Fast eine Woche

Die große Ungerechtigkeit des Lebens ist, dass es, je älter man wird, um so schneller verläuft. Zumindest gefühlt. Warteten wir als Kinder unendliche Stunden auf das versprochene Eis am Nachmittag oder sich wie Jahre ziehende Tage auf den in zwei Wochen avisierten Geburtstag, ist heute in einem Wimpernschlag ein Tag herum und in zwei Atemzügen eine Woche.
Wenn ich dann meine Eltern sehe und merke, dass ich noch 20, 25 gute Jahre habe, wird mir etwas anders. Gerade mit dem Kraft- und Ressourcenproblem, mit dem ich mich herumschlage wird das schon immer in meinem Leben existente Gefühl, dass ich noch so viel schaffen und erfahren will, noch prekärer. Ich würde mir sehr wünschen, dass das mit der Wiedergeburt wahr wäre. Dann könnte ich all die Leben führen, die in dieses nicht hineinpassten. Und vielleicht ist das ein Thema für ein paar weitere Blogposts.

Der Post, in dem ich meinen 5. August beschrieb, hat mir eine Trafficexplosion beschert. Da haben sich zwei Leute zwei Tage lang sogar durchs ganze Blog gelesen. Das ist sehr berührend, danke! Überhaupt finde ich die Aktion sehr schön, weil ich wieder einmal in Blogs jenseits meiner Filterbubble lese. Junge Mütter, Familienarbeiterinnen, Frauen mit Kind im Beruf – aber zu größten Teil nicht in Berlin, was noch einmal eine ganz andere Lebensrealität bedeutet. Von der typischen Vorstadthausfrau, über die Landfrau bis zur cabriofahrenden Yuppiedame ist alles dabei. Das ist superspannend zu lesen.

Aber noch mal zurück zur Lebenszeit. Ich baue gerade an einem stabilen Tagesablauf. Mein jahrelanges Selbständigendasein in einem Beruf, bei dem ich ständig Feuerwehr spielen durfte, hat mir eine vorindustrielle Existenzweise beschert, bei der nichts einem Zeitregime unterworfen war, alles am Schluss aber geschafft sein musste. Das klingt zwar paradiesisch, hat aber den blöden Nebeneffekt, dass ich mich ganz gern mal bei bestimmten Sachen verspiele und so gar kein Gefühl mehr dafür habe, wann es reicht bzw. wie viel Aufwand ich in was stecke und mich nur wundern muss, warum ich mal wieder erschöpft auf den Schlafplatz krieche.
Die zwei bis drei Stunden klarer Konzentration muss ich in den ungestörten Vormittag platzieren. Hier kann ich dann Sachen erledigen, die einen Termin oder eine Frist bzw. Verantwortung gegenüber anderen haben.
Alles, was nach dem Mittagsschlaf passiert, ist nice to have und muss nicht zu einem bestimmten Termin fertig sein oder fordert nicht meine verabredete Anwesenheit mit klaren Sinnen.
Das ist natürlich nicht in Stein gemeißelt, aber verdammt, ich muss es langsam mal lernen mit meiner knapp gewordenen Ressource Leistungsfähigkeit umzugehen. Das heißt, der 2-3-Stunden-Kern ist ein schützenswertes Gut. Wenn ich abends oder nachmittags einen Termin habe, darf ich vormittags eben rumdallern und meine Kräfte schonen. (Diese Scham, das aufzuschreiben.)
Was nun noch fehlt, ist der Timeslot, anderthalb Stunden für einen Dauerlauf mit Erholung oder noch mehr für einen Schwimmbadbesuch unterzubringen. Laufen stinkt immer noch, zu anstrengend und deprimierend. Schwimmbad hat den Nachteil von Hinfahren, Klamottenwechsel und vielen anderen Leuten mit der gleichen Idee. Aber ich muss da ran. Es tut mir gut, das weiß ich.
(Manchmal gibt es einen Klick und es klappt. Ich war diejenige, die früher immer eine Korona von benutzten und fallengelassenen Sachen um sich herum hatte. Obwohl mir meine Unordnung so widerlich war wie Ungewaschenheit. Jetzt räume ich auf. So etwas ändert sich, wenn man merkt, dass das Leben davon leichter wird.)
Letzte Woche hatte ich diese Zeiteinteilung gut durchgehalten und vormittags den wichtigsten Papierkrieg erledigt. Jemand, der an der Fähigkeit krankt, am Schreibtisch zu sitzen, muss sich an den Schreibtisch setzen, um sich das anerkennen zu lassen. Nun gut.

Nachmittags war Zeit zum Denken und Planen und für den Hausfrauen-Teil meiner Existenz. Das blaue Schleifenkleid ist fertig. Ich habe die Fertigung von vorn bis hinten fotografiert, das gibt noch mal eine kleine Galerie mit Kommentaren, das „und so sehe ich damit aus“-Foto fehlt noch.
Kohlrouladen oder wie Holgi meinte „Tarnmett“:


Kohlrouladen, wie so viele andere Gerichte, brauchen volle Zuwendung und Aufmerksamkeit. Das ist Slow Cooking. Ich erinnere mich gern daran, die Oma Charlotte oder die Großtante Lisbet mit Hingabe und Zeit kochten. Zeit, die sie hatten, weil u.a. Kochen ihr Job war. Also nix huschhusch zusammenrühren und ab in den Ofen wie bei meiner Mutter, für die das nebenbei und obendrauf war, sondern stundenlanges Vorbereiten von marinierten Heringen oder Wickelklössen (bei uns gab es die Ergebirgsvariante). Gebunden ist das Tarnmett übrigens mit Leinenfaden aus dem Kurzwarenladen der Urgroßeltern, der mittlerweile 80 Jahre alt sein muss.

Was die Näherei betrifft, so hole ich gerade die letzten 20 Jahre nach, in denen ich aus Zeitmangel nur noch sporadisch tätig war. Im Moment habe ich einen Output wie 1986. Ich bin wieder im Training.
Um die neue Maschine kennenzulernen, habe ich hier


ein Übungsstück gemacht, dass den alten Stickmustertüchern gleichkommt. Heute erledigt die Arbeit das Maschinchen, aber es ist immer noch genug zu lernen. Ich habe Stickmuster mit ähnlichem Stil getestet, die als Quiltstiche angegeben sind (warum auch immer). Beim Nähen ist es wichtig zu testen, ob die voreingestellte Stichgröße ggf. angepasst werden muss und was dann mit der Fadenspannung passiert bzw., wie man mit den den Mustern rapportgemäß um die Ecken kommt. (Was, wie man an den Sternchen in den Ecken sieht, nicht immer klappte.) Dazu dann noch eine Fingerübung in Knopflochnähen und Knöpfe annähen. Das Ergebnis ist ein Kissen. Die Anfertigung von Kissen schiebe ich schon seit zwei Jahren vor mir her.
kissen_6 Kissen Hotelverschluss
Ok., drei kleine Kissenbezüge mit Hotelverschluß hatte ich abends auch noch gemacht. Mit einer Applikationsfingerübung. Das geht schnell. Zumindest mittlerweile wieder.
Dann habe ich mir den Quilt vorgenommen, der mich schon seit zwei Jahren anklagend aus der Truhe anseufzt. Es macht Fortschritte.
quilt_1 Quilt
Was das Maschinchen aber geritten hat, nachdem ich einer guten Runde Freihandquilten (der Graf sagt Hirnwindungen dazu) plötzlich auf stur zu schalten und den Oberfaden zu fressen, weiß ich nicht. Nachdem ich drüber geschlafen habe, ahne ich zumindest, dass es mit der Unterfadenspannung zu tun hat. Das Spulchen ist nun leerer, muss sich öfter drehen und kommt scheinbar nicht mehr hinterher. Also muss ich an das Unterfadenspannungseinstellungsschräubchen, die Heilige Kuh der Nähmaschinen, ran. Aber vorher mache ich ein Foto, wie die Werkseinstellung war. (Kann man ja nicht so einfach mit Knopfdruck zurücksetzen, da geht es um zehntel Millimeter.)

Am Samstag trafen wir uns mit der Blog ’n Burger-Runde diesmal bei Burger de Ville. Die Location ist geil, ein Airstream-Hänger, der Standort ist gewöhnungsbedürftig, neben der Baustelle des Bikini-Hauses, vor der Baustelle des Zoo-Plastes an der stark befahrenen Budapester Straße. Aber so ist es möglich, den Kundenstamm auf die wirklichen harten Fans zu begrenzen, denn auch gut Burger will Weile haben. Alle anderen können zu McDoof nebenan gehen. Der Oberbulettenverticker hat sich darauf spezialisiert, die Leute im Stil Berliner Taxi-Fahrer freundlich zu beschimpfen. Wenn man das überstanden hat weiß man, dass die Ergebnisse der Küche sind hervorragend sind.
In meinem inneren Ranking ist der Laden gleichauf ganz oben mit Zsa Zsa Burger.
Aber rechnen Sie damit, eine Menge Geld loszuwerden, ohne sich hinterher überfressen zu fühlen. Es geht ein fettglänzendes, strahlendes Lächeln an Chris Lietze: Scheen wars! Danke!

Wir wollten danach noch an den Schlachtensee zum Schwimmen fahren, aber ein Gewitter kam uns zuvor, das uns die Hardenbergstraße entlang ins Manufactum blies.
Mir ging seit einigen Jahren dieses Butterfahrt-Deutsch für Zeit-Leser, das den Katalog dominiert, ziemlich auf den Geist, weshalb ich den Katalog nicht mehr ansah.
Im Kaufhaus sprechen die Produkte für sich. Das kann gut sein, wenn sie aus ordentlichem Holz und/oder Kernleder gemacht sind. Das kann weniger gut sein, wenn Leinen, dem Zeitgeschmack folgend, dünn ist um weich zu wirken und das kann nach hinten losgehen, wenn ich einen Ostblock-Emaille-Mülleimer oder eine Lausitzer Pressglasvase für ein Schweinegeld sehe und in lautes Lachen ausbreche.
Eines ist abgespeichert: Für mein in der Phantasie bereits gebautes Haus auf dem Land hätte ich gern einen Firetube.

Nachdem der Nachmittagschwumm ob des Wetters und eines Schwächeanfalles von mir (der Graf wollte noch lange bei Gravis stehen und Websites testen und ich merkte nicht rechtzeitig, dass mein Kreislauf das blöd fand) in einen Spätnachmittagsschlaf verwandelte, hörte ich Musik aus dem Rosengarten und hatte ein inneres Bild vor mir: Miz Kitty mit einem hübschen Kleid am Leibe und einem Drink in der Hand an der Seite ihres Mannes diese Musik, die sonst immer nur die Barminkante hochweht, von nahem hörend. So verbrachten wir den ersten Teil des Abends mit Soulmusik zwischen Rosenbeeten.
Dann fiel dem Graf ein, dass in der Choriner Straße Strassenfest ist. Wir liegen in Richtung Schönhauser und siehe da, es war noch in vollem Gange. Diese Straßenfest hat tatsächlich noch etwas mit den Anwohnern zu tun und verzichtet auf Kommerzkackebuden. Sehr angenehm. Ein paar Partytouris stolperten durch die Zone, aber verloren sich auch schnell wieder. Ansonsten Leute in unserem Alter, nicht allzu Lohas. Ich starrte gefühlte Minuten einen Mann an, den ich kannte. Ich wußte ums Verrecken nicht, woher. Bis es dann Klick machte: Kinoregisseur. Altes Leben.
Auf dem Platz, der zum Stadtbad führt, spielten die 17 Hippies KlezmerBalkanNewOrleansBrass. Wobei mir der New Orleans-Jazz dabei das Liebste ist. Das ist Aristocats. Bei KlezmerBalkan rasteten die Zuhörer aber richtig aus und hüpften und zappelten komisch rum. Für mich ist diese Musik falsch assoziiert. Ich verbinde sie mit Filmmusik beim Auftritt von Deppen und Räubern in russischen Märchenfilmen und nervendem werktätigtümelndem Staatsradio der sozialistischen Volksrepubliken.
Kitty grübelt noch immer. Sie rümpfen die Nase über zur Blasmusik schunkelnde Eltern und tun agitierte Dinge bei Blasmusik von 2500 km weiter. Komische Menschen.

Sonstiges? Zum Thema Überwachung muss ich nichts sagen. Dem, was die Kadda im Wostkinderblog schrieb, ist nur eines hinzuzufügen: Der, der jetzt unser oberster Grüßaugust ist, ist verdammt eitel. Dafür verrätgißt man gern mal Ideale.
Doch, ja, es gibt Sonstiges. Mich erschüttert es sehr, immer wieder einen kommunikativen Gap zu Frauen zu spüren, die ich sehr schätze. Das wäre kein Problem, wenn wir uns damit in Ruhe lassen und den Unterschied aushalten würden. Warum ich aber von Menschen, die gefühlt mit mir am gleichen Strang ziehen, belehrt und zu Gesprächen über meine Äußerungen animiert werde, versteh ich nicht. Das hatte ich alles schon mal. Dieses Bohei, wenn eine Sprachregelung verletzt wurde.
In der Vergangenheit versuchten die rigiden Sprach- und Sprechregeln (wie rede ich über etwas, rede ich überhaupt darüber und welche Worte sind derzeit dazu erwünscht) den krassen Gegensatz zwischen Lebensrealität und ideologischem Wunschtraum zu kaschieren. Da kann ich sehr allergisch reagieren. Oder eben wütend und traurig.
Ich fühle mich manchmal wie ein Kriegsveteran, der von einem Politoffizier oder Feldprediger gesagt bekommt, wie er den Krieg zu sehen und darüber zu sprechen hat.
Fickt euch, ihr Feldpredigerinnen des Feminismus. Ich war die, die vorn stand und das, worüber ihr ständig redet, getan hat.
Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden. Für dieses Luxemburg-Zitat sind Leute, die ich kannte, in den Knast gegangen. Denkt mal drüber nach.
Und ich will jetzt kein Blabla von „viele Lebensentwürfe“ „Kontext“ etc. hören. Ich will bitte überhaupt nichts dazu hören. Das war mein ganz eigener privater Rant über eine über von StockimArsch-Korrektheitsgeboten immer mehr vergiftete Kommunikation.*
Ich habe als Theaterwissenschaftlerin die Sklavensprache der Intellektuellen studiert und mit dem Mauerfall abgelegt. Zu nach dem Maul reden habe ich nie getaugt. Ich brauche das alles nicht.

*edit
Diese Sprachwichsereien lassen keine Frau genauso viel verdienen wie ein Mann, sie machen keine Ängstliche mutig, kein finanziell abhängige Ehefrau&Mutter unabhängig, bringt keine Alleinerziehende zurück in den Beruf und befördern keine Frau in den Vorstand eines Konzerns. Sie sind realitätsvernebelnde Ersatzhandlungen, wo der Mumm für das Leben fehlt, das hart sein kann und ungerecht. Das aber tiefe Befriedigung gibt, wenn man es probiert und nicht vermieden hat.

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