12 Abkühlen

Alle Aktivität kann nicht darüber hinwegtäuschen, zu einer 9to5-Arbeit nicht fähig bin. Gestern hing ich den ganzen Tag in den Seilen. Bei den Workshops ist es ähnlich, einen Ausruhtag brauche ich hinterher. Der muss als Bestandteil des Jobs mit geplant sein.
Also schaute ich mir den wunderbaren Herbsttag an und tat… nichts.

Am Abends fuhr der Graf mit mir nach Spandau, ich hatte schon seit langer Zeit mit einer Schauspielerin eine Lesung vorbereitet, die gestern Abend aufgeführt wurde.
Kinder Spandau besser gesagt Staaken, das sieht nicht anders aus als Bottrop. Da sind fiese Arbeiterschließfächer, „Monis Lockenstübchen“ mit der 50er Jahre-Typo-Schild (derzeit lassen alle Innungs-Friseure ihre Azubis die Fenster mit Krepppapier-Bastelarbeiten dekorieren grau-en-voll!) und „Die Bauernstube“ mit deutscher Küche und gleich daneben „El Manuel“ – spanisch – pakistanisch – italienisch. Wir gingen ins Sichtbeton-Kulturzentrum. Erstaunlich, dass die West-Hochhaussiedlungen nicht anders als die Ost-Hochhaussiedlungen entworfen sind.
Im Saal des Sichtbeton-Kulturzentrums saßen bereits 15 postklimakterische Damen mit der frischen, frechen Kurzhaarfrisur, jahreszeitlich angepasstem Strickpullover und farbenfrohem Schal aus dem Seidenmalkurs. Ich dachte das gleiche, wie Autor und Schauspielerin hinterm Vorhang: „Sch…! Falsche Zielgruppe!“ 50% der ausgesuchten Szenen handelten von Sex, 50% der anderen Szenen von großstädtischen jungen Leuten auf der Suche nach Spaß und Liebe, lustig, ironisch, manchmal zynisch beschrieben.
Vor dem Beginn gab es noch eine kleine Ansprache. Der Chef eines Vereins stellte sich vor. Er sagte, er setze sich dafür ein, da auch ALGII-Empfänger solche Veranstaltungen besuchen dürften. (Die Lesung war tatsächlich kostenlos.) Ich weiß nicht, ob es nur mir so ging. Ich möchte nicht, wenn ich eine Kulturveranstaltung besuche, als als Elendsfigur thematisiert werden. Ob ich nun Hartzer (was für ein Begriff!) bin oder nicht. Ich bin kulturinteressiert und freue mich, dass es jemanden gibt, der sich darum kümmert, dass es erschwinglich ist.
Dann, nach der netten Ankündigung einer nette Dame Typ Pionierleiterin, gings los. Wir saßen relativ weit hinten, ich versuchte immer mal, das Publikum zum lauten Lachen zu animieren, aber sie kicherten immer nur bei den saftigsten Stellen verstohlen in sich hinein, was ich am Zucken der Schultern sah. Wenigstens haben sie gelacht. Wenn auch nicht so, dass es die anderen mitbekamen.
Die Lesung war recht schnell vorbei. Unsere Anreise war länger als die Veranstaltung. Aber wir waren mal in Staaken.

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11 Showtime

Lächerlich, wieviel Vorbereitungszeit ich in diese Geschichte gesteckt habe, aber am Abend war es so weit. Miz Kitty’s erste Powerpointpräsentation. (das gab noch nicht, als ich studierte)
Der Graf hatte mir ohnehin alles perfekt formatiert und gestaltet und eine Stunde vor Beginn war ich ruhig. Wenn die Jahre am Theater was gebracht haben, dann die Erkenntnis, dass kurz vor der Bühne paniken, schlottern und schwitzen auch nichts mehr hilft. Das ist der Tunnel, durch den man durch muss und alles weitere Zappeln lässt einen festklemmen.

„Wir waren jung und brauchten das Geld. Berufsbiografien kreativer Freiberufler – Chancen und Risiken“ hieß das Thema und Gastgeber war die Allianz deutscher Designer. Ich glaube, ich habe mich ganz wacker geschlagen in dieser Stunde. Zumindest gebe ich mir gute Haltungsnoten, inhaltlich war ich zumindest noch nicht ganz zufrieden, ein paar Sachen hätten besser auf den Punkt gekonnt.
(Oder wie ein Mann an dieser Stelle sagen würde: „War allet cool und ein super Erfolg.“)
Eine Wiederholung ist an anderer Stelle, bei einem anderen Berufsverband, diesmal auf einem Kongress, bereits angedacht, mal schauen. – Und wer sonst noch Bedarf hat, bitte melden.

Abends im Bett sichtete ich die Meldungen von der Buchmesse. Es scheint voran zu gehen mit den eBooks, vor allem mit denen, die kein Papier mehr brauchen.
Ich habe es schon fast vergessen, dass ich Babeltext vor dreieinhalb Jahren als eBook-Verlag gegründet hatte. Ich wollte explizit Non-Print machen und dabei schauen, was das Medium verändert. Ich kann mich noch an die Unterhaltung mit der schreibenden Freundin erinnern, die entsetzt war: „Wie? Nicht gedruckt? Das geht doch nicht!“ Da gab es das Interesse der Wirtschaftsförderung des Berliner Senats, ich hatte ein sehr nettes Gespräch mit  Texttunes, damals noch Startup, die mittlerweile an Thalia verkauft haben und dann wurde ich krank.
So ist das Leben. Aber mir sagte mal ein alter Herr, man solle nur das machen wovon man Ahnung hat. Deshalb mache ich jetzt das, wovon ich Ahnung habe.

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10 Endspurt

Homepage übergebügelt, Visitenkarten geliftet und immer noch leicht vergrippt. Also tassenweise Hühnerbrühe mit Chili getrunken.
Am Abend dann mit einem Krimi im Bett gelegen, derzeit lese ich mich durch Jo Nesbø. Ich bin zwar immer mal wieder von diesem gestörten Antihelden, mit dem er arbeitet, genervt, weil ich einfach keinerlei Mitleid für Leute habe, die zu viel trinken. Aber dramaturgisch und szenisch sind die Bücher schon der Hit. Nachts um halb 3 war ich fertig und die Welt im Buch gerettet und dann konnte ich nicht schlafen.
Da attackierten mich plötzlich die Paniklanzen ob des öffentlichen Auftritts. Böse Panik, nicht das normale Lampenfieber.
Aber auch das ging irgendwann vorbei. Manchmal brauchts Mutters kleine Helfer.

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9 Und dann war es Montag

Ich war wieder recht fit nach dem gestrigen Tag im Bett und durch meine Fotosuche um einige Informationen reicher, in welchen Filmen Sean Connery Toupet getragen hat.
Ich habe tatsächlich geglaubt, das wäre eine Eigenschaft der Kunstfigur James Bond, daß der Typ zusammengeschlagen wird, aufsteht und sein Anzug und sein Scheitel sitzen 1a. Dabei war es das Toupet…

Der Graf baute mir dann heute die beste Powerpoint-Präse der Welt. So richtig mit Pixeln ausrichten, an Schriften rumschrauben, Fotos aufm Beamer testen etc. Wat bin ick stolz.

Diese Woche muß dann auch das Kind verarztet werden, daß an einer Bachelorarbeitsschreibblockade leidet. Das mache ich doch gerne.

Ansonsten: Reste gegessen (ich liebe es, Montags die Reste vom Wochenendessen noch mal aufzuwärmen), Hühnerbrühe gekocht und mich des Lebens gefreut.

Dann begegnete mir noch ein Widergänger. PRO7 holt mit 3 Jahren Verspätung die Geschichten aus 1001 Nacht aus dem Keller. Dass die jemals noch gesendet werden! Das sehr gute Zeichen: Es ließ mich kalt. Das war mein altes Leben.

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