Sonntag! Frei!
Was heißt, sich mit Kaffee, Zeitung und iPad (neu im Technikpark) im Bett zu räkeln. Aber natürlich nicht zu lange bei diesem göttlichen Wetter.
Ich verlegte mich bald auf den Balkon, denn das war sicher der letzte Tag mit so einer samtig-warmen Luft. Nach den Aufregungen der letzten Tage wollte ich nach allen Regeln der Faulheitskunst durchhängen. Ich las die FAS und tat dann doch ein bißchen was: Ich versuchte eine Camcorder-DVD zu retten, die nicht zu Ende finalisiert war. Was weder mit OS X noch mit XP so einfach geht. Linux soll wohl kein Problem sein, aber da passe ich.
Dann bekam der Fritz-Repeater, der auffällig oft streikte, eine neue Firmware.
Um die Mittagszeit stieg ich aufs Rad und beehrte ein wenig den Park. Dann war es höchste Zeit fürs Mittagsschlafbettchen. Die sms vom Herrn Lucky, daß die Gräfin genötigt würde, ein Ruderboot rauszurücken, las ich leider erst heute. Hatte mal wieder vergessen, nach dem Seminar das Telefon laut zu stellen, das wird zum klassischen Killer meines Soziallebens.
Und sonst? Pflaumenpfannekuchen.
In einer Woche
Manchmal ist Zeit das, was wir wie Kaugummi am Schuh kleben haben. Es ist da, erinnert uns mit jedem Schritt daran, wie wir am Boden haften und wir können es nicht so einfach abschütteln.
Am Montag zog ich mich aus der Kampfzone zurück, am Dienstag traf ich Madame Modeste zum Lunch, der Mittwoch war turbulent, der Donnerstag diente zum Luftholen vor den zwei Seminartagen und schon stand ich Freitag und Samstag vor den Studenten.
Am Freitag abend stürmte ich die Apotheke am Prager Platz. Ich wollte noch schnell ein Rezept einlösen, weil ich mein morgens zu nehmendes Schilddrüsenhormon nicht fand. Ich war ohne Bargeld, nur mit einer Kreditkarte und einer ec-Karte mit vergessener Geheimzahl bewaffnet, das war dem Apotheker doch zu windig, auch wenn er das Geschäft gern gemacht hätte. Ich ging knurrend in die untere Etage und kaufte mit Kreditkarte mein Abendbrot zusammen. Als ich vor der Tür mein Rad losschließen wollte, leerte ich fluchend den Inhalt meiner Tasche aufs Pflaster, doch der Schlüssel fand sich nicht. Ich ging zurück in die Einkaufspassage. Die Apotheke, in der ich ihn liegengelassen hatte, war inzwischen geschlossen.
Ich rechnete mißmutig die Schadensbegenzung durch. Öffentliche Verkehrsmittel gingen nicht, mangels Geheimzahl. Taxi in den Wedding zur Tochter für den Zweitschlüssel war zu teuer. Der Mann war beim Regattasegeln auf dem Wannsee und ging nicht ans Telefon.
Ich lief grummelnd nach Charlottenburg und setzte mich in die Leibnizklause, nachdem ich eruiert hatte, daß auch das Hotel, in dem der C-Burger Zweitschlüssel hängt, schon nicht mehr besetzt war. Ich aß aus lauter Verzweiflung ein Schnitzel mit Bratkartoffeln, trank ein paar Bier und sah mir das Spiel Hoffenheim-Schalke an.
Nebenan gab es zwar einen Italiener, indem ich weitaus bekannter war, nur der nahm keine Kreditkarten und der Mann hatte neulich mal wieder einen seiner Schwüre getan, dort nie wieder reinzugehen, weil er die Weinpreise zu hoch fand. Später sah ich, daß auch noch Freude vom Mann dort saßen, mit denen er sich auch ob diverser Umstände und Launen überworfen hatte. Ich hatte weder Lust, zu erklären, daß ich gestrandet war, noch mir helfen und damit mich ausfragen und bemitleiden zu lassen.
Keine Lust auf Kampfzone, keine Lust auf Reden, ich sehnte mich nach Schweigen, Entspannung und Hinlegen, da ließ ich mir lieber in Halbstundenabständen ein Bier bringen.
Gegen neun Uhr ging der Mann ans Telefon und löste mich um halb zehn Uhr aus. Ich konnte vom Bier betäubt ins Bett fallen, um am nächsten Morgen pünktlich zur Öffnungszeit der Apotheke den Schlüssel abzuholen und schleunigst in Richtung beginnendes Seminar zweiter Teil weiterzuradeln.
Nebenbemerkung: Wieder was gelernt. Über die Möchtegernalphas, die glauben, die Umgebung mit ihren Anweisungen und Erklärungen kontrollieren und steuern zu können. Dabei müßten sie nur mal aufhören zu reden und schauen, wer ihnen da eigentlich gegenüber steht. Manchmal ist zuhören und sich einlassen wesentlich entspannender und erfolgreicher. Aber solange ihre Köpfe noch Wände durchbrechen können, sitzen sie mit eh man es sich versieht festgezuzelt in Führungspositionen und nerven von dort aus die Welt.
Ich bekomme im Lehren langsam Routine und es ist toll, ein weiteres Mal ein überwältigend positives Feedback zu bekommen.
Auch der dritte im Bunde, unser Künstler, groovt sich lagsam ein. Wir kennen uns schon sehr lnge, aber zum ersten Mal erlebe ich, wie wenig er sich für zeitgebundene und ergebnisorientierte Teamarbeit eignet.
Der Abend brachte göttliche Marillenknödel im Dritten Mann. Ein Lokal, dessen Küche jenseits dieses Gerichts zu ambitioniert und dann doch zu wenig perfekt ist. Zudem nervt es mich, daß der Service bei so gut wie leerem Lokal einen Riesentanz aufführt, man hätte reservieren sollen, einem dann doch einen Tisch gibt und der Raum ud die Terrasse bleiben den ganzen Abend halbleer. Wenn die Küche nicht so viel schafft, sollten sie einfach ein paar Tische rausnehmen.
Der Grüne Veltliner war zu warm, aber Herrgott… so ist das Leben.
7. und 8.9. 10
Es geht grade alles so ineinander über.
Schaffensschub und danach in den Seilen hängen. Flow und Heulen und Zähneklappern.
Der frühe Herbst trägt sicher dazu bei. Ich weigere mich, jetzt schon die Heizung anzustellen, aus purem Geiz, und bibbere leise vor mich hin.
Angesichts des Fakts, daß in diesem Sommer vieles ungelebt blieb, bekomme ich einen dieser seltenen sentimentalen Anfälle. Sitze schmachtend vor Ein gutes Jahr und realisiere dann Gott sei Dank, daß ich in 12 Tagen selbst im Süden sein werde, bevor ich vor Selbstmitleid zerfließe.
Wüte über meine Weiblichkeit und den Umstand, daß ich seit einiger Zeit zu monatszyklischen Kopfschmerzen neige.
Aber es geht mir gut. Ich kann über mich selbst bestimmen, werde geliebt, repektiert und beachtet und ich habe Freunde.
Das Schöneberger Eckchen, in dem ich wohne, ist angefüllt mit Maroden und Greisen. Überall Pflegedienstautos auf der Straße, um die Ecke das Büro einer „Gesellschaft für ambulante Beatmung“. Wenn ich mit dem Fahrrad herumfahre, begegnen mir Leute mit Rollstühlen, Krücken, Blindenstöcken und Rollatoren oder Verwirrte werden geführt. Das ist schräg. Als ich vor knapp 20 Jahen hier schon einmal wohnte, gab es jede Menge allein lebende alte Damen, die nach und nach hinfälliger wurden und starben. Vorher tippelten sie mit ihren braunen Handtaschen und in ihren beigen Klamotten zum Löckchendrehfriseur oder kauften ein Viertelchen Hack fürs Mittagsessen. Das teuerste, was sie sich leisteten, waren Gesundheitsschuhe. Aber so viel offensichtliches Siechtum und Kriechtum hat es damals nicht gegeben. Ich weiß nicht, ob es mich freut, im Krankheitsfall von einer ganzen Industrie beim Kranksein unterstützt zu werden oder ob ich mich vor dieser Perspektive gruseln soll, wenn ich dereinst so weit bin.
6.9. 10
Zwecks Prokrastination geht jetzt das Tagebuchbloggen weiter. Eigentlich ist Homepagebasteln angesagt.
Ich sprang am Montagmorgen aus dem Bett und war recht eilig. Ein Termin um 9:30 Uhr ist für mich vor dem Aufstehen, so dekadent es klingt.
Ich hatte mir für eine Stunde einiges von der Seele zu reden. Je älter man wird, um so weniger verwundert einen das Lebensdrama. Noch sind wir nicht im letzten Akt, die großen Verluste und der Tod der Akteure sind noch fern. Wir sind mitten drin, aber keine Illusionen: die Peripetie haben wir wahrscheinlich längst hinter uns. Jetzt ist die Zeit der retardierenden Momente. Die Zeit der Déjà-Vues und des „bitte nicht schon wieder“. (Btw: es könnte sein, daß wir uns in einem ziemlich schlechten Film befinden. Who cares?)
Ich kam zurück und schob Socken und Zahnbürste in meinen Rucksack. – (Vor 20 Jahren waren es noch ein großer Koffer, die Katze im Korb und eine Menge Ungewißheit, die dazu kamen.) Meine Absicht? Konzentration. In Ruhe arbeiten. Weiterkommen. Ohne schwankenden Horizont. Mehr nicht.
Ich kam in meinen angestammten Rhythmus: Diffus rumhängen bis mittags und von Nachmittag bis zum späten Abend der Schaffensschub.
Zwischendurch füllte ich die Badewanne mit einem Kilo billigem Vollwaschmittel, Wäscheweiß und jeder Menge heißestem Wasser. Mein Patentrezept, um alte Wannen wieder weiß zu bekommen. – Einfach über Nacht stehen lassen.
Ein Amtsschreiben war nach nachdrücklichem Tritt des Anwalts innerhalb einer halben Stunde fertig. Die Homepage bekam Substanz, wo vorher nur hohles Gerede stand.
Gegen 22 Uhr Martini-Time. Dann langsamer Landeanflug mit den letzten Formulierungen des Tages.
Bett beziehen, hinlegen, etwas lesen, die Augen schließen und wach bleiben, weil das Herz durch den ganzen Körper tobt.
Ich kann hervorragend allein sein. Ich möchte es nur nicht.