Das mit dem Quilt-Sticheln ist ja alles schön und gut, aber eigentlich fehlt mir für Handarbeiten inspirierende weibliche Gesellschaft.
Vielleicht sollte ich einen Stick- und Strick-Zirkel ins Leben rufen?
Oder gibts so was schon im digitalen Berlin?
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Walpurgisnacht mit Moslems
Das alljährliche Lammessen im Kleingarten an der ICE-Strecke bei der bosnisch-kroatischen Fraktion des Bekanntenkreises fand diesmal schon am 30. April statt, anstatt am 1. Mai. Der Bruder des Hausherren mußte am Montag im Allgäu zur Arbeit erscheinen und 1. Mai, Slijvovica und Rückfahrt quer durch Deutschland beißen sich ein wenig.
Am Samstag mittag saß das Subjekt meines Entzückens noch auf dem Balkon und wähnte sich so entspannt wie im Urlaub, während ich Möhren und Zucchini für einen gesunden Salat schnippelte.
Eigentlich waren die Schwarzwälder-Kirsch-Muffins schon gebacken. Aber irgendwie überlebten sie die zwei Tage bis zum Einladungs-Termin nicht und so wollte ich Karmapunkte mit gesunder Rohkost sammeln, um mich um so mehr an dem kleinen gebratenen Tierchen schadlos halten zu können, um hinterher zur Verteilung der Völlerei um so mehr selbstgebrannten Yugo-Schnappes* trinken zu können.
Mit dem Salat radelte ich dann zur ICE-Strecke am Olympiastadion.
Da saß die ganze Gesellschaft schon am Tisch und feierte. Seelenvoll, spitzzüngig (wir führten unter anderem Dispute, ob Hilti nicht demnächst auch Vibratoren herstellen sollte), handfest und fröhlich.
Der Gastgeber zeigte die Fotos des Hauses herum, das er in Bosnien innerhalb von drei Monaten für seinen Vater gebaut hatte. Allein, nur mit Handlangern, ohne Genehmigungen, Architekten und Statiker. Einzig für das Dach kam jemand, der nur Dächer baut.
Das Lamm war wie immer göttlich. Schließlich kommt es aus dem Pizzaofen des Nachbaritalieners. Und dann Kuchen und der Schnaps. Oh Mann. Aus Pflaumen oder Birnen oder gemischt, wie es mundet. Er stand in Plastik-Wasserflaschen auf dem Tisch. Was sich übrigens letztens als sehr sinnvoll erwies, als Diebe in die Laube eingestiegen waren und alle wervolleren Getränke gemaust hatten. Die ollen Wasserflaschen ließen sie stehen.
Mein Versuch, den guten Leuten die Walpurgisnacht zu erklären, erntete nur unsicheres Lächeln. Frauen jeden Alters, die nackt auf einen Besen steigen und zur Unzucht fliegen. Hexenverbrennungen in der Oberlausitz. Die spinnen, die Deutschen.
Nach Sonnenuntergang wurde es bitter kalt. Ich wärmte mir die nackten Füße am Grill, auf dem gerade das zweite Lämmchen in einer Riesenpfanne schmorte und hörte Musik aus diesem genialen Teil und sang mit den anderen zur Samstagsabendmukke von Radio Paradiso mit. Ein Lagerfeuer wäre nett gewesen, aber da hätte uns die Deutsche Bahn gehauen.
Wir packten etwas später schnell zusammen, mittlerweile alle bibbernd, die Kälte schlug uns in die Flucht und das restliche Lämmchen wurde aufgeteilt. Und so radelte ich durch die leeren Berliner Straßen in Richtung Beauty Hills, sang mir eins und rülpste immer mal vor Sattheit. Die Polizei hatte zu meiner Erleichterung in Friedrichshain und Prenzlauer Berg zu tun. Der Alkoholpegel hätte mich sicher den Führerschein gekostet.
*Der wirkt digital. Entweder du hast am nächsten Morgen keinen Kopf oder keinen Kopf mehr.
Sehr schön auch der Fakt, daß die Hersteller des Schnapses samt und sonders Moslems sind.
Gestammel
Das ist immer noch nicht druckreif, was passiert.
Aber schön isset.
Erso: Dein Shirt hat tolle Ärmel.
Ickeso: Echt jetzt? Aber die sind viel zu kurz.
Erso: Ja, deshalb, deine Arme sehen da drin toll aus.
Ickeso: *kulleraugen* Die sind doch aber so dick geworden?!?
Erso: Die sind toll!
Ickeso: *schmelz*
Und tolle blaue Augen mit dichten dunklen Wimpern.
Family Therapy
Familie, das ist das Netz, das dich trägt. Zäh gewebt aus Blut, Tradition und Gefühlen. Manchmal zur Überraschung aller leicht und schwebend, oft harsch, derb, in die Abgründe der anderen mitreißend.
Die Großmutter, die am wenigsten Freude am Leben hatte, ist nun 90 geworden.
Das Leben sah aus ihrer Sicht so aus:
Krieg: Mann nicht da, Kind stirbt fast nach der Geburt. Nachkriegszeit, Tuberkulose, Heilstättenaufenthalte, andere schwere Krankheiten (Gallensteine, Zysten, Myome etc.), Mann hat einen Herzinfarkt.
Die 70er: Mann stirbt mit 52, Witwendasein, plötzlich arbeiten müssen wegen Rente und Lebensunterhalt, Kinder kümmern sich nicht genug, Fürsorge für Enkel und Urenkel, nahe Nachbarin stirbt plötzlich, kein Mann ist wie der Verstorbene.
Die Jahrtausendwende: mehr Krankheiten, Einsamkeit, unaufhaltsames Alter, kein Kontakt zu den ohnehin raren Freunden, die Kinder kümmern sich, aber es ist nicht genug.
Ich gebe mal eine andere Sicht dagegen:
Krieg: Mann muß nicht an die Ostfront, ist nicht lange in Gefangenschaft, Kind überlebt schwere Erkältung mit drei Wochen.
Nachkriegszeit: die Tuberkulose überlebt, Kind ist sehr klug und fit, Mann macht Karriere, sie muß nicht arbeiten gehen, kann sich um ihre Gesundheit und die Familie kümmern.
Die 70er: Nach dem Tod des Mannes holen die Kinder sie in ihre Stadt und helfen ihr beim Berufstart, tolle Nachbarn, noch nicht zu alt für einen zweite Ehe, mehr Wohlstand durch viel Fleiß.
Die Jahrtausendwende: Hohe Witwenrente nach dem Mauerfall durch Bergmannsjahre des Mannes, Tochter kümmert sich sehr, trotz diverser Alters-Krankheiten klar im Kopf und fit, gute medizinische Versorgung, WG-ähnliche betreute Wohngemeinschaft.
So unterschiedlich kann man ein Leben beschreiben. Für meine Oma war das Glas immer halb leer und sie konnte auf keinen Fall etwas an ihren Lebens-Umständen ändern. Glücklich waren nur die anderen. Weil sie mehr hatten, bekamen, waren. Darüber beklagte sie sich immer, anhaltend, sehr laut und bei jedem. Und dann straft sie der liebe Gott auch noch damit, daß sie sich bis zum 90. Lebensjahr anzusehen hat, daß es anderen besser geht.
Sie schnitt sich aus Fotos heraus: Ich kann meine häßliche Fresse nicht sehen, später kommt sie garnicht mehr mit auf Fotos, sie betonte, weder singen, noch malen zu können, überhaupt ist ein Standardsatz „ich kann das nicht“, Menschen, die sich mit Freundschaftsabsicht annähern, findet sie blöd.
Selbst schöne Momente werden am Schluß irgendwie kaputtgemacht. Am Schluß jedes schönen Festes beginnt sie einen Streit, es kündigt sich schon eine Stunde vorher an, wenn sie immer stiller wird und ihre Mundwinkel nach unten rutschen, während um sie herum alle fröhlich und ausgelassen sind. Weil irgendwer sich falsch verhält, etwas falsches sagt, weil sie gerade jetzt mit jemandem schon immer etwas klären wollte, weil es ihr plötzlich nicht gut geht, etc., etc.
Schade eigentlich. Die alten Fotos zeigen eine vielleicht etwas angespannte, aber sehr schöne Frau mit dunkelblauen Augen, blonden Haaren, schönen Beinen und reiner, sahneweißer Haut.
Gestern saß ein altes Frauchen mit Witwenbuckel im Kreise der Verwandten. Eine Mischung aus heimlicher Freude, Genugtuung und böser Bitternis austrahlend.
Wenn Familie für etwas da ist, dann auch, um sich zu vergleichen.
Vielleicht haben ich meine depressiven Anfälle von ihr geerbt. Auf dem Gang zum Festort nahm sie mich beiseite und fragte mich, ob ich im letzten halben Jahr nicht auch Gedanken an Selbstmord gehabt hätte. Meine Antwort ließ sie zufrieden mit dem Kopf nicken.
Nein Oma. Wir stammen zwar aus dem selben Genpool, aber ich ziehe es immer noch vor, Schwierigkeiten zu überwinden und Glück zu genießen.