Changes

Es gibt Menschen und Zeiten, da werden Veränderungen mit unglaublichem Energieaufwand betrieben. Da geht einer mit einem Löffel auf einen Hügel und schippt jahrein, jahraus die Erde beiseite und am Ende seines Lebens bemerkt er, daß er den ganzen Dreck nur zehn Meter weiter bewegt hat und außerdem ziehts jetzt kalt das Tal hinauf.
Es gibt Menschen und Zeiten, da wird der Gedanke an den freien Blick auf das Tal nur gedacht. Alles andere tun ein Regenguß, ein Erdrutsch und ein paar Stunden mit der Schaufel. Glück? Zufall? Ja. Vielleicht aber auch die Intuition, sich einen Lehmhügel auszusuchen und keinen Granitfelsen.
Überhaupt das Wort Veränderung. Es beginnt schon mal mit Ver-, was im deutschen Sprachgebrauch eher negatives assoziiert. Änderung kommt von anders. Das Andere ist das Gegenüber, der Gegenpol, das Fremde, das Nicht-Ich. Ver-änderung ist die Bewegung auf den Gegenpol zu, die Verwandlung in den Gegenpol, die Assimilation des Fremden.
Dann gibt es das Wort Wende. Aber auch das meint etwas anderes. Ein von innen nach außen kehren, ein Umstülpen, einen Richtungswechsel. Wo habe ich von den Wendezaubern gelesen? Damit läßt sich ein Fluch zum Verursacher zurückschicken.
Wechsel ist für eine Frau in den Vierzigern einseitig besetzt. Du gibst etwas her und bekommst etwas anderes dafür, ohne zu wissen, ob du das überhaupt willst.
Change assoziiert mehr. Die Mischung vom Gegensätzlichem, gleitende Übergänge, Fließen.
Wandel ist ein gutes deutsches Wort. Ein aktives, das Bewegung beschreibt.

Manchmal kracht es nicht einmal, obwohl ungeheure Energien wirken. Da packt es einen und hebt einen empor und man kann nicht einmal schreien, das habe man jetzt aber nicht gewollt. Denn wenn man es nicht gewollt hätte, hätte man sich nicht zu dieser Zeit an diesem Ort befunden und das Schicksal herausgefordert.

Ach ja, Sardinien. Herb und lieblich zugleich. Stark und zärtlich, voller Ruhe und Kraft. Mit Hitze, Kälte, Wellen, Sturm und süß duftender Luft.
Eine verbrannte Nase und Hände, die zupacken können, bringe ich wieder nach Hause zurück. Ein Beet aus wildem Rosmarin und ein Rot- oder Weißdorn (das wird die Blüte zeigen), klein und bizarr, der nun zwischen Küche und Tor steht, sind mein Werk. Mal sehen, ob sie Wurzeln schlagen.

Veröffentlicht unter Leben

Und kurz vor dem Abflug

auf die Insel sind die Gedanken im freien Fall: Alles falsch.
Falsche Reisezeit. Falsche Arbeitsdisziplin. Falsche Sehnsucht. Falsche Wünsche. Falsche Forderungen. Falsche Erwartungen.

Kennen Sie dieses Gefühl, wenn Ihr Leben, ihr Denken, Fühlen und Handeln mit nichts mehr von dem, was um sie herum passiert, zusammenpaßt?

Es ist, als würde man morgens aufstehen und die Zahnpasta schmeckt nach Mayonnaise, aus dem Wasserhahn kommt Blut und wenn sie die Zeitung von der Fußmatte aufheben wollen, grinst die sie an und fragt: „Bist du sicher, daß du mich anfassen darfst?“
Sie machen alles wie immer und nichts gelingt. Die Milch gerinnt, die Kartoffeln verkochen, das Fleisch verkohlt.
Sie starten das Auto, legen den Vorwärtsgang ein und fahren rückwärts los.
Ihr Stuhl, auf dem Sie Jahre gesessen haben, bricht plötzlich unter Ihnen zusammen.
Und sie wissen das Rezept der besonderen Aufmerksamkeit für die Welt, die sie umgibt, nicht mehr. Waren Sie früher anders? Haben Sie die Zukunft anders beschworen? Mehr gelächelt? Mehr zugehört?

Was tun? Es ignorieren? Optimistisch sein, daß das vorübergeht? Es als Zeichen auffassen, daß etwas Neues beginnt?

Veröffentlicht unter Leben

Wissen Sie was?

Ich glaube wirklich nicht, daß Ballerspiele verboten gehören. Computerspiele allgemein haben für mich enormes Suchtpotential. Wenn ich mit meiner Zeit nichts besseres anzufangen wüßte, würde ich den ganzen Tag daddeln. Aber ich weiß mit meiner Zeit besseres anzufangen. Deshalb spiele ich garnicht. Deshalb läuft bei mir auch seltenst der Fernseher (seit überhaupt wieder einer in Reichweite ist).
Und was die Pubertätswirren anbetrifft… Es gab Tage, da hätte ich meinen Vater am liebsten mit der Axt erschlagen. Wenn denn eine Axt in Reichweite gewesen wäre.
Bei Zugang zu Schußwaffen und entsprechenden Fertigkeiten hätte ich für nichts garantieren können. Auch unter dem sedierenden Einfluß mit zwei horrorfilmfreien DDR-Fernsehprogrammen nicht.

Tut mir jetzt echt leid.

Edit: Zum Thema passend bekomme ich vorgestern eine Mail von einem wildfremden Menschen, der mir Geldgier und Unsensibiltät vorwirft, weil einer meiner Klienten einen Tag nach dem Amoklauf öffentlich seinem Nebenberuf als Waffenmeister nachging. Gehts noch?

Veröffentlicht unter Leben

Down and Out in Munic

Von den Existenzialisten und anderen Angehörigen der schreibenden Zunft wurde überliefert, daß sie in Hotelzimmern lebten, um jeglicher bürgerlicher Bindung zu entsagen. (Vielleicht auch, weil sie zu faul waren, ihre Betten selbst zu machen, wer weiß…) Ich glaube, es war Ivan Goll, der sogar in einem Hotelzimmer auf den Tod lag und starb.
Auch wenn mich glücklichere Umstände begleiteten, ich kann das nicht empfehlen.
Am Dienstag wurde ich krank und am Mittwoch bestieg ich diszipliniert am Vormittag den Flieger, um meinen Mitreisenden ein paar Grippeviren zu gönnen. Ein Presseempfang harrte meiner und dazu zwei Treffen mit zwei Freunden. Aus reinem Geiz hatte ich den billigsten Rückflug gebucht: am nächsten Tag mit dem letzten Flug, dem Lumpensammler München-Berlin, bevölkert von Kulturschickeria und Teilzeitvätern.
In München angekommen, strebte ich in Schneeregen und kaltem Wind sofort mein Hotel an. Da ich Stammgast bin, war man nett, ich bekam ein upgrade auf ein schöneres Zimmer, weil mein gebuchtes Standardzimmer noch nicht fertig war. Ich führte zwei Telefonate, trank eine Flasche Holundersaft und warf mich ins Bett, schlief bis zu meinen Terminen, malte etwas Farbe in mein Gesicht, zog das Kostümchen an und brach auf, um den Abend mit den Stationen Schumanns Tagesbar – 8Seasons – Brenner zu absolvieren. Die Nacht verbrachte ich mit wirren Fieberträumen und einer Flasche Preiselbeersaft. Mein einziger Gedanke, wenn ich mal wieder ins Wachsein auftauchte, war: wie kriege ich morgen die Zeit von 12 bis 21 Uhr rum? Ich konnte immerhin froh sein, daß einen dieses Hotel so sozialverträglich spät auschecken ließ.
Und dann? Im Büro eines Freundes einen Stuhl neben dem Kopierer (da ists warm) okkupieren, pennen und immer mal eine Tasse Tee in Empfang nehmen? Bei der Freundin unterkriechen und ihre vier Kinder anstecken? Extremshopping und Langzeitaufenthalte in Schönheitsfarmen, Massageinstituten und Kaffeehäusern verboten mein körperlicher Zustand und mein Kontostand in trauter Einigkeit. Das Umbuchen des Fluges kostete so viel, daß ich mich dafür auch nach Berlin hätte tragen lassen können. Also verlängerte ich das Zimmer (mit Mühe, denn der Laden war ausgebucht) um einen weiteren Tag, um diesen im Bett zu verbringen. Das „Bitte nicht stören!“-Schild dauerhaft an der Tür, damit niemand auf die Idee kam, mich aufzuscheuchen.
Gegen nachmittag wankte ich über die Straße, um mit den Asos vom Ostbahnhof (gute Klientel, ist doch das Sozialdezernat im Bahnhofsgebäude ansässig) einen Käsekrainer zu essen. Die Wurst explodierte/ejakulierte beim ersten Biß mit einem nachhaltigen Knall heiße, eitrige Suppe über meinen Mantel und schmeckte nach Schweißfüßen, die am rauchenden Kamin getrocknet wurden.
Ich schlich zurück und zog mir wieder die Decke über den Kopf.
Meine Herren und Damen Existenzialisten, sie da mit ihren vermuffelten Rollkragenpullovern und den ungeputzten Hornbrillen: Ihr existenzielles Geworfensein bar jeglicher bürgerlicher Bindung können sie in ihren berühmten Pfeifen rauchen. Es gibt nichts Schlimmeres, als in einer fremden Stadt in einem fremden Zimmer allein und krank zu sein. Ich brauche einen Sonderplatz in vertrauter Umgebung mit vielen Kissen und Decken und ich brauche viele Menschen, die nach mir schauen und mich mit Hühnersuppe, Tee, vorgelesenen Geschichten und Handauflegen verwöhnen. So werd ich auch wieder gesund.
(Und wenn ichs mir recht überlege, stelle ich mir so auch mein Ende vor. Ganz viel Hühnersuppe, lauwarmer Pudding und Märchen vorlesen.)

Am nächsten Tag hat der Arzt mit mir eine Radikalkur gemacht. (Ein Kudammarzt jaha, nicht so ein Kreuzberger Schamane mit seinen Kräuterglobuli.) Eine Vitamin-B12-Injektion und göttliche Tabletten: Paracetamol mit Codein. Ich bin so hackedicht davon, daß es mir gleich viel besser geht. Dazu Hühnersuppe. Nur das mit dem lauwarmen Pudding müssen wir noch üben.

Sardinien, ick komme und den Neoprenanzug habe ich im Gepäck!

Veröffentlicht unter Leben