Vigil 77

Keine Ahnung, wie es passiert ist, aber irgendetwas hat leise *klick* gemacht. Mir geht es so gut, wie seit sechs oder sieben Jahren nicht mehr. Nicht dieses wütend-euphorische Wohlgefühl, dieser trotzig-triumphierende Boost, sondern ein leichter Fluss, mal langsamer, mal schneller.
Ich habe mir vor ein paar Wochen eine Zeit-Struktur gebaut, die zu funktionieren scheint. Ähnlich wie die, die ich früher hatte, nur kürzer. Mein Tag ist geteilt in konzentrierte Kopf- und lockere Handarbeit. Plötzlich ist er lang und es gibt Zeit für Pausen. Ich verzögere weniger und schaffe mehr, weil ich auf dem Weg dahin nicht herumtrödele. Ich habe kaum noch Durchhänger und wenn ich müde bin, schlafe ich eine Viertelstunde, so viel Zeit muss sein.
Allerdings hat das auch einen Preis. Ich kommuniziere weniger und bin sehr zurückgezogen. Social Media rauscht irgendwie vorbei und Twitter und Facebook interessieren mich kaum noch. Wenn ich jemanden im RL treffe, ist das intensiv und danach brauche ich eine Pause.
Wie weit das beruflich tragen wird, wird die Zeit zeigen. Aber ich fühle mich damit sehr wohl.
Mein Kopf ist irritiert über die Abwesenheit von Drama. In mir geistert eine olle Kassandra herum, die in leisem, nörgelndem Ton schlimme Dinge prophezeit. Krankheiten, Katastrophen und und Strafen.
Das geht doch alles so nicht. Mir kann es doch so einfach ohne übermäßige Anstrengung gut gehen.

Wie bescheuert ist das denn?

Vigil 66

Als die Amerikaner vor ein paar Jahren mit der „True Love Waits“-Kampagne gegen Teenagerschwangerschaften vorgingen, habe ich hämisch die Backen aufgeblasen. Moral gegen Hormonrausch! Vergiss es! Wie wenig selbstbestimmt erschien mir der Umgang mit der eigenen Lust. Die Direktive „Beine zusammenklemmen“ klemmt bei vielen lebenslang etwas ab.
Aber es scheint – zusammen mit Langzeit-Verhütungsmitteln – zu funktionieren.
Ich könnte mir vorstellen, dass auch eine Art von Ermächtigung einsetzt: Ich bestimme, wann es so weit ist und nicht du halbes Hähnchen mit deinem Gefasel vom Samenstau.

Wenn früher Sex nicht mit positiver Aufmerksamkeit und Anerkennung gleichgesetzt wird, sondern die Leistungen Selbstkontrolle und Grenzen setzen Anerkennung erfahren, ist das schon ein gewaltiger Paradigmenwechsel.

(Ich falle aus der TLW-Philosophie ganz raus, ich gehörte zur Generation der wüsten Mädchen. Aber zumindest war ich mit so viel Selbstkontrolle begabt, dass ich keine unerwünschte oder zufällige Schwangerschaft erlebt habe.)

Vigil 65

Das Schöne an diesem kalte Frühlingsanfang war, dass die Birkenpollen für mich nicht zum Problem wurden. Ee wurde erst wärmer, als die durch waren und ich habe nur noch etwas Eiche beniest.
Mit 20 bin ich tief atmend durch den Frühling gelaufen, weil es überall blühte und duftete, ab Mitte 30 wurde die Pollenallergie immer schlimmer.
Da sich diese komischen Autoimmunkriege jetzt lieber auf die Haut verlegen und mir das Gesicht sprenkeln und flecken, bleibt mir vielleicht von Jahr zu Jahr etwas Nieserei erspart. Hoffentlich.