 10

Morgens begannen die ersten „ich hab kein Auto!“-Logistikprobleme. Vorm Termin mit dem Unternehmensberater noch mal ins Büro, den Laptop und Papiere abholen, die ich am Abend nicht auf dem Rücken nach C-Burg trandportieren wollte. Tja, entweder buckeln oder früher aufstehen.
Beim Unternehmensberater ging es nun in die vorletzte Stunde. Ich bin sehr glücklich, daß ich diese Chance hatte. Nicht, weil riesige Businesspläne dabei herausgekommen sind, sondern weil er mir behutsam und fordernd dort geholfen hat, wo es bei mir total klemmte. Oft habe ich mein Kopfchaos erst bei ihm sortieren können.
Er hat mir im schwersten Berufsjahr ever zur Seite gestanden. Ich kam vor einem Jahr zu ihm und war ein durch den Wind geschossenes Panikbündel. Nichts, womit ich einmal erfolgreich war funktionierte mehr und vor allem ich funktionierte nicht mehr.
Er hat mir Binsenweisheiten beigebracht, z.B. vor dem Beginn eines Jobs einen Preis zu verhandeln (das mußte ich ja nie, ich war 15 Jahre mit festen Prozenten erfolgsabhängig bezahlt) und mich mit der Nase beharrlich auf meine Qualitäten gestoßen.
Nun löste sich noch ein letzter Bann. Ich wollte Technikerin werden im neuen Beruf, damit ich mich nicht wieder an Menschen aufreibe.
Ich sträubte mich mit Händen und Füßen gegen den Berufsbegriff Coach oder Trainerin. Allenfalls Beraterin ließ ich gelten.
Nach dem Seminar am Wochenende wußte ich, daß ich nach wie vor mit Menschen arbeiten kann und will. Damit war auch endlich der Ansatz für die Hompage klar, an der ich schon seit Wochen erfolglos rumdokterte, weil sie mir nicht stimmig erschien.
Gut so.
Den Rest des Arbeitstages verbrachte ich mit dem Auspacken der letzen Umzugskisten. Langvermißte Küchenutensilien kamen zum Vorschein. Der Versuch, auf der Induktionsplatte mit der Edelstahl-Espresso-Kanne Kaffee zu kochen, scheiterte leider. Die Kanne ist zu klein, das merkt das Gerät scheinbar und schaltet sich sofort wieder aus, nicht ohne vorher hysterische Pieptöne von sich gegeben zu haben. Die Küche hat nun die Ausmaße einer Schiffskombüse. Es ist alles da, aber sinnvoll verpackt. Das ist schon gewöhnungsbedürftig. Zwei Leute passen garnicht rein. Das ist eine Solokochanstalt.
Es blieben zwei Kisten mit Tüdelkram übrig. Modeschmuck, Schönheitshelferchen, Damenaccessoires. Wo ich die hinpacke weiß ich noch nicht. Die Frisierkommode von Oma muß ich erst aufarbeiten und sie ist sicher zu groß für den kleinen Raum. Und das elgante Art-Deco-Stück, das mir seit Jahren vorschwebt, habe ich bisher weder gefunden, noch könnte ich es derzeit bezahlen.

Fakt ist, daß mit den Dingen, die mich in früheren Wohnungen umgaben hier nun auch eine Art Lebensmittelpunkt entsteht. In C-Burg, in der Wohnung des Mannes, bin ich nach wie vor nur zu Gast. Meine wenigen Dinge prägen sie nicht, sondern sie sind eher störende Stehrumchen oder sie sind verborgen. Schauen wir, was das mit mir und mit uns anstellt.

Der Abend war ruhig, ich war sehr müde und fiel nach einer Folge „Private Pratice“ mit Socken und Zweitdecke ins Bett.

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31.08. 10

Einer der Tage, die Nestchenendspurt bedeuten.
Doch zunächst badete ich morgens in aller Ruhe. Da ich momentan allein bin, darf ich das, ohne Genöle wegen der Warmwasserkosten. (Daß andererseits unter fließendem Heißwasser abgespült wird und die Heizungen nachts bei offenem Febster laufen, ist ja was gaaaanz anderes.)
Im Nestchen strich ich den letzten Rest Küchenwand, der sich in einem Einbauregal befand und putzte die Bretter blank. Ein klemmendes machte ich mit der Stichsäge gleich noch passend.
Dann befestigte ich noch ein Standregal an der Wand.
Die ganze Küchenkonstruktion ist schon abenteuerlich. Abgezirkelt eng (Geschirrspülen mit angelegten Ellenbogen) und in die Höhe gebaut, weshalb auch ein Tritt oder besser eine Leiter in Reichweite sein sollten.
Das Gaskochfeld hatte ich noch nicht installiert, ich wollte erst sehen, wo es genau hinkommt.
Zwischendurch kam noch eine Mail der Uni, an der wir das Seminar gehalten hatten: Gratulation für das hervorragende Feedback der Studenten, man freut sich auf die nächsten Termine.
Dann begann ich, die restlichen Kisten auszupacken. Es kamen jede Mange Küchenutensilien zum Vorschein, die auch schnell verstaut waren, aber leider fand sich auch noch jede Menge Blödkram, der noch keinen rechten Platz hat. Wohin mit Borten im Art-Deco-Muster und Spitzentaschentüchern von Oma? Wegwerfen rächt sich dann doch, denn gerade jetzt zum Beispiel könnte ich die bestickten leinernen Überhandtücher gebrauchen, um mein Gläserregal vorm Kochwrasen zu schützen.
Am späten Nachmittag hing mir dann der Magen in den Kniekehlen, ich hatte vergessen, zu essen und meine mittägliche Portion Schilddrüsenhormon lag in C-Burg. Deshalb brach ich Richtung des vollen Kühlschranks, Sofa und Bett auf.

Ich weiß nicht, woran es liegt, aber zu meiner großen Freude kommt mein Körper wieder mit Weizenmehl zurecht. Vollkorn ist immer noch eine Katastrophe, aber Weißbrot funktioniert.
Das nutze ich natürlich aus, solange es sich hält. Deshalb aß ich gestern abend ein gegrilltes Ciabatta mit Käse und Schinken. 10.000 Kalorien und mehr Lebensfreude. Ha!

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30.8. 10

Ich würde mir ja wieder mal ein paar langweilige Tage wünschen.
Dieser Montag nun war der große Tag meiner Autorückgabe. Mein freundlich-protziger Panzer war mir im letzten Jahr doch eine ziemliche Last geworden. Obwohl ich ihn nach wie vor mochte, er war einfach ein gutes Stück Technik.
auto
Ich schwankte in den letzten Wochen immer wieder zwischen dem Gefühl, mich von dem Auto längst verabschiedet zu haben und dem Drang, noch mal richtig Stoff zu geben.
Nun wars also vorbei. Ich saß beim Händler und die Wertschätzungsfredis diskutierten ewig. Ich ging sogar zwischendurch mal zum Mittagessen und zu einem Termin. Nach meiner Rückkehr meinte der Verkäufer: Ich hole nur noch die Unterlagen! und verschwand eine weitere halbe Stunde.
Was mich in Habacht-Stellung gehen ließ. Wenn ich jetzt eine exorbitante Rechnung auf den Tisch bekäme, hätten sie ein Rendezvous mit meinem Anwalt gewonnen.
Aber es blieb alles beim Alten. Der Schaden vom umgefallenen Verkehrsschild war ohnehin ein Versicherungsfall. Im Gehen stellte ich mir vor, was für eine Möhre ich irgendwann im nächsten Jahr fahren würde. (Der 18 Jahre alte Mazda 121, den ich meiner Tochter für 600 Steine gekauft hatte, tat es auch ein Jahr lang.)
Aber nun erst mal: keine Parkplatzsuche, kein Fluchen über angedetschten Lack, keine Taxikosten im Winter um das Auto zu schonen. Dafür nun das Roulette des öffentliche Nahverkehrs und die ungewollte Nähe von Menschen.
Den Nachmittag und Abend verbrachte ich sehr ruhig. Der Rest der Woche würde rasant genug sein. Und manchmal ist es verdammt komfortabel, 180 cm Bett für sich zu haben.

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26.-29 8. 10

Ereignisreich.

Den Donnerstag verbrachte ich noch mit Schraubereien. Ich hatte mir vorgenommen, daß am Abend zumindest das Spülbecken funktioniert. Voilá:

spuelek

Nichts tropft und meine abenteuerliche Spültisch-Konstruktion wackelt auch nur noch ein bißchen.
Ich ging früh ins Bett, obwohl ich doch ziemlich aufgeregt war. Das Seminar sollte um 10 Uhr beginnen. Ich hatte zwar nur 4 Stunden direkte Arbeitszeiten für die Einzelcoachings, aber gerade die kleinen Videobotschaften, die danach im Teamwork entstehen sollten, waren komplettes Neuland.

Schon am ersten Tag begann die Kette eines Technikdesasters, die bis zum Ende des zweiten Tages nicht abreißen sollte.
Als da wären:
– Crash der externen Festplatte mit der Präsentation
– DVD aus dem Camcorder mit aufgezeichnetem Arbeitsmaterial nicht lesbar (I)
– der vom Veranstalter gestellte Fernseher war so alt, daß er unsere Camcorder-Bilder nicht wiedergeben konnte, der Beamer hatte keinen Ton-Anschluß, wir brachten am nächsten Tag einen eigenen Fernseher mit
– die Hälfte der Videobotschaften ohne Ton, da im Mikro keine Batterie war
– DVD aus dem Camcorder mit aufgezeichnetem Material nicht lesbar (II) – hier waren auch die mit Ton nachproduzierten Sachen betroffen

Die DVD-Probleme lassen sich sicher lösen, denn da hatte wahrscheinlich nur die Finalisierung nicht funktioniert. Und das mit dem Ton passiert mit Sicherheit nicht noch mal. Aber diese Schlappen sollten jetzt die Fehlerstatistik für die nächsten 3 Seminare ausgeschöpft haben.
Ich für meinen Teil war froh, daß ich mit der Technik nichts zu tun hatte. Dafür bekam ich von Kameramann und Regisseur kurzerhand den Hut für die Videobotschaften aufgesetzt, denn ich wußte nach den Einzelcoachings am besten Bescheid, was wir überhaupt drehen wollten.
Also doch eine Menge Arbeit und viel Konzentration. Aber ich übestand alles glücklich und ohne Hänger.
Das Feedback auf unsere Arbeit war sehr positiv. Ich bekam nebenbei die Empfehlung mich als Coach im Career-Center der Schule zu bewerben, man könne mich gebrauchen. Mal sehen, ob das nicht nur Blabala war.

Die Studenten waren eine ganz andere Kategorie als wir früher. – Wobei ich ja noch richtig studiert habe, mit sehr intensiver Lehre und kleinem Studentkreis – in der Regelstudienzeit. Aber ich kenne auch das eine oder andere Expemplar, das sich 10 Jahre lang mit Klassenkampf, Kiffen und Taxifahren beschäftigte.
Hier waren sie zwischen 19(!) und 24 Jahre alt und mehrheitlich fast fertig mit dem Wirtschafts-Studium. Zwei Frauen waren mit Mitte 20 und Mitte 30 die Omas vom zweiten Bildungsweg.
Sie sprachen mindestens noch eine Fremdspache fließend, ich hörte aber öfter, daß gutes Englisch keine herrausragende Qualifikation mehr sei, es sollte mindestens noch Spanisch oder Französisch in gleicher Qualität dazu kommen.
Sie waren allesamt sehr unerfahren und versuchten das durch stromlinienförmiges Business-Sprech zu kompensieren. Individualität und eigene Meinungen schienen nicht viel zu zählen.
Zwei versuchten sich in Uniformen mit Hemd, Schuhen und Piaget-Uhr bzw. Kostümchen und hohen Schuhen. Auf eine meiner ersten Fragen kam das Kind dahinter, das unbedingt mitspielen will, zum Vorschein.
Ich schwankte zwischen Mitgefühl, Respekt und (komischerweise mit einem Tag Verspätung) Entsetzen.
Die Leute, die ich aus großen Unternehmensberatungen kenne, sind nicht nur frühvollendet, mehrsprachig und intelligent, sie sind auch allesamt sehr eigen. Ich frage mich, ob die jungen Leute das nicht Individuelle an sich zeigen wollten, weil es dort niemanden interessiert oder ob sie wirklich nichts dergleichen haben.

Ich hatte in meinem Einstiegsfragebogen stehen: „Wofür engagieren sie sich?“ und betonte immer wieder, daß jede Antwort erlaubt sei. Es kam manchmal die Antwort: Sport. Einer meinte, daß mein Hinweis richtig sei. Er müßte sich ein Hobby anschaffen, wie Basketball (schnelle Teamsportart!), damit er in Zukunft solche Fragen korrekt beantworten könne.
Hm. Ich glaube aber, davon geht die Welt nicht unter, sondern das wächst sich aus.
Wir waren schließlich früher auch alle scharf darauf, einmal bei Heiner Müller auf einer Party gewesen zu sein. Einer brüstete sich sogar damit, bei ihm auf dem Klo den ganzen Abend Westzeitungen gelesen zu haben. Selbstverständlich nannten wir ihn alle nur noch „der Heiner“ und wir sprachen auch sehr uniform, am liebsten „problematisierten“ wir irgendwas nebensächlich-exotisches.

Am Samstag abend summte mir der Kopf und doch war ich müde. Ich freute mich auf einen verschlafenen Sonntag im Bett.

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